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Filmfreak

A Serious Man

A Serious Man
Ab geht’s mit koscherer Filmkost von den Coen Brüdern: A Serious Man (2009) handelt von einem Mann, dessen Welt ohne sein Zutun einfach so und Stück für Stück zusammenbricht.

Darf trotzdem gelacht werden? Ja, denn gerade in der Ambivalenz von Tragik und Komik blüht der subversive Humor der Coens auf und entfaltet seine Pracht innerhalb unseres Zwerchfells. Und jetzt ab in den Trailer:

http://www.dailymotion.com/video/xa0n24

Zum Plot: 1967, Larry Gropniks (Michael Stuhlbarg) Leben geht langsam aber beständig in die Brüche. Kurz vor seiner Verbeamtung als Physikprofessor kursieren Schmähbriefe am Lehrstuhl. Sohn Danny (Aaron Wolff) hört Radio und kifft, statt im Hebräischunterricht aufzupassen. Tochter Sarah (Jessica McManus) bedient sich an seinem Geldbeutel, um sich eine Nasenkorrektur finanzieren zu können. Ehefrau Judith (Sari Lennick) betrügt ihn mit einem Freund der Familie und der geistig verwirrte Bruder Arthur (Richard Kind) wohnt in seinem Badezimmer. Zum Glück gibt es einige Rabbis in der jüdischen Gemeinde seines Heimatstädtchens in Minnesota, die er um Lebenshilfe bitten kann. Na dann, Masel Tov!

A Serious Man

Während Larry also seinen Studenten die Ungewissheitstheorie näherbringen will, rüttelt Hashem gewaltig an seinem kleinbürgerlichem Alltag. Aus dem fürsorglichen Familienvater und korrekten Physikprofessor wird ein Wrack, dessen berufliches und privates Leben wie durch Knopfdruck aus den Bahnen des Erfolgs gehebelt wird. Ob das ungerecht ist?  Naja, Larry sagt es selbst, als er beim Aushilfsrabbi seine geistliche Therapierungsodysse startet: The boss isn’t always right, but he’s always the boss. In diesem Fall also die Coen Brüder. Und die scheinen mächtigen Spass am tiefen Fall ihres Protagonisten zu haben.

A Serious Man

Mehr Tragik? Bitteschön: Seine Frau will die Scheidung, außerdem soll Larry in ein Motel ziehen. Ein paar Tage später verunglückt der Nebenbuhler jedoch tödlich. Wer muss für die Beerdigungskosten aufkommen? Richtig. In seiner Hilflosigkeit sucht Larry einen weiteren Rabbi auf, der ihm helfen soll, den anschwellenden Lebensballast aufzufieseln. Der Rabbi erzählt ihm die Geschichte eines Kieferorthopäden, der im Gebiss eines Mannes hebräische Zeichen findet, die übersetzt “Hilf mir” bedeuten.

Das beschert besagtem Arzt schlaflose Nächte, sodass er verzweifelt eben jenen Rabbi aufsucht, um ihn um Rat zu bitten. Ob er nun den Menschen helfen solle, möchte er wissen. Na, kann sicher nicht schaden, meint der Rabbi. Danach geht’s dem Kieferorthopäden wieder prächtig. Was diese Parabel soll? Man könnte sie als eine Liebeserklärung an die Sinnfreiheit sehen.

Manche Fragen sind wie Zahnschmerzen, eine Weile beschäftigen sie uns und irgendwann hören sie auf.

Rabbi Nachtner

Die Fragen, die der Film uns beschert, können wir ebenfalls mit Zahnschmerzen vergleichen. Oder wir halten uns an die Worte des Vaters eines versetzungsgefährdeten, asiatischen Studenten. Dieser steht eines Tages auf dem- nicht mehr ganz so ordentlich getrimmten- Rasen des Einfamilienhauses, um den Physikdozenten seines Sohnes zu erpressen. Hat er nun das Kuvert mit Bestechungsgeld auf Larrys Schreibtisch deponiert oder nicht? Please, accept the Mystery.

A Serious Man

Das scheint überhaupt das Mantra des Films zu sein. Oder die Botschaft der Coens, die es satt haben, nach jedem Filmwurf mit hochtrabenden Interpretationsergüssen und Analyseentwürfen beklebt zu werden. In etwa wie der Rabbi, der sich mit den vom Leben gequälten Bittstellern beschäftigen muss und gelegentlich lieber zu den Liedern von Jefferson Airplane summen würde.

Dann eben alles so nehmen wie es ist. Das erfahren wir schon zu Beginn des Films, noch vor dem Prolog, dessen Essenz wir ebenso verzweifelt in irgendeiner Folgesequenz zu verankern suchen:

Receive with simplycity everything that happens to you.

Rashi

Fazit: Was diesen Film so sehenswert macht, ist neben der großartigen Besetzung sicherlich der latente Humor, den die Brüder uns hier vorführen. Er ist selbst in die tragischten Szenen eingeflochten, sitzt hinter den haarigen Ohrläppchen und schwingt mit jedem Schritt der behäbigen Matronen mit, die A Serious Man, trotz aller Ernsthaftigkeit und dem Fehlen eines Happy Ends zu einem köstlichen Filmgenuss machen. Denn:

Es ist ein großes Missverständnis nicht nur des amerikanischen Kinos, zu glauben, dass Menschen, die lieben, das Recht auf ein Happy End haben. Niemand hat ein Recht auf ein Happy End.

Interview mit Joel und Ethan Coen , DIE ZEIT, 25.09.2008 Nr. 40

[rating=5]

Filmfreak

Soul Kitchen

Ab geht’s mit filmischen Leckereien und Fatih Akins erster Komödie Soul Kitchen (2009), die ab dem 25. Dezember durch die Kinosäle dampft. Mund zu und Augen auf für dieses bekömmliche Stück Gute Laune im Filmformat:

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Zum Plot: Als seine Freundin Nadine (Pheline Roggan) nach Shanghai zieht, um dort eine Korrespondentenstelle anzunehmen, steht der stetig scheiternde Kneipenbesitzer Zinos (Adam Bousdoukos) vor einer schwierigen Entscheidung: Soll er der Freundin folgen und seine Soul Kitchen und somit ein Stück  Seele aufgeben, oder im Hamburger Arbeiterviertel Wilhelmsburg bleiben und die dürftige Klientel weiterhin mit Tütensuppen und Frittierfraß versorgen?

Ein Bandscheibenvorfall gibt ihm den Rest, das Finanzamt hängt sowieso an seinen Sohlen und eigentlich könnte er die Schabracke dem penetranten Immobilienmakler und früheren Schulfreund Thomas Neumann (Wotan Wilke Möhring) verkaufen. Eigentlich. Wären da nicht sein ebenso großkotziger wie kleinkrimineller Bruder Illias (Moritz Bleibtreu) und der messerscharfe Gourmetkoch Shayn (Birol Ünel), die Zinos Soul Kitchen nicht nur um ein paar schräge Impulse und Köstlichkeiten bereichern. Mit ein bisschen Anlauf wird aus der abwrackträchtigen Brutselbude ein hipper Genusstempel und aus roten werden schwarze Zahlen. Doch was nach oben geht, muss auch wieder runter…

Viele Filmemacher haben sich schon an diesem Genre versucht und sind dabei grandios gescheitert.  Soul Kitchen handelt auch vom Scheitern- der Film jedoch ist gelungen, sehr sogar. Mit viel Humor bearbeitet Akin Motive wie Freundschaft, Familie und Loyalität. Diese Loyalität bezieht sich nicht nur auf Personen, sondern auch auf Orte.

Nicht umsonst bezeichnet der Regisseur seine neuste Kreation einen “Heimatfilm”, wenn auch mit einem Augenzwinkern. Und genau so sollte man Soul Kitchen auch genießen.  Klar, dass man vom alltäglichen Hang zur Rationalität absehen muss, um sich auf die orgiastischen Episoden und schicksalhaften Fügungen dieser amüsanten Dauerparty einlassen zu können.

Und auch wenn es gegen Halbzeit auf dramaturgischer Ebene ein wenig holprig wird, so schafft es die gag- und espritgeladene Geschichte, Mundwinkel nach oben und Zwerchfelle zusammenzutreiben.

Moritz Bleibtreu und Birol Ünel gehören ebenso zu Akins Inventar wie Adam Bousdoukos, der diesmal auch beim Drehbuch mitwirkte. Bereits in seinem ersten Film Kurz und schmerzlos (1998) und auch in Solino (2002) und Gegen die Wand (2004) war er zu sehen. Als Deutsch-Grieche Zino, dessen knarzende Bandscheibe man fast selbst zu spüren glaubt, sind ihm Sympathien und Lacher jedenfalls sicher. Quincy Jones, Louis Armstrong und auch Jan Delay geben soulige Leckerbissen auf die Ohren.

Das Entspannte an dem 99- minütigen Film ist aber auch der Umgang mit der kulturellen Vielfalt. Sie ist so natürlich, dass sie nicht erst thematisiert werden muss. Nach vielen filmischen Auseinandersetzungen mit Problemen der türkischen Diaspora in Deutschland, wirkt diese Komödie wie eine Art Befreiungsschlag aus stereotypen Erwartungshaltungen.

Beim diesjährigen Filmfest von Venedig gewann Akin mit Soul Kitchen den Spezialpreis der Jury, als Vorzeigehamburger geistert er seit einigen Monaten durch die Medien und leiht sein Grinsegesicht jedem zweiten Magazincover. Jüngst kaufte sich seine Heimatstadt das historische Gängeviertel vom holländischen Investor Hanzevast zurück, rettete es somit vor der bevorstehenden Gentrifizierung und gab dem Viertel ein Stück Seele zurück. Ob das was mit dem Film zu tun hat? Sieht jedenfalls nach einem Augenzwinkern aus.

Fazit: Akin kann nicht nur harte Kost servieren, sondern auch mit Leichtverdaulichem überzeugen. Lecker. Nachschlag, bitte.

Filmfreak

Whatever works

Ab geht’s mit brandheißem Filmstoff und Woody Allens neustem Wurf, Whatever Works (2009).

Wie immer geht es um Beziehungen und Manhattan dient, nach den letzten fünf  Ausflügen, wieder als Sprung- und Spielbrett für die fabulösen, amurösen Züge von Allens Spielfiguren. Ab in den Trailer!YouTube Preview Image

Zum Plot: Das alternde Genie, Boris Yellnikoff (Larry David), ist die Verkörperung eines brockhauswürdigen Misanthropen. Nach einem gescheiterten Suiziversuch humpelt er murrend durch die Lower East Side, wenn er nicht gerade unfähigen Kindern Schachunterricht erteilt.

Die letzte Ehe ist lange geschieden, mit seinen weltschmerzenden Theorien sorgt er bei seiner Mischpoke auch nicht gerade für himmelwärts gerichtete Mundwinkel und lediglich nächtliche Panikattacken suchen seine Gesellschaft – kurzum: Er ist zum Zerbersten unglücklich und gewillt, dies stetig seinem Publikum einzustanzen.

Stanzbereit, frisch aus Mississippi und einem potenziellen White-Trash -Schicksal nach Manhattan entflohen, bittet Melody St. Ann Celestine (Evan Rachel Wood) mit breiter Südstaatenmelodie um Unterkunft in seiner bohèmen Chinatowner Edelschabrake.

Ein Jahr später sind die Lolita und der Griesgram verheiratet. Die Symbiose aus Hausmanns- und Bildungskost strotzt dem gehörigen Altersunterschied, bis eines Tages Melodys gehörnte Mutter Marietta (Patricia Clarkson) auftaucht und keinen sonderlichen Gefallen am neuen Schwiegersohn finden kann.

Dafür bekommt sie in Manhattan den richtigen Dünger, um nochmal prächtig aufzublühen und wir ernten nach Vicki Christina Barcelona erneut eine (um ein paar Falten reichere) Dreierkonstellation.

Allen hat also Mutter und Tochter vereint, sie aus der Provinzdümpelei ins vibrierende Urbangemenge emporgehoben, nun fehlt eigentlich nur noch einer: Vater John (Ed Begley Jr.) kehrt ebenso bei Boris ein, um in New York City Familienrest und Katharsis zu finden. Nach mildem Kulturschock, wird auch er durch die heilsame Kraft Manhattans konvertieren: Whatever works eben.

Whatever works

via slashfilm.com


So einfach ist das also. Aber, bietet das auch die ultimative Formel für einen gelungenen bis großartigen Film? Die Schauspieler sind gut, der Kameramann Harris Savides (arbeitete u.a. mit Gus Van Sant) brilliant, die Kulisse gewohnt, die Story ziemlich allenesk.  Doch leider lahmt die gutgemeinte Konstruktion neben fraglichem Inhalt auch am eigenen Rhythmus: Anfangs wattet man durch versalzene Neurosen und stolpert über ein wenig Pygmalion, gegen Ende findet jeder  sein Schätzchen und den Rest erledigt New York großzügig.

Zwar liefern Mutter und Tochter einige energische Momente, können jedoch dem Übergewicht an Boris nicht ganz gegenhalten. Die amüsanten Episoden, in denen der bissige Humor wirklich zur Geltung kommt, kann man an einem Klumpfuss abzählen.

Und selbst wenn Larry David als Drehbuchautor und Produzent von Seinfeld haufenweise extrem gelungene Pointen lieferte, kommt er hier lediglich als anstrengender Über-Woody rüber. Nach den 93 Minuten braucht man also keine Angst vor Lachmuskelkater zu haben. Dass das Drehbuch schon 30 Jahre alt ist, macht sich ebenfalls bemerkbar.

Fazit: Allens Latten liegen hoch, umso mehr erwarten wir. Diese Komödie humpelt dem Zeitgeist und  früheren Allen-Komödien bitter hinterher: Whaterver works- NOT.

Ab 3. Dezember im Kino.

Filmfreak

Chaos regiert.

Ab geht’s mit neuem und wiederentdecktem Filmstoff.

Schon seit dem 10. September im Kino, waltet Lars von Triers streitbarer Antichrist (2009) jetzt auch hier. Also, tief nach Luft schnappen und Mund zu, Augen auf!

Antichrist

via gameone

Kurz vorab: Ja, die Verstümmelungsszenen sind grausam, die Schauspieler brillieren in ihren Rollen und gute Kritiken findet ihr bei schnitt.de und auf filmzentrale.de. Einen Verriss spendiert außerdem der Freitag. Formal gesehen ist Antichrist rund. Der selbsternannte “beste Regisseur der Welt” schleust uns durch einen monochromen Prolog in perfekt abgestimmter Parallelmontage von Kopulation und Kindstod mit Begleitung von einer herzzerreißenden Händelarie in die 109 Minuten ein. Es folgen vier Kapitel, die ein wiederum schwarz-weißer Epilog abschließt. Den linearen Erzählstrukturen zum trotz, schießen einem haufenweise Fragezeichen an der irritierten Hirnrinde entlang- und jetzt rein in den Trailer:

via

Zum Plot: Während Er (Willem Dafoe) und Sie (Charlotte Gainsbourg) sich an ihren Körpern erfreuen und leidenschaftlichen Zeitlupensex haben, stürzt ihr wonneproppiger Sohn aus dem Fenster in den Tod. Das Paar wird in eine Krise kattapultiert, die uns in die Abgründe der menschlichen Psyche führen soll.

via moviepilot.de

Sie bricht zusammen, A-typisches Trauerverhalten, heißt es. Weil er Psychater ist, wird sie -dem Kodex zum trotz- zu seiner Patientin erklärt. Das beziehungsinterne Kräfteverhältnis kippt. Ab jetzt wird von jeglicher Medikation abgesehen, denn seine Therapiemethode beeinhaltet die Konfrontation mit der Angst: Der abgelegenen Hütte im “Garten Eden”. Doch die idyllische Natur wird zum verstörenden Austragungsort von Trauer, Schmerz,Verzweiflung und undefinierbarem Beziehungsballast. War der Tod des Sohnes lediglich ein Auslöser und nicht der Grund dieser zwischenmenschlichen Misere?

via rogerebert.com

Während Er versucht, ihr psychotisches Kopflabyrinth zu durchsteigen, dreht Sie durch. “Chaos regiert”, spricht ein halbverwesender Fuchs uns zu. Weitere bedauernswerte Fabeltiere durchkreuzen und semantisieren das filmische Treiben. Es fliest Blut. Geschlechterrollen werden scheinbar plakativ eingesetzt. Mit einem blasierten Lächeln und von Triers angeblicher Frauenfeindlichkeit im Nacken schauen wir zu, wie Sie sich mit der bösen Natur des weiblichen Geschlechts identifiziert, weil ihr Dissertationsthema von “Gynozid” im Mittelalter handelte. Konsequent passt da die Selbstverstümmelung der Fortpflanzungsorgane, die das irregewordene Weib an sich und ihrem Mann ausübt. Die Strafe für den verheerenden Sieg von Emotion über Vernunft, oder eben nur die logische Eintracht mit der Niedertracht ihrer weiblichen Natur? Schließlich ist “die Natur Satans Kirche”…

via filmstarts.de

Die medial verschrienen Sex- und Gewaltszenen wirken jedenfalls wie geplante Tabubrocken, abrupt und aggressiv, Provokation ohne Aussage. Pure Ablenkung von der eigentlichen Haltlosigkeit dieser filmischen Konstruktion? Dafoe und Gainsbourg versuchen bissige Dialoge zu inszenieren, durch die sie die Pathologie ihrer Beziehung auseinandernehmen. Mehr davon hätte dem Film auch mehr Halt verliehen. So verläuft er sich in prahlerischen Gewaltattacken und löchrigem Inhalt. Die Distanz, die dadurch in der Rezeption entsteht, vergegenwärtigt die Bodenlosigkeit des Werks nur noch stärker. Vielleicht ist der Film auch nur als Resultat eines Therapieversuchs des depressiven Regisseurs zu sehen. Ein Produkt der eigenen Labilität. Keine Antworten, nur bildgewordene Ausbrüche einer leidenden Psyche. Chaos regiert.

Fazit: Antichrist reizt in viele Richtungen, aber lässt alles und nichts offen. Wer auf Heile-Welt-Filmchen steht, ist hier jedenfalls nicht gut aufgehoben- auch wenn viel Natur dabei ist. Das Schauspiel ist groß, aber pure Provokation zeigt sich als morscher Baustoff für einen soliden Film.

Kiezgeflüster Kunsthappen

STROKE.01 – Impressionen

Hier wird der fein überladene Kunstmarkt semisäuberlich durchwühlt. Diesmal gehen wir der Frage nach, was Subkultur mit einem bayerischen Autohersteller gemeinsam hat oder auch: Impressionen von STROKE.01, der ersten Urban Art Fair Europas in München, die vom 29.-31.10.2009 in einer alten BMW- Niederlassung stattgefunden hat. Wem Kunst im Tresor im Mai 2009 feuchte Augen verschaffte, der konnte hier ebenfalls mit optischer Ekstase rechnen.Weil mehr als 15 internationale Galerien teilgenommen haben, gibt’s hier nur eine subjektive Auswahl an organischen Leckereien.

Bei artnet und auf kunstmarkt.com findet ihr weitere Eindrücke.

Kunst und Kommerz, geht das zusammen, gerade jetzt? Urban Art gehört doch eigentlich auf die Straße und zeichnet sich dadurch aus, dass sie das System anprangert, statt kopfnickend mitzumachen.

Aber vielleicht ist manchmal Mitmachen auch eine Art, zum Nachdenken anzuregen. Vielleicht kann man als Künstler hier Menschen ansprechen, die man sonst nicht erreicht hätte und umgekehrt hat man als Kunstkonsument Gelegenheit, sich ein Bild vom Produzenten zu machen. Denn auf den großen Kunstmessen können sich diese meist im semi-profitablen Bereich arbeitenden Galerien und Projekte oft (noch) keine Präsens leisten.

Also Mund zu und Augen auf!

skore183Einen politischen Anfang macht hier skore183 der mit dem Projekt street-alphabet anwesend war. Die Botschaft steht im Zentrum des Münchner Graffiti-Künstlers.

Dass er es ernst meint merkt man, wenn man ihn reden hört. Hier geht’s zu seinem blog.

Wer an kritische Urban Art denkt, kommt an einem nicht vorbei. Banksy‘s Echo schallt nach. Sein Einfluss triefte auch bei STROKE.01 aus vielen Ecken.Ähnliches konnte man bei Galeria Autonomica beobachten:

Christian Minke Kettensegen Tatjana Trölfzehn, Foto: dontpanicitsorganic

Der angegebene Preis, ein vierstelliger Betrag, war nicht ernst gemeint und sorgte bei manchem Messebesucher sicherlich Kopfschütteln gepaart mit der klammen Angst, als Banause aufzufliegen. Dabei hatte Kettensegen Tatjana Trölfzehn etwa genausoviel Tiefgang, wie die mit 2600 € beschilderte Schwarze Banane.

Als organsicher Gag neben der ernstgemeinten Kunst, bestehend aus Alltagsfotografien und Malerei machte sie sich dennoch gut. Die Jungs von Galeria Autonomica mit Sitz im hessischen Wetzlar stehen natürlich für Kunst, für die man keine Kreditwürdigkeit vorweisen muss.

Wer bei Scherenschnitt an Bastelbeilagen von Hausfrauenmagazinen und bei Linoleum an drittklassige Mietwohnungsböden denkt, hat noch nichts von Swoon gehört. Ihre Werke sind absolut einnehmend und strahlen eine unglaubliche Aura aus. Und das trotz Einzwängung in urbane Räumlichkeiten:

Swoon, urban art info, Foto: dontpanicitsorganic

Swoon, urban art info, Foto:dontpanicitsorganicAls die Wahl- New Yorkerin 2003  ihre erste Einzelausstellung hatte, konnte man ein beklebtes Fenster noch für einen dreistelligen Betrag erwerben, mittlerweile muss man mitunter um zwei Stellen großzügiger werden. Kellnern muss sie auch nicht mehr, denn jetzt stellt sie im MoMA aus, war auf der Biennale von Venedig vertreten und hatte kürzlich wieder eine Ausstellung in der Berliner Galerie urban art info.

Swoon, urban art info, Foto: dontpanicitsorganicWer Zeit hat und Swoon umfassender kennenlernen will, klicke bitte sachte auf Play:

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Einige Projekte setzen komplett auf Sex sells, andere tun es so organisch und provokativ, dass sie hier ewähnt werden. Boris Hoppek von Since gehört dazu. Hier zunächst das grob-zensierte Daumenkino

…und nun die Erwachsenenversion:Boris Hoppek La Vagina 2, Foto: dontpanicitsorganicBoris Hoppek, Vagina, Foto:dontpanicitsorganic

Wem die drolligen Köpfe bekannt vorkommen, der kann beim Gedanken an den Opel Corsa Spot von 2006 mit den C’mons (Bimbo-Dolls) laut Ahh schreien- soweit zum angespannten Verhältnis von Kunst und Kommerz. Aber dabei scheut der gebürtige Siegener nicht, auch politische Konfliktlinien zu betreten:

Wer demnächst einen Trip nach Barcelona plant, kann sich dort in der Iguapop Galery von mehr Hoppek überzeugen lassen.

Zeit für ein wenig Surrealismus und Malerei. Das Online-Magazin Castle hatte einige interessante Künstler zu bieten. Hier Daniel Schüßler, der sich in seinen Bildern mit Discordianismus beschäftigt. Seine Werke scheinen wie Visionen postapokalyptischer Zukunftsszenarien. Sie wirken wie präzise Räume, die jedoch nirgendwo verortbar sind und gehen eine beeindruckend-surreale Verbindung von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ein.

Die Beschreibung postdestruktive Kreativität, trifft es gut. Wer mehr erfahren will, Daniel hat einen blog. Außerdem kann man seine Arbeiten vom 3.bis zum 5. Dezember 2009 im Gartenhaus der Kunst sehen. Konstanze Schöffl, ebenfalls via Castlemagazin zu sehen, setzte sich äußerst organisch mit gesellschaftlichem Konsumfetischismus auseinander. Heraus kamen folgende Chimären, die aus Digitalcollagen bestehen:

Auf über 2.000 m² konnte man seinen Kunsthunger stillen und dass zu äußerst humanen Öffnungszeiten und Anschlussbummbumm. Wem der schwammige Begriff Urban Art nur Aerosolhaltiges sagte, konnte sich von der werklichen Vielfalt überrascht geben: Neben den überlebensgroßen Linolschnitten, altmeisterlicher Malerei und sonstigem Materialmix, wurde auch die gute, alte Sticknadel wieder hervorgeholt. Die Berliner ATM Galery hatte Graffitigröße Eliot dabei. Von seiner 2003er Ausstellung “Seemannsgarn” waren folgende Arbeiten zu sehen, deren Modelle vielleicht irgendwann in der Burda landen werden:

Zu den weiteren Highlights zählte sicherlich dieser Hubschrauber, den die Galerie Richter & Masset in den Innenhof des ehemaligen Autohauses schleuste:

Won ABC, Beastiestylez, I ARE UGLY, Casiegraphics and Dog ISK From war to peace, 2009 Graffiti, Airbrush, Fasermaler auf Helikopter (Typ Mil Mi 2T, 1968) Courtesy of Galerie Richter & Masset, München

Warum die Berliner Hauptveranstalter rund um Marco Schwalbe das Großprojekt in München aufgezogen haben? Während die Hauptstadt arm aber sexy bleibt, wird im Süden neben Interesse auch Kaufkraft vermutet. Bei insgesamt über 7000 Besuchern, konnten einige Galerien jedenfalls Umsätze verbuchen. Diese tänzelten jedoch meist unter dem vierstelligen Bereich.

Der nächste Streich ist für Mai 2010 geplant. Bis dahin Augen offenhalten, denn manches wirkt draußen einfach besser:

Enstanden ist dieses großartige Projekt von BLU und David Ellis auf dem FAME Festival im italienischen Grottaglie im September 2009.

Filmfreak

Orphan- Das Waisenkind

So, jetzt mal schön im Sessel festgekrallt, denn dieser Film lässt einen bis zum letzten Augenblick nicht los.

Pünktlich zu Halloween erscheint The Orphan (2009) ein sehenswertes Stück Schockgeflimmer des  Regisseurs von House of Wax (2005), Jaume Collet-Serra.  Überhaupt, das böse Kind dient derzeit als Mehrfachmuse. Ein Grund mehr, sich kurz diesem Sujet zu widmen un ein bisschen Namedropping auf eure Bilschirme zu schmieren: Aktuell im Kino Michael Hanekes brillianter schwarz-weiß Thriller Das weiße Band, mehr dazu hier. Die Schweden konnten schon im letzten Jahr mit dem besseren Twilight,  Låt den rätte komma in -So finster die Nacht unter der Regie von Tomas Alfredson überzeugen und jüngst hatte ich ein äußerst aufschlussreiches Gespräch über Gesellschaft, Kinder und Sigmund Freud mit Tom Shankland, dem Regisseur von The Children, einem angetrashten Bösekinderfilm von der Insel.

Jetzt aber schnell in den Trailer:

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Noch ein überflüssiger Omen-Abklatsch? Zwar will ich eure  Horrorhoffnugen nicht zu sehr aufblasen, aber mal ehrlich, Damien und Delia wirken wie engelsgleiche Wonneproppen und auch Rosemarys Baby müsste ordenltich Nachhilfe bekommen, um mit Esther mithalten zu können.

Zum Plot:

Manche Filme fangen mit einer Friedefreudeeierkuchen-Atmosphäre an, kehren nach und nach verstaubte Problembrocken aus, um schließlich im kompletten Desaster feierlich unterzugehen. The Orphan beginnt später:  Jüngst hat Kate Coleman (Vera Farmiga) ein Baby verloren, ihre fünfjährige Tochter ist gehörlos und der pubertierende Sohn leidet an akuter Ignoranz. Was tun? Betrinken hat Kate schon hinter sich, satt Hochprozentigem soll nun ein weiteres Kind für familiären Frohsinn sorgen. Als ihre patente Therapeutin das Vorhaben absegnet, geht es  zur Kinderschau ins Waisenhaus. Aber die Rechnung neues Kind-neues Glück ist in diesem Fall wie Teilen durch Null, man sollte es lieber sein lassen. Dabei scheint die neunjährige Esther (Isabelle Fuhrmann) doch so perfekt zu sein: Statt an der Wii- Konsole, hängt sie an ihrer Staffelei, schmeißt mal eben nen Tschaikowsky aus den Pianotasten und lernt nebenbei Gebärdensprache, um mit dem blondgelockten Schwesterchen kommunizieren zu können.

Aber unter abgeschmacktem Outfit, schnöden Schleifchen und altklugem Auftritt lauert die Verkörperung der Niedertracht. Wie dumm, dass das lediglich Kate mitbekommt und durch Krtitik am Kind ihren Mann John (Peter Sarsgaard) ordentlich misstimmt. Dennoch: Um Esthers Radius herum fällt das Überleben schwer…

Zu viel darf an dieser Stelle jedenfalls nicht verraten werden. Denn, auch wenn Einiges vorhersehbar ist und der zehnte fast-Autounfall rein statistisch gesehen nicht ganz kosher sein kann, bietet Collet-Serra in 123 Minuten Filmkost durchaus ein bis zwei leckere Episoden für Horrorfeinschmecker. Die dynamische Verknüpfung der Story mit familiären Konfliktknoten verdichtet die Genre-bedingte, strukturelle Einfachheit und sorgt für ein paar gelungene Spannungsbögen. Sonst wäre wohl auch Co-Produzent Leonardo DiCaprio nicht zu überzeugen gewesen, der 2006 mit der gutbesetzten Hauptdarstellerin Vera Fermigo in Martin Scorseses The Departed vor der Kamera zu sehen war. Klar ist, dass Isabelle Fuhrmann in der Rolle der Esther bei keinem Kinoinsassen für akuten Kinderwunsch sorgen und sicherlich noch oft in Lichtspielhäusern umherspuken wird.

Fazit:

Nichts für Adoptionszögerer und Fans von subtiler Spannung. Wirklich genialer Horror kommt ohne Blutfontänen aus. The Orphan ist nicht groß, aber sorgt mit ein paar Atempausen für gelungenen Schockgenuss.

Ab 22. Oktober im Kino.

Filmfreak Trash

Thirst

Ab geht’s mit scharfem Filmstoff aus Süd Korea: Bakjwi (Thirst) von Regisseur Park Chan-Wook (Oldboy, I’m a Cyborg, but That’s OK) zieht rein wie frisch geriebener Wasabi und heitzt ab 15. Oktober durch die deutschen Kinos.

Gut, das Sujet des Blutsaugers hat sich derzeit ordentlich in den Köpfen einiger Regisseure und Autoren festgebissen, dennoch- diese 133 Minuten lohnen sich. Und jetzt schnell in den Trailer:

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Zum Plot: Der katholische Priester Sang-hyeon (Kang-ho Song) lässt sich bei einem Aufenhalt in Afrika für die Wissenschaft freiwillig mit einem tödlichen Virus infizieren, nur eine Blutinfusion kann ihn davor retten, als pockenübersähter Leichnam unter der Erde zu landen. Somit ist der einzige scheinbar Überlebende von 500 Infizierten, wird von da an als Heiliger verehrt und darf in Krankenhäusern potenziellen Sterbekandidaten Leben zubeten.

Ideale Umgebung also, um kostenlos und unbemerkt an frisches Blut heranzukommen, denn die Bluttransfusion machte ihn natürlich zum Vampir. Zurück in Korea findet er bei seinem ehemaligen und mittlerweile dauerkranken Kindheitsfreund Kang-woo (Ha-kyun Shin) Unterkunft. Der siecht schnoddernd mit dominanter Mama Lady Ra (Kim Hae-sook) und seiner jungen Ehefrau Tae-joo (Kim Ok-vin) vor sich hin.

Es entwickelt sich eine leidenschaftliche Affäre zwischen der unglücklichen und lebenshungrigen Tae-joo und dem fleischlustigen Vampirpriester. Das geht solange gut, bis die beiden beschließen, den verrotzten Ehemann zu beseitigen. Denn dieser schafft es, die Liebenden auch aus dem Jenseits in den Wahnsinn zu treiben, bis die Stimmung kippt und der Blutpegel steigt…

Bakjwi beeindruckt. Neben der großartigen Kim Ok-vin entzückt besonders die Raffinesse der Bilder kunsthungrige Augen. Der großzügige Umgang mit Filmblut erinnert an Kill Bill, die Kamera von Chung-hoon Chung an den Stil von William Eggleston:

Gutgesähte Humorsamen durchwachsen Film und Figuren, sodass die Brutalität, für die Park Chan-Wook bekannt ist, einigermaßen verdaulich wird. Interessant ist auch der Verzicht auf die Klischeefangzähne: Pragmatisch werden Krankenhausutensilien und rostige Zangen für die Nahrungsbeschaffung eingesetzt. Ansonsten wird an Symbolik nicht gespart.

Wie in seiner Vengeance-Trillogie, nutzt der Regisseur Themen wie Rache, Untreue,  Schuld und Machtgier um Figuren und Motive scharf abzuschmecken. So schafft es der Film, einem Moment flüchtiger Langatmigkeit, der sich zur Halbzeit bemerkbar machen will, gekonnt zu strotzen. Er nimmt wieder Fahrt auf und bleibt bis zur letzten Minute amüsant. Nur die kitschige Filmmusik wirkt eher verzichtenswert. Die Story ist übrigens von Émil Zolas 1867 erschienenen Roman Thérèse Raquin inspiriert, wie auch sonst viele seiner Filme sich an literarischen Vorlagen orientieren.

Fazit: Ein deftiger Genuss, nicht nur für blutwillige Ästheten. Also Mund zu und Augen auf!

Filmfreak Kunsthappen Trash

Augen ohne Gesicht+++Little Shop of Horrors

Ab geht’s mit neuer und aufgefrischter Filmkost. Unfreiwilliger Trash in schwarz-weiß steht heute auf em Menü, also Mund zu Augen auf!

Herrlich, charmant – die 60er. Völlig analog, herrscht noch Pappmachéflair über digitale Technisierungswut. Grenzenloser Slapstick sorgt in Roger Cormans oftkopiertem Original von 1960 The Little Shop of Horrors für narrige Theateratmosphäre, Subtilität sucht man vergebens und jetzt ab in den Trailer:

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Es geht um die Grenzen des  Kapitalismus um die Liebe und natürlich eine böse Pflanze, hier gibt’s den Film, der Jack Nicholson in Hollywood einquartierte in voller Länge:

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Roger Corman ist außerdem für seine Edgar Allan Poe Adaptionen u.a. Das Pendel des Todes (1961), Lebendig begraben (1962) und natürlich Der Rabe (1962) bekannt. Ich nutze die Gelegenheit schamlos aus, um euch eines meiner Lieblingswerke von Poe zu kredenzen. Ausnahmsweise gefällt der deutsche Titel besser – Der Massenmensch (The man of the Crowd), lecker und immer aktuell. [rating=5]

Romantisch geht es weiter.

Wer einen Hang zum Abseitigen hat, wird sich hier ein halbseitiges Grinsen schwer verkneifen können: Les Yeux sans Visage (1960) von Georges Franju. Jüngst in Cannes wiederaufgeführt, besticht dieses Horrordrama nicht nur durch großartig komponierte Filmmusik und chirurgische Raffinesse, sondern auch mit einem äußerst realitätsnahen Plot:

Christiane, die Tochter des respektablen Stadtarztes Dr. Génessier (Pierre Brasseur) ist verschwunden und gleichzeitig wird eine Mächenleiche gefunden. Ist es Christiane? Bei der Obduktion identifiziert der Vater seine geliebte Tochter, doch auf der Beerdigung scheint er ziemlich unbeteiligt. Pure Strategie, denn er ist durchaus vom Tod des Mädchens betroffen und genau hier heißt es zurücklehnen und genießen:

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Schließlich hat Dr. Genéssier Schuld am Autounfall, der Christiane (Edith Scob) zwar nicht das Leben, aber das hübsche Gesicht kostete. Einzig ihre Augen sind heil geblieben und die spähen trist durch eine wachsartige Maske. Und weil Schönheit und Glück auch in den 60ern äquivalent gesetzt werden, braucht die Tochter eben nur eine neue Visage, um der potenziellen Geisterbahnkarriere zu entgehen und die Glücksleiter hochzuklettern.

Während sie also auf dem abgelegenen Anwesen ihrer verlorenen Gesichtsästhetik bäuchlings nachtrauert, kümmert sich der Doktor um seine organische Schuldigkeit. Erfüllungsgehilfin Louise (Alida Valli) sorgt halbwegs kaltblütig für Opfernachschub und somit auch für einige großartige Operationszenen.

Dafür müssen konsequent andere Frauenköpfe herhalten. Natürlich wird die Hauttransplantation vorher an den hauseigenen Hunden erprobt, sodass die Bezeichnung Mischling einen grotesken Beigeschmack bekommt. Wie war das doch gleich mit dem Bellen und dem Beißen?

Fazit: Hitchcock trifft auf Nip-Tuck, großartig und enorm organisch! [rating=5]

Filmfreak

Inglourious Basterds

Nach der ewigen Peep-Show, werden sie nun endlich losgelassen und das mit voller Wucht und erbarmungslos: Die Inglourious Basterds,  sorgen seit dem 20. August für explosiven Tarantinogenuss, hier wurde vorab berichtet.

Bevor wir starten, solltet ihr euch von folgendem, grotesken Werk namens Fucking Hell (2008) der Künstler Jake & Dinos Chapman einnehmen lassen. Sorgt für einen ordentlichen Kloß im Halsbereich, passt aber wunderbar hier hinein, wie ich finde:

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Keine Sorge, in Tarantinos 153-minütigem Film geht es um Einiges humoriger zu, wir blicken (vielleicht etwas verstört) in den Trailer:

Es war ein mal im von Nazis besetzten Frankreich- ein Anfang, der die Dimensionen realer Geschichte zugunsten Tarantinos Kopfkino sprengt. Gutgeölte PR-Kanonen sorgten bereits dafür, dass wir Film, Handlung und Schauspieler mitlerweile so gut zu kennen glauben, wie die Gassizeiten von Nachbars Hasso. Und weil auch schon massenhaft Rezensionen umherschwirren, steht hier eine ziemlich vernichtende aus der Freitag und dort eine eher lobende von Schnitt für euch bereit.

Zum Plot: Im von Nazis besetzten französischen Kuhland werden Juden gejagdt. Prominenter Judenjäger Col. Hans Landa (Christoph Waltz) ist Experte und findet nach 20-minütiger Inquisition eines französischen Milchbauern die von diesem versteckte, jüdische Familie. Nach einem Gemetzel kann nur die junge Shosanna Dreyfus (Mélanie Laurent) fliehen. Sie wird im späteren Verlauf des Films noch eine wichtige Rolle spielen. Indessen vergehen Jahre. Irgendwo in England treffen wir auf die Basterds, die jüdisch-amerikanischen Nazijäger, die u.a. von Til Schweiger aka Hugo Stieglitz unterstützt werden. Allen voran Aldo Raine (Brad Pitt), Hillbilly mit Schnauzer und mächtiger Tennesseemundart, dessen Ziel es ist, von jedem seiner Männer 100 Naziskalps serviert zu bekommen. Später sehen wir sie sammeln. In Paris verguckt sich derweil Kriegsheld und Nachwuchsfilmstar der Nazi-Propagandamaschinerie, Frederick Zoller (Daniel Brühl), in die unnahbare Kinobesitzerin Emmanuelle Mimieux (eigentlich Shosanna).

Zoller beschließt, die Premiere seines Erfolgsfilms Stolz der Nation in ihrem Kino zu feiern. Das passt der nach Rache gierenden Shosanna gerade Recht: Auf der Premiere will sie ihre hochexplosiven Filmrollen anzünden, um somit das Kino samt Nazi-Insassen abzufackeln. Hier der Trailer zum Kurzfilm:

Regie führten Gabriel und Eli Roth, Regisseur von Hostel und der Bear Jew unter den Basterds.

Gleichzeitig beschließen die Basterds mit Unterstützung der deutschen UFA-Diva und Widerständlerin Bridget von Hammersmark (Diane Kruger, fad wie ausgekauter Hubba Bubba), ebenfalls während der Kinopremiere zuzuschlagen.

Gerade aufgrund der linearen Strukturen, die uns unweigerlich zum ultimativen und großangelegten Showdown führen, gibt es keine bahnbrechenden Überraschungen oder raffinierte Wendungen. Die Raffinesse steckt vielmehr in den genüsslich durchdachten Szenen und Dialogen, die sich durch fünf Kapitel, 16 Szenen und vier Sprachen winden und dringend in Originalfassung erlebt werden sollten. Während man dem anfangs eher flach wirkenden Brad Pitt noch eine Chance für ein paar köstliche Momente einräumen sollte, kann man bei der äußerst unglamourösen und akustisch anstrengenden Diane Kruger davon absehen. Neben Christoph Waltz, hat Tarantino auch aus August Diehl, der als gnadenlos hellhöriger Gestapo- Major beeindruckt, viel verborgene Leistung herausgeschliffen.  Dass man sich aber früher oder später von favorisierten Charakteren verabschieden muss, sollte klar sein. Die Lust, seine Figuren einfach so -PLOPP, WUMMMS und RATTATTAT sterben zu sehen, merkt man Tarantino unweigerlich an. Genauso auffällig ist auch seine Liebe zum Kino, die er penetrant mit zahlreichen Zitaten und Querverweisen exhibitioniert. Sollte man das Leinwandgemetztel dennoch aussitzen?

Hier kommen einige Gründe, die dafür sprechen:

  • Brad Pitt  mit breitem Tennessee-Hillbilly Dialekt
  • Brad Pitt  (mit breitem Tennessee-Hillbilly Dialekt), beim fremdschämenswerten Versuch, unter versammeltem Nazireigen als italienischer Filmstar durchzugehen
  • Christoph Waltz beim Verzehr einer ordentlichen Portion Apfelstrudel
  • Mike Myers Frisur
  • Brad Pitts Finger in Diane Krugers Bein

Fazit: Ein Augenschmaus für wiedererkennungswütige Cineasten. Für alle anderen ist Inglourious Basterds sicher nicht Tarantinos bestes Werk, aber dennoch sehenswert und episodenhaft extrem amüsant. Ohne den großartigen Christoph Waltz aber, wäre der Film sicherlich weniger sardonisch und somit auch weniger fabulös: Er ist das Sahnehäubchen, das dem Filmstrudel die nötige Portion wuchtiger Energie aufsetzt.

Filmfreak

Los abrazos rotos-Zerrissene Umarmungen

Von der spanischen Presse wurde er schon sachte niedergemacht und einige Schwächen hat er sicherlich, der neuste Wurf von Pedro Almodóvar: Los abrazos rotos (2009), seit 6. August im Kino und ein Fest für Ästheten und Cineasten. (Hier geht’s zum SZ Interview)

Los abrazos rotos

Kurz zum Plot: Der Regisseur Mateo Blanco (Lluís Homar) verliebt sich beim Casting für seinen neusten Film Chicas y Maletas (Frauen und Koffer) in seine künftige Hautpdarstellerin Lena (Penélope Cruz). Die Luft zwischen ihnen ist zum Zerbersten heiß, sie haben sich scheinbar gefunden. Das einzige Problem ist Lenas alternder und milliardenschwerer “Langzeitfreier”, der Bankier Ernesto Martel (José Luis Gómez), dem die sich anbahnende Affäre nicht gut bekommt.

Eifersüchtig verpflichtet er seinen nerdigen Sohn (überzeugend: Ruben Ochandiando), das gesamte Geschehen vor und hinter der Kamera visuell zu dokumentieren. Herausnehmen kann er sich das, denn als Produzent hängt der Film an seinem Geldpropfen. Lena stinkt das gewaltig und sie beschließt,  sich für die große Liebe ihres Lebens von Ernesto zu befreien.

Doch so einfach gibt dieser die heiße Lena nicht her. Intrigant und erbarmungslos setzt er alles daran, das frischverliebte Paar zu trennen, notfalls mit Gewalt. Hilfe bekommt er von Judit (Blanca Portillo), der Produzentin und unfreiwillig-platonischen Freundin Mateos, die ebenfalls nichts von der Affäre hält. Das Paar flüchtet nach Lanzarote, lange hält das Glück aber nicht. Ab in den Trailer:

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Alles andere als linear erzählt Almodóvar farbenprächtig, reich an entzückenden Übergängen und weiblichen Körperteilen die filmische Handlung in 129 Minuten. Zeitsprünge senden uns zwischen Jetztzeit und den 90ern umher. In der Gegenwart ist Mateo, der nun unter seinem Pseudonym Harry Caine agiert, erblindet und längst nicht mehr so erfolgreich im Filmgeschäft, nachdem Frauen und Koffer vor 14 Jahren floppte.

Judit und ihr Sohn Diego (Tamar Novas) kümmern sich um ihn. Als er von Ernesto Martels Tod erfährt, nimmt die eigentliche Story fahrt auf. Weitere Puzzelteile kommen hinzu, als ein penetranter Jungregisseur namens X-Ray (Ruben Ochandiando,entnerded) auftaucht, um einen Film unter Mateos/Harrys Leitung zu drehen, der die Rache eines gedemütigten Sohnes an dessen Vater thematisiert.

Er erntet Judits extreme Abneigung, man riecht den Staub, der hier aufgewirbelt wird. Stück für Stück werden dem Filmhungrigen sinnige Brocken vorgeworfen, Einiges ahnt er meilenweit voraus, die Auflösung wirkt dann unraffiniert und enttäuschend. Von der tragischen Liebesgeschichte erfährt man erst durch Mateos Gespräche mit Judiths Sohn Diego, der nach einem Drogencocktail brachliegt und die Unterhaltung mit dem lebenserfahrenen Regisseur sucht.

Die Liebe als zentrales Sujet des Films wird gleichzeitig zur ausschweifenden Liebeserklärung an das Kino selbst. Implizite und explizite Zitate druchwachsen das Werk, die Film- im -Film- Komponente erlaubt dem Kinogänger eine intimere Perspektive einzunehmen und mehrere Filmebenen zu betreten.

Wie in Habla con ella (2002), der Film- im-Film als Erinnerungspostulat an den frühen Stummfilm gesehen werden kann, so stellt Frauen und Koffer einen Verweis auf Almodóvars frühe Werke dar. Auch die Schauspieler brillieren in ihren Rollen, leiden jedoch  unter besagter Überraschungslosigkeit des streckenweise langen Films.

Die für Almodóvar typische, perfektionierte Äshetik ist mit Sicherheit ein dickes Bonbon für die Augen, jedoch wird der Filmgenuss durch die asymmetrische Verschachtelung der Handlung mit dem zeitlichen Rahmen getrübt, sodass die Längen spürbar werden.

Fazit: Hommage an den Film, grandiose Schleichwerbung für Lanzarote und Penélope satt. [rating=4]

Filmfreak

Brügge sehen…und sterben?

Ab geht’s mit neuen und wiederentdeckten filmischen Auswüchsen. Bitte nicht vom bescheuerten Filmtitel abschrecken lassen!


In Bruges

Manche Städte haben etwas Magisches, Geheimnisvolles und unbeschreiblich Schönes an sich, sodass man am liebsten für alle Ewigkeit dort bleiben würde. So auch Brügge. Brügge? Was für den einen ein kulturelles Prachtstück, ist für den anderen ein Scheißloch. Brügge polarisiert:  Für den misepetrigen Nachwuchskiller Ray (Colin Farell) ist die belgische Kleinstadt mit den nebligen Gassen, pittoresken Kanälen und mittelalterlichen Kirchen jedenfalls der letzte Ort zum Leben. Dennoch soll er dort mit seinem väterlichen Kollegen Ken (Brendan Gleeson) zwei Wochen lang untertauchen und auf den nächsten Auftrag warten. Während Ken also fasziniert Kunst und Kultur in sich aufsaugt, findet Ray erst Gefallen an der Stadt, als er die charmante Belgierin Chloë (Clémence Poésie) kennenlernt.

In Bruges

Aber halt, zurück, da war noch was: Untertauchen müssen die beiden nämlich, weil Ray’s letzte Kugel daneben ging und versehentlich einem kleinen Jungen das Leben kostete. Und weil der mürbe Ire nicht gänzlich skrupelfrei ist, plagt ihn ein ziemlich schlechtes Gewissen, Suizid nicht ausgeschlossen. Das findet sein prinzipientreuer Chef Harry (Ralph Finnes) auch gerechtfertigt und setzt einen Auftragskiller auf ihn an. Wer kann das wohl sein? Ab in den Trailer:YouTube Preview Image

Zugegeben, der tiefschwarze Humor dürfte einigen so schwer im Magen liegen, wie Omas Bohneneintopf mit Würstchen. Schließlich sieht man nicht in jedem Film einen Kleinwüchsigen, der mit amateurhaften Karateschlägen kampfunfähig gemacht wird, kurz nachdem er unter Koksundnutteneinfluss haufenweise rassistische Hypothesen aufstellen durfte. Neugier geweckt? Hier besagter Ausschnitt:

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Mit seinem 103-minütigen Regiedebut kann sich der frühere Theaterautor Martin McDonagh mit Gangsterfilmkoryphäen wie Guy Richie und Tarantino messen. Er schafft es nicht nur, brisante Moralkonflikte zwischen ansonsten wertetechnisch fragwürdigen Ganoven zu inszenieren und diese problemlos neben bitteren Pointen existieren zu lassen, sondern auch die Publikumserwartung mit intelligent konstruierten Wendungen zu brechen. Zusätzlich zur gelungenen Dramatrugie besticht die Gangsterkomödie besonders durch die schauspielerische Leistung ihrer gutgewählten Darsteller. Ansonsten eher für Coolness und tiefsitzende Augenbrauen bekannt, beseelt Colin Farell den schrulligen Brüggebanausen Ray mit einem feinen Charaktercocktail aus lebenshungrigem Temperament, nagender Reue und bissigem Witz. Auch Ralph Finnes überzeugt als etwas kauziger, aber wortgewandter Gangsterboss und sorgt mit dem ausgezeichneten Brendan Gleeson für einen spannenden Showdown.

Hier ein Dialogausschnitt der beiden:

Ken: Harry, let’s face it. And I’m not being funny. I mean no disrespect, but you’re a cunt. You’re a cunt now, and you’ve always been a cunt. And the only thing that’s going to change is that you’re going to be an even bigger cunt. Maybe have some more cunt kids.
Harry: [furious] Leave my kids fucking out of it! What have they done? You fucking retract that bit about my cunt fucking kids!
Ken: I retract that bit about your cunt fucking kids.
Harry: Insult my fucking kids? That’s going overboard, mate!
Ken: I retracted it, didn’t I?

So zum Schluss noch was Sterbenswertes auf die Augen:

Aufgepasst, nach Filmgenuss kann akutes Brüggefernweh eintreten.

[rating=5]

Filmfreak

The Girlfriend Experience

Ab geht’s mit brandheißem Filmstoff:

Zu allererst: Ja Sasha Grey macht Porno, und das nicht zu soft. Doch wer in solcher Erwartung in den Film geht, wird zwangsläufig enttäuscht. Den stinknormalen (bitte Geruchskomponente wegdenken) Arbeitsalltag von Grey im kalifornischen San Fernando Valley kann man sich in 9 to 5 days in porn (Jens Hoffmann) seit dem 2. Juli schmecken lassen.

Zurück zu The Girlfriend Experience. Steven Soderbergh, der Regisseur von Filmen wie Sex, Lies and Videotape, Erin Brockovich, Syriana, Traffic und jüngst Che I/II will hier Porno auf Politik loslassen und sorgt für das Mainstreamdebut der 21- Jährigen, eher bekannt aus Filmen wie Lord of Asses 13 oder Swallow my Children.

Der Plot: Die New Yorkerin Christine/Chelsey wohnt mit ihrem Freund Chris (Chris Santos), einem motivationsfähigen Personal Trainer in einjähriger Beziehung und loftartigem Appartement in Manhattan. Beide verdienen ihr Geld im Verkauf von Waren:

Er mit Fitnesspaketen, Sie- nennen wir es mit organischen Paketen, respektive sich selbst, denn sie ist freiberufliche Escortdame. Man könnte sagen: Er macht Schlaffes stramm, sie bringt Strammes zum Erschlaffen. Aber kann so eine Beziehung funktionieren? Fünf Tage Auf und Ab werden uns präsentiert. Hier erstmal der Trailer zum Warmwerden:

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Soderbergh will ein bisschen Gesellschaftsspiegel spielen, denn fast keine Sequenz der 77 minütigen Low-Budget Produktion kommt an der lauernden, bellenden, beißenden Wirtschaftskrise vorbei. Wie diese sich aus warmer Luft nährte, so scheint der gesamte Film fassbare Substanz zu entbeehren, bleibt paradoxerweise ohne Höhepunkt.

Doch gerade das macht den Film aus. Es wird viel geredet, ohne viel auszusagen. Fragen werden gestellt, wenige davon beantwortet. Viele Kerle werden getroffen, doch der Hauptgang fehlt. Das Drumherum macht die Erfahrung aus. Hier ein kommentiertes Hintergrundschmankerl:YouTube Preview Image

Gegessen wird dafür aber in Soderbergh Manier (Brad Pitt in Ocean’s 11/12/13) umso häufiger, was sich natürlich tief und breit metaphorisch ausklopfen ließe. In einem der zahlreichen Handlungsstränge lässt sich Christine (beim Essen) von einem Journalisten interviewen, der ihr Leben für alle Unberotlichteten ein wenig zu beleuchten versucht.

Was beschäftigt die Gute nun also? Neben Konkurrenz und Selbstvermarktungsstrategien eigentlich eine Frage, die uns alle irgendwo betrifft:

Wer interessiert sich genuin für die Person und nicht für die körperhafte Projektionsfläche subjektiver Wunschvorstellungen? Wenn die Darstellerin kühl und charakterlos wirkt, nur hin und wieder einige Anzeichen von Emotion zulässt, so kann das zwar als authentische Charakterstudie verziehen werden, dennoch sehnt sich der Film streckenweise nach mehr Persönlichkeit. Wirklich gut ist die ausschließlich digitale Kamera, hinter der ebenfalls Soderbergh zu finden ist.

Einige Szenen sieht man durch amateurhafte Handkameraaufnahmen, andere durch raffinierte Überwachsungskameras. Mit der Tiefenschärfe wird gespielt und viele Nahaufnahmen sorgen für die richtige Prise Voyeurismus.

Wann der Film hier offiziell startet ist noch ungewiss, September wird gemunkelt. Soderbergh ließ ihn indes bereits im US-Fernsehen, Internet und Kino gleichzeitig auf die filmhungrige Meute los. Hier kann man auf Filmfestpräsens hoffen und derweil einen Blick auf Sasha Grey in Anal Acrobats und dergleichen werfen…

Filmfreak

Le premier jour du reste de ta vie

Ab geht’s mit neuen und wiederentdeckten cinematographischen Auswüchsen.

Wir packen süffisanten Rotwein, milden Comté und ordentlich Appetit ein und widmen uns dem noch aktuellen, französischen Kinogenuss von Regisseur und Drehbuchautor Rémi Bezançon: Le premier jour du reste de ta vie (2008) – C’est la vie- So sind wir, so ist das Leben.

Worum geht’s?  Um das Lieben und Leben der 5- köpfigen Familie Duval. Hört sich nicht besonders verlockend an? Abwarten und Trailer beschnuppern:

und auf deutsch:YouTube Preview Image

Hier werden beflügelnde Dialoge mit knackigem Witz, und charismatischen Charakteren zu einem amüsanten Filmmenü verwoben, das einem ein Lächeln auf’s beflimmerte Gesicht zaubern kann.

En Gros: Im ersten Drittel nimmt der Film rasanten Anlauf und legt mit spritzigen Inhalten, gekonnten Schnitten und gezielten Rückblenden immens vor, um auf halbem Weg an einer Pathospfütze abzurutschen, aber dennoch gediegen und größtenteils trocken im Ziel einzulaufen. Will heißen: Dass sich Bezançon raffiniert und sensibel zunächst der Perspektive der drei “Kinder” widmet, um dann einen konsequenten Übergang zu den Eltern zu legen, wirkt sich auch auf Tempo, Rythmus und Inhalt aus. Er selbst nennt diese Erählstrategie “sternförmig”, der filmische Zeitraum umfasst die Jahre 1988 bis 2000.

Angefangen beim Auszug des Ältesten, Albert (Pio Marmaï), über zur liebeskummrigen Rebellin Fleur (Déborah François) bis zum dritten, prokrastinierenden Luftgitarristen und Weinliebhaber Raphaël (Marc-André Grondin), werden hier amüsante und brisante Ereignisse einfühl- und unterhaltsam durchdekliniert. Da das Erwachsenwerden in den 90ern lokalisiert ist, gibt’s zudem ne ordentliche Portion Grunge, Hommagen an Jim Morrison, Kurt Cobain und Westernheld Steve McQueen sind Programm.

Im Übergang zur Elternperspektive wird an Leichtigkeit runtergefahren und eine Prise Melancholie und Tiefsinn zugefügt, der jedoch mit einer Ladung Lebenslust rechtzeitig gegengesteuert wird. Der Inhalt schrammt an der Konfliktlinie zwischen Alter, Attraktivität und Anerkennung entlang und bezieht Probleme innerhalb der Generationen mit ein. Marie-Jeanne (Zabou Breitman) wirkt als gluckende Mutter authentisch und Vater Robert (Jacques Gamblin) erfrischt mit Charme und Impulsivität.

Ein Film mit viel krispem Esprit, der es schafft, Momente genuiner Schönheit einzufangen, ohne in lauernde Kitschgräben abzudriften. Die bemerkenswert appetitlichen Charaktere machen einem die 114 Minuten zum sinnigen Vergnügen und wer kann, der sollte sich unbedingt die französiche Fassung genehmigen, der Prickelfaktor erhöht sich allemal![rating=4]

Filmfreak

Coffee and Cigarettes

Ab geht’s mit neuen und wiederentdeckten cinematographischen Auswüchsen.

Heute im Visier: Ein Regisseur, der unser Verlangen nach Koffeein/Nikotin mit seinem Kultfilm Coffee and Cigarettes (2003) subtil und nonchalant verbildlichte.

Jim Jarmuschs kontemporäres Stilleben aus schachbrettbemustertem Tisch, Zigarettenschachteln und gefüllten Kaffeetassen aus der Vogelperspektive, lässt mit Sicherheit einige Areale eurer Hirnrinde farbig aufleuchten. Der Film setzt sich aus mehreren Kurzfilmen zusammen, Drehbeginn war Mitte der 80er (kein Hauch von Rauchverbot) und zog sich bis in die nuller Jahre.

Die Variablen:  Sich mit koffeinhaltiger Brühe zuschüttende und nach Nikotin schnappende Kommunikanten. Dialog steht im Vordergrund und wird mit mürbem Humor, knarzigen Pointen und exzentrischen Typen angereichert: Von Roberto Begnigi über Iggy Pop und Tom Waits, bis hin zu Cate Blanchett, Renée French, Meg und Jack White.

Zwei der mysteriösen Charaktere seines neuen Auswurfs The Limits Of Control, Isaach de Bankolé und Bill Murray gehören ebenfalls zum Inventar. Erschlagen von den vielen Namen?

Hier ein kleiner Stimulant: Weiter mit Nachschlag, diese Episode ist absolut selbsterklärend:

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Inhaltlich geht’s neben den belebenden Lastern um das Leben, Popularität und Beziehungen. Viel wichtiger ist hier die Frage: Gibt es einen bösen Zwilling? Wenn ja, welcher?

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Klar, ist sich Jarmusch seiner Vorbildfunktion bewusst, na jedenfalls formal.  Dass der Titel programmatisch verteufelt wird versteht sich, zugeprostet wird immerhin analkoholisch.

Folgende Episode kann als skurriler Aufklärungsbeitrag gesehen werden und wem von euch brennt beim Anblick von Bill Murray nicht eine ganz bestimmte Refernz im Gaumenraum? Richtig:YouTube Preview Image

Um die Synthese aus Musik und Medizin geht es auch bei Iggy Pop und Tom Waits:YouTube Preview Image

Lust bekommen, Lunge und Blutkreislauf mit Schadstoffen zu belasten? Wenn die filmische Inszenierung genügt, Restegucken auf youtube![rating=4]

Filmfreak

No guns, no mobiles, no sex

Ein Mann, zwei Tassen Espresso und eine tauschträchtige Streichholzschachtel: The Limits of Control (Jim Jarmusch, 2009) beflimmert seit heute die Leinwände.

Soviel vorab:  In diesem Film werden ca 5 Papierzettelchen verspeist, viele Tassen Espresso von einem Kerl halb ausgetrunken, einer unwiderstehlich nackten Paz de la Huerta wird widerstanden, einer mysteriös weißperrückten Tilda Swington nachsinniert, einem schmucke bebarteten Gael Garcia Bernal hinterhergeschmachtet und am Ende stirbt Bill Murray.

Zwischendurch wechseln einige Diamanten den Besitzer, Städte und Provinzen Andalusiens dienen als stimmige Kulisse, ohne pittoreske Sightseeing Atmosphäre zu vermitteln. Es geht um Details, um die Ästhetik des Minimalismus. Hier geht’s zum Trailer:

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Im ansonsten eher dialogarmen, aber charmanten Streifen, häufen sich stereotype Abläufe, deren Ziel darin besteht, den mystischen Auftragsmörder (Isaach de Bankole) zu seinem Opfer zu bringen. Weise Kontakter mit chiffrierten Notitzen ebnen seinen Weg. Und der wortkarge Einzelgänger lässt sich von den verschiedenen Charakteren jeweils kleine Fetzen philosophischer Reflexion mitgegeben. Beeindruckend ist die außerordentliche Passivität, die den Protagonisten umgibt: Es scheint, als füge er sich ausnahmslos in seine Kette von Aufträgen. Letztendlich erfährt man weder Grund, noch Motivation seiner Tat. Unbefriedigend insofern, als dass man das Gefühl hat, es müsste noch etwas mehr dahinter stecken, als der letzendliche, allesumgebende Tod.

Zwar wird von jeder zweiten Kontaktperson betont, dass das Leben nichts wert sei und letztlich nur ein Haufen Erde davon übrigbliebe, doch Staubflocken sucht man vergebens. Es bleibt ein Rätsel ohne Lösung, ein Gedankenspiel, bei dem die Spieler nach eigenen Regeln zu spielen scheinen, miteinander, gegeneinander oder nebeneinander. Ein festes Drehbuch gab es jedenfalls nicht und vielleicht liegt hier ja der Schlüssel zum Filmtitel. Genussvoll für Ästheten: Christopher Doyle hinter der Kamera, Paz de la Huerta davor und in einem Hauch von Plastik. Aber nichts für Ungeduldige, denn streckenweise merkt man dem Film seine knappen zwei Stunden durchaus an. Zwei Tassen Espresso kämen da nicht ungelegen…