Tag Archives: Kunst

Kunsthappen

Marcel the Shell

Ich war Fischen und hab für euch eine kleine Muschel aus dem Vimeo-Meer gezogen: Marcel the Shell. Sein Erzeuger nennt sich Dean Fleischer-Camp und die zuckersüße Muschelstimme stammt aus dem Mund von Jenny Slate. Bitte zurücklehnen und bemuscheln lassen:

vimeo direktmarcel
Kunsthappen Webgestöber

Licht aus dem Wasserhahn

Mund zu und Augen auf für Organisches aus dem Kunst- und Designkosmos!

Den Anfang machen diese charmanten LED-Lichtinstallationen aus recycelten Rohren, handgefertigten Glühbirnen und gefundenen Objekten. Die Liquid Lights unterstützen das zero footprint movement und sehen außerdem sehr organisch aus:

Liquid Light
Liquid Light


via BuzzFeed/thesteampunkhome

Die niederländische Künstlerin Marianne Lammersen hat sich ebenfalls mit den organischen Verflechtungen von Natur und Technik auseinandergesetzt – zu sehen in Dynamic Stills :


Gesehen auf der st-art 2009 in Strasbourg, mehr von Marianne Lammersen findet ihr beim Sandberg Berlin Project.

Kiezgeflüster Kunsthappen

“Woanders ist auch schlecht!?”

Mund zu und Augen auf für Urban Contemporary Art abseits von Banksy.

Die Galeria Autonomica aus Wetzlar bespielt am 24. Juli  das Foyer der alten Kongresshalle mit einer temporären Gruppenausstellung.


Galeria Autonomica


Die bewusste Auseinandersetzung mit der Vergänglichkeit von Street-Art im Kontext von Urbanität soll wieder in den Mittelpunkt der am Mainstream kratzenden urbanen Kunst gerückt werden.

Wie wirkt sich die potenzielle Kurzlebigkeit auf den Entstehungsprozess der Werke aus? Wie und worin manifestiert sich das latente Risiko des Bald- nicht- mehr- Seins?

Zu sehen gibt es Illustrationen, Malerei, Installation und Mixed-Media- Erzeugnisse, deren philosphischen Kern man bei Bedarf mit einer gediegenen Flasche Gustl oder Biobrause magenfreundlich machen kann.


Christian Minke, Safety First, 2009

Mit dabei beim 12-stündigen Kunstquickie sind diesmal Pisa73 [Superplan/CTink] // Berlin, Base23 [Superplan] // Berlin, Beastiestylez // München, The Conestruction Inc. [Cone] // Saarbrücken, Veronika C. Dräxler // München, Czarnobyl // Berlin, Emess [ATM] // Berlin, Pabo [Superplan] // Berlin, Eliot [BK/AFM] // Berlin, mK [Südlibanesengang] // Fulda, Hate one [DAT] // Gießen, Preston Spurlock // New York, Mr. Jones // München, Johannes König // München

Für einen Eindruck, bitte den Flickr-Knopf oben rechts betätigen.

Hier kommen die Koordinaten:

Wann: Vernissage am Samstag den 24.07.2010 ab 12 Uhr

Ort: Foyer Alte Kongresshalle
Straße: Teresienhöhe 15
U4/U5 – Schwanthalerhöhe

Aftershowparty: ab 22:00 Uhr

Kunsthappen Trash

Splatter-Kitsch und organische Möbel

Was passiert, wenn Jeff Koons auf George A. Romero trifft? Dieser Frage scheint die britische Künstlerin Jessica Harrison mit ihren kitschigen Splatter-Porzellanpüppchen nachgegangen zu sein. So sieht das dann aus:

Jessica Harrison

Maria 2010,  jessicaharrison.co.uk via nerdcore

Gemütlich und ein bisschen weiter bauchnabelabwärts geht es hier zu:



Jessica Harrison

jessicaharrison.co.uk, Armchair 2009, mixed media


A synonym of our model of understanding, the work is an attempt to dissect and understand the bodily surface, reflecting our own shifting surface and a cultural quest to cut into that surface to increase knowledge. Fragile anatomies caught in limbo, silenced, blinded, swaddled, the work describes our urge to cut, to compare, to construct. (Jessica Harrison)


Mehr davon findet ihr hier.

Kunsthappen

BIG BANG BIG BOOM

Eine Art Evolutionsgraffitologie – oder nach BLU

“an unscientific point of view on the beginning and evolution of life … and how it could probably end.”

via rebel:art

Kunsthappen

Die personifizierte Grenzerfahrung- Marina Abramović im MoMA

Mund zu und Augen auf für Perfomance-Künstlerin Marina Abramović, die jüngst im New Yorker MoMA einige von 1565 kunsthungrigen Augenpaaren zu Tränen rührte.

Marina Abramovic-The Artist is Present

Foto: © 2010 Marco Anelli via MoMA

Im Rahmen ihrer Retrospektive vom 14. März bis zum 31. Mai, konnte man Marina Abramović gegenübersitzen und sich von ihrer Wirkung beeinflussen lassen. Insgesamt 736 Stunden und 30 Minuten lang war die polarisierende Künstlerin präsent.

Bei art-magazin findet ihr einen Überblick über die obskuren, dramatischen und bescheuerten Vorfälle, die sich während der Auststellung mit dem programmatischen Titel The Artist is Present ereigneten. Hier gibt’s ein Interview und da mehr zu Hintergrund und vergangenen Performances.

Neugierig? Dann ab in den Webcam-Zusammenschnitt:

via

Wer Lust hat, kann sich hier durch die Masse der Besuchervisagen wühlen oder auf Marina Abramovic Made Me Cry eine Auswahl verweinter Gesichter begutachten.

Howard Silver hat vor The Artist is Present mit Marina Abramović über ihr Œvre gesprochen. Entstanden ist eine Webdoku, die man hier sehen kann.

Warum Kunst kein Geschlecht hat, was körperliche Grenzerfahrungen bedeuten und noch viel mehr erfahrt ihr außerdem in folgendem aspekte-Interview:

YouTube Preview Image

via

Und zum Schluss :

In vielen feministischen Ausstellungen verstecken sich schlechte Künstlerinnen hinter drei guten Namen. Viele Frauen sind nicht bereit, für die Kunst Opfer zu bringen. Sie opfern mehr dafür, Kinder zu haben. Man verfügt nun mal nicht über genug Energie, um alles zu vereinen. [...] Ganz unter uns: Mir gehen Kinder auf die Nerven.

Interview mit art-magazin

Und weil sie außerdem absolut gegen Drogen ist, hab ich mal den bloginternen Algorythmus angeschmissen, um Marina Abramovićs Erzfeind ausfindig zu machen. Das Ergebnis:


Ardi Rizal

via recentissuetoday.com

Kiezgeflüster Kunsthappen

STROKE.02- Impressionen

Achtung, es wird wieder urban und artsy in München- Stroke.02 geht in die nächste Runde, also Mund zu und Augen auf!

Live-Painting_herakut@Stroke.02

herakut via flickr

Vom 27. bis zum 30. Mai bespielen mehr als 55 internationale Künstler mit über 1 000 Werken das Gelände der Ex-Landeszentralbank am Tucherpark. Von Filmvorführung, Live- Painting und Graffiti, über analoge Fotografie und Tortenmalerei bis hin zu gestrikten Geschlechtsteilen, aufgespießtem Geflügel und LEGO – die Berliner Veranstalter Marco und Raiko Schwalbe (INTOXICATED DEMONS) haben das alte Bankgebäude zusammen mit dem Münchner Team From Hell zu einer bunten Kunst-und Partyanlage gepimpt.

Ich hab mich durch den 10.000 qm- Dschungel der Urban Art gekämpft und ein paar Impressionen mitgenommen.

Wir fangen sozialkritisch an und werfen einen Blick auf die ATM Gallery:

Emess, ATM Galery

Emess, ATM Gallery 2010 via flickr

Ziel der ATM Gallery ist es, ihre Künstler aus der Peripherie des Außenraums ins Zentrum des Bewusstseins zu rücken. Die Eingliederung ins Ausstellungssystem ist für einige Urban Artists eine Grenze, die sie nicht überschreiten wollen. Andererseits können Botschaften, die im öffentlichen Raum sonst undekodiert blieben, durch räumliche Verortung fruchtbar gemacht werden.

Wie auf der Stroke.01, kommt man beim Stichwort “Gesellschaftskritik” an der Münchner Street-Art-Größe Skore 183 nicht vorbei- will man ja auch nicht:

Skore 183, Wallstreet Suite, 2010

Skore 183, “Wallstreet Suite” 2010 via flickr

Nachschlag kann man sich in ganz München und bis zum 10. Juni in der Galerie artThiess holen. Ebenso beeindruckend sind die Materialarbeiten von Torsten Mühlbach, zusammengetackert aus internationalen Mülltüten:

Torsten Mühlbach, Superdeath, Materialbild, Internationale Mülltüten, 2009

Torsten Mühlbach”Superdeath”2009 via flickr

Was dem Kind sein Spinat ist dem urbanen Künstler seine Stroke. Sie soll den vermeintlich marktfernen Ausfluss der Subkultur fit für den großen Kunstmarkt machen. Und wie Spinat, polarisiert auch die Stroke. Einige genießen die Plattform zur lukrativen Selbstdarstellung, andere ziehen eher widerwillig mit und murren gegen die kommerzielle Polung der Messe. Trotzdem: Wenn zu Feierabend ein paar Werke verkauft sind, freut sich jeder. In einem Bild:

Die Straße ist auch morgen noch meine Galerie, ATM Galery

via flickr

oder auch ganz pragmatisch:

Shirts 20 €

via flickr

Die Hot Cheese Crew gibt allen Fernsehkindern und Zöglingen der Masters of the Universe ein zeitgenössisches Stilleben:


Hot Cheese Crew


via flickr

Faszinierend sind die Arbeiten der Künstler Maximilian Geuter und Rafael Gerlach, vertreten von firstlines. Sie haben der Natur organische Fremdkörper eingesetzt- wie harmonisch das wirkt, seht ihr hier:

GerlachGeuter Waldinszenierungen

GerlachGeuter

GerlachGeuter 01, 2010

GerlachGeuter aus der Serie “Waldinszenierungen”, 2010 via flickr

Sex schreit nach wie vor aus vielen Ecken, vielleicht nicht ganz so schrill wie sonst: Während einige Künstler immer noch Gefallen an orgiastischen Motiven mit viel prallem Fleisch finden, schieben die wenigen Künstlerinnen oft Geschlechterdifferenzen in den Bildmittelpunkt.

Ebenfalls organisch und fleischlustig zerrt Ben Wittner von xhoch4 mit seinem City Chicken an den Grenzen der Tierliebe. “Kunst zur Verbesserung der Menschheit” kann so aussehen:

Ben Wittner, City Chicken, xhoch4

Ben Wittner, City Chicken, xhoch4

Ben Wittner, City Chicken 2010 via flickr

Seit der Stroke.01 im Oktober 2009 hat sich einiges geändert. Alles ist größer, der Mietpreis pro Ausstellungsquadratmeter um ein Vielfaches teurer geworden und Sicherheitsleute stehen an jeder Ecke. Das trieft vor Ironie, wenn man bedenkt, dass viele Urban Artists nur zögerlich aus dem Schatten der Illegalität hervortreten und ihre Pseudonyme fallen lassen.

Passend geht es weiter mit den sympathischen Jungs der Galeria Autonomica aus Wetzlar und einem larmoyanten Zwinkern Richtung Kunstmarkt:

Christian Minke, Safety First, 2009

Christian Minke, Safety First, 2009 via flickr

Galeria Autonomica

Galeria Autonomica, via flickr

Wenn Lebensmittelfarbe und Dekadenz sich vereinen, sieht das ein wenig nach Chemielabor aus. Das neue Café Kubitscheck hat sich mit dem wohlklingenden Motto “Fuck the Backmischung” per Online-Aufruf einen Tortendesigner gesucht- und natürlich gefunden. Das Ergebnis? Bitteschön:

A Torten T by Café Kubitscheck

A Torten T by Café Kubitscheck

via flickr

An Stroke.01 konnte man sich schon wund sehen. Das aktuelle Areal ist um einige Stockwerke und Nebenschauplätze größer, was sich dementsprechend auf  Zeitplanung und Bindehaut auswirkt. Zwar stehen sich Qualität und Quantität hier wenig im Weg, doch gelegentlich zwickt einen das Gefühl, Zeuge redundanter Reproduktionen zu sein. Weichgespülte Gesellschaftskritik, die sich dem Markt anbiedert, ist aber nicht nur ein Problem der Urban Art.


Mongomania

Stroke.02

Stroke.02

Stroke.02

LEGO PLAYGROUND

Wir schweifen kurz ab, weil ich beim Thema LEGO noch dringend Christoph Niemann erwähnen muss, der aus den beliebten Plastikklötzchen inspirierend minimalistische Gedankengerüste baut, nämlich hier.

Und über Brasilien geht’s zurück nach München, wo wir einen Blick auf die Arbeit von Graffitigröße Claudio Ethos werfen, der für die Stroke.02 eingeflogen wurde:

via stroke.02

Zum Schluss noch zwei Bonbons: Wie im letzten Jahr waren auch diesmal die Künstler vom Castle Magazine vor Ort, mehr dazu gibt’s hier.

Während alle anderen ins Internetz abwandern, schalten die Jungs und Mädels vom Fotomagazin Der Greif auf analog und feiern die ästhetische Vereinigung von Fotografie, Literatur und Design. Das Ganze klingt so regressiv und ist dabei so charmant, dass es schon wieder Zukunft haben könnte!

Der Greif

via Der Greif

Und wie geht es für die weltweit erste Messe für Urban Art weiter? Die Stroke.03 verlässt München und findet vom 7. – 10. Oktober 2010 in Berlin statt. In diesem Sinne:

Orgasm Fight Club

gesehen bei luis de dios

Kunsthappen Webgestöber

Wie anal darf es sein?

Hier wird der fein überladene Kunstmarkt semisäuberlich durchwühlt, einige beachtenswerte Prachstücke werden aufgegriffen und sinngerecht portioniert. Also Mund zu, Augen auf!

Wie anal darf Kunst eigentlich sein? Das niederländische Künstlerkollektiv Atelier van Lieshout bewegt sich an der Bruchlinie zwischen Ästhetik und Nützlichkeit. Bis zum 2. Mai kann man die organischen Skulpuren der Künstler auf dem Außengelände des MUMOK in Wien begehen. Nebst der obigen BarRectum (2005), kann man sich dort auch in einen großzügig dimensionierten Damentorso namens Bikinibar (2006) und Darwin (2008), ein dunkelblaues Spermium, hineinfühlen. Hier eine kleine Einführung:

BarRectum, Arsch Bar, Asshole Bar, Bar Anus. While the translations sound different, the form is universally recognizable. The bar takes its shape from the human digestive system: starting with the tongue, continuing to the stomach, moving through the small and the large intestines and exiting through the anus. While BarRectum is anatomically correct, the last part of the large intestine has been inflated to a humongous size to hold as many drinking customers at the bar as possible. The anus itself is part of a large door that doubles as an emergency exit.

via ateliervanlieshout.com


Also, wer die Kombination aus Alkohol und Anus anregend findet, weiß wohin er gehen muss! Zum Rahmenprogramm gehört außerdem
die Installation

„Anal Reactions 2.0.: Man vs. Woman“ von Jana Herwig a.k.a. digiom, BIKUM/quartier21:

YouTube Preview Image

Die Installation bewegt sich im Windschatten eines Internetphänomens: Ein
unaussprechlicher Trailer gerät in die Social Web-Zirkulation und taucht invisibilisiert
in Formvon Reaktionsvideos und somatischen Experimentalsituationen
wieder auf, in die Freundinnen ihre Freundinnen, Freunde ihre Freunde
versetzen und immer live mitfilmen.

via MUMOk


Zum Abschluss entzückt uns Devendra Banhart mit dem melodischen Baby aus den Tiefen von Analistan:

via jetzt.de

Kunsthappen

50 Jahre Malerei von Ed Ruscha

Im Kunsthappen wird der überladene Kunstmarkt semi-säuberlich durchwühlt und Schmackhaftes sinngerecht portioniert. Also Mund zu und Augen auf!

Vitamin C für ästhetische Geschmacksknospen: In einer umfangreichen Retrospektive präsentiert das Haus der Kunst vom 12. Februar bis zum 02. Mai 2010 visuelle Delikatessen von Ed Ruscha.

Wenn Ed Ruscha (geb. 1937) seine Bildsprache erklärt, fühlt man sich in die eigene Kindheit zurückversetzt. Buchstaben und Wörter vor dem Hintergrund einer Panoramalandschaft erinnern an lange Autofahrten, auf denen sich Orte mit Wortfetzen von Plakaten mischen und eine ganz eigene, spontane Wirkung entfalten.

Ed Ruscha,OOF (1962-1963) Photograph: Courtesy of the artist, the Hayward Gallery and the Museum of Modern Art, New York

Ed Ruscha, OOF (1962-1963), Photograph: Courtesy of the artist, the Hayward Gallery and the Museum of Modern Art, New York,© Ed Ruscha, 2010, Foto: Paul Ruscha

Hier gib’t einen kleinen Hörbrocken zum Bild.

Wo scheinbare Oberflächlichkeit so plakativ unterwandert, mit kruder Leichtigkeit aus dem Kontext gerissen wird, entsteht Lärm, den zu sehen es sich lohnt.

The visual noise of words crammed into commercial magazines and newspapers cried out to have art made of it. I just obliged. Ed Ruscha

Den Nährboden für die nüchterne Highwayromantik, die in vielen seiner Werke nachhallt, bildeten zahlreiche Roadtrips und Trampingtouren queer durch die Staaten. Einige führten von Oklahoma nach Los Angeles. Andere nach Mexico City und über die Route 66 der 50er und 60er Jahre. Vor seiner Künstlerkarriere war Ed Ruscha Comic- und Werbezeichner.  Doch abseits von Pop-Art, strahlen viele seiner Bilder dunkle, fast prophetische Mystik aus. Wieder andere sprühen vor bissigem Humor. Folgendes Bild zeigt das lodernde Los Angeles County Museum of Art.

Ed Ruscha, Los Angeles County Museum on Fire, 1965-1968

Ed Ruscha, Los Angeles County Museum on Fire, 1965-1968, Courtesy Hirshhorn Museum and Sculpture Garden, Smithsonian Institution, © Ed Ruscha, 2009, Photography: Paul Ruscha

Innerhalb der fünf Jahrzehnte seines Schaffens experimentierte Ruscha auch mit organischer Materie, nutzte u.a. Eidotter, Blut, Moiré und Schellack auf Satin, wie hier:

Ed Ruscha, It's Only Vanishing Cream, 1973

Und manchmal, so der Künstler auf einem Vortrag in München, enstünden Bilder auch einfach nur aus dem Wunsch heraus, irgendwann einen Buchrücken damit zu schmücken, so wie dieses hier:
Ed Ruscha,An Exhibition of Gasoline Powered Engines, 1993

Ed Ruscha, An Exhibition of Gasoline Powered Engines, 1993,© Ed Ruscha, Foto: Paul Ruscha

Die Werkschau zeigt auch Ruschas Silhouettenbilder, durch die er Mitter der 80er Jahre seine kreative Bandbreite erweiterte und Arbeiten aus seinem “Course of Empire”- Zyklus, die erstmals 2005 auf der 51. Biennale von Venedig zu sehen waren.

Wer webstöbern will, klicke bitte hier, Hörenswertes auf die Ohren stellt Bayern2 zur Verfügung.

Akute Lust, dem Echo des Meisters offline nachzugehen?

Haus der Kunst,
Prinzregentenstr. 1,
80538 München

Öffnungszeiten:

Montag bis Sonntag 10-20 Uhr
Donnerstag 10-22 Uhr
Eintritt 10/ erm. 7 €
Kunsthappen

Die Ästhetik des Wahnsinns

Hier wird der fein überladene Kunstmarkt semi-säuberlich durchwühlt. Also Mund zu und Augen auf für abseitige Schönheit.

Middletown State Hospital, NY

Middletown State Hospital, NY

Die meisten Menschen haben ihr Bild von Irrenanstalten aus Filmen wie Einer flog übers Kuckucksnest, Girl Interrupted oder auch I’m a Cyborg, But That’s OK . Für viele von uns wird dieses Bild auch in Zukunft seine Mittelbarkeit nicht verlieren. Zum Glück gibt es Fotografen, wie Christopher Payne, die für uns die Grenzen des Wahnsinns überschreiten. In seinem Bildband Asylum: Inside the Closed World of State Mental Hospitals hielt er das fest, was andere von der Außenwelt isoliert. Was dabei herausgekommen ist, seht ihr hier:

Straightjacket, Logansport State Hospital, Indiana

Files, Spring Grove State Hospital, MD

Dabei widmet er sich seinen Motiven mit Respekt und einem Sinn für ihre gesellschaftliche Funktionalität, anstatt gängige Horrorvisionen zu bedienen.  Doch beim Anblick dieser schrägen Schönheit, geprägt von baulicher und geistiger Verwesung, reckt sich das ein oder andere Nackenhaar sicherlich in die Vertikale.

Dormitory Ward, Harlem Valley State Hospital, NY

Payne besuchte 70 von insgesamt über 250 US-Anstalten zwischen 2002 und 2008 und streifte hierbei durch 30 Staaten.

Bowling Shoes, Rockland State Hospital, NY

Patient Suitcases, Bolivar State Hospital, TN

Da viele dieser Institutionen schon nicht mehr existieren, sind Christopher Paynes Fotos die letzten offiziellen Relikte aus einer Zeit, in der sie belebt und gebraucht wurden. Payne will vor allem die Schutz- und Gesellschaftsfunktion der Einrichtungen in den Vordergrund rücken. Oder wie Dr. Oliver Sacks kongenial in seinem Essay The Lost Virtues of the Asylum schreibt : “where one could be both mad and safe”.

Typical ward, Kankakee SH, IL 2008

Schon Beaudelaire wusste: Le beau est toujours bizarre.

Patient Bathtub, Fairfield State Hospital, CT

Patient Toothbrushes, Hudson River State Hospital

Wer Lust auf mehr bekommen hat Asylum: Inside the Closed World of State Mental Hospitals ist im September 2009 im MIT Press Verlag mit einem Vorwort und Essays von Dr. Oliver Sacks erschienen und kostet ca. 29,99 €.

Kiezgeflüster Kunsthappen

STROKE.01 – Impressionen

Hier wird der fein überladene Kunstmarkt semisäuberlich durchwühlt. Diesmal gehen wir der Frage nach, was Subkultur mit einem bayerischen Autohersteller gemeinsam hat oder auch: Impressionen von STROKE.01, der ersten Urban Art Fair Europas in München, die vom 29.-31.10.2009 in einer alten BMW- Niederlassung stattgefunden hat. Wem Kunst im Tresor im Mai 2009 feuchte Augen verschaffte, der konnte hier ebenfalls mit optischer Ekstase rechnen.Weil mehr als 15 internationale Galerien teilgenommen haben, gibt’s hier nur eine subjektive Auswahl an organischen Leckereien.

Bei artnet und auf kunstmarkt.com findet ihr weitere Eindrücke.

Kunst und Kommerz, geht das zusammen, gerade jetzt? Urban Art gehört doch eigentlich auf die Straße und zeichnet sich dadurch aus, dass sie das System anprangert, statt kopfnickend mitzumachen.

Aber vielleicht ist manchmal Mitmachen auch eine Art, zum Nachdenken anzuregen. Vielleicht kann man als Künstler hier Menschen ansprechen, die man sonst nicht erreicht hätte und umgekehrt hat man als Kunstkonsument Gelegenheit, sich ein Bild vom Produzenten zu machen. Denn auf den großen Kunstmessen können sich diese meist im semi-profitablen Bereich arbeitenden Galerien und Projekte oft (noch) keine Präsens leisten.

Also Mund zu und Augen auf!

skore183Einen politischen Anfang macht hier skore183 der mit dem Projekt street-alphabet anwesend war. Die Botschaft steht im Zentrum des Münchner Graffiti-Künstlers.

Dass er es ernst meint merkt man, wenn man ihn reden hört. Hier geht’s zu seinem blog.

Wer an kritische Urban Art denkt, kommt an einem nicht vorbei. Banksy‘s Echo schallt nach. Sein Einfluss triefte auch bei STROKE.01 aus vielen Ecken.Ähnliches konnte man bei Galeria Autonomica beobachten:

Christian Minke Kettensegen Tatjana Trölfzehn, Foto: dontpanicitsorganic

Der angegebene Preis, ein vierstelliger Betrag, war nicht ernst gemeint und sorgte bei manchem Messebesucher sicherlich Kopfschütteln gepaart mit der klammen Angst, als Banause aufzufliegen. Dabei hatte Kettensegen Tatjana Trölfzehn etwa genausoviel Tiefgang, wie die mit 2600 € beschilderte Schwarze Banane.

Als organsicher Gag neben der ernstgemeinten Kunst, bestehend aus Alltagsfotografien und Malerei machte sie sich dennoch gut. Die Jungs von Galeria Autonomica mit Sitz im hessischen Wetzlar stehen natürlich für Kunst, für die man keine Kreditwürdigkeit vorweisen muss.

Wer bei Scherenschnitt an Bastelbeilagen von Hausfrauenmagazinen und bei Linoleum an drittklassige Mietwohnungsböden denkt, hat noch nichts von Swoon gehört. Ihre Werke sind absolut einnehmend und strahlen eine unglaubliche Aura aus. Und das trotz Einzwängung in urbane Räumlichkeiten:

Swoon, urban art info, Foto: dontpanicitsorganic

Swoon, urban art info, Foto:dontpanicitsorganicAls die Wahl- New Yorkerin 2003  ihre erste Einzelausstellung hatte, konnte man ein beklebtes Fenster noch für einen dreistelligen Betrag erwerben, mittlerweile muss man mitunter um zwei Stellen großzügiger werden. Kellnern muss sie auch nicht mehr, denn jetzt stellt sie im MoMA aus, war auf der Biennale von Venedig vertreten und hatte kürzlich wieder eine Ausstellung in der Berliner Galerie urban art info.

Swoon, urban art info, Foto: dontpanicitsorganicWer Zeit hat und Swoon umfassender kennenlernen will, klicke bitte sachte auf Play:

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Einige Projekte setzen komplett auf Sex sells, andere tun es so organisch und provokativ, dass sie hier ewähnt werden. Boris Hoppek von Since gehört dazu. Hier zunächst das grob-zensierte Daumenkino

…und nun die Erwachsenenversion:Boris Hoppek La Vagina 2, Foto: dontpanicitsorganicBoris Hoppek, Vagina, Foto:dontpanicitsorganic

Wem die drolligen Köpfe bekannt vorkommen, der kann beim Gedanken an den Opel Corsa Spot von 2006 mit den C’mons (Bimbo-Dolls) laut Ahh schreien- soweit zum angespannten Verhältnis von Kunst und Kommerz. Aber dabei scheut der gebürtige Siegener nicht, auch politische Konfliktlinien zu betreten:

Wer demnächst einen Trip nach Barcelona plant, kann sich dort in der Iguapop Galery von mehr Hoppek überzeugen lassen.

Zeit für ein wenig Surrealismus und Malerei. Das Online-Magazin Castle hatte einige interessante Künstler zu bieten. Hier Daniel Schüßler, der sich in seinen Bildern mit Discordianismus beschäftigt. Seine Werke scheinen wie Visionen postapokalyptischer Zukunftsszenarien. Sie wirken wie präzise Räume, die jedoch nirgendwo verortbar sind und gehen eine beeindruckend-surreale Verbindung von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ein.

Die Beschreibung postdestruktive Kreativität, trifft es gut. Wer mehr erfahren will, Daniel hat einen blog. Außerdem kann man seine Arbeiten vom 3.bis zum 5. Dezember 2009 im Gartenhaus der Kunst sehen. Konstanze Schöffl, ebenfalls via Castlemagazin zu sehen, setzte sich äußerst organisch mit gesellschaftlichem Konsumfetischismus auseinander. Heraus kamen folgende Chimären, die aus Digitalcollagen bestehen:

Auf über 2.000 m² konnte man seinen Kunsthunger stillen und dass zu äußerst humanen Öffnungszeiten und Anschlussbummbumm. Wem der schwammige Begriff Urban Art nur Aerosolhaltiges sagte, konnte sich von der werklichen Vielfalt überrascht geben: Neben den überlebensgroßen Linolschnitten, altmeisterlicher Malerei und sonstigem Materialmix, wurde auch die gute, alte Sticknadel wieder hervorgeholt. Die Berliner ATM Galery hatte Graffitigröße Eliot dabei. Von seiner 2003er Ausstellung “Seemannsgarn” waren folgende Arbeiten zu sehen, deren Modelle vielleicht irgendwann in der Burda landen werden:

Zu den weiteren Highlights zählte sicherlich dieser Hubschrauber, den die Galerie Richter & Masset in den Innenhof des ehemaligen Autohauses schleuste:

Won ABC, Beastiestylez, I ARE UGLY, Casiegraphics and Dog ISK From war to peace, 2009 Graffiti, Airbrush, Fasermaler auf Helikopter (Typ Mil Mi 2T, 1968) Courtesy of Galerie Richter & Masset, München

Warum die Berliner Hauptveranstalter rund um Marco Schwalbe das Großprojekt in München aufgezogen haben? Während die Hauptstadt arm aber sexy bleibt, wird im Süden neben Interesse auch Kaufkraft vermutet. Bei insgesamt über 7000 Besuchern, konnten einige Galerien jedenfalls Umsätze verbuchen. Diese tänzelten jedoch meist unter dem vierstelligen Bereich.

Der nächste Streich ist für Mai 2010 geplant. Bis dahin Augen offenhalten, denn manches wirkt draußen einfach besser:

Enstanden ist dieses großartige Projekt von BLU und David Ellis auf dem FAME Festival im italienischen Grottaglie im September 2009.

Kunsthappen

corps étranger

Hier wird der fein überladene Kunstmarkt semisäuberlich durchwühlt.

Folgender Kunsthappen ist Ergebnis eines verregneten Samstagnachmittagsbummels durch französische Hinterhöfe und charmante Buchläden. Auf der Suche nach ästhetischer Stimulation, stolperte ich also:

Ein beanzugter Mann liegt öffentlich in der Horizontalen. Bizarr? Was sagt es über unsere interpersonelle Wahrnehmung, die Perzeption von Mensch und öffentlichem Raum aus? Was irritiert uns? Genau diesen Fragen sind die als corps étranger bekannten Straßburger Künstler Damien Bockenmeyer und François Nowakowski nachgegangen.

Also Mund zu und Augen auf für Sculpture sociale:


 

http://www.corpsetranger.com/sculpturesociale/files/page0-1004-full.html

Zuletzt noch Futter für Frankophile:

Un homme, vétu d’un costume «trois-pièces», occupe l’espace public, dans une position allongée. Cet acte simple, perturbe le quotidien, questionne la coexistence du banal et du singulier, modifie notre perception et notre appréhension des lieux et des liens entre les individus.
Le souvenir de l’intervention et des réactions
des autres usagers des lieux est immortalisé
par l’image. (corps étranger)

 

Mehr organische Irritation gibt’s auf www.corpsetranger.com

Kunsthappen Umami

Organisches aus der Akademie

Um das Kunsthappensortiment etwas aufzufüllen geht’s für ein paar Tage nach Venedig, genauer auf die 53. Biennale. Zuvor kommt hier heimische Kost, Impressionen von der Jahresaustellung der Akademie der Bildenden Künste. Also Mund zu, Augen auf. Und das bitte ganz fest, denn den Geruch von gemächlicher Verwesung will ich euch ersparen, seht selbst:

Jahresausstellung der AdbK

Jahresausstellung der AdbK

Nicht weniger organisch, dafür weniger blutig geht es weiter mit dem Lustwandel (2009) von Constanze Stumpf:

Lustwandel 2009, Constanze Stumpf

Lustwandel 2009, Constanze Stumpf

Mehr davon findet ihr hier. Wir bleiben beim Fleischlichen und werfen einen Blick auf Chloé Esme Suttons eher klinisches Werk.

Chloe Esme Sutton

Chloe Esme Sutton

Bei Asja Schubert wird es merkwürdig, abwegig und grün. Schmeckt nach Jahrmarkt und wirkt verstörend:

Mehr davon gibt’s hier. Seltsam geht es weiter:

Leo Lencses

Zuletzt noch ein bizarrer Kurzfilm aus dem Juliprogramm der futureShorts:

YouTube Preview Image

Schaurig geht es weiter mit dem neusten Kurzfilm des Horrormeisters Guillermo del Toro:

http://www.dailymotion.com/video/xaxhns

Und jetzt schnell ablenken mit diesem zauberhaften Musikvideo namens Sentimental Journey von Nagi Noda, besungen von der japanischen Pop-Queen Yuki:

YouTube Preview Image

Nicht sentimental werden, bis bald!

Kunsthappen Umami Webgestöber

Sade for Sade's Sake

Hier folgt die semisäuberliche Durchforstung des fein überladenen Kunstmarkts.

Paul Chan, Sade for Sades Sake, 2009

Paul Chan, Sade for Sade's Sake, 2009

Heute mit einem ästhetisch-erotischen Schattenspiel von Paul Chan (*1973). Sade for Sade’s Sake heißt die vielsagende Videoinstallation des US-amerikanischen Künstlers, die derzeit auf der 53. Biennale in Venedig zum Voyeurismus reizt. Darüber gestolpert bin ich beim Durchblättern der prachtvollen francophonen Kunstzeitschrift Beaux Arts Magazine. Nach dem Marquis de Sade steht Erotik für den grundlegenden Modus menschlicher Kommunikation, dessen allegorische Verarbeitung man hier in organischer Bewegtheit sehen kann:

YouTube Preview Image

Nachschlag des fast sechsstündigen Sextakels:

YouTube Preview Image Verstörend ist die Mischung aus abstrakten Elementen und sexuell triebhaften/aggressiven Menschenfiguren, im Kontext eines kindlich anmutenden Schattenspiels. Sadismus pur, politische Konnotation ist gewollt. Für Aufsehen sorgte der Künstler zuletzt in New Orleans mit seiner Inszenierung von Samuel Becketts Warten auf Godot. Als Aktivist im Irak machte er durch experimentelle Großreportagen auf sich aufmerksam und ist Bestandteil einer neuen radikal politischen Künstlergeneration. Mehr von Chan, u.a. auch eigens gestaltete Schriftarten zur Komplettierung des Paul Chan Tastengefühls findet man hier. Wer das schaurige Lustspiel sehen will, hat noch bis 22. November Zeit.

Paul Chan, Sade for Sades Sake, 2009

Paul Chan, Sade for Sade's Sake, 2009

Kunsthappen Umami

Er, Sie, Fetishism

Hier wird der fein überladene Kunstmarkt semisäuberlich druchwühlt und sinngerecht portioniert.

Mund zu, Augen auf für folgende fetischhaltige Erzeugnisse zweier Künstler, die man sich vom 30. Mai bis 16. August 2009  im Münchner Kunstbau/Lenbachhaus genehmigen kann: Tom Burr (*1963) und Monica Bonvicini (*1965) .

Ab jetzt im Kunstbau

Ab jetzt im Kunstbau

Zwei klangvolle Namen der internationalen Gegenwartskunst, die zum gemeinsamen Sujet die funktionale Bestimmung sozialer Räume hinsichtlich psychologischer, gesellschaftlicher und geschlechtsspezifischer Konventionen haben. Beide Vertreter der Minimal Art, setzten sich auf jeweils unterschiedliche Art mit der Thematik auseinander, doch zunächst eine visuelle Orientierung:

Foto: blocbuster

Tom Burr Put Down I, 2003 (Foto: blocbuster)

Monica Bonvicini Leather Hammer 2004/2005 mit Leder überzogener Hammer Verschiedene Größen Foto: Roberto Marossi Courtesy of the artist & Galleria Emi Fontana, Milan, West of Rome, Los Angeles © Monica Bonvicini, VG Bild-Kunst, Bonn 2009

Monica Bonvicini Foto: Roberto Marossi Courtesy of the artist & Galleria Emi Fontana, Milan, West of Rome, Los Angeles © Monica Bonvicini, VG Bild-Kunst, Bonn 2009

Materialien der S/M Szene, wie Leder, Riemen und Stahlketten sind Bestandteil einiger Werke beider Künstler. Hierbei werden scheinbar gewöhnliche Werkzeuge (Zaumzeug, Hammer) durch ihre Verbindung mit anders konnotierten Materialien in einen Kontext von Herrschaft und Macht gerückt, Fetishism.

MONICA BONVICINI / TOM BURR KUNSTBAU DER STÄDTISCHEN GALERIE IM LENBACHHAUS MÜNCHEN 30. MAI BIS 16 AUG 2009 Foto: Städtische Galerie im Lenbachhaus München Arbeiten von Tom Burr © Tom Burr

MONICA BONVICINI / TOM BURR Foto: Städtische Galerie im Lenbachhaus München Arbeiten von Tom Burr © Tom Burr

Wir beleuchten zunächst Monica Bonvicini mit ihrer Videoinstallation Destroy She said, 1999:  Es geht um die mediale Darstellung von Geschlechterrollen. Genauer um die Konstruktion von Weiblichkeit im Film, wobei die männliche Komponente mittels Architektur repräsentiert wird. Will heißen: Filmschnipsel von ängstlichen, wohlgeföhnten 60er Jahre- Ikonen, die sich hilfesuchend an Wände, Türen und Mauern lehnen, auf der Flucht vor dem ungenannten Unbekannten. Das “Destroy”- Element befindet sich räumlich vor den Leinwänden, aber seht selbst:

Monica Bonvicini Destroy She said, 2005 (Foto: blocbuster)

Monica Bonvicini Destroy She said, 1999 (Foto: blocbuster)

Wenn das bekannt vorkommt: Die gebürtige Italienerin und Wahlberlinerin konnte man mit eben dieser beeindruckenden Videoinstallation bereits 2008  in der Münchner Pinakothek der Moderne im Rahmen der Ausstellung Female Trouble besichtigen. Angeprangert wird also das medial inszenierte Rollenverständnis, gefordert wird radikales Umdenken. Metaphorisch gesehen: Aufruf zur Dekonstruktion der architektonischen Männlichkeitskonstruktion, anders gesagt: Eine ordentliche Portion Kastrationsdrohung.

Gemütlich geht es weiter, folgendes Werk sieht nach einer Mischung aus Hochseilgarten und S/M- Spielplatz aus und hört auf den wegweisenden Namen Never Again, 2005, reinsetzten und wohlfühlen erlaubt!

 	 MONICA BONVICINI / TOM BURR  30. Mai 2009 – 16. August 2009   Monica Bonvicini (*1965 in Venedig, lebt in Berlin) und Tom Burr (*1963 in New Haven, Connecticut, lebt in New York) gehören zu den bedeutendsten Vertretern der internationalen Gegenwartskunst. Beider Interesse gilt den funktionalen Bestimmungen sozialer Räume, den jeweils spezifischen psychologischen, gesellschaftlichen wie geschlechtsspezifischen Konventionen. Dieses verbindende Interesse manifestiert sich jedoch in ganz unterschiedlichen Fotografien, Zeichnungen, Skulpturen und Installationen. Immer jedoch stellt sich im Werk beider die Frage nach den Herrschaftsverhältnissen, die sich in Architektur, Verhalten und Handeln spiegelt. Auch ist die Begeisterung für geradezu libidinös besetzte Oberflächen und Materialen eine Klammer, welche die künstlerische Produktion von Monica Bonvicini und Tom Burr zusammenbringt. Erstmals widmet sich eine Ausstellung dieser Kombination der beiden Künstler. Im Gegenüber der Arbeiten werden ihre teils ähnliche, teils widerstreitenden ästhetischen Strategien sichtbar.  Im Zentrum der Ausstellung steht der Gebrauch von öffentlichen und privaten Räumen als eine vom menschlichen Körper abgeleitete Vorstellung. Hier begegnen sich die Arbeiten im gemeinsamen Bezugspunkt zur Minimal Art und hier trennen sich die Werke durch ihre je andere formale Umsetzung. Die Verknüpfung der Arbeiten im gemeinsamen Ausstellungsraum wird den institutionskritischen Reflexionshorizont beider Künstler herausarbeiten. Darüber hinaus wird deutlich, dass Orte und Objekte nicht einfach als neutrale Werte verstanden werden können, sondern als gesellschaftliche Konstruktionen, an denen sich Machtverhältnisse manifestieren.  Kurator: Matthias Mühling  Die Ausstellung entsteht in Kooperation mit dem Museum für Gegenwartskunst in Basel und wird dort in verändert Form vom 05.09.2009 bis zum 03.01.2010 zu sehen sein.     Bildunterschriften:  1 Ausstellungsansicht Monica Bonvicini Never Again 2005 Leder, verzinkte Ketten, Gerüst © VG Bild-Kunst, Bonn 2009

Monica Bonvicini Never Again 2005 Leder, verzinkte Ketten, Gerüst © VG Bild-Kunst, Bonn 2009

Hier 2 Tonnen Alte Nationalgalerie, 1998:

2 Tonnen Alte Nationalgalerie, 1998 (Foto: Kerry Ryan McFate/Courtesy PaceWildenstein, New York)

"2 Tonnen Alte Nationalgalerie", 1998 (Foto: Kerry Ryan McFate/Courtesy PaceWildenstein, New York)

Auch der New Yorker Tom Burr beschäftigt sich mit der wechselseitigen Beziehung von räumlichen Konstrukten, ihrer politischen und sexuellen Prägung/ Identifikation. Und auch hier sieht man die Leerstellen, die durch ihre Abwesenheit auf Körperliches schließen lassen:

Tom Burr (Foto: blocbuster)

Tom Burr (Foto: blocbuster)

Worn out, 2005 Sperrholz, Zinkscharniere, Farbe, Teppich 101 x 60 x 259 cm Courtesy of Galerie Kamm, Berlin

Worn out, 2005 Sperrholz, Zinkscharniere, Farbe, Teppich 101 x 60 x 259 cm Courtesy of Galerie Kamm, Berlin

Hier zwar nicht, aber vor Ort zu sehen ist seine Fotoserie von öffentlichen Toiletten in New York: Die Reflexion der räumlichen Prägung unserer genderspezifischen Wahrnehmung. Manchmal kann man seine Ausstellungen sogar in eben solchen Notdurftanstalten, oder in Zoos und Parks besichtigen, denn Burr versteht den konventionellen Kunstraum lediglich als eine Möglichkeit unter vielen. Seine Werkschauen finden oft im öffentlichen Raum, nicht selten in Zwischenräumen statt.  Wer libidinösen Hardcore erwartet, findet ihn hier nur bedingt und wenn, dann jedenfalls in sozial verträglichem Rahmen. Organischer Kunstgenuss stellt sich besonders bei Vorkenntnissen ein, virtuelles Künstlerstalken lohnt sich!

  • Preis: 2€/ermäßigt 1€

Kiezgeflüster Kunsthappen

Nude Visions

Hier wird der  Kunstmarkt semisäuberlich durchwühlt, einige beachtenswerte Prachstücke werden aufgegriffen und sinngerecht portioniert. Also Mund zu, Augen auf:

Will McBride, Barbara in unserem Bett, 1959

via stadtmuseum-online

Seit gestern gibt’s im Münchener Stadtmuseum viel nacktes Fleisch zu begutachten. Genauer gesagt 190 Werke, die im Rahmen der Ausstellung Nude Visions-150 Jahre Körperbilder in der Fotografie bis zum 13. September die Ausstellungsräume ansehnlich bekleiden. Als die Exposition 1985 erstmals gezeigt wurde, konnte sie noch schockieren, heute wird’s nicht erst versucht.

Klar, wir sind abgeklärt, dennoch fasziniert der menschliche Körper, wie kein anderes Sujet. Dass es die Zurschaustellung von Nacktheit schon Mitte des 19. Jahrhunderts gab und wie unzüchtig es damals herging, kann man sich in Form von originalen Daguerrokopien schmecken lassen.

Von den zaghaften Anfängen um 1855 bis 2005 kann man die Aktstudien im Wandel der Zeit nachverfolgen, einige nette Zitate, wie “Kunst sollte nicht mehr Sex haben, als Mathematik” durchmischen die sinnlichen Stücke.

So jetzt schmeiß ich noch mit ein paar bekannten Namen, wenn’s animiert, umso besser: Guy Bourdin, Jürgen Teller, Frank Stürmer, Willy Zielke, Herbert List, Dennis Oppenheim, Charles Gatewood, Warwick Brookes, Jan Mutsu, Lucien Clergue,Will McBride. Weiter mit weiblicher Perspektive: Ruth Bernhard, Ulrike Frömel, Marta Hoepffner, Marianne Leissl, Elfriede Reichelt, Hanna Seewald und Karin Székessy. Klar, Helmut Newton bleibt auch nicht unerwähnt, hier eine Hommage an den 2004 verstorbenen Meister, leider ist sonst nur ein einziges seiner Fotos zu sehen.

 Hermann Stamm, Hommage à Helmut Newton, 1985
Hermann Stamm, Hommage à Helmut Newton, 1985

via abendblatt.de

 

 

Und neben Humorigem, wie auf diesem Schmankerl, das ebensogut ein Schnappschuss vom Filmset eines “Unter’m Dirndl wird gejodelt” -Schmuddelstreifens sein könnte, sieht man auch Groteskes, Enthüllungsreflexionen gibt’s hier

Kunsthappen

(S)expostition gefällig?

Raus aus der Kammer und ab in die Galerie. Von Verni- über Midi- bis hin zur Finissage wird hier der fein überladene Kunstmarkt semisäuberlich durchwühlt, einige beachtenswerte Prachstücke werden aufgegriffen und sinngerecht portioniert. Also Mund zu, Augen auf: Seit heute ist das Münchner Kunstareal um ein weiteres Prachtstück reicher: Das Brandhorst Museum hat seine Ökopforten für das kunsthungrige Fußvolk eröffnet und wartet auf meinen Besuch. Es muss an dieser Stelle aufgrund zeitweiser Soziophobie meinerseits vertröstet werden, vorerst präsentiere ich Euch einen audiovisuellen Aperitif, der die Konfliktlinien unserer triebhaften Existenz gelungen reflektiert. Will heißen: Tod, Sex und Jackson Pollock.YouTube Preview ImageDie Szene stammt aus Herbert Ross’ Hommage an Humphrey Bogart, Play it again,  Sam (1972) mit Woody Allen als Beziehungskrüppel, hier in Hochform.

Kunsthappen

Maison Martin Margiela

Raus aus der Kammer und ab in die Galerie: In der Kategorie Kunsthappen wird der überladene Kunstmarkt semisäuberlich durchwühlt, einige beachtenswerte Prachstücke werden aufgegriffen und sinngerecht portioniert. Also Mund zu, Augen auf:

Bis zum ersten Juni kann man im Haus der Kunst noch das Werk eines echten Exzentrikers visuell verspeisen. Existiert der Belgier Martin Margiela überhaupt (noch), oder ist sein gesamtes Dasein ein congenialer Marketingstreich? Diese Anonymität drängt die Mode und deren Herstellungsprozess in den Vordergrund. Auch seine Laufstegmodels werden mit balkenartigen Sonnenbrillen, oder Nylonmasken unkenntlich gemacht. So kommt es auch, dass man nicht etwa den Designer persönlich hervorhebt, sondern das gesamte Modehaus mit seinen weißbekittelten Angestellten als ein Ganzes, Maison Martin Margiela, wahrzunehmen hat.


Fakt ist, dass in der Münchener Maximilianstraße 34 sein erster deutscher Laden zeitgleich zu Ausstellungsbeginn seine Pforten für die ergebene Anhängerschaft öffnet. Auch hier zeigt Anonymität Präsens, denn die Boutiquen verstecken sich in den Kellergewölben oder Hinterhöfen von Paris, L.A., Tokyo und natürlich München. Die Kosten der erwerblichen Kleidungsstücke werden übrigens nach investierter Arbeitszeit berechnet.


Neben seinem ausgelassenen Faible für die Farbe Weiß, sind die Umkehrung vom Inneren eines Objekts nach Außen, sowie das Offenlegen von Nähten, Schnittstellen und Verarbeitungsmechanismen ebenfalls Markenzeichen der Maison Martin Margiela. Auch die immanente Vergänglichkeit wird thematisiert und zieht sich durch seine Werke, passend hierzu folgender philosophischer Happen:

“Ich bin die Mode, deine Schwester” erklärt die Mode dem Tod. Der erwidert überrascht: “Meine Schwester?” Darauf die Mode: “Erinnerst du dich nicht? Wir sind beide Kinder der Vergänglichkeit.” (Giacomo Leopardi)

Seit 1988 entwirft der Designer Mode innerhalb ihres schnellebigen Charakters. Klingt Surreal? Soll es auch, schließlich gilt Man Ray als Vorbild für den exzentrischen Belgier. Nicht gänzlich humorlos muss außerdem seine berüchtigte Ausstellung in Rotterdam 1997 gewesen sein, bei der Margiela in Kolaboration mit einem Mikrobiologen Bakterien in seine Kollektion injizieren ließ, die durch stetiges Wachstum leider nicht nur ihr eigenes Erscheinungsbild beeinflussten, sondern auch andere Exponate zu besiedeln drohten. Das Projekt musste daher vorzeitig beendet werden. In München geht’s zwar weniger organisch zu, ein Besuch lohnt sich aber dennoch unbedingt!