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127 Hours

Ohne auch nur einen Menschen zu benachrichtigen macht sich der abenteuerlustige Aaron Ralston (James Franco) auf in die Berglandschaft von Utah. In einer kleinen abgelegenen Schlucht gerät der Bergsteiger jedoch in eine lebensbedrohliche Situation, als ihm ein abstürzender Felsbrocken auf den Arm rollt und ihn scheinbar ausweglos gefangen hält. Ausgerüstet mit kargem Proviant und einer dürftigen Ausrüstung versucht Ralston zu überleben. Sein einziger Kompagnon ist ein Camcorder, mit dem er die qualvollen Stunden bis zu seiner aufreibenden Befreiungsaktion für die Nachwelt dokumentiert. Zwar muss er dabei mehr als nur Schweiß und Blut lassen, wird aber um eine wichtige Erkenntnis bereichert…
Hintergrund:
Das Drehbuch basiert auf Aaron Ralstons 2004 publiziertem Buch Between a Rock and a hard Place (deutscher Titel: Im Canyon) und wurde von Danny Boyle und Simon Beaufoy, die 2008 für Slumdog Millionaire den Oscar für den Besten Film erhielten, für die Leinwand adaptiert.
127 Hours ist sechs mal für den Oscar nominiert; unter anderem in den Kategorien Bester Film und Bester Hauptdarsteller.
Kritik:
Basierend auf einer wahren und übermenschlich wirkenden Geschichte, macht Danny Boyle mit seinem gutgewählten Darsteller James Franco eine One-Man-Show. Die meiste Zeit über sehen wir nur ihn: Einen Menschen, der angesichts der totalen Konfrontation mit der eigenen Person eine innere Entwicklung durchmacht – was für einen Film immer eine besondere Herausforderung bedeutet. Danny Boyle versucht diese Problematik mit Rückblenden und Traumsequenzen zu lösen. So erinnert sich Aaron Ralston an die letzte Beziehung, an seine Familie, an verpasste Chancen und an die zwei Amateur-Bergsteigerinnen, denen er vor seiner Begegnung mit der Felsspalte mit einem blasiertem Grinsen die Bergwelt erklärte.

Mit einem „Ooops“ fängt es an. Das ist das Wort, welches Aaron mit halber Ungläubigkeit angesichts seiner abstrusen Situation aus dem Mund purzelt: Sein Arm steckt unter einem enormen Felsbrocken und er selbst hängt an ihm und einige Meter über dem rettenden Boden. „Ooops“ – In diesem Wort steckt die Art von Zugeständnis, die alles gnadenlos offenlegt. Mit diesem Wort James Franco - 127 Hours - Szenebeginnt auch für den Zuschauer die Metamorphose des Helden, der – anfangs noch ein unzugänglicher Draufgänger – im Laufe des Films zwar glücklicherweise nicht zu einem typischen Hollywoodhelden mutiert, aber es immerhin zeitweise schafft, Respekt zu erzeugen. Es handelt sich um Respekt vor einem Menschen, der in der absoluten Zurückgeworfenheit auf sich selbst die eigenen Fehler gnadenlos aufdeckt, sich an ihnen abarbeitet und dadurch neue Kraft schöpft. Einen Menschen, der scheitert, weil er bei aller Unabhängigkeit und dem Wunsch nach Selbstverwirklichung nicht mit einem wichtigen Hindernis gerechnet hat: Sich selbst.

Aber das „Ooops“ springt dem Zuschauer von 127 Hours schon früher vor die Augen. Als er nämlich zu Beginn des Films von einer offensiven Videoclipästhetik heimgesucht wird, die ihm vermitteln soll, mit welcher Sorte Held er es in den folgenden 90 Minuten zu tun haben wird. Oberflächlich und ungebunden räumt dieser den eigenen Bedürfnissen absoluten Vorrang ein. In Zeiten ständiger Erreichbarkeit und permanenter Vernetztheit verzichtet er darauf, sich mitzuteilen und katapultiert sich damit in den Schlund der eigenen Vorhölle. Boyles unmissverständliche Botschaft, die Rückbesinnung auf die Gemeinschaft und Familie, gerät zuweilen in kitschige Gefilde, die durch eine Portion Fatalismus gegen Ende des Films dem malträtierten Publikum bitter aufstoßen kann.
Andererseits: Es gibt Menschen wie Aaron Ralston, die sich immer wieder ihre Eigenständigkeit unter Beweis stellen müssen. Menschen, die sich nur auf sich selbst verlassen, weil sie Ungebundenheit mit Unabhängigkeit gleichsetzen und Hilfenehmen für sie Schwäche bedeutet. In der Auseinandersetzung mit eben jener Schwäche, keine Hilfe annehmen zu wollen, blüht der Film für einige Momente auf. Nämlich genau dann, wenn Boyle seinen Protagonisten mit der Videokamera zur Selbstreflexion zwingt. Dadurch erhält 127 Hours paradoxerweise einen Moment von Unmittelbarkeit, der dem restlichen Film fehlt. Denn die Selbstbefreiungsaktion eines Mannes, der 127 Stunden in einer Felsspalte klemmt, hätte durchaus auch Stoff eines knackigen Kurzfilms sein können. Auch wenn die Anreicherung der Story durch Rückblenden und Traumsequenzen dazu beiträgt das Publikum auf Trab zu halten, sind diese Sequenzen lediglich in der Peripherie einer Geschichte anzusiedeln, die ohne sie einfach weniger filmtauglich wäre. Und das merkt man auch. Denn so schmerzhaft und quälend Ralstons Situation auch gewesen sein mag, spürt der Zuschauer diese nicht etwa durch Identifikation mit der Figur, sondern durch das Aussitzen eines mal aufwühlenden, größtenteils aber eher drögen Ein-Mann-Kammerspiels. Boyles Fokus liegt dabei nicht wirklich auf seinem Protagonisten, sondern auf der Beweihräucherung seiner eigenen Virtuosität.
127 Hours USA 2010
Genre: Drama
Originaltitel: 127 Hours Regie: Danny Boyle Drehbuch: Danny Boyle, Simon Beaufoy Darsteller: James Franco, Amber Tamblyn, Kate Mara, Clémence Poésy

Diese Review ist auch auf independentfilme.com erschienen.

Mother

Wie weit geht eine Mutter für ihren Sohn? Dieser Frage geht Bong Joon-ho mit Mother (2009) konsequent und kompromisslos nach – bis zum bitteren Ende.

Dabei fängt Mother eigentlich ganz locker, ja sogar komödiantisch an, als der geistig herausgeforderte Do-jun (Won Bin) beinahe von einem Mercedes überrollt wird und sich daraufhin mit seinem gerissenen Kumpel Tae-Jin (Gu Jin) auf die Jagd nach den Fahrerflüchtigen macht, um diese in einem entlegenen Golfgebiet mit den eigenen Golfschlägern aufzumischen. Do-jun muss dann, wie wahrscheinlich schon oft zuvor in seinem 27-jährigen Leben, von der überführsorglichen Mutter (Kim Hye-ja) auf dem städtischen Polizeirevier eingesammelt werden. Do-jun ist ihr einziger Sohn und die alleinstehende Mutter hat es sich zur ultimativen Lebensaufgabe gemacht, ihn vor dem Bösen auf der Welt zu schützen. Fragt sich nur, wo das Böse ist – vielleicht sogar in Do-jun selbst? Der wird nämlich kurz darauf bezichtigt, ein junges Mädchen umgebracht zu haben. Zeugen sagen gegen ihn aus und auch weitere Indizien sprechen für seine Täterschaft, sodass ihn die Polizei schnell dingfest macht.Doch die Ordnungshüter haben nicht mit der zähen Mutter des Jungen gerechnet. Diese nimmt ihrerseits die Ermittlungen auf, bemüht einen ignoranten Anwalt und versucht verzweifelt, die Unschuld ihres Jungen zu beweisen. Dabei ist sie auch bereit, die eine oder andere bittere Grenze zu überschreiten…

Wir wagen einen Blick in den Trailer:

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Hintergrund:

Bong Joon-ho erregte 2006 mit seinem Monsterfilm The Host weltweites Aufsehen und gewann Kritikerlob und Publikumsbegeisterung. The Host ist bis heute der erfolgreichste koreanische Film aller Zeiten.

Mother war nicht nur als offizieller Beitrag Südkoreas für die Oscar-Verleihung 2010 nominiert, sondern gewann bei den Asian Film Awards 2010, dem asiatischen Oscar-Äquivalent, gleich mehrere Preise, darunter die Auszeichnung für Bester Film und Bestes Drehbuch. Außerdem wurde Kim Hye-ja, in Korea ein gefeierter TV-Star, als Beste Hauptdarstellerin geehrt.

Kritik:

Unerwartete Wendepunkte gepaart mit gelungenem Genremix, angereichert mit überzeugender Schauspielkunst und Bildern, die das Auge umschmeicheln – das alles ist Mother.

Es ist der vierte Langfilm des koreanischen Regietalents und nach The Host, der zweite „Monsterfilm“. Diesmal ist die Anklage gegen vertrackte Hierarchien und marode Institutionen eher nebensächlich. Vielmehr steht die dysfunktionale Mutter-Sohn Beziehung im Fokus des Filmgeschehens. An ihr arbeitet sich Bong Joon-ho anfangs noch mit viel Witz und Ironie ab, bevor er ihr im Laufe der 124 Minuten immer groteskere Züge verleiht, und sie schließlich in einem überraschenden und gleichermaßen beklemmenden Ende gipfeln lässt. Von den zahlreichen Wendepunkten wirken einige wie dramaturgische Sackgassen – sie deuten zwar Spannung an, aber haben kaum Mehrwert und ziehen den Film in die Länge. Dennoch ist Mother ein sehr sehenswerter Film und Bong Joon-ho beweißt, dass er mit diesem Psychothriller und der großartigen Kim Hye-ja in der Rolle der Mutter durchaus eine Art weiblichen Oldboy geschaffen hat. Der Regisseur dieses Kultfilms, Park Chan-Wook wird übrigens Bong Joon-hos nächstes Filmprojekt produzieren.

Zu den Extras der DVD von Ascot Elite:

Bei dem Interview mit Bong Joon-ho handelt es sich um den qualitativ dürftigen Mitschnitt eines Podiumsgesprächs auf dem diesjährigen Filmfest München und setzt ein Publikum mit Ausdauer voraus, da die Übersetzung nicht simultan verläuft. Geduldige erfahren hier aber viel über die Motivation des erfolgreichen Regisseurs, über den Einfluss von Hitchcock in seiner filmischen Reifung und über Bong Joon-hos Zugang zur koreanischen Gesellschaft. Besonders gehaltvoll und knackig ist das Making Of, wo auf Drehortsuche und Setgestaltung eingegangen wird und man seitens zahlreicher Filmmitglieder kurze Einsichten über den Produktionsprozess von Mother erfährt. Behind the Scenes sowie Teaser und Trailer existieren nur in der koreanischen Originalversion und sind leider nicht untertitelt.

Mother Südkorea 2009

Genre: Thriller

Originaltitel: Madeo Regie: John-ho Bong Drehbuch: Eun-kyo Park, John-ho Bong Darsteller:Kim Hye-ja, Won Bin, Jin Ku

Dieser Text ist auch auf independentfilme.com erschienen.

Somewhere

Sofia Coppolas neuesten Film Somewhere (2010) haben wir mit Spannung erwartet. Seit dem 11. November ist er im Kino – ob er hält, was der Trailer verspricht, erfahrt Ihr hier!

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Der hippe Hollywood-Star Johnny Marco (Stephen Dorff) hat scheinbar alles, was man mit Geld kaufen kann: Semiprofessionelle Gogo- Girls tanzen auf Abruf und halbnackt in seinem Hotelzimmer herum, Papparazzi-Lieblinge tummeln sich auf seinen Parties und Johnnys Filme sind zumindest so erfolgreich, dass die Presseagentin seinen Hintern für bekriechungswürdig hält.

Doch irgendwie steht Johnny vollkommen neben sich. Und wer ist er überhaupt? Hat er neben einem vollen Geldbeutel irgendwas zu bieten, oder ist sein Dasein so sinnlos wie die ziellosen Runden, die er im schwarzen Ferrari auf den Highways um Los Angeles dreht? Die schlummernde Bitterkeit wird mit Alkohol und schnellem Sex narkotisert, Zerstreuung wird zum ultimativen Mittel gegen die Auseinadersetzung mit der eigenen Identität.

Erst als Tochter Cleo (großartig gespielt von Elle Fanning) Johnny besuchen kommt, wird er sich seiner Einsamkeit wirklich bewusst. Cleo, so scheint es, lässt der Ruhm ihres Vaters kalt– und genau dieser Umstand verringert die Distanz, die Johnny mittlerweile zu sich und seiner Umgebung aufgebaut hat. Immer ist er stiller Beobachter, als ob er nicht Teil seines eigenen Lebens wäre. Diese Momente der Reflexion breitet Coppola in langgedehnten und eindrucksvollen Standbildern aus. Niemals blickt man neidisch auf diesen armen, reichen Typen, der scheinbar nicht viel geleistet hat, außer andere Menschen und nicht zuletzt sich selbst zu enttäuschen. Doch kann man wirklich Mitleid für Johnny empfinden?

Irgendwie nicht so recht. Auch wenn einige Momente wieder den Indie-Geist erahnen lassen, den man an Sofia Coppolas Filmen so schätzt. Und auch wenn wir viele schöne Bilder vor die Augen geworfen bekommen, die von Phoenix stimmig vertont werden. Die inszenierte Distanz vereinnamt quasi das Publikum, sodass keine wirkliche Begeisterung aufkommen kann. Zumal schon zuviel Product-Placement diesen Film für sich beansprucht, als dass er wirklich Indie wäre. Dafür wirken Stephen Dorff und Filmtochter Elle Fanning umso besser platziert.

Somewhere zeigt die Krise eines Menschen, der eigentlich alles hat außer ein wirklich selbstbestimmtes Leben. Vieles wirkt jedoch zu konstruiert, sodass man vergeblich auf eine sich nicht einstellen wollende Dynamik warten muss. Mag sein, dass dies gewollt ist– die dabei aufkommende Langatmigkeit ist es wohl nicht, weil sie die zu vermittelnde Monotonie vielleicht andeutet aber nicht bezugsfähig macht. So schaffen es die wenigen Augenblicke, die wirklich berühren könnten, nicht, den restlichen Tran verdaubar zu machen. Übrig bleibt eine Menge Ballast und ein Ende, das ebenso uninnovativ ist, wie das Sujet des einsamen Schauspielers selbst. Die Bleibt nur fraglich, ob dieser augenscheinlich autobiographische Stoff wirklich auf die Leinwand oder eher in Sofias Tagebuch gehört…

[rating=3] bis [rating=4]

Rubber

Über Mr. Oizo aka Quentin Dupieux ersten Kinofilm Rubber (2010) hatte ich hier schon berichtet. Nun kommt die Review zum aggressiven Reifen, der das Morden nicht lassen kann!

Rubber

Zum Plot:
Rubber handelt von einem Reifen (Robert) der langsam zum Leben erwacht, seine psychokinetischen Kräfte und daraufhin seine Lust am Morden entdeckt. Er lässt durch pure Willenskraft zunächst ein bisschen Müll und Kleinvieh zerplatzen, bevor er sich an größeres Getier und schließlich menschliche Wesen macht. Diese “Coming of Age”- Story ist eingebettet in eine weitere Geschichte – nämlich die der Zuschauer, die in der Wüste von Los Angeles den Killerreifen per Fernglas beim Morden beobachten. Schließlich finden beide Handlungsstränge zueinander und wir spähen in den aktuellsten Teaser:

Kritik:
Für Quentin Dupieux – das wird ziemlich schnell klar- ist Rubber eine Hommage an die Sinnfreiheit. Klingt zunächst spannend, verliert aber in Anbetracht des ständigen Bestehens auf Absurdität ziemlich schnell an Witz. So wirken Dupieux Bemühungen wie ein nervendes –weil streberhaftes– Aufbegehren gegen gängige Genrebestimmungen und gipfeln in der puren Lust an Selbstbestätigung.
Aus der überschaubaren Handlung, die zum Glück nicht ganz humorfrei ist, wäre wohl ein knackiger Kurzfilm geworden. Denn in 85 Minuten kann man sich trotz beeindruckender Optik und der netten Idee eines Killerreifens das sporadische Gähnen nicht verkneifen. Zumindest dreht der Sound am Kreislauf:

Fazit:
Obwohl er bereits als Kultfilm gehandelt wird, muss man Rubber nicht gesehen haben. Sollte Dupieux seine Attitüde loswerden und den dringenden Willen zur Absurdität in eine subtilere Form zwängen, darf man auf sein nächstes Filmerzeugnis gespannt sein!
Der Film war bislang nur auf Fantasy-Filmfestivals zu sehen, ob er einen deutschen Kinoverleih findet, ist unklar. [rating=3]

The American

Am 16. September kommt The American (2010), Anton Corbijns sehnsüchtig erwarteter zweiter Film in die deutschen Kinos. Ob er mit seinem erfolgreichen Erstling Control (2007) mithalten kann, erfahrt ihr hier!

The American

Zum Plot:

Eine fehlgeschlagene Mission in Schweden bringt den amerikanischen Profikiller Jack (George Clooney) zu dem Entschluss, dass sein nächster Auftrag auch sein letzter werden soll. Dazu zieht er sich in die Isolation eines Bergdorfes in die Abruzzen zurück und gibt sich bei den neugierigen Einwohnern als Naturfotograf aus. Er soll für die mysteriöse Auftraggeberin Mathilde (Thekla Reuten) eine maßgeschneiderte Waffe anfertigen. In einem abgelegen Haus abseits des Dorfes bastelt er mit fetischistischer Präzision an der bestellten Schusswaffe, deren Zweck ihm jedoch vorenthalten wird.

Und obwohl sich der Einzelgänger geschworen hat, keinen unnötigen Kontakt zur Außenwelt aufzubauen, verspricht das Intermezzo mit der verführerischen Prostituierten Clara (Violante Placido) mehr als nur geschäftlicher Natur zu sein. Doch wem kann Jack noch trauen? Berufsbedingte Paranoia und die dunkle Vergangenheit stacheln sein Misstrauen an und die idyllische Berglandschaft beginnt, zum zwielichtigen Gefahrenherd zu mutieren. Un nun ab in den Trailer:

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Hintergrund:

The American basiert auf dem erstmals 1991 erschienenen Roman von Martin Booth mit dem Titel A Very Private Gentleman. Seit 2010 ist das Buch auch in deutscher Sprache erhältlich.

Die Filmmusik stammt aus der Feder von Herbert Grönemeyer.

Wie bei seinem Erstlingswerk Control, hat Anton Corbijn die Dreharbeiten zu The American in dem Bildband „Inside the American“ festgehalten; einen Teil davon kann man sich auch auf dem Blog zum Film anschauen.

Kritik:

Nach seinem erfolgreichen Debüt, dem Musikdrama Control, in dem Anton Corbijn den Sänger Ian Curtis von Joy Division mit einnehmenden Bildern auf seinem Weg zum Ruhm bis zum frühen Tod inszenierte, wendet er sich mit dem Thriller The American einem gänzlich anderen Genre zu.

Wieder lässt der frühere Starfotograf Bilder sprechen, Dialog setzt er nur sparsam ein. Die raue Schönheit von L’Aquila –zu Drehbeginn von einem der heftigsten Erdbeben der Region geschüttelt– dient Corbijn nicht etwa als bloße Szenerie, sondern spielt neben Clooney quasi eine zweite Hauptrolle. Doch schaffen die ästhetischen Landschaftsaufnahmen The American zu einem gelungen Thriller zu machen? Eher stehlen sie der Handlung die Show. Denn ein Mann, der in der Fremde versucht, ein neues Leben aufzubauen und von seiner Vergangenheit eingeholt wird, bietet nicht wirklich revolutionäres Kinomaterial.

Von der Struktur her gleicht der Film vielmehr einem altbekannten und überholten Genre: dem Western. Nun wäre das an sich nicht schlimm, wenn Corbijn das Material innovativ umgesetzt hätte, statt zu sehr auf das Pendeln zwischen langatmigen Detailaufnahmen des MacGuffins –in diesem Fall der Waffe– und den ästhetisierten Landschaftsinszenierungen zu setzen. Zudem spielt Clooney hier nicht wie gewohnt den smarten Charismaten, sondern einen unscheinbaren Einsiedler– und das macht er so gut, dass man ihm am liebsten nicht zu Nahe kommen will. Schon zu Filmbeginn distanziert der Zuschauer sich vom Filmhelden und findet nicht zu ihm zurück.

The American

Jack entwickelt sich zu einer etwas faden Figur, während die weiblichen Charaktere stereotype Rollen verkörpern dürfen. So wird dem männlichen Part einerseits Clara an die Hand gegeben: Eine warmherzige Prostituierte, die in Jack stillschweigend ihren Seelenverwandten sieht und den Zuschauer mehr durch Erotik als Eloquenz überzeugt. Daneben bleibt Mathilde als kühle und unberechenbare Waffenamazone eher gesichtslos, anstatt einen gelungenen Gegenpart zu Jack zu bilden.
Dennoch sind die Schauspieler nicht Schuld an der Mittelmäßigkeit von The American. Sicherlich geht die gemütliche Dörflichkeit gepaart mit dem Thrillerplot eine ergiebige Symbiose ein und verleiht dem Film die nötige Spannung. Doch der Esprit von Control fehlt gänzlich. Was bleibt ist ein optisch ansprechender und gutbesetzter Film, der vielleicht Reisefieber weckt, jedoch aufgrund der überholt wirkenden Handlung dem Anspruch an Corbijn nicht gerecht wird.

[rating=4]

Diese Review findet ihr auch auf independentfilme.com, wo es in Zukunft öfter mal was aus meiner Tastatur zu naschen geben wird!

A Serious Man- ab 13. August auf DVD/Blu-ray

Ab dem 13. August lassen die Coen-Brüder mit A Serious Man (2009) den wohl bemitleidenswertesten Unglücksraben seit Peter Sellers in The Party (1968) auf die heimischen Bildschirme los. Eine ausführliche Review und was DVD und Blu-ray zu bieten haben, erfahrt ihr hier!

A Serious Man

1967, in einem jüdisch geprägten Vorort von Minneapolis ist Larry Gopnik (Michael Stuhlbarg) eigenltich ganz zufrieden mit sich und seinem monotonen Leben: An der Uni unterrichtet er Physik mit einer Leidenschaft, die sonst kein anderer mit ihm teilt, sein semi-debiler Bruder Arthur (Richard Kind) hat sich samt einer Nackenzyste in seinem Badezimmer eingenistet, Frau Judith (Sari Lennick) und die zwei Kinder leben jeweils im eigenen Mikrokosmos. Mittendrin und zugleich als Randfigur seines eigenen Lebens steht Larry Gopnik, dessen Charakter sich in der Oszillation zwischen bitterer Tragik und der daraus entstehenden Komik tief in unsere Filmorgane einbrennen wird- versprochen.

Denn das scheinbare Familienidyll wackelt gewaltig, als Judith die Scheidung verlangt, um mit Larrys Kollegen Sy Ableman (Fred Melamed) zusammen zu sein. Das ist nur der Anfang von Larrys Problemen, die an der Leine von Joel und Ethan Coen genüsslich und ausgiebig weitere Kreise um den Radius des korrekten Physikprofessors ziehen – auch die Rabbis seiner Gemeinde können ihm nicht helfen. Wo der Sinn des Schlamassels ist? Eben. Und nun ab in den Trailer:

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Nur die Hälfte verstanden? Für einen kostenfreien Jiddisch-Kurs bitte hier klicken:

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Die Coens bescheren uns mit einer ordentlichen Portion Humor, verschrobenen Charakteren und vor allem durch ihren zärtlich- zwinkernden Blick auf das Jüdischsein ein kultverdächtiges Sehvergüngen vom Allerfeinsten. Die Story um den geworfenen Larry Gopnik wird durch satte 90 Minuten DVD- Zusatzmaterial bereichert: Sehenswert ist neben dem gehaltvollen Interview mit dem New Yorker Theaterschauspieler Michael Stuhlbarg auch das Creating 1967-Feature, das den beeindruckenden Detailfetischismus der Coens bei der Erarbeitung ihres Settings zeigt. Und wieso Fred Melamed The Sex-Guy genannt wird, erfährt man ebenfalls! Hier die DVD- Koordinaten:

Regie/Drehbuch/Schnitt: Ethan Coen, Joel Coen
Kamera: Roger Deakins
Musik: Carter Burwell
Hauptdarsteller: Richard Kind, Michael Stuhlbarg, Fred Melamed, Sari Lennick, Simon Helberg, Adam Arkin, George Wyn
Produktionsland: USA (2009)
Länge: 98 (Min.)
Erschienen bei: Universum Film
Bildformat: 16:9
Ton/Sprache: Dolby Digital 5.1, Deutsch, Englisch
Extras: Featurettes, Trailer & TV-Spots (dt./engl.), Interviews, B-Roll, Making Of

[rating=5]

Inception

Ist Christopher Nolans Über-Blockbuster Inception (2010) wirklich so gut, wie alle sagen? Hier erfahrt ihr es!

Incpetion

Auf das Wesentliche runtergebrochen erzählt Inception die Geschichte eines Mannes,  dessen innere Konflikte sich an den Grenzen von beruflichen und privaten Fehltentscheidungen entfachen und nach außen strahlen- und das machen sie ziemlich imposant, ab in den Trailer:

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Normalerweise hackt sich Dom Cobb (Leonardo DiCaprio) in die Traumwelten seiner Opfer ein, um ihnen im Auftrag von Geschäftsleuten wichtige Geheimnisse zu entlocken. Weil er sich damit an den Grenzen der Kriminalität bewegt, wird er vom FBI gesucht und ist zum ewigen Berufsnomadentum verdammt. Diesmal soll er den Konkurrenten des japanischen Großunternehmers Saito (Ken Watanabe) dazu bringen, den vom Vater geerbten Großkonzern zu zerschlagen.

Anders als sonst muss Cobb, statt Geschäftsgeheimnisse zu extrahieren, eine Idee in das Unterbewusstsein seines Opfers einpflanzen. Was für ihn dabei rausspringt, ist die Erfüllung seines Traums: Die eigene Familie endlich wiederzusehen.

Inception

Für diesen heiklen Job rekrutiert Cobb ein hochqualifiziertes Team von Traumdesignern (Ellen Page, Joseph Gordon-Levitt, Tom Hardy, Dileep Rao). Um die Idee sicher zu platzieren beschließt die Crew, mehre Traumebenen ineinander zu verschachteln, also einen Traum in einen Traum in einen Traum zu designen. Dabei dient eine etwas plump aussehende Gerätschaft den Eindringlingen als Medium in die Träume ihrer Opfer. Hört sich kompliziert an, wird aber dank gut differenzierbarer Traumsettings für jeden halbwegs wachen Zuschauer nachvollziehbar.

Cobb selbst, so erfährt man, war mal einer der besten Traumarchitekten, bevor etwas passierte, das ihn und seine Fähigkeiten enorm beeinträchtigte. Dass dieses Ereignis gerade während der komplexen Mission aus den Tiefen seines Unterbewusstseins auftaucht, nagt massiv am Erfolg des minutiös gerplanten Coups und somit am Schicksal aller Beteiligten. Denn Cobbs private Erinnerungen penetrieren immer wieder die kreierten Traumwelten und zehrende Schuldgefühle treiben den Helden in die berufliche und private Vorhölle. Wo Realität aufhört und Traum anfängt, wird dabei immer unschärfer.


Inception

Ähnlich wie in Scorseses Shutter Island wird Leonardo DiCaprio auch in Inception ein Privatleben angeheftet, durch das er immer wieder auf sich selbst zurückgeworfen wird. Auch wenn hier das Gegenteil behauptet wird, ist Inception bei weitem sehenswerter als Shutter Island, hat ein knackig-ambivalentes Ende und ist auch weniger kitschig. Durch den sparsamen Einsatz von digitaler Kamera erhalten die beeindruckenden Bilder eine besondere, fast haptische Qualität– ganz ohne 3D.

Was ist also das Manko dieses Films?

Nolan skizziert eine Welt mit eigenen Regeln, doch verdichtet sie nur so weit er es für nötig hält. Man erwartet von ihm zwar keine detailvernarrte Harry Potter- Zauberwelt und auch keine überbunte Light-Version eines LSD-Trips wie in Terry Gilliams Imaginarium des Dr. Parnassus. Aber wozu ist in einem Traum im Traum im Traum denn noch ein Maschinengewehr nötig, wenn nicht zur bloßen Befriedung von Actionfans und letztendlich zum Füllen der Kinokassen?

So interessant und universell das Traumsujet auch ist – das Gerüst, auf dem Inception sich filmisch auf unseren Verstand pflanzt, wackelt. Was bleibt ist ein visuell durchaus ansprechender, geschmeidig geschnittener Sommerlochstopfer, dessen Überlänge man nicht merkt – oder auch ein originell verpacktes Déjà-vu auf hohem Niveau.

Um den philosophischen Aspekt nochmal herauszukramen, lasse ich Woody Allen sprechen:

What if nothing exists and we’re all in somebody’s dream? Or what’s worse, what if only that fat guy in the third row exists? (Without Feathers, 1975)

[rating=4]

My Son, My Son what have ye done?+++Cleveland vs. Wall Street

Weiter geht’s mit den letzten Perlen vom Filmfest-München 2010!

My Son, My Son what have ye done?

Wenn Werner Herzog seinen neusten Film von David Lynch produzieren lässt, hochkarätige Charakterköpfe castet, und die Story von einem Wahnsinnigen handelt, der seine Mutter mit einem Schwert halbierte, dann klingt das vielversprechend. Wir spähen in den Trailer von My Son, My Son what have ye done? (2009):

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San Diego. Als Detective Hank Havenhurst (Willem Dafoe) und Detective Vargas (Michael Peña) zum Tatort kommen, ist es bereits geschehen. Mrs. McCullum (Twin Peaks- Ikone Grace Zabriskie) liegt leblos in ihrer eigenen Blutlache auf dem Wohnzimmerboden ihrer Nachbarin. Zuvor war ihr Sohn Brad (Michael Shannon) mit seinem antiken Schwert auf eine Tasse Kaffee vorbeigekommen.

Nach der Tat verschanzt er sich mit zwei Geiseln im Haus seiner Mutter. Die Detectives umstellen das Haus und versuchen Brad herauszulocken. Eine Pizzalieferung später gesellen sich Brads dumpfe Verlobte Ingrid (Chloë Sevigny) und sein Schauspiellehrer Lee Meyers (Udo Kier) zu der Truppe. In Rückblenden berichten sie, wie Brads Persönlichkeit sich seit dem Peruaufenthalt vor zwei Jahren radikal verändert hat.

Dort war er mit einer Gruppe von Freunden unterwegs und hatte sich als Einziger gegen eine Rafting-Aktion auf dem Urubamba-Fluss gesträubt- und somit überlebt. Seither wollte er Farouk genannt werden und glaubte, dass Gott ihn in der Form des Oatmeal Quakers und mit der Stimme eines asiatischen Schlagersängers kontaktierte.

Ingrid schildert Brads ödipales Verhältnis zur Mutter, und Lee Myers erinnert sich an einen gemeinsamen Ausflug zur Straußenfarm (Herzogs Geflügel- Aversion kommt hier durch) von Brads Onkel Ted (Brad Dourif). Dort hatte Brad das Schwert zunächst als Requisite besorgt. Dass er in Myers’  Theaterstück den Orestes miemte, der in der greichischen Mythologie ebenfalls die eigene Mutter umbringt und wahnsinnig wird, spricht für sich.

Das Versprechen einer Lynch-Produktion strotzt dem erwartungsfrohen Zuschauer bereits in den Eröffnungscredits entgegen. Das Lyncheske von My Son… zieht sich dann auch durch den gesamten Film, schwingt in der Flamingo-im-Vorgarten-Atmosphäre mit und ist den Szenen besonders präsent, in denen die Figuren zu einem statischen Gemälde einfrieren und uns vielsagende Blicke zuwerfen. Da scheint dann Herzogs Vorliebe für Exotik und Surreales perfekt zu passen. Vielleicht auch zu perfekt.

Einige Fragen werden in den Raum geworfen, andere beantwortet- vieles bleibt im Leeren. Das kann zwar durchaus reizvoll sein, in diesem Falll wirkt es allerdings zu gewollt. Das Ergebnis hinterlässt einen eher mauen Nachgeschmack, sodass die Story sich letztendlich spannender anhört, als sie filmisch umgesetzt wurde. Die ununterbrochene musikalische Beschallung kann hier getrost als nervend bezeichnet werden. [rating=3]

Sehenswerter ist hingegen Jean-Stéphane Brons Cleaveland vs. Wall Street-Mais mit dä Bänkler (2010).

Cleveland vs. Wall Street

Der Dokumentarfilm handelt von den Ursachen und Auswirkungen der US-Bankenkrise, dargestellt anhand eines halbfiktiven Gerichtsverfahrens zwischen der Stadt Cleveland und der New Yorker Wall Street:

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Ein Film wie eine Erleuchtung: Diese 105 Minuten machen jeden Menschen schlauer- versprochen. Jetzt fehlt nur noch ein deutscher Verleih. Also Daumen drücken oder warten, bis er irgendwann auf ARTE ausgestrahlt wird! [rating=5]

Copie Conforme

Weiter geht’s mit einem Festivalbonbon vom Filmfest-München 2010, also Mund zu und Augen auf!


Copie Conforme

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Eines ist klar: Wer nach Abbas Kiarostamis Copie Conforme (2010) nicht ein kleines bisschen in Juliette Binoche verknallt ist, dem ist nicht zu helfen. Also schnell in den Trailer:

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Eine französische Galeristin (Juliette Binoche) und ein britischer Schriftsteller (William Shimell) begegnen sich in der Toskana. Als man sie für ein Paar hält, spielen sie mit-und hören nicht mehr auf. Bald verschwimmen die Grenzen zwischen Spiel und Realität- zwischen Kopie und Original.

“Our work starts with a lie on a daily-routine basis. When you make a film you bring elements from other places, other environments, and you gather them together in a unity that really doesn’t exist. You’re faking that unity. You call someone a husband or a son. [...] In cinema anything that can happen would be true. It doesn’t have to correspond to a reality, it doesn’t have to ‘really’ be happening. In cinema, by fabricating lies we may never reach the fundamental truth, but we will always be on our way to it. We can never get close to the truth except through lying.”

(Abbas Kiarostami via Filmfest-Blog)

Wieder hat Kiarostami seine für ihn typischen Autofahrten eingebaut, und für ein paar Momente schmiegt sich unser Mageninhalt an die kurvigen Straßen von Lucignano, während ein Mann und eine Frau Wortgefechte mit manchmal allzu klischeehafter Ladung austragen.

Eigentlich war für die Rolle des Schriftstellers Robert De Niro vorgesehen, doch für Kiarostami schien der britische Opernsänger William Shimell besser zu passen. Er verleiht er seiner Rolle eine gewisse Undurchschaubarkeit, die sich gut in die gesamte Dramaturgie einfügt.

Der Präsenz der weiblichen Hauptrolle hinkt er aber ein bisschen nach- Copie Conforme ist eine Hommage an die hinreißende Juliette Binoche.  [rating=4]

Vor 15 Jahren- bevor Der Geschmack der Kirsche 1997 in Cannes ausgezeichnet wurde- hat das Fimfest-München den damals noch fast unbekannten Abbas Kiarostami an die Isar gebracht- seitdem wird das Festival regelmäßig von ihm bespielt und hat iranischen Filmen eine Nische eingeräumt. Wer Shirin (2008) im letzten Jahr verpasst hat, kann sich freuen:

Ab dem 17. September gibt es im Rahmen der Ausstellung Zukunft der Tradition-Tradition der Zukunft eine Retrospektive zu Abbas Kiarostamis Œvre im Haus der Kunst zu sehen.

The Wanderer+++Uncle Boonmee Who Can Recall His Past Lives

Das 28. Filmfest beflimmert immer noch fleißig die Isar, und im Internationalen Programm ist die Welt nach wie vor in Aufruhr.

Experimentalfilmer Avishai Sivan präsentiert mit The Wanderer (2010) sein Spielfilmdebüt und zugleich ein befremdliches Coming-Of- Age Drama. Der Trailer ist harmlos:

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In einem Vorort von Tel Aviv begleiten wir den 16-jährigen Yeshiva-Studenten Isaac (Omri Fuhrer) -einizger Sohn einer dysfunktionalen ultraorthodoxen Famile- bei seinen Streifzügen durch die Stadt.

Mit strengen Bildern, die zugleich statisch und spannend wirken zeigt Sivan einen jungen Mann, der seinem Körper, seiner Umwelt und sich selbst entfremdet ist. Unfähig zur Kommunikation zieht er uns mit in eine beklemmende Enge und Rastlosigkeit, die er gewaltvoll und diffus zu brechen sucht. Zwischendurch werden unmengen an Wasser getrunken und Eier verspeist. [rating=3]

The Wanderer ist mit Sicherheit einer der unbequemsten Filme des Festivals. Bei HEEB kann man sich das Gegenprogramm genehmigen.


Wir verlassen Israel und Blicken Richtung Thailand.


Uncle Boonmee

Apichatpong Weerasethakuls Uncle Boonmee Who Can Recall His Past Lives (2010) basiert auf einem gleichnamigen Buch und läuft in der Reihe Fokus Fernost.

Boonmee (Thanapat Saisaymar) ist schwer krank. Schwägerin Jen (Jenjira Pongpas) und Neffe Tong (Sakda Kaewbuadee) pflegen ihn auf seiner Farm im Nordosten Thailands. Eines Abends materialisiert sich der Geist seiner toten Frau Huay (Natthakarn Aphaiwonk) vor ihnen, auch der verschollene Sohn Boonsong (Geerasak Kulhong) taucht als “Monkey Ghost” wieder auf.

Vor seinem Tod wandert Boonmee mit seiner Familie durch den Dschungel und in die Geburtsstätte seines ersten Lebens. Hier der Trailer:

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Uncle Boonmee… ist politisch aber auch voller Humor und vor allem eine Hommage an das frühe Thai-Kino, mit dem der Filmemacher aufwuchs und das -wie Boonmee – zu schwinden droht. In der Oszillation zwischen Fiktion und Dokumentation, schafft Apichatpong ein kontemplatives Imaginarium an mystischen Bildern, deren Zauber man sich kaum entziehen kann.

The film focuses on the beliefs in other-worldly elements
that are actually parts of our lives. I am captivated
by the fact that as we age, our childhood has
become more vivid. I think the curiosity (and perhaps
the fear) of ghosts and of other worlds arises when
we are young and when we are dying. (Apichatpong Weerasethakul)

[rating=5]

Le Refuge

Ohne lange Einführung machen wir gleich weiter mit einem Glanzlicht des Festivals- also Mund zu und Augen auf!

Le Refuge

In der Reihe Nouveau Cinéma Français konnten die Veranstalter nach jahrelangem Insistieren François Ozon an die Isar gewinnen, um seinen neuen Film Le Refuge (2009) vorzustellen. Informationen zu Diskussionen mit den Filmemachern gibt es hier.

Wir werfen einen Blick in den Trailer, bitte das frankophone Ohr hinhalten:

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Hier geht’s zur untertitelten Version.

Mousse (Isabelle Carré) und Louis (Melvil Poupaud) sind jung, wohlhabend und drogenabhängig. Nach einer Überdosis stirbt Louis. Mousse überlebt und erfährt noch im Krankenhaus von ihrer Schwangerschaft. Mit Methadon im Gepäck entflieht die werdende Mutter der Stadt und bezieht das leerstehende Haus eines Bekannten irgendwo am Meer. Hochschwanger bekommt sie Besuch von Louis’ Bruder Paul (Louis-Ronan Choisy).

Nach einigen Anlaufschwierigkeiten entwickelt sich eine unkonventionelle Beziehung zwischen den beiden. Und wie weitere Filme dieses Festivals spürt auch Le Refuge den Verästelungen zwischen Familie und Individuum nach.

François Ozon zählt zu den Vertretern des Cinéma du Corps /Cinema of the Body und Isabelle Carrés Babybauch spielt quasi eine dritte Hauptrolle. Er wird inszeniert, ästhetisiert und übt magnetische Anziehung auf seine Umgebung aus. Daran nicht ganz unbeteiligt ist natürlich auch die Hauptdarstellerin, die ihrer Rolle mit spröder Lakonie viel Tiefe verleiht.

Und weil der Film in HD gedreht wurde, wirken die Bilder besonders organisch. Davon kann man sich ab dem 2. September auch außerhalb des Filmfests überzeugen lassen. [rating=4]

Den Sänger Louis-Ronan Choisy hat Ozon von der Bühne weggecastet. Das Lied, das sich wie ein Leitmotiv durch den Film zieht, gibt’s hier:

Perpetuum Mobile+++Tetro+++Yo,también

München lässt die Isarmeile warmlaufen, vom 25. Juni bis zum 3. Juli werden über 200 Filme Deutschlandpremiere feiern. Die Augenschmeichler des Festivals gibt es hier!

Perpetuum mobile


¡Viva la independencia!- die Parole der Unabhängigkeit steht in der Reihe der Visiones Latinas vor allem für Filmschaffen abseits von Markt- und Massengeschmack. Den Anfang macht Filmguerilla Nicolás Pereda mit seinem dritten abendfüllenden Spielfilm Perpetuum Mobile (2009)- ein bißchen wie Ken Loach in Mexico City.

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Absolut entschleunigt erzählt der 27-jährige Regisseur von Gabino (Gabino Rodríguez), einem Mitzwanziger der bei seiner meckernden Mama (Teresa Sanchez) einquartiert ist, mit seinem Kumpel Fracisco (Francisco Barreiro) gelegentlich Umzüge organisiert, und ansonsten gerne möglichst energiesparend in den Tag hinein lebt. Während Mama ihre grenzenlose Liebe an den Haustieren auslebt, taucht Sohn Gabino in die Wohnräume und Leben anderer Menschen ein und lässt uns daran teilhaben.

Gerade durch die zeitliche Dehnung der einzelnen Sequenzen kann das Dargestellte eine besondere Qualität entfalten. Unaufgeregten Bildern folgen episodenhafte Ausschnitte, die einer möglichen Langatmigkeit mit Witz und Ironie entgegenwirken. [rating=4]


Tetro


“You know what love is in a family like ours? It’s a quick stab in the heart.”


Vom Indiefilm schwenken wir auf das Internationale Programm. Francis Ford Coppolas neuestes Werk Tetro (2009) läuft in dieser Reihe- seit Der Dialog (1974) der erste Film, zu dem der Altmeister auch das Originaldrehbuch verfasste. Wie so oft, handelt es sich auch bei Tetro um ein Familiendrama, dem von allen Seiten autobiographische Züge nachgesagt werden. Für den Trailer bitte sachte nach unten scrollen.

Der 17-Jährige New Yorker Bennie (Alden Ehrenreich) taucht nach jahrelanger Funkstille bei seinem älteren Halbbruder Angelo (Vincent Gallo) in Bueno Aires auf. Angelo, hat mit der Familie gebrochen, nennt sich jetzt ‘Tetro’ und wird durch Bennies Besuch in ein Leben zurückgeworfen, das er sorgfältig abgepackt und weggesperrt hatte. Genau wie seine schriftstellerischen Ambitionen, die der dominante Vater (Klaus Maria Brandauer als Star-Dirigent) zu ersticken suchte.

Bennie nistet sich also bei Tetro und dessen bezaubernder Freundin Miranda (Maribel Verdú) in deren bohèmer, chargenreicher Enklave ein und entflechtet Stück für Stück das Geheimnis, das auf der Familie lastet.

Die Figuren sind exzellent besetzt: Newcomer Alden Ehrenreich wurde direkt an Tochter Sofia Coppola weitergereicht (Somewhere), Maribel Verdú brilliert in ihrer Rolle als emotionales Bindeglied und Vincent Gallo ist Dynamik pur. Die visuelle Finesse der Kamera (Mihai Malaimare Jr.) mit ihren nuancierten schwarz-weiß Bildern macht Tetro zu einem ästhetischen Filmvergnügen, das lediglich durch die larmoyante Melodramatik gegen Ende getrübt wird. [rating=5]

Und auch beim nächsten Film ist die ‘Welt in Aufruhr’:
Mee too-Wer will schon normal sein?

Liebeskomödien müssen nicht schmalzig und können sehr wohl witzig sein- das beweisen die Regisseure Antonio Naharro und Álvaro Pastor mit Yo, también (Me Too- Wer will schon normal sein), den Trailer gibt’s weiter unten.

Der 34-Jährige Daniel (Pablo Pineda) hat eine ihn liebende Familie, einen Hochschulabschluss und neuerdings auch einen Job. Alles bestens also, wenn er nicht außerdem ein Chromosom zu viel hätte. Aber das Down-Syndrom hindert Daniel nicht daran, sich in seine allseits umgarnte Kollegin Laura (Almodovar-Muse Lola Dueñas) zu verlieben. Die beiden kommen sich näher und werden mehr als nur gute Freunde. Esprit, Humor und eine Ladung Menschlichkeit machen das Sujet nicht nur verdaulich, sondern den Film auch sehr amüsant-ohne rührselig zu werden. Dabei geht es neben der Liebe auch um Normalität und ihre Normativität:

“Teilt uns nicht in zwei Gruppen, die Normalen und die Anormalen! Wir sind genauso gleich und verschieden wie Ihr!” (Pablo Pineda)

Bereits in ihrem Kurzfilm Uno más, uno menos (2002) haben Naharro und Pastor die Freundschaft zwischen einer Journalistin und einem Mädchen mit Down-Syndrom inszeniert. Für ihren ersten abendfüllenden Spielfilm Yo, tambièn konnten sie Pablo Pineda gewinnen, der wie sein Filmcharakter als erster Europäer mit Down-Syndrom einen Hochschulabschluss vorweisen kann.

Die beiden Regisseure werden mit den großartigen Hauptdarstelllern zur Filmfest-Eröffnung am 25. Juni in München sein und ab dem 5. August startet Yo, tambièn deutschlandweit im Kino. [rating=5]

Der fantastische Mr. Fox

Der fantastische Mr. Fox

via filmofilia.com

Endlich wieder Filmfutter vom Meister der Macke, also Mund zu und Augen auf für Wes Andersons Der fantastische Mr. Fox (2009).

Nach der ewigen Rechtebettelei bei Roald Dahls Witwe, konnte Wes Anderson nun endlich mit Co-Autor Noah Baumbach die Stop-Motion Adaption des gleichnamigen Kinderbuchs in die Kinosäle schleusen. Seit dem 13. Mai nun auch hier zu sehen, Zeit für uns in den Trailer zu schnuppern:

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Zum Plot: Obwohl Mr. Fox (George Clooney) seiner Frau (Meryl Streep) versprochen hatte, die Pfoten vom Hühnerstehlen zu lassen, ist er nach 12 Jahren und einem Sohn wieder dabei, die familiäre Speisekammer mit stibitztem Federvieh zu füllen. Irgendwie muss das bürgerliche Fuchsleben ja finanziert werden, und seine Zeitungskolummne liest eh kein Schwein.

Der große Coup steht aber noch bevor: Die Fuchsfamilie zieht aus dem unterirdischen Bau in einen villenartigen Baum- mit direktem Blick auf drei Geflügelfabriken. Ein leichtes Spiel für den gerissenen Mr. Fox, wären die drei Fabrikbesitzer nicht ebenso gemein, wie sie dick, klein und mager sind. Hier kommt noch ein Filmfetzen:

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Mr. Fox bringt also nicht nur die stacheldrahtige Welt der Menschen durcheinander, sondern auch die gesamte Tierwelt in Gefahr. Denn die drei Bauern vom Geflügelfach gieren nach Rache und scheuen weder Geld noch Skrupel.

Aber Wes Anderson wäre nicht er selbst, würde er der Fuchsfamilie nicht seinen gewohnten Touch Exzentrik verleihen. So kämpft der andersgeratene Fuchssohn Ash (Jason Schwartzman), nicht nur um die Anerkennung seines Alphavaters, sondern konkurriert auch mit Cousin Kristofferson (gesprochen von Andersons Bruder Eric), der die Fuchsfamilie durch allgemeine Exzellenz bereichert. Mrs. Fox ist es währenddessen leid, ihren Mann mit dessen Hang zur Gesetzlosigkeit zu teilen.

Zugegeben, trotz des Stop-Motion Charmes wirken die Charaktere manchmal ein wenig flach, auch wenn sich Anderson neben dem gewohnten Ensemble (Owen Wilson als Sportcoach), prominete Sprecher wie Cloney und Streep ins Boot geholt hat.

Dennoch sind die 87 Minuten ein Vergnügen, und nach dem ganzen 3D- Hype, ist dieses Stück Retrofilmkunst allemal sehenswert. Wer anderer Meinung ist, kann sich bei den fünf Filmfreunden Verstärkung holen.

Fazit: Detailverliebtheit und philosophische Knusperchen würzen die formal kindgerechte Story so auf, dass sie auf jeden Fall auch faltigeren Existenzen audiovisuelle Bespaßung bietet. Und allein Willem Dafoes Stimme aus dem Maul einer versoffenen Ratte zu hören, macht den fantastischen Mr. Fox noch um eine Spur fantastischer! [rating=4]

Darf’s ein bisschen mehr sein?

Ab geht’s mit brandheißem Kinofutter und einer visuellen Delikatesse von Haim Tabakman: Einaym Pkuhot- Du sollst nicht lieben (2009).

Eyes wide open

via imdb

Die Titelgebung schmeckt zwar eher nach einem lauen Fernsehfilm mit Bettina Zimmermann, der Inhalt überzeugt aber und ich freue mich gerade wie ein zwiebelnaschender Pavian, dass dieser Film endlich auch deutsche Kinogefilde bespielt, nämlich ab dem 20. Mai!

Man erinnere sich Ang Lees Brokeback Mountain (2005), schiebe die Handlung nun nach Mea Shearim, also ins ultraorthodoxe Viertel von Jerusalem. Die Cowboys sind in dem Fall ein Fleischer und sein Lehrling. Neugierig? Dann ab in den Trailer:

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Zum Plot:

Aaron Fleishman (Zohar Shtrauss) führt ein geregeltes Leben. Gerade hat er die Fleischerei seines verstorbenen Vaters wiedereröffnet, engagiert sich in der Gemeinde und sorgt für Frau und vier Kinder. Doch macht ihn sein Leben glücklich? Er funktioniert lediglich.

Erst durch den Studenten Ezri (Ran Danker), der während eines Unwetters in Aarons Laden nach Unterschlupf und Arbeit sucht, entkommt er der Lethargie seines Alltags.

Eyes wide open

via filmstarts.de


Ezris Andersartigkeit sickert schnell durch die Gemeinde, schneller als Aaron merkt, was in ihm vorgeht. Eine gewisse Spannung an der Fleischtheke ist nicht zu leugnen. Zunächst sieht er in der Versuchung eine Prüfung seines Glaubens.

Wird er widerstehen? Will er? Minimale Mimikdifferenzen in Aarons bärtigem Gesicht lassen erahnen, was in ihm vorgeht. Dass diese Liebelei in der Gemeinde und für Aarons Frau Rivka (Tinkerbell) eine Unmöglichkeit darstellt, ist klar. Wie sich Aaron entscheiden wird, nicht.

Du sollst nicht lieben

via stockholmfilmfestival.se


Im Gegensatz zu Filmen von Eytan Fox wie Yossi & Jagger (2002) oder The Bubble (2006), die sich Tel-Aviv als Kulisse nehmen, lassen die engen Gassen von Mea Shearim kaum Platz für queere Gedanken.

Tabakmans ästhetisierte Bildkompositionen erlauben eine Distanzierung, die den filmischen Realismus entschärft, und das Werk beispielsweise von Trembling before G-d (2001), einem ähnlich verorteten Dokumentarfilm abhebt. Zwar bietet sich der Einsatz von Melodramatik an, aber Tabakman entzieht sich- ohne dabei Nüchternheit zu vermitteln.

Er nimmt sich Zeit. Zeigt, ohne zu polemisieren. Die Bilder, die uns Kameramann Axel Schneppat auf die Augen wirft, wirken reduziert, kraftvoll und einnehmend. Um innere und äußere Konflikte authentisch zu gestalten, hat Tabakman sich von Homosexuellen und Ultraorthodoxen beraten lassen, dazu gibt’s hier ein interessantes Interview.

Fazit: Schöne Bilder, die auch lange nach Filmgenuss im Kopf bleiben und wohlplatzierter Konfliktstoff, der abseits der unmittelbaren Thematik universelle Werte behandelt, ergeben ein sehr sehenswertes Regiedebut, Chapeau! [rating=5]

Les herbes folles

Ab geht’s mit saftigem Filmfutter aus der Presse des Altmeisters Alain Resnais: Les herbes folles -Vorsicht Sehnsucht (2009). Drückt also bitte den frankophilen Schalter sachte runter und folgt mir in einen Film, der sich mit einer Portion Charme und einer Gallone Absurdität gegen jede Erwartungshaltung wehrt!

Les  herbes folles

via orangedoe.wordpress.com

Zum Plot: Zahnärztin Marguerite Muir (Sabine Azéma) kann aufgrund ihrer leicht deformierten Füße nur in einem bestimmten Geschäft in Paris Schuhe kaufen. Doch nach erfolgreicher Fußversorgung wird ihre Handtasche gestohlen. Georges Palet (André Dussolier) findet Marguerites Portemonnaie in einer Tiefgarage.

Er beginnt, sich eine Welt rund um ihre Existenz zu spinnen, betrachtet ihre Fotos, begutachtet ihren Pilotenschein und ruft sie vergeblich an. Schließlich gibt er das kostbare Fundstück wehmütig auf dem Polizeirevier ab.

Als sich Marguerite unverbindlich bei Georges meldet, um ihm zu danken, beginnt ein bizarrer Stalk-Wettbewerb zwischen den beiden. Dabei werden sie von Georges Frau, der Polizei und Marguerites Kollegin  mal ausgebremst, dann wieder angetrieben. Neugierig? Ab in den Trailer:

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Dieser Film fängt irgendwo vor dem Anfang an und hört definitiv nach dem Ende auf. Voller Verve inszeniert Resnais seine Charaktere. Mit ihrer Präsens schaffen sie es, uns zu vereinnahmen. Wir bleiben bei ihnen, selbst wenn die Erzählstruktur uns Fragezeichen in die Hirnrinde wirft.

Uns eröffnet sich ein ästhetischer Wildwuchs an hochgezüchteten Erwartungen, unhaltbaren Projektionen und großen Enttäuschungen. Es geht um verlebte Möglichkeiten und mögliche Illusionen, die sich all in ein großes “Was wäre, wenn…?” verknoten.

Les herbes folles

via lesherbesfolles-lefilm.com

Fazit: Les herbes folles ist ein cinéastischer Zaubergarten und mit Sicherheit kein filmisches Unkraut. Hier wuchert die Fantasie eines Meisters. Anschauen und überraschen lassen!

Ab 22.04. im Kino.

[rating=5]

A Single Man +++ The Blind Side +++ Legion

Filmisch ist heut so ziemlich alles dabei. Wir beginnen mit Tom Fords Designerstück A Single Man, im zweiten Gang folgt das Bullock-haltige Rührstück The Blinde Side und verfeinert wird das Menü von Legion, einem abgetrashten SF-Miststück. Filmhunger? Na dann Mund zu und Augen auf!


A Single Man

Wer glaubt, dass A Single Man (2009) Tom Fords Adaptation einer Novelle von Christopher Isherwood, lediglich aus 101 Minuten Dauerwerbung für seine neuste Kollektion besteht, der hat zwar nicht ganz unrecht (Firth trägt natürlich Ford), wird aber sehen, dass der gute Tom sich mit seinem ersten Filmversuch durchaus sehen lassen kann, sehr sogar. Zurück in die 60er und ab in den Trailer:

Zum Plot:

Wir sehen einen Tag im Leben eines Mannes, dessen Herz bitter am Tod seines Lebensgefährten zerbrochen ist. Zutiefst tragisch, oft tiefgründig aber immer exzellent gekleidet wandelt George (Colin Firth) durch diesen Tag, der vielleicht sein letzter sein wird. Er steht auf, geht an die Universität um zu unterrichten, leert später sein Bankschließfach und holt sich Munition für die Waffe, mit der er sich aus seinem Elend schießen will.

Kann seine beste Freundin und ehemalige Geliebte Charley (Juliane Moore) ihn von einer gemeinsamen Zukunft überzeugen? Oder wird Kenny (Nicholas Hoult), ein penetranter und lebenshungriger Student mit häßlichem rosa Mohairpullover ihn zurück in die Gegenwart holen? Ab 8. April wissen wir mehr. Bis dahin kann man sich hier Appetit holen.

Fazit: Ein ästhetisches und gehaltvolles Zuckerschlecken.[rating=4]

Wie versprochen, kommt hier Nachschlag aus einer anderen Ecke, The Blind Side (2009) ist ab 25. März im Kino und John Lee Hancocks Verfilmung einer realen Geschichte.

The Blind Side

via filmstarts.de

Sie handelt von Michael Oher (Quinton Aaron), einem afroamerikanischen Jungen, der aus elenden Verhältnissen in den Schoß einer großzügigen weißen Vielverdienerfamilie aufgenommen wird, um sich vom tumben Sorgenkind zum Profi-Footballspieler zu entwickeln. Insgesamt läuft die Erfolgsstory linear vor sich hin, stolpert an einem kleinen Twist und bleibt sowohl inhaltlich als auch filmisch auf der konservativen Seite. Rein in den Trailer:

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Fazit: Der Geruch von Kitsch liegt in der Luft. Besonders hübsch ist eine Szene, in der Übermutti-Bullock dem bulligen Pflegeobjekt aus einem Kinderbuch vorliest, dass einem der Magen rumort. Selbst wenn sich das Ganze an eine wahre Geschichte anlehnt, fragt man sich, wieso sämtliche Klischees bis zum Zerbersten bedient werden müssen. Wer nach einem ordentlichen Verriss giert, kann sich bei den fünf Filmfreunden bedienen.[rating=2]

Was jetzt kommt ist absolut nicht arthausig, sondern eine ordentliche Ladung trashiger SF-Endzeitstimmung. Manchmal kann ein übler Film unglaublich amüsant sein, so auch Legion (2010) von Scott Stewart, seit 18. März im Kino.

Legion

via moviepilot

Zum Plot: Gott glaubt nicht mehr an die Menschheit und schickt seine Engel aus, um die Welt zu bereinigen. Erzengel Michael (Paul Bettany) ist der einzige, der noch Hoffnung sieht. Großzügig bewaffnet macht er sich auf, um eine kleine Gruppe zufällig zusammengewürfelter Opfer an einer Tankstelle inmitten der Mohave Wüste vor der Apokalypse zu bewahren.

Unter ihnen ist auch die hochschwangere Charlie (Adrianne Palicki), deren Kind die Rettung der Menschheit darstellt. Ziel ist es nun, dass dem Ungeborenen nichts geschieht. Doch das erweist sich als reichlich schwierig, denn die zum Bösen mutierten Engel haben Hunger und gieren nach Menschenfleisch.

Schnell in den Trailer:

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Fazit: Spätestens nachdem die fleischlustige Oma die Szenierie betritt, kann man das Zucken im Zwerchfell nicht zurückhalten, will man ja auch nicht. Erwartet also dämliche Dialoge, ungeplante Homoerotik, Löcher in der Logik und ein gelungenes Miststück von einem schlechten Film![rating=2]

Leben und sterben lassen

Un Prophète – Ein Prophet (F/I 2009. Jacques Audiard)

Wir ihr vielleicht schon gemerkt habt, haben wir einen feinen Bogen um die Goldmännchenverleihung vom vergangenen Sonntag gemacht.

Am Donnerstag läuft nun ein Film an, der neben Michael Hanekes Kindergeschichte, in der Kategorie bester ausländischer Film nominiert war. Gewonnen hat zwar der argentinische El secreto de sus ojos von Juan José Campanella, wir wenden den Blick aber dennoch Richtung Frankreich.

Also Mund zu und Augen auf für Un Prophète, Jacques Audiards gesunder Mischung aus Coming of Age- Story, Gefängnisdrama und Gangsterstreifen. Trailer? Bitteschön:

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Zum Plot:

Als der 18- jährige, marokkanisch-stämmige Malik (Tahar Rahim) wegen Tätlichkeiten gegenüber Polizisten zu sechs Jahren Haft verurteilt wird, kann er weder lesen noch schreiben und wirkt auf den ersten Blick eher so, als würden zwei Affen in seinem Kopf Ball spielen. Als er nach dem “Bildungsurlaub” wieder rauskommt, hat hat er mehrere Menschen auf dem Gewissen, sowas wie einen Schnurrbart im Gesicht und kann sogar korsisch.

Alles fängt damit an, dass er sich entscheiden muss. Will er überleben, muss er der Korsenmafia zuarbeiten, die sich wie ein Pilzgeflecht durch die gesamte Gefängnisstruktur zu ziehen scheint. Das bedeutet zunächst, dass er seinen arabischen Knastnachbarn mit einer Rasierklinge aus dem Weg räumen muss, weil dieser den korsischen Gefängnispaten César Luciani (Niels Arestrup) verärgert hat. Die passende Mordchoreographie ist Lektion Nummer eins. Dass die Wächter mitspielen, Lektion Nummer zwei.

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Nach seiner Feuertaufe wird er Césars Laufbursche. Er arbeitet sich langsam hoch und lernt die Regeln des komplexen Machtgefüges kennen, nach denen er funktionieren kann. Für die Araber ist er der übergelaufene Korse, für die Korsen der ewige Araber. Er selbst sieht sich auf keiner der beiden Seiten. Für uns bleibt er ein Fremder.

Martin Scorseses The Departed oder Goodfellas zwinkern uns zu und Coppolas Pate ist sowieso allgegenwärtig, allerdings in einer abgekühlten und entromantisierten Form. Dennoch bleibt Audiard bei seiner Geschichte. Er reichert sie mit ein wenig Mystik und exzellenten Schauspielern an und serviert uns brutale, sozialkritische und vielschichtige Filmkost.

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Fazit:

Un Prophète liefert 150 Minuten dichte Einblicke in den Aufstieg eines Mannes, der sich zur falschen Zeit am falschen Ort befindet und alles irgendwie richtig macht. Ab 11.03. im Kino.

[rating=4]

Synecdoche, New York

Ab geht’s mit neuem und wiederentdecktem Filmfutter, heute mit einem besonders delikaten Prachthappen von Charlie Kaufman.

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Synecdoche, New York (2008) ist irgendwo jenseits von Massengeschmack und Multiplex anzusiedeln, musste daher leider die deutschen Leinwände auslassen und ist seit dem 26. November 2009 auf DVD erhältlich.

Was passiert, wenn sich der Drehbuchautor von Being John Malkowich (1999) und Eternal Sunshine of the Spotless Mind (2004) nun in den Regiestuhl wagt?

Flirrende, tieftraurige und hochtrabend amüsante Bilder; und das 24 Mal pro Sekunde. Ab in den Trailer:

http://www.dailymotion.com/videox6soiq

Zum Plot: An dieser Stelle bitte ich, das Wort Cotard durch die Suchmaschiene eurer Wahl zu jagen. Fertig?

Was kommt dabei raus, wenn Caden Cotard (Philip Seymour Hoffmann), ein krankhaft kranker Theaterregisseur, Vater einer 4 -Jährigen, Ehemann einer Künstlerin (Catherine Keener) und wohnhaft in New Yorks Suburbia seinen Beruf zur Berufung macht? Entweder grandioses Scheitern oder groteskte Genialität. Vielleicht auch beides.

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Wir begleiten Caden Cotard ab seinem 40. Lebensjahr. Seine Frau Adele ist Künstlerin, folgt einem vielversprechenden Ruf nach Berlin, wird berühmt und unerreichbar. Caden wird seine Tochter Olive (Sadie Goldstein) erst  wiedersehen, wenn sie erwachsen geworden, am ganzen Körper tätowiert auf dem Sterbebett liegt. Er wird sich in seine Mitarbeiterin Hazel (Samantha Morton) verlieben, und es erst merken, wenn sie bereits fremdverheiratet ist. Er wird verpustelt und verwarzt sein, mal blau und mal braun urinieren, postkoitale Heulattacken und permanente Todesangst haben. Trotz organischer Exzentrik wird er viele Frauen anziehen.

Er wird erneut eine 4-jährige Tochter haben, diesmal mit Claire (Michelle Williams), einer der Schauspielerinnen seines Ensembles. Er wird auch diese neue Familie verlassen, um irgendwann zurückzukehren und selbst verlassen zu werden. Irgendwo dazwischen wird er ein Theaterstipendium bekommen, um etwas Großes zu erschaffen.

Caden Cotard wird in einer New Yorker Lagerhalle New York nachbauen, um sein Leben von tausenden Schauspielern nachstellen, variieren und reflektieren zu lassen. Die Grenzen von Realität und Theater werden überschritten und überschrieben werden. Es wird das größte Stück seines Lebens werden. Ob es jemals aufgeführt wird?

Wahrscheinlich nicht. Aber wenn wir Synecdoche, New York sehen und uns fragen, wo dieses große Ganze uns hineinzieht, können wir ein kleines Stück von Charlie Kaufmans Welt sehen. Und die ist verdammt faszinierend. Mehr zum Film und zur Bedeutung des Titels gibt’s hier.

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Fazit: Synecdoche, New York ist ein Film, bei dem loderndes Feuer zur Einrichtung gehört und Zeit sich jeglicher Messbarkeit entzieht. Ein Film, den man beim ersten Mal nicht vollends begreift, um beim zweiten Mal noch immer einige Fragezeichen in der Hirnrinde zu beherbergen. Er bringt einen zum Lachen, wenn man eigentlich weinen will und kratzt an der Patina unserer Sehgewohnheiten, um eine schillernde Schicht wahren Filmgenusses zu enthüllen. Sättigung nicht in Sicht.

[rating=6]