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Filmfreak

A Serious Man

A Serious Man
Ab geht’s mit koscherer Filmkost von den Coen Brüdern: A Serious Man (2009) handelt von einem Mann, dessen Welt ohne sein Zutun einfach so und Stück für Stück zusammenbricht.

Darf trotzdem gelacht werden? Ja, denn gerade in der Ambivalenz von Tragik und Komik blüht der subversive Humor der Coens auf und entfaltet seine Pracht innerhalb unseres Zwerchfells. Und jetzt ab in den Trailer:

http://www.dailymotion.com/video/xa0n24

Zum Plot: 1967, Larry Gropniks (Michael Stuhlbarg) Leben geht langsam aber beständig in die Brüche. Kurz vor seiner Verbeamtung als Physikprofessor kursieren Schmähbriefe am Lehrstuhl. Sohn Danny (Aaron Wolff) hört Radio und kifft, statt im Hebräischunterricht aufzupassen. Tochter Sarah (Jessica McManus) bedient sich an seinem Geldbeutel, um sich eine Nasenkorrektur finanzieren zu können. Ehefrau Judith (Sari Lennick) betrügt ihn mit einem Freund der Familie und der geistig verwirrte Bruder Arthur (Richard Kind) wohnt in seinem Badezimmer. Zum Glück gibt es einige Rabbis in der jüdischen Gemeinde seines Heimatstädtchens in Minnesota, die er um Lebenshilfe bitten kann. Na dann, Masel Tov!

A Serious Man

Während Larry also seinen Studenten die Ungewissheitstheorie näherbringen will, rüttelt Hashem gewaltig an seinem kleinbürgerlichem Alltag. Aus dem fürsorglichen Familienvater und korrekten Physikprofessor wird ein Wrack, dessen berufliches und privates Leben wie durch Knopfdruck aus den Bahnen des Erfolgs gehebelt wird. Ob das ungerecht ist?  Naja, Larry sagt es selbst, als er beim Aushilfsrabbi seine geistliche Therapierungsodysse startet: The boss isn’t always right, but he’s always the boss. In diesem Fall also die Coen Brüder. Und die scheinen mächtigen Spass am tiefen Fall ihres Protagonisten zu haben.

A Serious Man

Mehr Tragik? Bitteschön: Seine Frau will die Scheidung, außerdem soll Larry in ein Motel ziehen. Ein paar Tage später verunglückt der Nebenbuhler jedoch tödlich. Wer muss für die Beerdigungskosten aufkommen? Richtig. In seiner Hilflosigkeit sucht Larry einen weiteren Rabbi auf, der ihm helfen soll, den anschwellenden Lebensballast aufzufieseln. Der Rabbi erzählt ihm die Geschichte eines Kieferorthopäden, der im Gebiss eines Mannes hebräische Zeichen findet, die übersetzt “Hilf mir” bedeuten.

Das beschert besagtem Arzt schlaflose Nächte, sodass er verzweifelt eben jenen Rabbi aufsucht, um ihn um Rat zu bitten. Ob er nun den Menschen helfen solle, möchte er wissen. Na, kann sicher nicht schaden, meint der Rabbi. Danach geht’s dem Kieferorthopäden wieder prächtig. Was diese Parabel soll? Man könnte sie als eine Liebeserklärung an die Sinnfreiheit sehen.

Manche Fragen sind wie Zahnschmerzen, eine Weile beschäftigen sie uns und irgendwann hören sie auf.

Rabbi Nachtner

Die Fragen, die der Film uns beschert, können wir ebenfalls mit Zahnschmerzen vergleichen. Oder wir halten uns an die Worte des Vaters eines versetzungsgefährdeten, asiatischen Studenten. Dieser steht eines Tages auf dem- nicht mehr ganz so ordentlich getrimmten- Rasen des Einfamilienhauses, um den Physikdozenten seines Sohnes zu erpressen. Hat er nun das Kuvert mit Bestechungsgeld auf Larrys Schreibtisch deponiert oder nicht? Please, accept the Mystery.

A Serious Man

Das scheint überhaupt das Mantra des Films zu sein. Oder die Botschaft der Coens, die es satt haben, nach jedem Filmwurf mit hochtrabenden Interpretationsergüssen und Analyseentwürfen beklebt zu werden. In etwa wie der Rabbi, der sich mit den vom Leben gequälten Bittstellern beschäftigen muss und gelegentlich lieber zu den Liedern von Jefferson Airplane summen würde.

Dann eben alles so nehmen wie es ist. Das erfahren wir schon zu Beginn des Films, noch vor dem Prolog, dessen Essenz wir ebenso verzweifelt in irgendeiner Folgesequenz zu verankern suchen:

Receive with simplycity everything that happens to you.

Rashi

Fazit: Was diesen Film so sehenswert macht, ist neben der großartigen Besetzung sicherlich der latente Humor, den die Brüder uns hier vorführen. Er ist selbst in die tragischten Szenen eingeflochten, sitzt hinter den haarigen Ohrläppchen und schwingt mit jedem Schritt der behäbigen Matronen mit, die A Serious Man, trotz aller Ernsthaftigkeit und dem Fehlen eines Happy Ends zu einem köstlichen Filmgenuss machen. Denn:

Es ist ein großes Missverständnis nicht nur des amerikanischen Kinos, zu glauben, dass Menschen, die lieben, das Recht auf ein Happy End haben. Niemand hat ein Recht auf ein Happy End.

Interview mit Joel und Ethan Coen , DIE ZEIT, 25.09.2008 Nr. 40

[rating=5]

Filmfreak Schlaumacher

Mittelmeer-Filmtage 2010

Tief einatmen und hinriechen: Ja, man kann das Meer quasi schmecken! Zumindest vom 14. bis zum 31. Januar, denn da bespielen die 7. Mittelmeer-Filmtage den Münchner Gasteig.

Los geht’s heute abend mit Pandora’s Box/Pandoranin kutusu von Yeșim Ustaoğlu, also schnell in den Trailer:

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Wann, wo, wieviel?

  • 19:30 Uhr, Carl- Orff Saal, 9€/erm. 7€.

Programmnachschlag gib’t hier.

 

Filmfreak

Soul Kitchen

Ab geht’s mit filmischen Leckereien und Fatih Akins erster Komödie Soul Kitchen (2009), die ab dem 25. Dezember durch die Kinosäle dampft. Mund zu und Augen auf für dieses bekömmliche Stück Gute Laune im Filmformat:

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Zum Plot: Als seine Freundin Nadine (Pheline Roggan) nach Shanghai zieht, um dort eine Korrespondentenstelle anzunehmen, steht der stetig scheiternde Kneipenbesitzer Zinos (Adam Bousdoukos) vor einer schwierigen Entscheidung: Soll er der Freundin folgen und seine Soul Kitchen und somit ein Stück  Seele aufgeben, oder im Hamburger Arbeiterviertel Wilhelmsburg bleiben und die dürftige Klientel weiterhin mit Tütensuppen und Frittierfraß versorgen?

Ein Bandscheibenvorfall gibt ihm den Rest, das Finanzamt hängt sowieso an seinen Sohlen und eigentlich könnte er die Schabracke dem penetranten Immobilienmakler und früheren Schulfreund Thomas Neumann (Wotan Wilke Möhring) verkaufen. Eigentlich. Wären da nicht sein ebenso großkotziger wie kleinkrimineller Bruder Illias (Moritz Bleibtreu) und der messerscharfe Gourmetkoch Shayn (Birol Ünel), die Zinos Soul Kitchen nicht nur um ein paar schräge Impulse und Köstlichkeiten bereichern. Mit ein bisschen Anlauf wird aus der abwrackträchtigen Brutselbude ein hipper Genusstempel und aus roten werden schwarze Zahlen. Doch was nach oben geht, muss auch wieder runter…

Viele Filmemacher haben sich schon an diesem Genre versucht und sind dabei grandios gescheitert.  Soul Kitchen handelt auch vom Scheitern- der Film jedoch ist gelungen, sehr sogar. Mit viel Humor bearbeitet Akin Motive wie Freundschaft, Familie und Loyalität. Diese Loyalität bezieht sich nicht nur auf Personen, sondern auch auf Orte.

Nicht umsonst bezeichnet der Regisseur seine neuste Kreation einen “Heimatfilm”, wenn auch mit einem Augenzwinkern. Und genau so sollte man Soul Kitchen auch genießen.  Klar, dass man vom alltäglichen Hang zur Rationalität absehen muss, um sich auf die orgiastischen Episoden und schicksalhaften Fügungen dieser amüsanten Dauerparty einlassen zu können.

Und auch wenn es gegen Halbzeit auf dramaturgischer Ebene ein wenig holprig wird, so schafft es die gag- und espritgeladene Geschichte, Mundwinkel nach oben und Zwerchfelle zusammenzutreiben.

Moritz Bleibtreu und Birol Ünel gehören ebenso zu Akins Inventar wie Adam Bousdoukos, der diesmal auch beim Drehbuch mitwirkte. Bereits in seinem ersten Film Kurz und schmerzlos (1998) und auch in Solino (2002) und Gegen die Wand (2004) war er zu sehen. Als Deutsch-Grieche Zino, dessen knarzende Bandscheibe man fast selbst zu spüren glaubt, sind ihm Sympathien und Lacher jedenfalls sicher. Quincy Jones, Louis Armstrong und auch Jan Delay geben soulige Leckerbissen auf die Ohren.

Das Entspannte an dem 99- minütigen Film ist aber auch der Umgang mit der kulturellen Vielfalt. Sie ist so natürlich, dass sie nicht erst thematisiert werden muss. Nach vielen filmischen Auseinandersetzungen mit Problemen der türkischen Diaspora in Deutschland, wirkt diese Komödie wie eine Art Befreiungsschlag aus stereotypen Erwartungshaltungen.

Beim diesjährigen Filmfest von Venedig gewann Akin mit Soul Kitchen den Spezialpreis der Jury, als Vorzeigehamburger geistert er seit einigen Monaten durch die Medien und leiht sein Grinsegesicht jedem zweiten Magazincover. Jüngst kaufte sich seine Heimatstadt das historische Gängeviertel vom holländischen Investor Hanzevast zurück, rettete es somit vor der bevorstehenden Gentrifizierung und gab dem Viertel ein Stück Seele zurück. Ob das was mit dem Film zu tun hat? Sieht jedenfalls nach einem Augenzwinkern aus.

Fazit: Akin kann nicht nur harte Kost servieren, sondern auch mit Leichtverdaulichem überzeugen. Lecker. Nachschlag, bitte.

Filmfreak

Whatever works

Ab geht’s mit brandheißem Filmstoff und Woody Allens neustem Wurf, Whatever Works (2009).

Wie immer geht es um Beziehungen und Manhattan dient, nach den letzten fünf  Ausflügen, wieder als Sprung- und Spielbrett für die fabulösen, amurösen Züge von Allens Spielfiguren. Ab in den Trailer!YouTube Preview Image

Zum Plot: Das alternde Genie, Boris Yellnikoff (Larry David), ist die Verkörperung eines brockhauswürdigen Misanthropen. Nach einem gescheiterten Suiziversuch humpelt er murrend durch die Lower East Side, wenn er nicht gerade unfähigen Kindern Schachunterricht erteilt.

Die letzte Ehe ist lange geschieden, mit seinen weltschmerzenden Theorien sorgt er bei seiner Mischpoke auch nicht gerade für himmelwärts gerichtete Mundwinkel und lediglich nächtliche Panikattacken suchen seine Gesellschaft – kurzum: Er ist zum Zerbersten unglücklich und gewillt, dies stetig seinem Publikum einzustanzen.

Stanzbereit, frisch aus Mississippi und einem potenziellen White-Trash -Schicksal nach Manhattan entflohen, bittet Melody St. Ann Celestine (Evan Rachel Wood) mit breiter Südstaatenmelodie um Unterkunft in seiner bohèmen Chinatowner Edelschabrake.

Ein Jahr später sind die Lolita und der Griesgram verheiratet. Die Symbiose aus Hausmanns- und Bildungskost strotzt dem gehörigen Altersunterschied, bis eines Tages Melodys gehörnte Mutter Marietta (Patricia Clarkson) auftaucht und keinen sonderlichen Gefallen am neuen Schwiegersohn finden kann.

Dafür bekommt sie in Manhattan den richtigen Dünger, um nochmal prächtig aufzublühen und wir ernten nach Vicki Christina Barcelona erneut eine (um ein paar Falten reichere) Dreierkonstellation.

Allen hat also Mutter und Tochter vereint, sie aus der Provinzdümpelei ins vibrierende Urbangemenge emporgehoben, nun fehlt eigentlich nur noch einer: Vater John (Ed Begley Jr.) kehrt ebenso bei Boris ein, um in New York City Familienrest und Katharsis zu finden. Nach mildem Kulturschock, wird auch er durch die heilsame Kraft Manhattans konvertieren: Whatever works eben.

Whatever works

via slashfilm.com


So einfach ist das also. Aber, bietet das auch die ultimative Formel für einen gelungenen bis großartigen Film? Die Schauspieler sind gut, der Kameramann Harris Savides (arbeitete u.a. mit Gus Van Sant) brilliant, die Kulisse gewohnt, die Story ziemlich allenesk.  Doch leider lahmt die gutgemeinte Konstruktion neben fraglichem Inhalt auch am eigenen Rhythmus: Anfangs wattet man durch versalzene Neurosen und stolpert über ein wenig Pygmalion, gegen Ende findet jeder  sein Schätzchen und den Rest erledigt New York großzügig.

Zwar liefern Mutter und Tochter einige energische Momente, können jedoch dem Übergewicht an Boris nicht ganz gegenhalten. Die amüsanten Episoden, in denen der bissige Humor wirklich zur Geltung kommt, kann man an einem Klumpfuss abzählen.

Und selbst wenn Larry David als Drehbuchautor und Produzent von Seinfeld haufenweise extrem gelungene Pointen lieferte, kommt er hier lediglich als anstrengender Über-Woody rüber. Nach den 93 Minuten braucht man also keine Angst vor Lachmuskelkater zu haben. Dass das Drehbuch schon 30 Jahre alt ist, macht sich ebenfalls bemerkbar.

Fazit: Allens Latten liegen hoch, umso mehr erwarten wir. Diese Komödie humpelt dem Zeitgeist und  früheren Allen-Komödien bitter hinterher: Whaterver works- NOT.

Ab 3. Dezember im Kino.

Filmfreak

Chaos regiert.

Ab geht’s mit neuem und wiederentdecktem Filmstoff.

Schon seit dem 10. September im Kino, waltet Lars von Triers streitbarer Antichrist (2009) jetzt auch hier. Also, tief nach Luft schnappen und Mund zu, Augen auf!

Antichrist

via gameone

Kurz vorab: Ja, die Verstümmelungsszenen sind grausam, die Schauspieler brillieren in ihren Rollen und gute Kritiken findet ihr bei schnitt.de und auf filmzentrale.de. Einen Verriss spendiert außerdem der Freitag. Formal gesehen ist Antichrist rund. Der selbsternannte “beste Regisseur der Welt” schleust uns durch einen monochromen Prolog in perfekt abgestimmter Parallelmontage von Kopulation und Kindstod mit Begleitung von einer herzzerreißenden Händelarie in die 109 Minuten ein. Es folgen vier Kapitel, die ein wiederum schwarz-weißer Epilog abschließt. Den linearen Erzählstrukturen zum trotz, schießen einem haufenweise Fragezeichen an der irritierten Hirnrinde entlang- und jetzt rein in den Trailer:

via

Zum Plot: Während Er (Willem Dafoe) und Sie (Charlotte Gainsbourg) sich an ihren Körpern erfreuen und leidenschaftlichen Zeitlupensex haben, stürzt ihr wonneproppiger Sohn aus dem Fenster in den Tod. Das Paar wird in eine Krise kattapultiert, die uns in die Abgründe der menschlichen Psyche führen soll.

via moviepilot.de

Sie bricht zusammen, A-typisches Trauerverhalten, heißt es. Weil er Psychater ist, wird sie -dem Kodex zum trotz- zu seiner Patientin erklärt. Das beziehungsinterne Kräfteverhältnis kippt. Ab jetzt wird von jeglicher Medikation abgesehen, denn seine Therapiemethode beeinhaltet die Konfrontation mit der Angst: Der abgelegenen Hütte im “Garten Eden”. Doch die idyllische Natur wird zum verstörenden Austragungsort von Trauer, Schmerz,Verzweiflung und undefinierbarem Beziehungsballast. War der Tod des Sohnes lediglich ein Auslöser und nicht der Grund dieser zwischenmenschlichen Misere?

via rogerebert.com

Während Er versucht, ihr psychotisches Kopflabyrinth zu durchsteigen, dreht Sie durch. “Chaos regiert”, spricht ein halbverwesender Fuchs uns zu. Weitere bedauernswerte Fabeltiere durchkreuzen und semantisieren das filmische Treiben. Es fliest Blut. Geschlechterrollen werden scheinbar plakativ eingesetzt. Mit einem blasierten Lächeln und von Triers angeblicher Frauenfeindlichkeit im Nacken schauen wir zu, wie Sie sich mit der bösen Natur des weiblichen Geschlechts identifiziert, weil ihr Dissertationsthema von “Gynozid” im Mittelalter handelte. Konsequent passt da die Selbstverstümmelung der Fortpflanzungsorgane, die das irregewordene Weib an sich und ihrem Mann ausübt. Die Strafe für den verheerenden Sieg von Emotion über Vernunft, oder eben nur die logische Eintracht mit der Niedertracht ihrer weiblichen Natur? Schließlich ist “die Natur Satans Kirche”…

via filmstarts.de

Die medial verschrienen Sex- und Gewaltszenen wirken jedenfalls wie geplante Tabubrocken, abrupt und aggressiv, Provokation ohne Aussage. Pure Ablenkung von der eigentlichen Haltlosigkeit dieser filmischen Konstruktion? Dafoe und Gainsbourg versuchen bissige Dialoge zu inszenieren, durch die sie die Pathologie ihrer Beziehung auseinandernehmen. Mehr davon hätte dem Film auch mehr Halt verliehen. So verläuft er sich in prahlerischen Gewaltattacken und löchrigem Inhalt. Die Distanz, die dadurch in der Rezeption entsteht, vergegenwärtigt die Bodenlosigkeit des Werks nur noch stärker. Vielleicht ist der Film auch nur als Resultat eines Therapieversuchs des depressiven Regisseurs zu sehen. Ein Produkt der eigenen Labilität. Keine Antworten, nur bildgewordene Ausbrüche einer leidenden Psyche. Chaos regiert.

Fazit: Antichrist reizt in viele Richtungen, aber lässt alles und nichts offen. Wer auf Heile-Welt-Filmchen steht, ist hier jedenfalls nicht gut aufgehoben- auch wenn viel Natur dabei ist. Das Schauspiel ist groß, aber pure Provokation zeigt sich als morscher Baustoff für einen soliden Film.

Filmfreak

Orphan- Das Waisenkind

So, jetzt mal schön im Sessel festgekrallt, denn dieser Film lässt einen bis zum letzten Augenblick nicht los.

Pünktlich zu Halloween erscheint The Orphan (2009) ein sehenswertes Stück Schockgeflimmer des  Regisseurs von House of Wax (2005), Jaume Collet-Serra.  Überhaupt, das böse Kind dient derzeit als Mehrfachmuse. Ein Grund mehr, sich kurz diesem Sujet zu widmen un ein bisschen Namedropping auf eure Bilschirme zu schmieren: Aktuell im Kino Michael Hanekes brillianter schwarz-weiß Thriller Das weiße Band, mehr dazu hier. Die Schweden konnten schon im letzten Jahr mit dem besseren Twilight,  Låt den rätte komma in -So finster die Nacht unter der Regie von Tomas Alfredson überzeugen und jüngst hatte ich ein äußerst aufschlussreiches Gespräch über Gesellschaft, Kinder und Sigmund Freud mit Tom Shankland, dem Regisseur von The Children, einem angetrashten Bösekinderfilm von der Insel.

Jetzt aber schnell in den Trailer:

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Noch ein überflüssiger Omen-Abklatsch? Zwar will ich eure  Horrorhoffnugen nicht zu sehr aufblasen, aber mal ehrlich, Damien und Delia wirken wie engelsgleiche Wonneproppen und auch Rosemarys Baby müsste ordenltich Nachhilfe bekommen, um mit Esther mithalten zu können.

Zum Plot:

Manche Filme fangen mit einer Friedefreudeeierkuchen-Atmosphäre an, kehren nach und nach verstaubte Problembrocken aus, um schließlich im kompletten Desaster feierlich unterzugehen. The Orphan beginnt später:  Jüngst hat Kate Coleman (Vera Farmiga) ein Baby verloren, ihre fünfjährige Tochter ist gehörlos und der pubertierende Sohn leidet an akuter Ignoranz. Was tun? Betrinken hat Kate schon hinter sich, satt Hochprozentigem soll nun ein weiteres Kind für familiären Frohsinn sorgen. Als ihre patente Therapeutin das Vorhaben absegnet, geht es  zur Kinderschau ins Waisenhaus. Aber die Rechnung neues Kind-neues Glück ist in diesem Fall wie Teilen durch Null, man sollte es lieber sein lassen. Dabei scheint die neunjährige Esther (Isabelle Fuhrmann) doch so perfekt zu sein: Statt an der Wii- Konsole, hängt sie an ihrer Staffelei, schmeißt mal eben nen Tschaikowsky aus den Pianotasten und lernt nebenbei Gebärdensprache, um mit dem blondgelockten Schwesterchen kommunizieren zu können.

Aber unter abgeschmacktem Outfit, schnöden Schleifchen und altklugem Auftritt lauert die Verkörperung der Niedertracht. Wie dumm, dass das lediglich Kate mitbekommt und durch Krtitik am Kind ihren Mann John (Peter Sarsgaard) ordentlich misstimmt. Dennoch: Um Esthers Radius herum fällt das Überleben schwer…

Zu viel darf an dieser Stelle jedenfalls nicht verraten werden. Denn, auch wenn Einiges vorhersehbar ist und der zehnte fast-Autounfall rein statistisch gesehen nicht ganz kosher sein kann, bietet Collet-Serra in 123 Minuten Filmkost durchaus ein bis zwei leckere Episoden für Horrorfeinschmecker. Die dynamische Verknüpfung der Story mit familiären Konfliktknoten verdichtet die Genre-bedingte, strukturelle Einfachheit und sorgt für ein paar gelungene Spannungsbögen. Sonst wäre wohl auch Co-Produzent Leonardo DiCaprio nicht zu überzeugen gewesen, der 2006 mit der gutbesetzten Hauptdarstellerin Vera Fermigo in Martin Scorseses The Departed vor der Kamera zu sehen war. Klar ist, dass Isabelle Fuhrmann in der Rolle der Esther bei keinem Kinoinsassen für akuten Kinderwunsch sorgen und sicherlich noch oft in Lichtspielhäusern umherspuken wird.

Fazit:

Nichts für Adoptionszögerer und Fans von subtiler Spannung. Wirklich genialer Horror kommt ohne Blutfontänen aus. The Orphan ist nicht groß, aber sorgt mit ein paar Atempausen für gelungenen Schockgenuss.

Ab 22. Oktober im Kino.

Filmfreak

Inglourious Basterds

Nach der ewigen Peep-Show, werden sie nun endlich losgelassen und das mit voller Wucht und erbarmungslos: Die Inglourious Basterds,  sorgen seit dem 20. August für explosiven Tarantinogenuss, hier wurde vorab berichtet.

Bevor wir starten, solltet ihr euch von folgendem, grotesken Werk namens Fucking Hell (2008) der Künstler Jake & Dinos Chapman einnehmen lassen. Sorgt für einen ordentlichen Kloß im Halsbereich, passt aber wunderbar hier hinein, wie ich finde:

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Keine Sorge, in Tarantinos 153-minütigem Film geht es um Einiges humoriger zu, wir blicken (vielleicht etwas verstört) in den Trailer:

Es war ein mal im von Nazis besetzten Frankreich- ein Anfang, der die Dimensionen realer Geschichte zugunsten Tarantinos Kopfkino sprengt. Gutgeölte PR-Kanonen sorgten bereits dafür, dass wir Film, Handlung und Schauspieler mitlerweile so gut zu kennen glauben, wie die Gassizeiten von Nachbars Hasso. Und weil auch schon massenhaft Rezensionen umherschwirren, steht hier eine ziemlich vernichtende aus der Freitag und dort eine eher lobende von Schnitt für euch bereit.

Zum Plot: Im von Nazis besetzten französischen Kuhland werden Juden gejagdt. Prominenter Judenjäger Col. Hans Landa (Christoph Waltz) ist Experte und findet nach 20-minütiger Inquisition eines französischen Milchbauern die von diesem versteckte, jüdische Familie. Nach einem Gemetzel kann nur die junge Shosanna Dreyfus (Mélanie Laurent) fliehen. Sie wird im späteren Verlauf des Films noch eine wichtige Rolle spielen. Indessen vergehen Jahre. Irgendwo in England treffen wir auf die Basterds, die jüdisch-amerikanischen Nazijäger, die u.a. von Til Schweiger aka Hugo Stieglitz unterstützt werden. Allen voran Aldo Raine (Brad Pitt), Hillbilly mit Schnauzer und mächtiger Tennesseemundart, dessen Ziel es ist, von jedem seiner Männer 100 Naziskalps serviert zu bekommen. Später sehen wir sie sammeln. In Paris verguckt sich derweil Kriegsheld und Nachwuchsfilmstar der Nazi-Propagandamaschinerie, Frederick Zoller (Daniel Brühl), in die unnahbare Kinobesitzerin Emmanuelle Mimieux (eigentlich Shosanna).

Zoller beschließt, die Premiere seines Erfolgsfilms Stolz der Nation in ihrem Kino zu feiern. Das passt der nach Rache gierenden Shosanna gerade Recht: Auf der Premiere will sie ihre hochexplosiven Filmrollen anzünden, um somit das Kino samt Nazi-Insassen abzufackeln. Hier der Trailer zum Kurzfilm:

Regie führten Gabriel und Eli Roth, Regisseur von Hostel und der Bear Jew unter den Basterds.

Gleichzeitig beschließen die Basterds mit Unterstützung der deutschen UFA-Diva und Widerständlerin Bridget von Hammersmark (Diane Kruger, fad wie ausgekauter Hubba Bubba), ebenfalls während der Kinopremiere zuzuschlagen.

Gerade aufgrund der linearen Strukturen, die uns unweigerlich zum ultimativen und großangelegten Showdown führen, gibt es keine bahnbrechenden Überraschungen oder raffinierte Wendungen. Die Raffinesse steckt vielmehr in den genüsslich durchdachten Szenen und Dialogen, die sich durch fünf Kapitel, 16 Szenen und vier Sprachen winden und dringend in Originalfassung erlebt werden sollten. Während man dem anfangs eher flach wirkenden Brad Pitt noch eine Chance für ein paar köstliche Momente einräumen sollte, kann man bei der äußerst unglamourösen und akustisch anstrengenden Diane Kruger davon absehen. Neben Christoph Waltz, hat Tarantino auch aus August Diehl, der als gnadenlos hellhöriger Gestapo- Major beeindruckt, viel verborgene Leistung herausgeschliffen.  Dass man sich aber früher oder später von favorisierten Charakteren verabschieden muss, sollte klar sein. Die Lust, seine Figuren einfach so -PLOPP, WUMMMS und RATTATTAT sterben zu sehen, merkt man Tarantino unweigerlich an. Genauso auffällig ist auch seine Liebe zum Kino, die er penetrant mit zahlreichen Zitaten und Querverweisen exhibitioniert. Sollte man das Leinwandgemetztel dennoch aussitzen?

Hier kommen einige Gründe, die dafür sprechen:

  • Brad Pitt  mit breitem Tennessee-Hillbilly Dialekt
  • Brad Pitt  (mit breitem Tennessee-Hillbilly Dialekt), beim fremdschämenswerten Versuch, unter versammeltem Nazireigen als italienischer Filmstar durchzugehen
  • Christoph Waltz beim Verzehr einer ordentlichen Portion Apfelstrudel
  • Mike Myers Frisur
  • Brad Pitts Finger in Diane Krugers Bein

Fazit: Ein Augenschmaus für wiedererkennungswütige Cineasten. Für alle anderen ist Inglourious Basterds sicher nicht Tarantinos bestes Werk, aber dennoch sehenswert und episodenhaft extrem amüsant. Ohne den großartigen Christoph Waltz aber, wäre der Film sicherlich weniger sardonisch und somit auch weniger fabulös: Er ist das Sahnehäubchen, das dem Filmstrudel die nötige Portion wuchtiger Energie aufsetzt.

Filmfreak

Los abrazos rotos-Zerrissene Umarmungen

Von der spanischen Presse wurde er schon sachte niedergemacht und einige Schwächen hat er sicherlich, der neuste Wurf von Pedro Almodóvar: Los abrazos rotos (2009), seit 6. August im Kino und ein Fest für Ästheten und Cineasten. (Hier geht’s zum SZ Interview)

Los abrazos rotos

Kurz zum Plot: Der Regisseur Mateo Blanco (Lluís Homar) verliebt sich beim Casting für seinen neusten Film Chicas y Maletas (Frauen und Koffer) in seine künftige Hautpdarstellerin Lena (Penélope Cruz). Die Luft zwischen ihnen ist zum Zerbersten heiß, sie haben sich scheinbar gefunden. Das einzige Problem ist Lenas alternder und milliardenschwerer “Langzeitfreier”, der Bankier Ernesto Martel (José Luis Gómez), dem die sich anbahnende Affäre nicht gut bekommt.

Eifersüchtig verpflichtet er seinen nerdigen Sohn (überzeugend: Ruben Ochandiando), das gesamte Geschehen vor und hinter der Kamera visuell zu dokumentieren. Herausnehmen kann er sich das, denn als Produzent hängt der Film an seinem Geldpropfen. Lena stinkt das gewaltig und sie beschließt,  sich für die große Liebe ihres Lebens von Ernesto zu befreien.

Doch so einfach gibt dieser die heiße Lena nicht her. Intrigant und erbarmungslos setzt er alles daran, das frischverliebte Paar zu trennen, notfalls mit Gewalt. Hilfe bekommt er von Judit (Blanca Portillo), der Produzentin und unfreiwillig-platonischen Freundin Mateos, die ebenfalls nichts von der Affäre hält. Das Paar flüchtet nach Lanzarote, lange hält das Glück aber nicht. Ab in den Trailer:

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Alles andere als linear erzählt Almodóvar farbenprächtig, reich an entzückenden Übergängen und weiblichen Körperteilen die filmische Handlung in 129 Minuten. Zeitsprünge senden uns zwischen Jetztzeit und den 90ern umher. In der Gegenwart ist Mateo, der nun unter seinem Pseudonym Harry Caine agiert, erblindet und längst nicht mehr so erfolgreich im Filmgeschäft, nachdem Frauen und Koffer vor 14 Jahren floppte.

Judit und ihr Sohn Diego (Tamar Novas) kümmern sich um ihn. Als er von Ernesto Martels Tod erfährt, nimmt die eigentliche Story fahrt auf. Weitere Puzzelteile kommen hinzu, als ein penetranter Jungregisseur namens X-Ray (Ruben Ochandiando,entnerded) auftaucht, um einen Film unter Mateos/Harrys Leitung zu drehen, der die Rache eines gedemütigten Sohnes an dessen Vater thematisiert.

Er erntet Judits extreme Abneigung, man riecht den Staub, der hier aufgewirbelt wird. Stück für Stück werden dem Filmhungrigen sinnige Brocken vorgeworfen, Einiges ahnt er meilenweit voraus, die Auflösung wirkt dann unraffiniert und enttäuschend. Von der tragischen Liebesgeschichte erfährt man erst durch Mateos Gespräche mit Judiths Sohn Diego, der nach einem Drogencocktail brachliegt und die Unterhaltung mit dem lebenserfahrenen Regisseur sucht.

Die Liebe als zentrales Sujet des Films wird gleichzeitig zur ausschweifenden Liebeserklärung an das Kino selbst. Implizite und explizite Zitate druchwachsen das Werk, die Film- im -Film- Komponente erlaubt dem Kinogänger eine intimere Perspektive einzunehmen und mehrere Filmebenen zu betreten.

Wie in Habla con ella (2002), der Film- im-Film als Erinnerungspostulat an den frühen Stummfilm gesehen werden kann, so stellt Frauen und Koffer einen Verweis auf Almodóvars frühe Werke dar. Auch die Schauspieler brillieren in ihren Rollen, leiden jedoch  unter besagter Überraschungslosigkeit des streckenweise langen Films.

Die für Almodóvar typische, perfektionierte Äshetik ist mit Sicherheit ein dickes Bonbon für die Augen, jedoch wird der Filmgenuss durch die asymmetrische Verschachtelung der Handlung mit dem zeitlichen Rahmen getrübt, sodass die Längen spürbar werden.

Fazit: Hommage an den Film, grandiose Schleichwerbung für Lanzarote und Penélope satt. [rating=4]

Filmfreak

Brüno

Kürzlich angetestet und jetzt im Rahmen des Mongay gesichtet- Brüno. Wer sich fragt, was der kontroverse Streifen bei Betroffenen auslöste: Rings um mich herum wurden Tränen geheult und Schenkel bis zum Zerbersten geklopft. Brüno treibt seine kalkulierte Provokation bis auf den bitteren Seitenstreifen der Geschmacklosigkeit, wie in Borat ist Fremdschämen erwünscht. Dass Sasha Baron Cohen ungelyncht davonkommen konnte, verwundert. Chapeau und ein Blick in den Trailer:

Zum Plot: Nach mehrfachem Scheitern, versucht die österreichische Fashionista, Brüno, in den USA seinem Herzenswunsch näherzukommen: Er will der “größte homosexuelle Filmstar seit Arnold Schwarzenegger” und mindestens der “berühmteste Österreicher seit Adolf Hitler” werden. Begleitet wird er von seinem masochistisch veranlagten, rothaarigen Diener Lutz. Brünos eigenwilliger Entwurf für eine Fernsehshow mit Clelebrities wird von Testsehern für “schlimmer als Krebs” eingestuft, einen republikanischen Ex-Präsidentschaftsanwärter kann er auch nicht zu einem Sex-Video überreden, so bleibt ihm nur eine Charity-Aktion.

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Als seine Bemühungen um die Friedensstiftung im nahen Osten scheitern, beschließt er ein afrikanisches Baby zu erwerben- im Tausch gegen einen IPod geht das klar, auch hier kommt der halbdokumentarische Charakter des Streifens rein. Zurück in den Staaten wird ihm das Baby beim ersten Talkshowauftritt vom Jugendamt weggenommen. Zuvor veranstaltet er folgendes Baby-Casting:

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Es folgt die bittere Einsicht, dass er nur als Hete Ruhm erlangen kann. Doch, wird ihm psychologische Hilfe zweier Gay-Converter einen enthomoisierten Lebenswandel bescheren?

Man weiß nicht, ob man in stetigem Kopfschütteln verharren, oder in akute Lachanfälle miteinstimmen soll. Letztere lassen sich oft nicht vermeiden, gründen aber auf extrem trivialen Ursachen, die mit viel Nacktheit im Schleudergang zu tun haben, einige Szenen sind einfach nur dämlich.

Klar, man riecht die aus allen Poren des Films strömende Übertreibung, Überladung und Übertuntelung. Dennoch kommt die Botschaft rüber: Wer homosexuell ist, ethnischen oder religiösen Minderheiten angehört, hat oft mit hartnäckigen, absurden Vorurteilen und Ressentiments zu kämpfen. Dass diese Einsicht an authentischen Beispielen festgemacht werden kann, verfehlt ihre subversive Wirkung nicht und die USA bieten erneut mehr oder weniger ertragreichen Nährboden dafür. Zwar scheinen einige Szenen überdreht und wenig innovativ, der Kinosaal bleibt dennoch keine Minute kicherfrei. An in- your- face-Gags wird hier also nicht gespart. Die knarzende Mischung aus Deutsch und Englisch wölbt außerdem die Mundwinkel nach oben.

Wer das komplettrasierte, belipglosste Konterfei erleben will,  Kinostart ist der 9. Juli.

Und wer schon immer wissen wollte, wie man gehörlosen Kindern pantomimisch die Gefahren von Promiskuität erläutert, hier ein Ausschnitt, taucht zwar nicht im Film auf, bringt aber die Lachmuskeln zum Zucken:

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Ach ja, hier kommt die Blasendruckentlastungsprognose

Filmfreak

Das weiße Band

Ab geht’s mit neuem Filmstoff frisch aus der Filmfestpresse!

Wenn die Kinder des Priesters Unfug und Unzucht trieben, bekamen sie früher von ihrer Frau Mama ein weißes Band umgebunden, es sollte sie an Demut, Unschuld und Integrität erinnern und ihnen gewisse moralische Werte vermitteln. Dass solch autoritäre Erziehungsmethoden gerne fehlschlagen, sieht man nicht nur hervorblitzen, als eines jener Kinder den niedlichen Kanarienvogel des Herrn Papa mit einer Bastelschere einen tödlichen Hieb verpasst und zur Ansicht sorgsam auf den Schreibtisch des Vaters platziert. 

Michael Haneke führt uns in seinem in Cannes mit der goldenen Palme beehrten Gesellschaftskonstrukt Das weiße Band- Eine deutsche Kindergeschichte in die Abgründe einer protestantischen Dorfgemeinschaft im idyllischen Vorkriegsdeutschland. Dort erwarten den Zuschauer 144 Minuten düstere Filmkunst vom Feinsten. Linear und doch vielschichtig erzählt der Dorflehrer (Christian Friedel) wie alles anfing, doch vorher werfen wir einen verstohlenen Blick in den Trailer:

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Der Dorfarzt (Rainer Bock) hat einen Reitunfall, kein Zufall, sondern bitterböse Intention. Sein Pferd stolpert mit ihm über ein gutverstecktes Drahtseil auf hauseigenem Grundstück. Wer begeht solche Taten? Zwei Kinder des Dorfpriesters (Burghart Klaußner) laufen jedenfalls nach dem Vorfall weißbändig umher. Eine Frau stirbt bei einem Arbeitsunfall, der Baron (Ulrich Tukur) wird dafür verantwortlich gemacht. Sein engelsgleicher Sohn wird eines Tages bäuchlings, striemenbedeckt und völlig verstört aufgefunden. Auch Karli, den behinderten Sohn der Hebamme, findet man mit zerkratzten Augen im Wald wieder.

Rohe Gewalt wird angedeutet, ihr Ergebnis flüchtig präsentiert, die Ursachen scheinen mehrfach ungesättigt, die Atmosphäre ist vergiftet. Hinter der Kamera sorgt Christian Berger für präzise, einprägsame Mise en Scène, das Monochrome entfaltet bergmaneske Wirkung und besprießt die idyllische Dorflandschaft mit einer bemerkenswerten Beklommenheit. Ein ästhetischer Genuss! Hier ein eher harmloser Ausschnitt:

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Die Ausgeburt dieser feudalgeprägten Gesellschaft ist nur Spiegel ihrer selbst. Deutlich wird die strukturelle Perversion besonders in der Person des Dorfarztes, für den man eben noch voreiliges Mitleid zusammenkratzen wollte, als er vom Pferde fiel. Eben jenen erlebt man später im wohl erbarmungslosesten Dialog des Films, einem Gespräch mit der Hebamme (Susanne Lothar), seiner ausgedienten Langzeitgeliebten, hier eine unvollständige Rekonstruktion:

Arzt: Du bist nicht nur alt, hässlich und ausgeleiert, sondern stinkst auch noch aus dem Mund. Hast du denn gar kein Ehrgefühl?

Hebamme: Neben dir kann man sich sowas gar nicht leisten. Ich habe zwei behinderte Kinder, du bist das Schwierigere von beiden.

Arzt: Warum stirbst du nicht einfach?

Wesentlich fruchtbarer gedeiht indes die Beziehung des Droflehrers zu seiner scheuen Verlobten Eva (Leonie Benesch, großartig), hier ein Ausschnitt aus zeitgenössischem Datingverhalten:

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Überhaupt, scheint der Lehrer als Einziger auf der karg bevölkerten, moralisch gefestigten Seite zu leben. Das als Drama eingestufte Werk, lässt sich meiner Meinung nach eher einem subtilen Horrorgenre zuordnen. Trotz der Darstellung faschistoider Handlungen, versucht Haneke keinen zwangsläufigen Bezug zu Deutschland und dessen Weg in den ersten und zweiten Weltkrieg herzustellen. Vielmehr soll das Konstrukt ortsungebundene, gesellschaftliche Abgründe aufzeigen.

Zwar wirken die Dialoge durch die zeitliche Verortung teilweise streng und unnatürlich, zudem mangelt es einigen Laiendarstellern an schauspielerischer Überzeugungskraft, jedoch entrückt das nicht die abgründige Faszination des einnehmend-unangenehmen Lichtspiels. Wer den Verstörungsfaktor möglichst gering halten will, sollte diesen Film bei schönem Wetter und tagsüber anschauen. Ab 15. Oktober im Kino. [rating=5]

Filmfreak

The Girlfriend Experience

Ab geht’s mit brandheißem Filmstoff:

Zu allererst: Ja Sasha Grey macht Porno, und das nicht zu soft. Doch wer in solcher Erwartung in den Film geht, wird zwangsläufig enttäuscht. Den stinknormalen (bitte Geruchskomponente wegdenken) Arbeitsalltag von Grey im kalifornischen San Fernando Valley kann man sich in 9 to 5 days in porn (Jens Hoffmann) seit dem 2. Juli schmecken lassen.

Zurück zu The Girlfriend Experience. Steven Soderbergh, der Regisseur von Filmen wie Sex, Lies and Videotape, Erin Brockovich, Syriana, Traffic und jüngst Che I/II will hier Porno auf Politik loslassen und sorgt für das Mainstreamdebut der 21- Jährigen, eher bekannt aus Filmen wie Lord of Asses 13 oder Swallow my Children.

Der Plot: Die New Yorkerin Christine/Chelsey wohnt mit ihrem Freund Chris (Chris Santos), einem motivationsfähigen Personal Trainer in einjähriger Beziehung und loftartigem Appartement in Manhattan. Beide verdienen ihr Geld im Verkauf von Waren:

Er mit Fitnesspaketen, Sie- nennen wir es mit organischen Paketen, respektive sich selbst, denn sie ist freiberufliche Escortdame. Man könnte sagen: Er macht Schlaffes stramm, sie bringt Strammes zum Erschlaffen. Aber kann so eine Beziehung funktionieren? Fünf Tage Auf und Ab werden uns präsentiert. Hier erstmal der Trailer zum Warmwerden:

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Soderbergh will ein bisschen Gesellschaftsspiegel spielen, denn fast keine Sequenz der 77 minütigen Low-Budget Produktion kommt an der lauernden, bellenden, beißenden Wirtschaftskrise vorbei. Wie diese sich aus warmer Luft nährte, so scheint der gesamte Film fassbare Substanz zu entbeehren, bleibt paradoxerweise ohne Höhepunkt.

Doch gerade das macht den Film aus. Es wird viel geredet, ohne viel auszusagen. Fragen werden gestellt, wenige davon beantwortet. Viele Kerle werden getroffen, doch der Hauptgang fehlt. Das Drumherum macht die Erfahrung aus. Hier ein kommentiertes Hintergrundschmankerl:YouTube Preview Image

Gegessen wird dafür aber in Soderbergh Manier (Brad Pitt in Ocean’s 11/12/13) umso häufiger, was sich natürlich tief und breit metaphorisch ausklopfen ließe. In einem der zahlreichen Handlungsstränge lässt sich Christine (beim Essen) von einem Journalisten interviewen, der ihr Leben für alle Unberotlichteten ein wenig zu beleuchten versucht.

Was beschäftigt die Gute nun also? Neben Konkurrenz und Selbstvermarktungsstrategien eigentlich eine Frage, die uns alle irgendwo betrifft:

Wer interessiert sich genuin für die Person und nicht für die körperhafte Projektionsfläche subjektiver Wunschvorstellungen? Wenn die Darstellerin kühl und charakterlos wirkt, nur hin und wieder einige Anzeichen von Emotion zulässt, so kann das zwar als authentische Charakterstudie verziehen werden, dennoch sehnt sich der Film streckenweise nach mehr Persönlichkeit. Wirklich gut ist die ausschließlich digitale Kamera, hinter der ebenfalls Soderbergh zu finden ist.

Einige Szenen sieht man durch amateurhafte Handkameraaufnahmen, andere durch raffinierte Überwachsungskameras. Mit der Tiefenschärfe wird gespielt und viele Nahaufnahmen sorgen für die richtige Prise Voyeurismus.

Wann der Film hier offiziell startet ist noch ungewiss, September wird gemunkelt. Soderbergh ließ ihn indes bereits im US-Fernsehen, Internet und Kino gleichzeitig auf die filmhungrige Meute los. Hier kann man auf Filmfestpräsens hoffen und derweil einen Blick auf Sasha Grey in Anal Acrobats und dergleichen werfen…

Filmfreak

Fashionterrorismus

Ab geht’s mit neuen und wiederentdeckten Filmerzeugnissen!

Schraubt eure P.C.-Latte sachte runter und verabschiedet euch von idealistischen Wertevorstellungen, es wird subversiv!

Drei Jahre lang haben wir auf ihn gewartet und wurden regelmäßig von Filmfetzten aufgestachelt, jetzt kommt Borats alter ego endlich auf die Leinwand. Von Sasha Baron Cohen als österreichische Fashonista Brüno kann man sich ab dem 9. Juli in gleichnahmiger Satire mit Schlagseite bezaubern lassen. Regie führte auch diesmal Larry Charles, der u.a. für die Sitcom Seinfeld mitverantwortlich war. Randgruppen nach vorn, Fremdschämen war selten so genussvoll. Hier der Trailer-for mature audiences only- na dann:

Ein Mann, zwei Dildos und eine ausgeklügelte Choreografie machen Lust auf Restegucken. Der Verleih Universal hat indes weitreichende Maßnahmen zur Eindämmung von Filmkritiken vor offiziellem Filmstart unternommen. Eventuell ein Hinweis auf einen extrem gehypten, aber desperaten Flop? An öffentlichen Popup-Einlagen wurde nicht gespart. Ich warte jedenfalls gespannt auf die ersten Fashion Victims mit den extrem attraktiven Nacktanzügen in rosé, oder wie die SZ sagt rosafarbener Ganzkörperstrickanzug mit mehr oder weniger expliziten Details, enorm organisch:

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Unter all den virtuell umhergeisterneden Szenen, hier ein spirituelles Highlight:

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Konträr und denkwürdig  geht es weiter mit einem Beitrag vom  Evilfest, Ohren auf es wir nuschlig:

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Dass nett nur eine Euphemisierung von scheiße ist, wussten wir. Und wie nice es hinter den Kulissen von Entertainmentformaten zu geht, sehen wir hier:

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Das lässt einige Fragen in der postbrünalen Hirnspalte aufleuchten:

Wie viele Prozesse wird der 83- minütige Spass entfachen? Schmerzfrei kam Cohen jedenfalls nicht davon: Für seine Rolle ließ sich der Ästhet nicht nur Brust und Beine rasieren, sondern auch die Haare rund um seinen Anus bleichen. Danach ging’s ab ins Krankenhaus und der Gute konnte einige Tage nicht sitzen, von Reue aber keine Spur: I’m bleached and I’m proud.” Ein Spruch, der sitzt.

Wann wird das unentbehrliche Wort Spunk als Germanismus in britische Wörterbücher aufgenommen? Darf sich Österreich auf einen warmen Tourismusschauer freuen?

Und viel wichtiger: Wird die Dildochoreographie ihren Weg in die ästhetisch orientierten Schlafzimmer dieser Welt finden oder in Selbstverteidigungskursen enden?

Ab 9. Jüli wissen wir mehr!