Inception
Ist Christopher Nolans Über-Blockbuster Inception (2010) wirklich so gut, wie alle sagen? Hier erfahrt ihr es!

Auf das Wesentliche runtergebrochen erzählt Inception die Geschichte eines Mannes, dessen innere Konflikte sich an den Grenzen von beruflichen und privaten Fehltentscheidungen entfachen und nach außen strahlen- und das machen sie ziemlich imposant, ab in den Trailer:
Normalerweise hackt sich Dom Cobb (Leonardo DiCaprio) in die Traumwelten seiner Opfer ein, um ihnen im Auftrag von Geschäftsleuten wichtige Geheimnisse zu entlocken. Weil er sich damit an den Grenzen der Kriminalität bewegt, wird er vom FBI gesucht und ist zum ewigen Berufsnomadentum verdammt. Diesmal soll er den Konkurrenten des japanischen Großunternehmers Saito (Ken Watanabe) dazu bringen, den vom Vater geerbten Großkonzern zu zerschlagen.
Anders als sonst muss Cobb, statt Geschäftsgeheimnisse zu extrahieren, eine Idee in das Unterbewusstsein seines Opfers einpflanzen. Was für ihn dabei rausspringt, ist die Erfüllung seines Traums: Die eigene Familie endlich wiederzusehen.

Für diesen heiklen Job rekrutiert Cobb ein hochqualifiziertes Team von Traumdesignern (Ellen Page, Joseph Gordon-Levitt, Tom Hardy, Dileep Rao). Um die Idee sicher zu platzieren beschließt die Crew, mehre Traumebenen ineinander zu verschachteln, also einen Traum in einen Traum in einen Traum zu designen. Dabei dient eine etwas plump aussehende Gerätschaft den Eindringlingen als Medium in die Träume ihrer Opfer. Hört sich kompliziert an, wird aber dank gut differenzierbarer Traumsettings für jeden halbwegs wachen Zuschauer nachvollziehbar.
Cobb selbst, so erfährt man, war mal einer der besten Traumarchitekten, bevor etwas passierte, das ihn und seine Fähigkeiten enorm beeinträchtigte. Dass dieses Ereignis gerade während der komplexen Mission aus den Tiefen seines Unterbewusstseins auftaucht, nagt massiv am Erfolg des minutiös gerplanten Coups und somit am Schicksal aller Beteiligten. Denn Cobbs private Erinnerungen penetrieren immer wieder die kreierten Traumwelten und zehrende Schuldgefühle treiben den Helden in die berufliche und private Vorhölle. Wo Realität aufhört und Traum anfängt, wird dabei immer unschärfer.

Ähnlich wie in Scorseses Shutter Island wird Leonardo DiCaprio auch in Inception ein Privatleben angeheftet, durch das er immer wieder auf sich selbst zurückgeworfen wird. Auch wenn hier das Gegenteil behauptet wird, ist Inception bei weitem sehenswerter als Shutter Island, hat ein knackig-ambivalentes Ende und ist auch weniger kitschig. Durch den sparsamen Einsatz von digitaler Kamera erhalten die beeindruckenden Bilder eine besondere, fast haptische Qualität– ganz ohne 3D.
Was ist also das Manko dieses Films?
Nolan skizziert eine Welt mit eigenen Regeln, doch verdichtet sie nur so weit er es für nötig hält. Man erwartet von ihm zwar keine detailvernarrte Harry Potter- Zauberwelt und auch keine überbunte Light-Version eines LSD-Trips wie in Terry Gilliams Imaginarium des Dr. Parnassus. Aber wozu ist in einem Traum im Traum im Traum denn noch ein Maschinengewehr nötig, wenn nicht zur bloßen Befriedung von Actionfans und letztendlich zum Füllen der Kinokassen?
So interessant und universell das Traumsujet auch ist – das Gerüst, auf dem Inception sich filmisch auf unseren Verstand pflanzt, wackelt. Was bleibt ist ein visuell durchaus ansprechender, geschmeidig geschnittener Sommerlochstopfer, dessen Überlänge man nicht merkt – oder auch ein originell verpacktes Déjà-vu auf hohem Niveau.
Um den philosophischen Aspekt nochmal herauszukramen, lasse ich Woody Allen sprechen:
What if nothing exists and we’re all in somebody’s dream? Or what’s worse, what if only that fat guy in the third row exists? (Without Feathers, 1975)
Der fantastische Mr. Fox

Endlich wieder Filmfutter vom Meister der Macke, also Mund zu und Augen auf für Wes Andersons Der fantastische Mr. Fox (2009).
Nach der ewigen Rechtebettelei bei Roald Dahls Witwe, konnte Wes Anderson nun endlich mit Co-Autor Noah Baumbach die Stop-Motion Adaption des gleichnamigen Kinderbuchs in die Kinosäle schleusen. Seit dem 13. Mai nun auch hier zu sehen, Zeit für uns in den Trailer zu schnuppern:
Zum Plot: Obwohl Mr. Fox (George Clooney) seiner Frau (Meryl Streep) versprochen hatte, die Pfoten vom Hühnerstehlen zu lassen, ist er nach 12 Jahren und einem Sohn wieder dabei, die familiäre Speisekammer mit stibitztem Federvieh zu füllen. Irgendwie muss das bürgerliche Fuchsleben ja finanziert werden, und seine Zeitungskolummne liest eh kein Schwein.
Der große Coup steht aber noch bevor: Die Fuchsfamilie zieht aus dem unterirdischen Bau in einen villenartigen Baum- mit direktem Blick auf drei Geflügelfabriken. Ein leichtes Spiel für den gerissenen Mr. Fox, wären die drei Fabrikbesitzer nicht ebenso gemein, wie sie dick, klein und mager sind. Hier kommt noch ein Filmfetzen:
Mr. Fox bringt also nicht nur die stacheldrahtige Welt der Menschen durcheinander, sondern auch die gesamte Tierwelt in Gefahr. Denn die drei Bauern vom Geflügelfach gieren nach Rache und scheuen weder Geld noch Skrupel.
Aber Wes Anderson wäre nicht er selbst, würde er der Fuchsfamilie nicht seinen gewohnten Touch Exzentrik verleihen. So kämpft der andersgeratene Fuchssohn Ash (Jason Schwartzman), nicht nur um die Anerkennung seines Alphavaters, sondern konkurriert auch mit Cousin Kristofferson (gesprochen von Andersons Bruder Eric), der die Fuchsfamilie durch allgemeine Exzellenz bereichert. Mrs. Fox ist es währenddessen leid, ihren Mann mit dessen Hang zur Gesetzlosigkeit zu teilen.
Zugegeben, trotz des Stop-Motion Charmes wirken die Charaktere manchmal ein wenig flach, auch wenn sich Anderson neben dem gewohnten Ensemble (Owen Wilson als Sportcoach), prominete Sprecher wie Cloney und Streep ins Boot geholt hat.
Dennoch sind die 87 Minuten ein Vergnügen, und nach dem ganzen 3D- Hype, ist dieses Stück Retrofilmkunst allemal sehenswert. Wer anderer Meinung ist, kann sich bei den fünf Filmfreunden Verstärkung holen.
Fazit: Detailverliebtheit und philosophische Knusperchen würzen die formal kindgerechte Story so auf, dass sie auf jeden Fall auch faltigeren Existenzen audiovisuelle Bespaßung bietet. Und allein Willem Dafoes Stimme aus dem Maul einer versoffenen Ratte zu hören, macht den fantastischen Mr. Fox noch um eine Spur fantastischer!
Darf’s ein bisschen mehr sein?
Ab geht’s mit brandheißem Kinofutter und einer visuellen Delikatesse von Haim Tabakman: Einaym Pkuhot- Du sollst nicht lieben (2009).

via imdb
Die Titelgebung schmeckt zwar eher nach einem lauen Fernsehfilm mit Bettina Zimmermann, der Inhalt überzeugt aber und ich freue mich gerade wie ein zwiebelnaschender Pavian, dass dieser Film endlich auch deutsche Kinogefilde bespielt, nämlich ab dem 20. Mai!
Man erinnere sich Ang Lees Brokeback Mountain (2005), schiebe die Handlung nun nach Mea Shearim, also ins ultraorthodoxe Viertel von Jerusalem. Die Cowboys sind in dem Fall ein Fleischer und sein Lehrling. Neugierig? Dann ab in den Trailer:
Zum Plot:
Aaron Fleishman (Zohar Shtrauss) führt ein geregeltes Leben. Gerade hat er die Fleischerei seines verstorbenen Vaters wiedereröffnet, engagiert sich in der Gemeinde und sorgt für Frau und vier Kinder. Doch macht ihn sein Leben glücklich? Er funktioniert lediglich.
Erst durch den Studenten Ezri (Ran Danker), der während eines Unwetters in Aarons Laden nach Unterschlupf und Arbeit sucht, entkommt er der Lethargie seines Alltags.

via filmstarts.de
Ezris Andersartigkeit sickert schnell durch die Gemeinde, schneller als Aaron merkt, was in ihm vorgeht. Eine gewisse Spannung an der Fleischtheke ist nicht zu leugnen. Zunächst sieht er in der Versuchung eine Prüfung seines Glaubens.
Wird er widerstehen? Will er? Minimale Mimikdifferenzen in Aarons bärtigem Gesicht lassen erahnen, was in ihm vorgeht. Dass diese Liebelei in der Gemeinde und für Aarons Frau Rivka (Tinkerbell) eine Unmöglichkeit darstellt, ist klar. Wie sich Aaron entscheiden wird, nicht.

via stockholmfilmfestival.se
Im Gegensatz zu Filmen von Eytan Fox wie Yossi & Jagger (2002) oder The Bubble (2006), die sich Tel-Aviv als Kulisse nehmen, lassen die engen Gassen von Mea Shearim kaum Platz für queere Gedanken.
Tabakmans ästhetisierte Bildkompositionen erlauben eine Distanzierung, die den filmischen Realismus entschärft, und das Werk beispielsweise von Trembling before G-d (2001), einem ähnlich verorteten Dokumentarfilm abhebt. Zwar bietet sich der Einsatz von Melodramatik an, aber Tabakman entzieht sich- ohne dabei Nüchternheit zu vermitteln.
Er nimmt sich Zeit. Zeigt, ohne zu polemisieren. Die Bilder, die uns Kameramann Axel Schneppat auf die Augen wirft, wirken reduziert, kraftvoll und einnehmend. Um innere und äußere Konflikte authentisch zu gestalten, hat Tabakman sich von Homosexuellen und Ultraorthodoxen beraten lassen, dazu gibt’s hier ein interessantes Interview.
Fazit: Schöne Bilder, die auch lange nach Filmgenuss im Kopf bleiben und wohlplatzierter Konfliktstoff, der abseits der unmittelbaren Thematik universelle Werte behandelt, ergeben ein sehr sehenswertes Regiedebut, Chapeau!
Les herbes folles
Ab geht’s mit saftigem Filmfutter aus der Presse des Altmeisters Alain Resnais: Les herbes folles -Vorsicht Sehnsucht (2009). Drückt also bitte den frankophilen Schalter sachte runter und folgt mir in einen Film, der sich mit einer Portion Charme und einer Gallone Absurdität gegen jede Erwartungshaltung wehrt!

via orangedoe.wordpress.com
Zum Plot: Zahnärztin Marguerite Muir (Sabine Azéma) kann aufgrund ihrer leicht deformierten Füße nur in einem bestimmten Geschäft in Paris Schuhe kaufen. Doch nach erfolgreicher Fußversorgung wird ihre Handtasche gestohlen. Georges Palet (André Dussolier) findet Marguerites Portemonnaie in einer Tiefgarage.
Er beginnt, sich eine Welt rund um ihre Existenz zu spinnen, betrachtet ihre Fotos, begutachtet ihren Pilotenschein und ruft sie vergeblich an. Schließlich gibt er das kostbare Fundstück wehmütig auf dem Polizeirevier ab.
Als sich Marguerite unverbindlich bei Georges meldet, um ihm zu danken, beginnt ein bizarrer Stalk-Wettbewerb zwischen den beiden. Dabei werden sie von Georges Frau, der Polizei und Marguerites Kollegin mal ausgebremst, dann wieder angetrieben. Neugierig? Ab in den Trailer:
Dieser Film fängt irgendwo vor dem Anfang an und hört definitiv nach dem Ende auf. Voller Verve inszeniert Resnais seine Charaktere. Mit ihrer Präsens schaffen sie es, uns zu vereinnahmen. Wir bleiben bei ihnen, selbst wenn die Erzählstruktur uns Fragezeichen in die Hirnrinde wirft.
Uns eröffnet sich ein ästhetischer Wildwuchs an hochgezüchteten Erwartungen, unhaltbaren Projektionen und großen Enttäuschungen. Es geht um verlebte Möglichkeiten und mögliche Illusionen, die sich all in ein großes “Was wäre, wenn…?” verknoten.

via lesherbesfolles-lefilm.com
Fazit: Les herbes folles ist ein cinéastischer Zaubergarten und mit Sicherheit kein filmisches Unkraut. Hier wuchert die Fantasie eines Meisters. Anschauen und überraschen lassen!
Ab 22.04. im Kino.
A Single Man +++ The Blind Side +++ Legion
Filmisch ist heut so ziemlich alles dabei. Wir beginnen mit Tom Fords Designerstück A Single Man, im zweiten Gang folgt das Bullock-haltige Rührstück The Blinde Side und verfeinert wird das Menü von Legion, einem abgetrashten SF-Miststück. Filmhunger? Na dann Mund zu und Augen auf!

Wer glaubt, dass A Single Man (2009) Tom Fords Adaptation einer Novelle von Christopher Isherwood, lediglich aus 101 Minuten Dauerwerbung für seine neuste Kollektion besteht, der hat zwar nicht ganz unrecht (Firth trägt natürlich Ford), wird aber sehen, dass der gute Tom sich mit seinem ersten Filmversuch durchaus sehen lassen kann, sehr sogar. Zurück in die 60er und ab in den Trailer:
Zum Plot:
Wir sehen einen Tag im Leben eines Mannes, dessen Herz bitter am Tod seines Lebensgefährten zerbrochen ist. Zutiefst tragisch, oft tiefgründig aber immer exzellent gekleidet wandelt George (Colin Firth) durch diesen Tag, der vielleicht sein letzter sein wird. Er steht auf, geht an die Universität um zu unterrichten, leert später sein Bankschließfach und holt sich Munition für die Waffe, mit der er sich aus seinem Elend schießen will.
Kann seine beste Freundin und ehemalige Geliebte Charley (Juliane Moore) ihn von einer gemeinsamen Zukunft überzeugen? Oder wird Kenny (Nicholas Hoult), ein penetranter und lebenshungriger Student mit häßlichem rosa Mohairpullover ihn zurück in die Gegenwart holen? Ab 8. April wissen wir mehr. Bis dahin kann man sich hier Appetit holen.
Fazit: Ein ästhetisches und gehaltvolles Zuckerschlecken.
Wie versprochen, kommt hier Nachschlag aus einer anderen Ecke, The Blind Side (2009) ist ab 25. März im Kino und John Lee Hancocks Verfilmung einer realen Geschichte.
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via filmstarts.de
Sie handelt von Michael Oher (Quinton Aaron), einem afroamerikanischen Jungen, der aus elenden Verhältnissen in den Schoß einer großzügigen weißen Vielverdienerfamilie aufgenommen wird, um sich vom tumben Sorgenkind zum Profi-Footballspieler zu entwickeln. Insgesamt läuft die Erfolgsstory linear vor sich hin, stolpert an einem kleinen Twist und bleibt sowohl inhaltlich als auch filmisch auf der konservativen Seite. Rein in den Trailer:
Fazit: Der Geruch von Kitsch liegt in der Luft. Besonders hübsch ist eine Szene, in der Übermutti-Bullock dem bulligen Pflegeobjekt aus einem Kinderbuch vorliest, dass einem der Magen rumort. Selbst wenn sich das Ganze an eine wahre Geschichte anlehnt, fragt man sich, wieso sämtliche Klischees bis zum Zerbersten bedient werden müssen. Wer nach einem ordentlichen Verriss giert, kann sich bei den fünf Filmfreunden bedienen.
Was jetzt kommt ist absolut nicht arthausig, sondern eine ordentliche Ladung trashiger SF-Endzeitstimmung. Manchmal kann ein übler Film unglaublich amüsant sein, so auch Legion (2010) von Scott Stewart, seit 18. März im Kino.

via moviepilot
Zum Plot: Gott glaubt nicht mehr an die Menschheit und schickt seine Engel aus, um die Welt zu bereinigen. Erzengel Michael (Paul Bettany) ist der einzige, der noch Hoffnung sieht. Großzügig bewaffnet macht er sich auf, um eine kleine Gruppe zufällig zusammengewürfelter Opfer an einer Tankstelle inmitten der Mohave Wüste vor der Apokalypse zu bewahren.
Unter ihnen ist auch die hochschwangere Charlie (Adrianne Palicki), deren Kind die Rettung der Menschheit darstellt. Ziel ist es nun, dass dem Ungeborenen nichts geschieht. Doch das erweist sich als reichlich schwierig, denn die zum Bösen mutierten Engel haben Hunger und gieren nach Menschenfleisch.
Schnell in den Trailer:
Fazit: Spätestens nachdem die fleischlustige Oma die Szenierie betritt, kann man das Zucken im Zwerchfell nicht zurückhalten, will man ja auch nicht. Erwartet also dämliche Dialoge, ungeplante Homoerotik, Löcher in der Logik und ein gelungenes Miststück von einem schlechten Film!
Filmtage in München
Wer beim Anblick der weißen Pest draußen winterschläfrig wird, darf nun zumindest cinéastischem Eskapismus fröhnen: Der Filmfrühling ist ausgeborchen.

In den nächsten Tagen jedenfalls lohnt es sich, wach zu bleiben! Denn neben den Jüdischen Filmtagen, die vom 14.-17. März im Neuen Gabriel und unter Anwesenheit einiger Regisseure stattfinden, bespukt das Fantasy Filmfest im Rahmen einer deutschlandweiten Tour vom 13.-14. März das Münchner Cinema.
Auf den gegenwärtigen 3D-Zug ist man natürlich auch in Japan aufgesprungen. Wie sich der Effekt im Horrorfilm macht, kann man in Takashi Shimizus neustem Nervenmassaker The Shock Labyrinth (2009) erleben. Wer also pubertierenden Teenies beim Verirren und Verbluten zusehen will, hier ein Vorgeschmack:
http://www.veoh.com/videos/v18919788pWwYKDzKAuf die Lateinamerikanischen Filmtage, die momentan noch im Gasteig laufen, folgen vom 20.-28. März die 21. Türkischen Filmtage. Den Auftakt macht Üc Maymun-Drei Affen (2008) von Nuri Bilge Ceylan. Das Programm bietet jedenfalls mehr als den hierzulande gerngeförderten Problemfilm mit Opferweibchen und Identitätspatchworkthematik!
Wer da noch filmhungrig ist, dem empfehle ich, ins Filmmuseum zu gehen, wo gerade Gus Van Sant retrospektiert wird. Lust auf einen charmanten Kurzfilm? Voilà:
http://www.dailymotion.com/videox3mihpLe Marais, Gus Van Sant, 2003
Leben und sterben lassen
Un Prophète – Ein Prophet (F/I 2009. Jacques Audiard)
Wir ihr vielleicht schon gemerkt habt, haben wir einen feinen Bogen um die Goldmännchenverleihung vom vergangenen Sonntag gemacht.
Am Donnerstag läuft nun ein Film an, der neben Michael Hanekes Kindergeschichte, in der Kategorie bester ausländischer Film nominiert war. Gewonnen hat zwar der argentinische El secreto de sus ojos von Juan José Campanella, wir wenden den Blick aber dennoch Richtung Frankreich.
Also Mund zu und Augen auf für Un Prophète, Jacques Audiards gesunder Mischung aus Coming of Age- Story, Gefängnisdrama und Gangsterstreifen. Trailer? Bitteschön:
Zum Plot:
Als der 18- jährige, marokkanisch-stämmige Malik (Tahar Rahim) wegen Tätlichkeiten gegenüber Polizisten zu sechs Jahren Haft verurteilt wird, kann er weder lesen noch schreiben und wirkt auf den ersten Blick eher so, als würden zwei Affen in seinem Kopf Ball spielen. Als er nach dem “Bildungsurlaub” wieder rauskommt, hat hat er mehrere Menschen auf dem Gewissen, sowas wie einen Schnurrbart im Gesicht und kann sogar korsisch.
Alles fängt damit an, dass er sich entscheiden muss. Will er überleben, muss er der Korsenmafia zuarbeiten, die sich wie ein Pilzgeflecht durch die gesamte Gefängnisstruktur zu ziehen scheint. Das bedeutet zunächst, dass er seinen arabischen Knastnachbarn mit einer Rasierklinge aus dem Weg räumen muss, weil dieser den korsischen Gefängnispaten César Luciani (Niels Arestrup) verärgert hat. Die passende Mordchoreographie ist Lektion Nummer eins. Dass die Wächter mitspielen, Lektion Nummer zwei.

Nach seiner Feuertaufe wird er Césars Laufbursche. Er arbeitet sich langsam hoch und lernt die Regeln des komplexen Machtgefüges kennen, nach denen er funktionieren kann. Für die Araber ist er der übergelaufene Korse, für die Korsen der ewige Araber. Er selbst sieht sich auf keiner der beiden Seiten. Für uns bleibt er ein Fremder.
Martin Scorseses The Departed oder Goodfellas zwinkern uns zu und Coppolas Pate ist sowieso allgegenwärtig, allerdings in einer abgekühlten und entromantisierten Form. Dennoch bleibt Audiard bei seiner Geschichte. Er reichert sie mit ein wenig Mystik und exzellenten Schauspielern an und serviert uns brutale, sozialkritische und vielschichtige Filmkost.

Fazit:
Un Prophète liefert 150 Minuten dichte Einblicke in den Aufstieg eines Mannes, der sich zur falschen Zeit am falschen Ort befindet und alles irgendwie richtig macht. Ab 11.03. im Kino.
A Serious Man

Ab geht’s mit koscherer Filmkost von den Coen Brüdern: A Serious Man (2009) handelt von einem Mann, dessen Welt ohne sein Zutun einfach so und Stück für Stück zusammenbricht.
Darf trotzdem gelacht werden? Ja, denn gerade in der Ambivalenz von Tragik und Komik blüht der subversive Humor der Coens auf und entfaltet seine Pracht innerhalb unseres Zwerchfells. Und jetzt ab in den Trailer:
http://www.dailymotion.com/videoxa0n24Zum Plot: 1967, Larry Gropniks (Michael Stuhlbarg) Leben geht langsam aber beständig in die Brüche. Kurz vor seiner Verbeamtung als Physikprofessor kursieren Schmähbriefe am Lehrstuhl. Sohn Danny (Aaron Wolff) hört Radio und kifft, statt im Hebräischunterricht aufzupassen. Tochter Sarah (Jessica McManus) bedient sich an seinem Geldbeutel, um sich eine Nasenkorrektur finanzieren zu können. Ehefrau Judith (Sari Lennick) betrügt ihn mit einem Freund der Familie und der geistig verwirrte Bruder Arthur (Richard Kind) wohnt in seinem Badezimmer. Zum Glück gibt es einige Rabbis in der jüdischen Gemeinde seines Heimatstädtchens in Minnesota, die er um Lebenshilfe bitten kann. Na dann, Masel Tov!

Während Larry also seinen Studenten die Ungewissheitstheorie näherbringen will, rüttelt Hashem gewaltig an seinem kleinbürgerlichem Alltag. Aus dem fürsorglichen Familienvater und korrekten Physikprofessor wird ein Wrack, dessen berufliches und privates Leben wie durch Knopfdruck aus den Bahnen des Erfolgs gehebelt wird. Ob das ungerecht ist? Naja, Larry sagt es selbst, als er beim Aushilfsrabbi seine geistliche Therapierungsodysse startet: The boss isn’t always right, but he’s always the boss. In diesem Fall also die Coen Brüder. Und die scheinen mächtigen Spass am tiefen Fall ihres Protagonisten zu haben.

Mehr Tragik? Bitteschön: Seine Frau will die Scheidung, außerdem soll Larry in ein Motel ziehen. Ein paar Tage später verunglückt der Nebenbuhler jedoch tödlich. Wer muss für die Beerdigungskosten aufkommen? Richtig. In seiner Hilflosigkeit sucht Larry einen weiteren Rabbi auf, der ihm helfen soll, den anschwellenden Lebensballast aufzufieseln. Der Rabbi erzählt ihm die Geschichte eines Kieferorthopäden, der im Gebiss eines Mannes hebräische Zeichen findet, die übersetzt “Hilf mir” bedeuten.
Das beschert besagtem Arzt schlaflose Nächte, sodass er verzweifelt eben jenen Rabbi aufsucht, um ihn um Rat zu bitten. Ob er nun den Menschen helfen solle, möchte er wissen. Na, kann sicher nicht schaden, meint der Rabbi. Danach geht’s dem Kieferorthopäden wieder prächtig. Was diese Parabel soll? Man könnte sie als eine Liebeserklärung an die Sinnfreiheit sehen.
Manche Fragen sind wie Zahnschmerzen, eine Weile beschäftigen sie uns und irgendwann hören sie auf.
Rabbi Nachtner
Die Fragen, die der Film uns beschert, können wir ebenfalls mit Zahnschmerzen vergleichen. Oder wir halten uns an die Worte des Vaters eines versetzungsgefährdeten, asiatischen Studenten. Dieser steht eines Tages auf dem- nicht mehr ganz so ordentlich getrimmten- Rasen des Einfamilienhauses, um den Physikdozenten seines Sohnes zu erpressen. Hat er nun das Kuvert mit Bestechungsgeld auf Larrys Schreibtisch deponiert oder nicht? Please, accept the Mystery.

Das scheint überhaupt das Mantra des Films zu sein. Oder die Botschaft der Coens, die es satt haben, nach jedem Filmwurf mit hochtrabenden Interpretationsergüssen und Analyseentwürfen beklebt zu werden. In etwa wie der Rabbi, der sich mit den vom Leben gequälten Bittstellern beschäftigen muss und gelegentlich lieber zu den Liedern von Jefferson Airplane summen würde.
Dann eben alles so nehmen wie es ist. Das erfahren wir schon zu Beginn des Films, noch vor dem Prolog, dessen Essenz wir ebenso verzweifelt in irgendeiner Folgesequenz zu verankern suchen:
Receive with simplycity everything that happens to you.
Rashi
Fazit: Was diesen Film so sehenswert macht, ist neben der großartigen Besetzung sicherlich der latente Humor, den die Brüder uns hier vorführen. Er ist selbst in die tragischten Szenen eingeflochten, sitzt hinter den haarigen Ohrläppchen und schwingt mit jedem Schritt der behäbigen Matronen mit, die A Serious Man, trotz aller Ernsthaftigkeit und dem Fehlen eines Happy Ends zu einem köstlichen Filmgenuss machen. Denn:
Es ist ein großes Missverständnis nicht nur des amerikanischen Kinos, zu glauben, dass Menschen, die lieben, das Recht auf ein Happy End haben. Niemand hat ein Recht auf ein Happy End.
Interview mit Joel und Ethan Coen , DIE ZEIT, 25.09.2008 Nr. 40
Mittelmeer-Filmtage 2010
Tief einatmen und hinriechen: Ja, man kann das Meer quasi schmecken! Zumindest vom 14. bis zum 31. Januar, denn da bespielen die 7. Mittelmeer-Filmtage den Münchner Gasteig.
Los geht’s heute abend mit Pandora’s Box/Pandoranin kutusu von Yeșim Ustaoğlu, also schnell in den Trailer:
Wann, wo, wieviel?
- 19:30 Uhr, Carl- Orff Saal, 9€/erm. 7€.
Programmnachschlag gib’t hier.
Soul Kitchen
Ab geht’s mit filmischen Leckereien und Fatih Akins erster Komödie Soul Kitchen (2009), die ab dem 25. Dezember durch die Kinosäle dampft. Mund zu und Augen auf für dieses bekömmliche Stück Gute Laune im Filmformat:
Zum Plot: Als seine Freundin Nadine (Pheline Roggan) nach Shanghai zieht, um dort eine Korrespondentenstelle anzunehmen, steht der stetig scheiternde Kneipenbesitzer Zinos (Adam Bousdoukos) vor einer schwierigen Entscheidung: Soll er der Freundin folgen und seine Soul Kitchen und somit ein Stück Seele aufgeben, oder im Hamburger Arbeiterviertel Wilhelmsburg bleiben und die dürftige Klientel weiterhin mit Tütensuppen und Frittierfraß versorgen?
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Ein Bandscheibenvorfall gibt ihm den Rest, das Finanzamt hängt sowieso an seinen Sohlen und eigentlich könnte er die Schabracke dem penetranten Immobilienmakler und früheren Schulfreund Thomas Neumann (Wotan Wilke Möhring) verkaufen. Eigentlich. Wären da nicht sein ebenso großkotziger wie kleinkrimineller Bruder Illias (Moritz Bleibtreu) und der messerscharfe Gourmetkoch Shayn (Birol Ünel), die Zinos Soul Kitchen nicht nur um ein paar schräge Impulse und Köstlichkeiten bereichern. Mit ein bisschen Anlauf wird aus der abwrackträchtigen Brutselbude ein hipper Genusstempel und aus roten werden schwarze Zahlen. Doch was nach oben geht, muss auch wieder runter…

Viele Filmemacher haben sich schon an diesem Genre versucht und sind dabei grandios gescheitert. Soul Kitchen handelt auch vom Scheitern- der Film jedoch ist gelungen, sehr sogar. Mit viel Humor bearbeitet Akin Motive wie Freundschaft, Familie und Loyalität. Diese Loyalität bezieht sich nicht nur auf Personen, sondern auch auf Orte.
Nicht umsonst bezeichnet der Regisseur seine neuste Kreation einen “Heimatfilm”, wenn auch mit einem Augenzwinkern. Und genau so sollte man Soul Kitchen auch genießen. Klar, dass man vom alltäglichen Hang zur Rationalität absehen muss, um sich auf die orgiastischen Episoden und schicksalhaften Fügungen dieser amüsanten Dauerparty einlassen zu können.

Und auch wenn es gegen Halbzeit auf dramaturgischer Ebene ein wenig holprig wird, so schafft es die gag- und espritgeladene Geschichte, Mundwinkel nach oben und Zwerchfelle zusammenzutreiben.
Moritz Bleibtreu und Birol Ünel gehören ebenso zu Akins Inventar wie Adam Bousdoukos, der diesmal auch beim Drehbuch mitwirkte. Bereits in seinem ersten Film Kurz und schmerzlos (1998) und auch in Solino (2002) und Gegen die Wand (2004) war er zu sehen. Als Deutsch-Grieche Zino, dessen knarzende Bandscheibe man fast selbst zu spüren glaubt, sind ihm Sympathien und Lacher jedenfalls sicher. Quincy Jones, Louis Armstrong und auch Jan Delay geben soulige Leckerbissen auf die Ohren.
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Das Entspannte an dem 99- minütigen Film ist aber auch der Umgang mit der kulturellen Vielfalt. Sie ist so natürlich, dass sie nicht erst thematisiert werden muss. Nach vielen filmischen Auseinandersetzungen mit Problemen der türkischen Diaspora in Deutschland, wirkt diese Komödie wie eine Art Befreiungsschlag aus stereotypen Erwartungshaltungen.
Beim diesjährigen Filmfest von Venedig gewann Akin mit Soul Kitchen den Spezialpreis der Jury, als Vorzeigehamburger geistert er seit einigen Monaten durch die Medien und leiht sein Grinsegesicht jedem zweiten Magazincover. Jüngst kaufte sich seine Heimatstadt das historische Gängeviertel vom holländischen Investor Hanzevast zurück, rettete es somit vor der bevorstehenden Gentrifizierung und gab dem Viertel ein Stück Seele zurück. Ob das was mit dem Film zu tun hat? Sieht jedenfalls nach einem Augenzwinkern aus.
Fazit: Akin kann nicht nur harte Kost servieren, sondern auch mit Leichtverdaulichem überzeugen. Lecker. Nachschlag, bitte.
Whatever works?
Ab geht’s mit brandheißem Filmstoff und Woody Allens neustem Wurf, Whatever Works (2009).
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Wie immer geht es um Beziehungen und Manhattan dient, nach den letzten fünf Ausflügen, wieder als Sprung- und Spielbrett für die fabulösen, amurösen Züge von Allens Spielfiguren. Ab in den Trailer!
Zum Plot: Das alternde Genie, Boris Yellnikoff (Larry David), ist die Verkörperung eines brockhauswürdigen Misanthropen. Nach einem gescheiterten Suiziversuch humpelt er murrend durch die Lower East Side, wenn er nicht gerade unfähigen Kindern Schachunterricht erteilt.
Die letzte Ehe ist lange geschieden, mit seinen weltschmerzenden Theorien sorgt er bei seiner Mischpoke auch nicht gerade für himmelwärts gerichtete Mundwinkel und lediglich nächtliche Panikattacken suchen seine Gesellschaft – kurzum: Er ist zum Zerbersten unglücklich und gewillt, dies stetig seinem Publikum einzustanzen.
Stanzbereit, frisch aus Mississippi und einem potenziellen White-Trash -Schicksal nach Manhattan entflohen, bittet Melody St. Ann Celestine (Evan Rachel Wood) mit breiter Südstaatenmelodie um Unterkunft in seiner bohèmen Chinatowner Edelschabrake.
Ein Jahr später sind die Lolita und der Griesgram verheiratet. Die Symbiose aus Hausmanns- und Bildungskost strotzt dem gehörigen Altersunterschied, bis eines Tages Melodys gehörnte Mutter Marietta (Patricia Clarkson) auftaucht und keinen sonderlichen Gefallen am neuen Schwiegersohn finden kann.
Dafür bekommt sie in Manhattan den richtigen Dünger, um nochmal prächtig aufzublühen und wir ernten nach Vicki Christina Barcelona erneut eine (um ein paar Falten reichere) Dreierkonstellation.
Allen hat also Mutter und Tochter vereint, sie aus der Provinzdümpelei ins vibrierende Urbangemenge emporgehoben, nun fehlt eigentlich nur noch einer: Vater John (Ed Begley Jr.) kehrt ebenso bei Boris ein, um in New York City Familienrest und Katharsis zu finden. Nach mildem Kulturschock, wird auch er durch die heilsame Kraft Manhattans konvertieren: Whatever works eben.

via slashfilm.com
So einfach ist das also. Aber, bietet das auch die ultimative Formel für einen gelungenen bis großartigen Film? Die Schauspieler sind gut, der Kameramann Harris Savides (arbeitete u.a. mit Gus Van Sant) brilliant, die Kulisse gewohnt, die Story ziemlich allenesk. Doch leider lahmt die gutgemeinte Konstruktion neben fraglichem Inhalt auch am eigenen Rhythmus: Anfangs wattet man durch versalzene Neurosen und stolpert über ein wenig Pygmalion, gegen Ende findet jeder sein Schätzchen und den Rest erledigt New York großzügig.
Zwar liefern Mutter und Tochter einige energische Momente, können jedoch dem Übergewicht an Boris nicht ganz gegenhalten. Die amüsanten Episoden, in denen der bissige Humor wirklich zur Geltung kommt, kann man an einem Klumpfuss abzählen.
Und selbst wenn Larry David als Drehbuchautor und Produzent von Seinfeld haufenweise extrem gelungene Pointen lieferte, kommt er hier lediglich als anstrengender Über-Woody rüber. Nach den 93 Minuten braucht man also keine Angst vor Lachmuskelkater zu haben. Dass das Drehbuch schon 30 Jahre alt ist, macht sich ebenfalls bemerkbar.

Fazit: Allens Latten liegen hoch, umso mehr erwarten wir. Diese Komödie humpelt dem Zeitgeist und früheren Allen-Komödien bitter hinterher: Whaterver works- NOT.
Ab 3. Dezember im Kino.
Chaos regiert.
Ab geht’s mit neuem und wiederentdecktem Filmstoff.
Schon seit dem 10. September im Kino, waltet Lars von Triers streitbarer Antichrist (2009) jetzt auch hier. Also, tief nach Luft schnappen und Mund zu, Augen auf!

via gameone
Kurz vorab: Ja, die Verstümmelungsszenen sind grausam, die Schauspieler brillieren in ihren Rollen und gute Kritiken findet ihr bei schnitt.de und auf filmzentrale.de. Einen Verriss spendiert außerdem der Freitag. Formal gesehen ist Antichrist rund. Der selbsternannte “beste Regisseur der Welt” schleust uns durch einen monochromen Prolog in perfekt abgestimmter Parallelmontage von Kopulation und Kindstod mit Begleitung von einer herzzerreißenden Händelarie in die 109 Minuten ein. Es folgen vier Kapitel, die ein wiederum schwarz-weißer Epilog abschließt. Den linearen Erzählstrukturen zum trotz, schießen einem haufenweise Fragezeichen an der irritierten Hirnrinde entlang- und jetzt rein in den Trailer:
Zum Plot: Während Er (Willem Dafoe) und Sie (Charlotte Gainsbourg) sich an ihren Körpern erfreuen und leidenschaftlichen Zeitlupensex haben, stürzt ihr wonneproppiger Sohn aus dem Fenster in den Tod. Das Paar wird in eine Krise kattapultiert, die uns in die Abgründe der menschlichen Psyche führen soll.

via moviepilot.de
Sie bricht zusammen, A-typisches Trauerverhalten, heißt es. Weil er Psychater ist, wird sie -dem Kodex zum trotz- zu seiner Patientin erklärt. Das beziehungsinterne Kräfteverhältnis kippt. Ab jetzt wird von jeglicher Medikation abgesehen, denn seine Therapiemethode beeinhaltet die Konfrontation mit der Angst: Der abgelegenen Hütte im “Garten Eden”. Doch die idyllische Natur wird zum verstörenden Austragungsort von Trauer, Schmerz,Verzweiflung und undefinierbarem Beziehungsballast. War der Tod des Sohnes lediglich ein Auslöser und nicht der Grund dieser zwischenmenschlichen Misere?
via rogerebert.com
Während Er versucht, ihr psychotisches Kopflabyrinth zu durchsteigen, dreht Sie durch. “Chaos regiert”, spricht ein halbverwesender Fuchs uns zu. Weitere bedauernswerte Fabeltiere durchkreuzen und semantisieren das filmische Treiben. Es fliest Blut. Geschlechterrollen werden scheinbar plakativ eingesetzt. Mit einem blasierten Lächeln und von Triers angeblicher Frauenfeindlichkeit im Nacken schauen wir zu, wie Sie sich mit der bösen Natur des weiblichen Geschlechts identifiziert, weil ihr Dissertationsthema von “Gynozid” im Mittelalter handelte. Konsequent passt da die Selbstverstümmelung der Fortpflanzungsorgane, die das irregewordene Weib an sich und ihrem Mann ausübt. Die Strafe für den verheerenden Sieg von Emotion über Vernunft, oder eben nur die logische Eintracht mit der Niedertracht ihrer weiblichen Natur? Schließlich ist “die Natur Satans Kirche”…
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via filmstarts.de
Die medial verschrienen Sex- und Gewaltszenen wirken jedenfalls wie geplante Tabubrocken, abrupt und aggressiv, Provokation ohne Aussage. Pure Ablenkung von der eigentlichen Haltlosigkeit dieser filmischen Konstruktion? Dafoe und Gainsbourg versuchen bissige Dialoge zu inszenieren, durch die sie die Pathologie ihrer Beziehung auseinandernehmen. Mehr davon hätte dem Film auch mehr Halt verliehen. So verläuft er sich in prahlerischen Gewaltattacken und löchrigem Inhalt. Die Distanz, die dadurch in der Rezeption entsteht, vergegenwärtigt die Bodenlosigkeit des Werks nur noch stärker. Vielleicht ist der Film auch nur als Resultat eines Therapieversuchs des depressiven Regisseurs zu sehen. Ein Produkt der eigenen Labilität. Keine Antworten, nur bildgewordene Ausbrüche einer leidenden Psyche. Chaos regiert.
Fazit: Antichrist reizt in viele Richtungen, aber lässt alles und nichts offen. Wer auf Heile-Welt-Filmchen steht, ist hier jedenfalls nicht gut aufgehoben- auch wenn viel Natur dabei ist. Das Schauspiel ist groß, aber pure Provokation zeigt sich als morscher Baustoff für einen soliden Film.
Orphan- Das Waisenkind
So, jetzt mal schön im Sessel festgekrallt, denn dieser Film lässt einen bis zum letzten Augenblick nicht los.

Pünktlich zu Halloween erscheint The Orphan (2009) ein sehenswertes Stück Schockgeflimmer des Regisseurs von House of Wax (2005), Jaume Collet-Serra. Überhaupt, das böse Kind dient derzeit als Mehrfachmuse. Ein Grund mehr, sich kurz diesem Sujet zu widmen un ein bisschen Namedropping auf eure Bilschirme zu schmieren: Aktuell im Kino Michael Hanekes brillianter schwarz-weiß Thriller Das weiße Band, mehr dazu hier. Die Schweden konnten schon im letzten Jahr mit dem besseren Twilight, Låt den rätte komma in -So finster die Nacht unter der Regie von Tomas Alfredson überzeugen und jüngst hatte ich ein äußerst aufschlussreiches Gespräch über Gesellschaft, Kinder und Sigmund Freud mit Tom Shankland, dem Regisseur von The Children, einem angetrashten Bösekinderfilm von der Insel.
Jetzt aber schnell in den Trailer:
Noch ein überflüssiger Omen-Abklatsch? Zwar will ich eure Horrorhoffnugen nicht zu sehr aufblasen, aber mal ehrlich, Damien und Delia wirken wie engelsgleiche Wonneproppen und auch Rosemarys Baby müsste ordenltich Nachhilfe bekommen, um mit Esther mithalten zu können.

Zum Plot:
Manche Filme fangen mit einer Friedefreudeeierkuchen-Atmosphäre an, kehren nach und nach verstaubte Problembrocken aus, um schließlich im kompletten Desaster feierlich unterzugehen. The Orphan beginnt später: Jüngst hat Kate Coleman (Vera Farmiga) ein Baby verloren, ihre fünfjährige Tochter ist gehörlos und der pubertierende Sohn leidet an akuter Ignoranz. Was tun? Betrinken hat Kate schon hinter sich, satt Hochprozentigem soll nun ein weiteres Kind für familiären Frohsinn sorgen. Als ihre patente Therapeutin das Vorhaben absegnet, geht es zur Kinderschau ins Waisenhaus. Aber die Rechnung neues Kind-neues Glück ist in diesem Fall wie Teilen durch Null, man sollte es lieber sein lassen. Dabei scheint die neunjährige Esther (Isabelle Fuhrmann) doch so perfekt zu sein: Statt an der Wii- Konsole, hängt sie an ihrer Staffelei, schmeißt mal eben nen Tschaikowsky aus den Pianotasten und lernt nebenbei Gebärdensprache, um mit dem blondgelockten Schwesterchen kommunizieren zu können.

Aber unter abgeschmacktem Outfit, schnöden Schleifchen und altklugem Auftritt lauert die Verkörperung der Niedertracht. Wie dumm, dass das lediglich Kate mitbekommt und durch Krtitik am Kind ihren Mann John (Peter Sarsgaard) ordentlich misstimmt. Dennoch: Um Esthers Radius herum fällt das Überleben schwer…

Zu viel darf an dieser Stelle jedenfalls nicht verraten werden. Denn, auch wenn Einiges vorhersehbar ist und der zehnte fast-Autounfall rein statistisch gesehen nicht ganz kosher sein kann, bietet Collet-Serra in 123 Minuten Filmkost durchaus ein bis zwei leckere Episoden für Horrorfeinschmecker. Die dynamische Verknüpfung der Story mit familiären Konfliktknoten verdichtet die Genre-bedingte, strukturelle Einfachheit und sorgt für ein paar gelungene Spannungsbögen. Sonst wäre wohl auch Co-Produzent Leonardo DiCaprio nicht zu überzeugen gewesen, der 2006 mit der gutbesetzten Hauptdarstellerin Vera Fermigo in Martin Scorseses The Departed vor der Kamera zu sehen war. Klar ist, dass Isabelle Fuhrmann in der Rolle der Esther bei keinem Kinoinsassen für akuten Kinderwunsch sorgen und sicherlich noch oft in Lichtspielhäusern umherspuken wird.
Fazit:
Nichts für Adoptionszögerer und Fans von subtiler Spannung. Wirklich genialer Horror kommt ohne Blutfontänen aus. The Orphan ist nicht groß, aber sorgt mit ein paar Atempausen für gelungenen Schockgenuss.
Ab 22. Oktober im Kino.
Inglourious Basterds
Nach der ewigen Peep-Show, werden sie nun endlich losgelassen und das mit voller Wucht und erbarmungslos: Die Inglourious Basterds, sorgen seit dem 20. August für explosiven Tarantinogenuss, hier wurde vorab berichtet.

Bevor wir starten, solltet ihr euch von folgendem, grotesken Werk namens Fucking Hell (2008) der Künstler Jake & Dinos Chapman einnehmen lassen. Sorgt für einen ordentlichen Kloß im Halsbereich, passt aber wunderbar hier hinein, wie ich finde:
Keine Sorge, in Tarantinos 153-minütigem Film geht es um Einiges humoriger zu, wir blicken (vielleicht etwas verstört) in den Trailer:
Es war ein mal im von Nazis besetzten Frankreich- ein Anfang, der die Dimensionen realer Geschichte zugunsten Tarantinos Kopfkino sprengt. Gutgeölte PR-Kanonen sorgten bereits dafür, dass wir Film, Handlung und Schauspieler mitlerweile so gut zu kennen glauben, wie die Gassizeiten von Nachbars Hasso. Und weil auch schon massenhaft Rezensionen umherschwirren, steht hier eine ziemlich vernichtende aus der Freitag und dort eine eher lobende von Schnitt für euch bereit.

Zum Plot: Im von Nazis besetzten französischen Kuhland werden Juden gejagdt. Prominenter Judenjäger Col. Hans Landa (Christoph Waltz) ist Experte und findet nach 20-minütiger Inquisition eines französischen Milchbauern die von diesem versteckte, jüdische Familie. Nach einem Gemetzel kann nur die junge Shosanna Dreyfus (Mélanie Laurent) fliehen. Sie wird im späteren Verlauf des Films noch eine wichtige Rolle spielen. Indessen vergehen Jahre. Irgendwo in England treffen wir auf die Basterds, die jüdisch-amerikanischen Nazijäger, die u.a. von Til Schweiger aka Hugo Stieglitz unterstützt werden. Allen voran Aldo Raine (Brad Pitt), Hillbilly mit Schnauzer und mächtiger Tennesseemundart, dessen Ziel es ist, von jedem seiner Männer 100 Naziskalps serviert zu bekommen. Später sehen wir sie sammeln. In Paris verguckt sich derweil Kriegsheld und Nachwuchsfilmstar der Nazi-Propagandamaschinerie, Frederick Zoller (Daniel Brühl), in die unnahbare Kinobesitzerin Emmanuelle Mimieux (eigentlich Shosanna).

Zoller beschließt, die Premiere seines Erfolgsfilms Stolz der Nation in ihrem Kino zu feiern. Das passt der nach Rache gierenden Shosanna gerade Recht: Auf der Premiere will sie ihre hochexplosiven Filmrollen anzünden, um somit das Kino samt Nazi-Insassen abzufackeln. Hier der Trailer zum Kurzfilm:
Regie führten Gabriel und Eli Roth, Regisseur von Hostel und der Bear Jew unter den Basterds.
Gleichzeitig beschließen die Basterds mit Unterstützung der deutschen UFA-Diva und Widerständlerin Bridget von Hammersmark (Diane Kruger, fad wie ausgekauter Hubba Bubba), ebenfalls während der Kinopremiere zuzuschlagen.

Gerade aufgrund der linearen Strukturen, die uns unweigerlich zum ultimativen und großangelegten Showdown führen, gibt es keine bahnbrechenden Überraschungen oder raffinierte Wendungen. Die Raffinesse steckt vielmehr in den genüsslich durchdachten Szenen und Dialogen, die sich durch fünf Kapitel, 16 Szenen und vier Sprachen winden und dringend in Originalfassung erlebt werden sollten. Während man dem anfangs eher flach wirkenden Brad Pitt noch eine Chance für ein paar köstliche Momente einräumen sollte, kann man bei der äußerst unglamourösen und akustisch anstrengenden Diane Kruger davon absehen. Neben Christoph Waltz, hat Tarantino auch aus August Diehl, der als gnadenlos hellhöriger Gestapo- Major beeindruckt, viel verborgene Leistung herausgeschliffen. Dass man sich aber früher oder später von favorisierten Charakteren verabschieden muss, sollte klar sein. Die Lust, seine Figuren einfach so -PLOPP, WUMMMS und RATTATTAT sterben zu sehen, merkt man Tarantino unweigerlich an. Genauso auffällig ist auch seine Liebe zum Kino, die er penetrant mit zahlreichen Zitaten und Querverweisen exhibitioniert. Sollte man das Leinwandgemetztel dennoch aussitzen?
Hier kommen einige Gründe, die dafür sprechen:
- Brad Pitt mit breitem Tennessee-Hillbilly Dialekt
- Brad Pitt (mit breitem Tennessee-Hillbilly Dialekt), beim fremdschämenswerten Versuch, unter versammeltem Nazireigen als italienischer Filmstar durchzugehen
- Christoph Waltz beim Verzehr einer ordentlichen Portion Apfelstrudel
- Mike Myers Frisur
- Brad Pitts Finger in Diane Krugers Bein
Fazit: Ein Augenschmaus für wiedererkennungswütige Cineasten. Für alle anderen ist Inglourious Basterds sicher nicht Tarantinos bestes Werk, aber dennoch sehenswert und episodenhaft extrem amüsant. Ohne den großartigen Christoph Waltz aber, wäre der Film sicherlich weniger sardonisch und somit auch weniger fabulös: Er ist das Sahnehäubchen, das dem Filmstrudel die nötige Portion wuchtiger Energie aufsetzt.
Los abrazos rotos-Zerrissene Umarmungen
Von der spanischen Presse wurde er schon sachte niedergemacht und einige Schwächen hat er sicherlich, der neuste Wurf von Pedro Almodóvar: Los abrazos rotos (2009), seit 6. August im Kino und ein Fest für Ästheten und Cineasten. (Hier geht’s zum SZ Interview)

Kurz zum Plot: Der Regisseur Mateo Blanco (Lluís Homar) verliebt sich beim Casting für seinen neusten Film Chicas y Maletas (Frauen und Koffer) in seine künftige Hautpdarstellerin Lena (Penélope Cruz). Die Luft zwischen ihnen ist zum Zerbersten heiß, sie haben sich scheinbar gefunden. Das einzige Problem ist Lenas alternder und milliardenschwerer “Langzeitfreier”, der Bankier Ernesto Martel (José Luis Gómez), dem die sich anbahnende Affäre nicht gut bekommt.
Eifersüchtig verpflichtet er seinen nerdigen Sohn (überzeugend: Ruben Ochandiando), das gesamte Geschehen vor und hinter der Kamera visuell zu dokumentieren. Herausnehmen kann er sich das, denn als Produzent hängt der Film an seinem Geldpropfen. Lena stinkt das gewaltig und sie beschließt, sich für die große Liebe ihres Lebens von Ernesto zu befreien.
Doch so einfach gibt dieser die heiße Lena nicht her. Intrigant und erbarmungslos setzt er alles daran, das frischverliebte Paar zu trennen, notfalls mit Gewalt. Hilfe bekommt er von Judit (Blanca Portillo), der Produzentin und unfreiwillig-platonischen Freundin Mateos, die ebenfalls nichts von der Affäre hält. Das Paar flüchtet nach Lanzarote, lange hält das Glück aber nicht. Ab in den Trailer:
Alles andere als linear erzählt Almodóvar farbenprächtig, reich an entzückenden Übergängen und weiblichen Körperteilen die filmische Handlung in 129 Minuten. Zeitsprünge senden uns zwischen Jetztzeit und den 90ern umher. In der Gegenwart ist Mateo, der nun unter seinem Pseudonym Harry Caine agiert, erblindet und längst nicht mehr so erfolgreich im Filmgeschäft, nachdem Frauen und Koffer vor 14 Jahren floppte.
Judit und ihr Sohn Diego (Tamar Novas) kümmern sich um ihn. Als er von Ernesto Martels Tod erfährt, nimmt die eigentliche Story fahrt auf. Weitere Puzzelteile kommen hinzu, als ein penetranter Jungregisseur namens X-Ray (Ruben Ochandiando,entnerded) auftaucht, um einen Film unter Mateos/Harrys Leitung zu drehen, der die Rache eines gedemütigten Sohnes an dessen Vater thematisiert.
Er erntet Judits extreme Abneigung, man riecht den Staub, der hier aufgewirbelt wird. Stück für Stück werden dem Filmhungrigen sinnige Brocken vorgeworfen, Einiges ahnt er meilenweit voraus, die Auflösung wirkt dann unraffiniert und enttäuschend. Von der tragischen Liebesgeschichte erfährt man erst durch Mateos Gespräche mit Judiths Sohn Diego, der nach einem Drogencocktail brachliegt und die Unterhaltung mit dem lebenserfahrenen Regisseur sucht.

Die Liebe als zentrales Sujet des Films wird gleichzeitig zur ausschweifenden Liebeserklärung an das Kino selbst. Implizite und explizite Zitate druchwachsen das Werk, die Film- im -Film- Komponente erlaubt dem Kinogänger eine intimere Perspektive einzunehmen und mehrere Filmebenen zu betreten.
Wie in Habla con ella (2002), der Film- im-Film als Erinnerungspostulat an den frühen Stummfilm gesehen werden kann, so stellt Frauen und Koffer einen Verweis auf Almodóvars frühe Werke dar. Auch die Schauspieler brillieren in ihren Rollen, leiden jedoch unter besagter Überraschungslosigkeit des streckenweise langen Films.
Die für Almodóvar typische, perfektionierte Äshetik ist mit Sicherheit ein dickes Bonbon für die Augen, jedoch wird der Filmgenuss durch die asymmetrische Verschachtelung der Handlung mit dem zeitlichen Rahmen getrübt, sodass die Längen spürbar werden.
Fazit: Hommage an den Film, grandiose Schleichwerbung für Lanzarote und Penélope satt.
Brüno

Kürzlich angetestet und jetzt im Rahmen des Mongay gesichtet- Brüno. Wer sich fragt, was der kontroverse Streifen bei Betroffenen auslöste: Rings um mich herum wurden Tränen geheult und Schenkel bis zum Zerbersten geklopft. Brüno treibt seine kalkulierte Provokation bis auf den bitteren Seitenstreifen der Geschmacklosigkeit, wie in Borat ist Fremdschämen erwünscht. Dass Sasha Baron Cohen ungelyncht davonkommen konnte, verwundert. Chapeau und ein Blick in den Trailer:
Zum Plot: Nach mehrfachem Scheitern, versucht die österreichische Fashionista, Brüno, in den USA seinem Herzenswunsch näherzukommen: Er will der “größte homosexuelle Filmstar seit Arnold Schwarzenegger” und mindestens der “berühmteste Österreicher seit Adolf Hitler” werden. Begleitet wird er von seinem masochistisch veranlagten, rothaarigen Diener Lutz. Brünos eigenwilliger Entwurf für eine Fernsehshow mit Clelebrities wird von Testsehern für “schlimmer als Krebs” eingestuft, einen republikanischen Ex-Präsidentschaftsanwärter kann er auch nicht zu einem Sex-Video überreden, so bleibt ihm nur eine Charity-Aktion.
Als seine Bemühungen um die Friedensstiftung im nahen Osten scheitern, beschließt er ein afrikanisches Baby zu erwerben- im Tausch gegen einen IPod geht das klar, auch hier kommt der halbdokumentarische Charakter des Streifens rein. Zurück in den Staaten wird ihm das Baby beim ersten Talkshowauftritt vom Jugendamt weggenommen. Zuvor veranstaltet er folgendes Baby-Casting:
Es folgt die bittere Einsicht, dass er nur als Hete Ruhm erlangen kann. Doch, wird ihm psychologische Hilfe zweier Gay-Converter einen enthomoisierten Lebenswandel bescheren?
Man weiß nicht, ob man in stetigem Kopfschütteln verharren, oder in akute Lachanfälle miteinstimmen soll. Letztere lassen sich oft nicht vermeiden, gründen aber auf extrem trivialen Ursachen, die mit viel Nacktheit im Schleudergang zu tun haben, einige Szenen sind einfach nur dämlich.
Klar, man riecht die aus allen Poren des Films strömende Übertreibung, Überladung und Übertuntelung. Dennoch kommt die Botschaft rüber: Wer homosexuell ist, ethnischen oder religiösen Minderheiten angehört, hat oft mit hartnäckigen, absurden Vorurteilen und Ressentiments zu kämpfen. Dass diese Einsicht an authentischen Beispielen festgemacht werden kann, verfehlt ihre subversive Wirkung nicht und die USA bieten erneut mehr oder weniger ertragreichen Nährboden dafür. Zwar scheinen einige Szenen überdreht und wenig innovativ, der Kinosaal bleibt dennoch keine Minute kicherfrei. An in- your- face-Gags wird hier also nicht gespart. Die knarzende Mischung aus Deutsch und Englisch wölbt außerdem die Mundwinkel nach oben.
Wer das komplettrasierte, belipglosste Konterfei erleben will, Kinostart ist der 9. Juli.
Und wer schon immer wissen wollte, wie man gehörlosen Kindern pantomimisch die Gefahren von Promiskuität erläutert, hier ein Ausschnitt, taucht zwar nicht im Film auf, bringt aber die Lachmuskeln zum Zucken:
Ach ja, hier kommt die Blasendruckentlastungsprognose
Das weiße Band
Ab geht’s mit neuem Filmstoff frisch aus der Filmfestpresse!

Wenn die Kinder des Priesters Unfug und Unzucht trieben, bekamen sie früher von ihrer Frau Mama ein weißes Band umgebunden, es sollte sie an Demut, Unschuld und Integrität erinnern und ihnen gewisse moralische Werte vermitteln. Dass solch autoritäre Erziehungsmethoden gerne fehlschlagen, sieht man nicht nur hervorblitzen, als eines jener Kinder den niedlichen Kanarienvogel des Herrn Papa mit einer Bastelschere einen tödlichen Hieb verpasst und zur Ansicht sorgsam auf den Schreibtisch des Vaters platziert.
Michael Haneke führt uns in seinem in Cannes mit der goldenen Palme beehrten Gesellschaftskonstrukt Das weiße Band- Eine deutsche Kindergeschichte in die Abgründe einer protestantischen Dorfgemeinschaft im idyllischen Vorkriegsdeutschland. Dort erwarten den Zuschauer 144 Minuten düstere Filmkunst vom Feinsten. Linear und doch vielschichtig erzählt der Dorflehrer (Christian Friedel) wie alles anfing, doch vorher werfen wir einen verstohlenen Blick in den Trailer:
Der Dorfarzt (Rainer Bock) hat einen Reitunfall, kein Zufall, sondern bitterböse Intention. Sein Pferd stolpert mit ihm über ein gutverstecktes Drahtseil auf hauseigenem Grundstück. Wer begeht solche Taten? Zwei Kinder des Dorfpriesters (Burghart Klaußner) laufen jedenfalls nach dem Vorfall weißbändig umher. Eine Frau stirbt bei einem Arbeitsunfall, der Baron (Ulrich Tukur) wird dafür verantwortlich gemacht. Sein engelsgleicher Sohn wird eines Tages bäuchlings, striemenbedeckt und völlig verstört aufgefunden. Auch Karli, den behinderten Sohn der Hebamme, findet man mit zerkratzten Augen im Wald wieder.
Rohe Gewalt wird angedeutet, ihr Ergebnis flüchtig präsentiert, die Ursachen scheinen mehrfach ungesättigt, die Atmosphäre ist vergiftet. Hinter der Kamera sorgt Christian Berger für präzise, einprägsame Mise en Scène, das Monochrome entfaltet bergmaneske Wirkung und besprießt die idyllische Dorflandschaft mit einer bemerkenswerten Beklommenheit. Ein ästhetischer Genuss! Hier ein eher harmloser Ausschnitt:
Die Ausgeburt dieser feudalgeprägten Gesellschaft ist nur Spiegel ihrer selbst. Deutlich wird die strukturelle Perversion besonders in der Person des Dorfarztes, für den man eben noch voreiliges Mitleid zusammenkratzen wollte, als er vom Pferde fiel. Eben jenen erlebt man später im wohl erbarmungslosesten Dialog des Films, einem Gespräch mit der Hebamme (Susanne Lothar), seiner ausgedienten Langzeitgeliebten, hier eine unvollständige Rekonstruktion:
Arzt: Du bist nicht nur alt, hässlich und ausgeleiert, sondern stinkst auch noch aus dem Mund. Hast du denn gar kein Ehrgefühl?
Hebamme: Neben dir kann man sich sowas gar nicht leisten. Ich habe zwei behinderte Kinder, du bist das Schwierigere von beiden.
Arzt: Warum stirbst du nicht einfach?
Wesentlich fruchtbarer gedeiht indes die Beziehung des Droflehrers zu seiner scheuen Verlobten Eva (Leonie Benesch, großartig), hier ein Ausschnitt aus zeitgenössischem Datingverhalten:
Überhaupt, scheint der Lehrer als Einziger auf der karg bevölkerten, moralisch gefestigten Seite zu leben. Das als Drama eingestufte Werk, lässt sich meiner Meinung nach eher einem subtilen Horrorgenre zuordnen. Trotz der Darstellung faschistoider Handlungen, versucht Haneke keinen zwangsläufigen Bezug zu Deutschland und dessen Weg in den ersten und zweiten Weltkrieg herzustellen. Vielmehr soll das Konstrukt ortsungebundene, gesellschaftliche Abgründe aufzeigen.
Zwar wirken die Dialoge durch die zeitliche Verortung teilweise streng und unnatürlich, zudem mangelt es einigen Laiendarstellern an schauspielerischer Überzeugungskraft, jedoch entrückt das nicht die abgründige Faszination des einnehmend-unangenehmen Lichtspiels. Wer den Verstörungsfaktor möglichst gering halten will, sollte diesen Film bei schönem Wetter und tagsüber anschauen. Ab 15. Oktober im Kino.
The Girlfriend Experience
Ab geht’s mit brandheißem Filmstoff:
Zu allererst: Ja Sasha Grey macht Porno, und das nicht zu soft. Doch wer in solcher Erwartung in den Film geht, wird zwangsläufig enttäuscht. Den stinknormalen (bitte Geruchskomponente wegdenken) Arbeitsalltag von Grey im kalifornischen San Fernando Valley kann man sich in 9 to 5 days in porn (Jens Hoffmann) seit dem 2. Juli schmecken lassen.
Zurück zu The Girlfriend Experience. Steven Soderbergh, der Regisseur von Filmen wie Sex, Lies and Videotape, Erin Brockovich, Syriana, Traffic und jüngst Che I/II will hier Porno auf Politik loslassen und sorgt für das Mainstreamdebut der 21- Jährigen, eher bekannt aus Filmen wie Lord of Asses 13 oder Swallow my Children.
Der Plot: Die New Yorkerin Christine/Chelsey wohnt mit ihrem Freund Chris (Chris Santos), einem motivationsfähigen Personal Trainer in einjähriger Beziehung und loftartigem Appartement in Manhattan. Beide verdienen ihr Geld im Verkauf von Waren:
Er mit Fitnesspaketen, Sie- nennen wir es mit organischen Paketen, respektive sich selbst, denn sie ist freiberufliche Escortdame. Man könnte sagen: Er macht Schlaffes stramm, sie bringt Strammes zum Erschlaffen. Aber kann so eine Beziehung funktionieren? Fünf Tage Auf und Ab werden uns präsentiert. Hier erstmal der Trailer zum Warmwerden:
Soderbergh will ein bisschen Gesellschaftsspiegel spielen, denn fast keine Sequenz der 77 minütigen Low-Budget Produktion kommt an der lauernden, bellenden, beißenden Wirtschaftskrise vorbei. Wie diese sich aus warmer Luft nährte, so scheint der gesamte Film fassbare Substanz zu entbeehren, bleibt paradoxerweise ohne Höhepunkt.
Doch gerade das macht den Film aus. Es wird viel geredet, ohne viel auszusagen. Fragen werden gestellt, wenige davon beantwortet. Viele Kerle werden getroffen, doch der Hauptgang fehlt. Das Drumherum macht die Erfahrung aus. Hier ein kommentiertes Hintergrundschmankerl:
Gegessen wird dafür aber in Soderbergh Manier (Brad Pitt in Ocean’s 11/12/13) umso häufiger, was sich natürlich tief und breit metaphorisch ausklopfen ließe. In einem der zahlreichen Handlungsstränge lässt sich Christine (beim Essen) von einem Journalisten interviewen, der ihr Leben für alle Unberotlichteten ein wenig zu beleuchten versucht.
Was beschäftigt die Gute nun also? Neben Konkurrenz und Selbstvermarktungsstrategien eigentlich eine Frage, die uns alle irgendwo betrifft:
Wer interessiert sich genuin für die Person und nicht für die körperhafte Projektionsfläche subjektiver Wunschvorstellungen? Wenn die Darstellerin kühl und charakterlos wirkt, nur hin und wieder einige Anzeichen von Emotion zulässt, so kann das zwar als authentische Charakterstudie verziehen werden, dennoch sehnt sich der Film streckenweise nach mehr Persönlichkeit. Wirklich gut ist die ausschließlich digitale Kamera, hinter der ebenfalls Soderbergh zu finden ist.
Einige Szenen sieht man durch amateurhafte Handkameraaufnahmen, andere durch raffinierte Überwachsungskameras. Mit der Tiefenschärfe wird gespielt und viele Nahaufnahmen sorgen für die richtige Prise Voyeurismus.
Wann der Film hier offiziell startet ist noch ungewiss, September wird gemunkelt. Soderbergh ließ ihn indes bereits im US-Fernsehen, Internet und Kino gleichzeitig auf die filmhungrige Meute los. Hier kann man auf Filmfestpräsens hoffen und derweil einen Blick auf Sasha Grey in Anal Acrobats und dergleichen werfen…
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