64. Festival de Cannes
Vom 12. bis zum 23 Mai ist die Croisette mal wieder filmisch vollgepackt, das Festival de Cannes schmeißt zum 63. Mal Filmfutter auf den Präsentierteller, wir riechen mal rein!
Zwar haben Unwetter ein floppiger Robin Hood und gebrochene Filmversprechen (Somewhere von Sofia Coppola ist leider nicht dabei) schon für schlechte Laune gesorgt, weil aber Tim Burton dieses Jahr Jurypräsident ist, besteht noch Hoffnung. Auch sonst sind ein paar große Namen und Filme vertreten.
Außerhalb des Festivals läuft der neue Woody Allen. Wie immer geht’s um Paare, bisschen Sex und viel Gerede. You will meet a tall dark stranger (2010) zieht erst am 2. Dezember in die deutschen Kinos ein, hier kommt dennoch ein Vorgeschmack:
Youtube Direktstranger
Möge er besser sein, als Whatever Works!
Seit Damien Odouls L’histoire de Richard O. (2007), bin ich großer Fan von Matthieu Almaric. In seinem Wettbewerbsfilm Tournée (2010) spielt er einen Pariser Produzenten, der seine Zelte in der Heimat abbricht, in den USA eine New Bourlesque Show heranzüchtet, um in Frankreich den erhofften Erfolg zu ernten. Seine Tänzerinnen wollen natürlich nicht nur fleischlich in die Show miteingebunden sein und ansonsten läuft auch nicht alles nach Plan. Ab in den Trailer:
Youtube Direkttournée
Auch der thailändische Filmemacher Apichatpong Weerasethakul, der für seine eigenwillige Verbindung von Fiktion und Dokumentarfilm bekannt ist, mischt sich mit Uncle Boonmee, Who Can Recall His Past Lives (2010) in den Wettbewerb. Der Film ist Teil des Primitive-Projekts, das 2009 im Münchner Haus der Kunst zu sehen war. Hier kommt der Trailer:
Youtube Direktreincarnation
Abbas Kiarostami buhlt mit Copie Conforme (Certified Copie, 2010) ebenfalls um die Goldene Palme. Der Film spielt erstmals außerhalb seiner iranischen Heimat und zeigt uns ein Paar in der Toskana. Aber ist das Paar wirklich zusammen? Handelt es sich um eine Affäre, die auf eingebildeter Substanz aufbaut oder um eine Langzeitbeziehung, die sich frischen Wind vorspielt? Hier ein Teaser:
Youtube Direktaffaire
HFF-Absolvent Christoph Hochhäusler ist mit Unter dir die Stadt (2010) in der Sektion Un Certain Regard nominiert. Darin geht es um die heimliche Beziehung zwischen einem Bankmanager und der Frau eines seiner Angestellten. Machtspiele? Aber sicher! Den Trailer gibt’s hier.
In der Sektion Cannes Classics darf man sich auf Tristana (1970) von Louis Buñuel freuen. Dort spielt Catherine Deneuve ein unschuldiges Waisenkind, das von ihrem Adoptivvater kompromittiert wird und nicht mehr von ihm loskommt. Eine Amour fou vom Enfant Terrible des surrealistschen Films, hier der Trailer:
Youtube Direkttristana
Diverse Hintergrundinfos gibt’s auf arte.tv
Whatever works?
Ab geht’s mit brandheißem Filmstoff und Woody Allens neustem Wurf, Whatever Works (2009).
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Wie immer geht es um Beziehungen und Manhattan dient, nach den letzten fünf Ausflügen, wieder als Sprung- und Spielbrett für die fabulösen, amurösen Züge von Allens Spielfiguren. Ab in den Trailer!
Zum Plot: Das alternde Genie, Boris Yellnikoff (Larry David), ist die Verkörperung eines brockhauswürdigen Misanthropen. Nach einem gescheiterten Suiziversuch humpelt er murrend durch die Lower East Side, wenn er nicht gerade unfähigen Kindern Schachunterricht erteilt.
Die letzte Ehe ist lange geschieden, mit seinen weltschmerzenden Theorien sorgt er bei seiner Mischpoke auch nicht gerade für himmelwärts gerichtete Mundwinkel und lediglich nächtliche Panikattacken suchen seine Gesellschaft – kurzum: Er ist zum Zerbersten unglücklich und gewillt, dies stetig seinem Publikum einzustanzen.
Stanzbereit, frisch aus Mississippi und einem potenziellen White-Trash -Schicksal nach Manhattan entflohen, bittet Melody St. Ann Celestine (Evan Rachel Wood) mit breiter Südstaatenmelodie um Unterkunft in seiner bohèmen Chinatowner Edelschabrake.
Ein Jahr später sind die Lolita und der Griesgram verheiratet. Die Symbiose aus Hausmanns- und Bildungskost strotzt dem gehörigen Altersunterschied, bis eines Tages Melodys gehörnte Mutter Marietta (Patricia Clarkson) auftaucht und keinen sonderlichen Gefallen am neuen Schwiegersohn finden kann.
Dafür bekommt sie in Manhattan den richtigen Dünger, um nochmal prächtig aufzublühen und wir ernten nach Vicki Christina Barcelona erneut eine (um ein paar Falten reichere) Dreierkonstellation.
Allen hat also Mutter und Tochter vereint, sie aus der Provinzdümpelei ins vibrierende Urbangemenge emporgehoben, nun fehlt eigentlich nur noch einer: Vater John (Ed Begley Jr.) kehrt ebenso bei Boris ein, um in New York City Familienrest und Katharsis zu finden. Nach mildem Kulturschock, wird auch er durch die heilsame Kraft Manhattans konvertieren: Whatever works eben.

via slashfilm.com
So einfach ist das also. Aber, bietet das auch die ultimative Formel für einen gelungenen bis großartigen Film? Die Schauspieler sind gut, der Kameramann Harris Savides (arbeitete u.a. mit Gus Van Sant) brilliant, die Kulisse gewohnt, die Story ziemlich allenesk. Doch leider lahmt die gutgemeinte Konstruktion neben fraglichem Inhalt auch am eigenen Rhythmus: Anfangs wattet man durch versalzene Neurosen und stolpert über ein wenig Pygmalion, gegen Ende findet jeder sein Schätzchen und den Rest erledigt New York großzügig.
Zwar liefern Mutter und Tochter einige energische Momente, können jedoch dem Übergewicht an Boris nicht ganz gegenhalten. Die amüsanten Episoden, in denen der bissige Humor wirklich zur Geltung kommt, kann man an einem Klumpfuss abzählen.
Und selbst wenn Larry David als Drehbuchautor und Produzent von Seinfeld haufenweise extrem gelungene Pointen lieferte, kommt er hier lediglich als anstrengender Über-Woody rüber. Nach den 93 Minuten braucht man also keine Angst vor Lachmuskelkater zu haben. Dass das Drehbuch schon 30 Jahre alt ist, macht sich ebenfalls bemerkbar.

Fazit: Allens Latten liegen hoch, umso mehr erwarten wir. Diese Komödie humpelt dem Zeitgeist und früheren Allen-Komödien bitter hinterher: Whaterver works- NOT.
Ab 3. Dezember im Kino.
(S)expostition gefällig?
Raus aus der Kammer und ab in die Galerie. Von Verni- über Midi- bis hin zur Finissage wird hier der fein überladene Kunstmarkt semisäuberlich durchwühlt, einige beachtenswerte Prachstücke werden aufgegriffen und sinngerecht portioniert. Also Mund zu, Augen auf: Seit heute ist das Münchner Kunstareal um ein weiteres Prachtstück reicher: Das Brandhorst Museum hat seine Ökopforten für das kunsthungrige Fußvolk eröffnet und wartet auf meinen Besuch. Es muss an dieser Stelle aufgrund zeitweiser Soziophobie meinerseits vertröstet werden, vorerst präsentiere ich Euch einen audiovisuellen Aperitif, der die Konfliktlinien unserer triebhaften Existenz gelungen reflektiert. Will heißen: Tod, Sex und Jackson Pollock.
Die Szene stammt aus Herbert Ross’ Hommage an Humphrey Bogart, Play it again, Sam (1972) mit Woody Allen als Beziehungskrüppel, hier in Hochform.
Filmklammer- Die Erste
Ab mit neuen und wiederentdeckten cinematographischen Auswüchsen.
Anfangen soll diese kleine Cinemathek mit einem meiner Lieblings-Allens: Zelig, hier ein Einblick in das Mockumentary von 1983, Woody als kulturelles Chamäleon, herrlich skurril, überspitzt, aber dennoch gesellschaftlich brisant- und vor Allem amüsant.
Nun zu einem weiteren Favoriten, Ihr seht, hier wird nicht lang gefackelt, ich brenne darauf meine Highlights loszuwerden, um später ein paar Ecken für gehörigen Trash freizumachen. Mise en Scene, Kamera, sowie das vollkommen geglückte Casting, sorgen neben dem hervorragenden Drehbuch und der ausgezeichneten Ausstattung (unschlagbar: Die Louis Vuitton Kofferserie) für visuelle Glücksmomente. Miss Portman ist als rauhe Exgeliebte schonungslos attraktiv, auf nonchalante Art zerbrechlich, unnahbar und charmant. Hier kommt also der Kurzfilm Hotel Chevalier in Originallänge zum wunderschönen Darjeeling Limited von Wes Anderson, 2008. Zurücklehnen und genießen:Verwegen geht es weiter, Natalie Portman ist immernoch im Spiel. Wer auf scharfe Dialoge, umtriebige Affären zwischen ästhetischen Intriganten angefacht von einer Prise feiner Rafinesse steht, weiß schon, welches heiße Stück Film ich meine: Closer, Mike Nichols, 2004. Hier wunderbar vertont von Damien Rice. Das ansehnliche Schmankerl namens Jude Law, würde sogar mit Oberlippenbart durchkommen, seht selbst:
Schlussgemacht wird mit folgender Überlegung: An was denkt ihr, wenn ihr das Wort “Nounoune” hört? Klingt nach einer Mischung aus Kinderzahnpasta, einem weiteren Fauxpas von Peer Steinbrück oder einem möglichen asiatischen Diminuitiv für weibliche Fortpflanzungsoragane, oder? So, jetzt dürfte der Gedankensprung zur ammenhaften Michelle Pfeiffer umgarnt von Spitze, Brokat und einem gut dreißig Jahre jüngeren Boy-Toy namens Cheri, gespielt von Rupert Friend (The Queen, High Fidelity), nicht schwer fallen. Uppps, gestolpert? Kurz: Der Historienstreifen des Regisseurs Steven Frears, handelt von einer alternden Mätresse und ihrem jüngeren Geliebten im Paris der 1920er. Tragisches Ende vorprogrammiert, schade besonders um die wertvolle Zeit und den enormen Materialverschleiß. Aber wer schon immer Kathy Bates als okerfarbene Presswurst sehen wollte, möge seinem Verlangen nachgeben, muss sich allerdings noch bis August 2009 gedulden. Hier der versprochene high-class Trash, bitte Putzlumpen parat halten, es trieft vor Schmalz: 
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