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Midnight in Paris

Oft trifft man Menschen, die in einer anderen Zeit vermeintlich glücklicher geworden wären, als in der Gegenwart. Wenn der Weltschmerz fahrt auf nimmt, verklären sie eine bestimmte Epoche und deklarieren sie gerne zur aufregendsten und vielversprechendsten Zeit, die es je gegeben hat.

Für den Trailer bitte hier klicken.

Auch Gil (Owen Wilson) der Protagonist von Woody Allens jüngstem Wurf Midnight in Paris ist ein hingebungsvoller Nostalgiker: Paris ist für ihn die Stadt seiner Jugend. Damals hätte er alles werden können, jetzt dümpelt er als erfolgreicher aber unglücklicher Hollywood-Schreiberling mit unerfüllten schriftstellerischen Ambitionen vor sich hin. Dank eines Business-Meetings seines zukünftigen Schwiegervaters ist er also wieder in Paris und die Stadt hat für ihn noch immer nichts von ihrer Magie eingebüßt – ganz besonders, wenn es regnet. Dann streift er durch die Pariser Flohmärkte und spaziert durch die engen Gassen, die gespickt sind mit charmanten Cafés und urigen Bistros. Man denke nur an die inspirierenden Persönlichkeiten, die sich hier in den Roaring Twenties die Klinke in die Hand gaben!

Leider teilt seine Verlobte Inez (Rachel McAdams) Gils Ansichten herzlich wenig. Die Tochter aus wohlhabendem, republikanischem Hause legt eher Wert darauf, dass ihr Ehemann in spe sie finanziell befriedigen kann. Intellektuellen Ansporn holt sie sich lieber von Paul (Michael Sheen), einem ihrer ehemaligen Dozenten, den das Paar zufällig in Paris trifft. Während Inez die Nähe des blasierten Pedanten sucht, begibt sich Gil auf einen seiner nächtlichen Spaziergänge durch die Stadt seiner unheilbaren Nostalgie. Als er um Mitternacht auf einer Treppe in der Rue Montagne St. Genevieve Rast macht, hält eine elegante Limousine mit ein paar exzentrisch gekleideten Nachtschwärmern, die Gil prompt auf eine Party mitnehmen. Mit einem Mal befindet er sich in Gesellschaft von F. Scott und Zelda Fitzgerald, ist per Du mit Ernest Hemingway (Corey Stoll) und am Klavier sitzt kein Geringerer als Cole Porter. Er wird empfangen als einer von ihnen und es kommt besser: Mr. Hemingway schlägt seinem Bewunderer vor, dessen unfertiges Manuskript von einer befreundeten Schriftstellerin lektorieren zu lassen: Gertrude Stein (Kathy Bates). Bereits am nächsten Abend zur gleichen Zeit reist Gil erneut in die 20er und trifft weitere Koryphäen der bohèmen Kunstelite. Im Hause Stein holt er sich nicht nur Feedback, sondern macht auch die Bekanntschaft von Picassos Lebensabschnitts-Muse Adriana (Marion Cotillard), deren Charme Gil augenblicklich verzaubert. Nacht für Nacht holt er sich Inspiration aus seiner Lieblingsepoche und merkt irgendwann, dass sein Fernweh nach der Vergangenheit ihn nicht wirklich weiterbringen kann…

Bereits in The Purple Rose of Cairo (1985) ließ Woody Allen den Wunschtraum seiner Protagonistin Cecilia (Mia Farrow) wahr werden, indem er es der armen Kellnerin ermöglichte, ihren verehrten Kinohelden von der Leinwand runter ins richtige Leben zu beschwören. Der Sprung aus dem Film wird von Allen kompromisslos durchdekliniert: Was hat es für Konsequenzen für die Filmwirtschaft, für die Produzenten und den Rest der Crew, wenn ein Schauspieler aus einem Film entwischt? Wie kommt der fiktive Held ohne Geld in der Realität klar? Und: Warum wird bei Liebesszenen nicht abgeblendet? Diese Fragen beantwortet Allen und wir nehmen es ihm ab, weil er seine Sache mit einer ungemeinen Glaubwürdigkeit präsentiert. So ähnlich funktioniert auch Midnight in Paris. Anders als in The Purple Rose entlässt uns der aktuelle Film aber mit Optimismus aus dem Kino. Das überrascht, wenn man an Allens letzte Filme denkt: In Ich sehe den Mann deiner Träume oder Whatever Works präsentierte sich der Meister von einer eher pessimistischen, zynischen und konservativen Grundhaltung. Seine aktuelle Liebeserklärung an Paris ist hingegen kurzweilig, vorwärts gewandt und unterhaltsam, wie die jazzige Leitmelodie, die sich durch den gesamten Film zieht und danach schwer aus den Ohren zu bekommen ist.

Wie immer hält der Regisseur für uns ein großartiges Schauspieler-Ensemble bereit: Owen Wilson, der als Gil sowohl den intellektuellen und zynischen Alter Ego Allens früherer Filme verkörpert, aber dem ganzen durch sein sonniges Gemüt eine angenehme Prise Leichtigkeit verleiht. Auch Amy McAdams brilliert mit gewohnter Natürlichkeit in ihrer Rolle als Gils arrogante Verlobte. Katy Bates performt eine unaufgeregte, kritische Gertrude Stein und ein überaus humoriges Erlebnis bietet uns Adrien Brody in seinem kurzen Auftritt als Salvador Dalí. Da verzeiht man auch das Auftauchen von First Lady Carla Bruni, die als Museumskuratorin ihre wenigen Sätze (durchaus passabel) über die Leinwand bringt. Midnight in Paris ist eine Wohltat für alle, die nach den letzen Filmen des Meisters eine Art Nostalgie nach dem alten Allen bekommen haben. Wir brauchen nicht mehr sehnsüchtig zurück blicken. Er ist da.

Festival der verlorenen Kinder (2)

Weiter geht es mit dem zweiten Teil der Nachlese vom 29. Filmfest München.

Den Namen John Cameron Mitchell verbinden viele –wenn überhaupt– mit einem bestimmten Film: Short Bus (2006), einer gewitzten Komödie mit soft-pornografischen Anleihen und hörenswertem Soundtrack. Bereits dort bewies der Regisseur, dass ein Film, der gern in die Horizontale kippt, angereichert mit Humor, Dreistigkeit und ein wenig Melancholie für amüsante und pikante Momente sorgen kann.

Rabbit Hole (2010)

Mit Rabbit Hole traut er sich nun in die weniger freudigen Zwischenräume von Beziehungen. In dem Festivalfilm geht es um das Ehepaar Becca (Nicole Kidman) und Howie (Aaron Eckhart, bekannt aus The Dark Knight), das versucht, über den Tod des eigenen Kindes hinwegzukommen. Ihr Sohn Danny, so erfährt man, ist acht Monate zuvor hinter dem ausgebüchsten Familienhund her und auf die Straße gelaufen, wo er von einem benachbarten High-School Schüler überfahren wurde. Das Haus bleibt voller Erinnerungen. Wie werden Becca und Howie mit der Trauer fertig? Ziehen sie sich zurück oder teilen sie sich einander mit? Nehmen sie Hilfe von außen an? Und, viel wichtiger: Kann nach einer solchen Zäsur ein gemeinsames Leben noch funktionieren?

Eine Gruppentherapie scheint als Möglichkeit für die beiden bereits zum scheitern verurteilt. Zuflucht im Glauben kommt für Becca nicht in Frage und selbst ihre Mutter (großartig: Dianne Wiest) kann mit den ewigen Vergleichen (auch sie hat einen Sohn verloren, allerdings an eine Überdosis Drogen) eher Ärger anstelle von Trost spenden. Nun ist Beccas jüngere Schwester zudem schwanger, was für zusätzliches Gefühlschaos sorgt. Während Howie sich an das eingefangene Lachen seines Sohnes auf dem iPhone klammert, sucht Becca den Kontakt zu Jason (Miles Teller), dem Jugendlichen, der ihren Sohn umgefahren hat. Dieser zeigt ihr eines Tages ein Comic: Rabbit Hole. Es handelt von schwarzen Löchern und Paralleluniversen. Vielleicht also gibt es, so Becca, irgendwo eine glückliche Version ihrer selbst, zu einer anderen Zeit in einem anderen Universum. Nun klingt diese Story ziemlich traurig und das ist sie auch. Doch Cameron Mitchell schafft es, kitschfrei und einfühlsam zugleich, Schmerz und Trauer unverhofft mit Momenten lauten Auflachens zu mischen. Und das ist sicherlich ein Zeichen von Reife und Können. Wenn Nicole Kidman von Botox-Eingriffen abgelassen hätte, könnte man in ihrer Mimik mehr als einen Funken von dem erkennen, was sie eigentlich leisten könnte.

Rabbit Hole (2010) basiert auf dem gleichnamigen Theaterstück von David Lindsay-Abaire, das man als pdf-Datei runterladen kann. Den Trailer findet ihr hier.

Corman's World (2011)

Kommen wir nun zu einem gar nicht mal so verlorenen Kind: Roger Corman. Mag sein, dass man ihn als verlorenes Kind Hollywoods bezeichnen kann – Alex Stepletons Dokumentarfilm Corman’s World-Exploits of a Hollywood Rebel (2011) beweist eigentlich das genaue Gegenteil. So manch einer seiner Filme wurde mit Mini-Budget und in einem Zeitraum von zwei Tagen abgedreht. Von vielen verlacht von einigen belächelt und mit dem B für B-Movies beklebt, kann man in Cormans World das Werk und Schaffen eines der beeindruckendsten Independent-Filmemacher verfolgen. Der kurzweilige Film gibt nicht nur Einblicke in Cormans filmische Umwelt, sondern auch in seine politische, die in den 60ern und 70ern besonders stark brodelte.

Auch die weniger schmackhaften Seiten der Filmwelt werden nicht ausgelassen. So erfährt man, dass Corman, als er es wagte 1962 mit seinem Film The Intruder klar Stellung gegen Rassismus und Segregation zu beziehen, prompt von der reaktionären Filmwirtschaft gerügt und wieder zurück in die Trash-Nische gedrängt wurde. Der Meister des Low-Budget wird von Stapleton und einigen aussagekräftigen Talking Heads wie David Carradine, Peter Bogdanovich und einem zuweilen sogar rührseligen Jack Nicholson facetten- und anekdotenreich portraitiert. Dass Trash und Arthausfilm durchaus eine Freundschaft eingehen können, bewies Corman als einer der ersten, die in den USA die Distribution von Bergmann und Fellini in die Wege leiteten.

Von den trashigen Anfängen bis zur nicht minder trashigen Gegenwart zieht uns Alex Stepleton mit in die Welt eines Filmemachers, durch dessen Schule Martin Scorsese, Robert De Niro, Francis Ford Coppola, Ron Howard und viele weitere gegangen sind. In dieser Schule lernten sie, wie mit wenig Geld, Zeit und meistens ohne Drehgenehmigung inspirierende Ikonen wie beispielsweise Attack of the Crab Monsters (1957) oder Man with the X-Ray Eyes (1963) entstehen konnten. Erst 2010 wurde Roger Corman mit dem Ehren-Oscar für sein Lebenswerk ausgezeichnet und somit an die stiefmütterliche Brust von Mutter Hollywood zurückgeholt. Für den Trailer bitte hier entlang.

Arirang (2011)

Als ein weiteres enfant perdu könnte man Kim Ki-Duk bezeichnen. Nach einer schweren Depression und drei Jahren Regieabstinenz kehrt der einst enorm gefeierte, südkoreanische Vorzeigefilmer mit Arirang (2011) – einem schonungslosen Selbstportrait – zurück auf die große Leinwand. Zurückgezogen in einem Zelt, das sich in einer Hütte auf einem Berg befindet, lebt er in völliger Abgeschiedenheit von der Außenwelt. Ausschlaggebend für seinen Rückzug war ein einschneidendes Erlebnis am Filmset seines letzten Films Dream (2008),wo eine Selbstmord-Szene für die Hauptdarstellerin beinahe tödlich endete. Die ersten 15 Minuten des Films widmen sich seinem monotonen Tagesaublauf, der aus Aufstehen, Essen und Schlafen besteht. Dann beginnt Kim Ki-Duk zu sprechen und aus der anfänglichen Anamnese wird – im Angesicht der Kamera – eine Form der Therapie. Diese mündet in eine kompromisslose Abrechnung mit der Welt des Films und allen, die an ihr beteiligt sind. Dabei spielt der Filmemacher mit unterschiedlichen Mitteln: Er nimmt verschiedene Perspektiven ein, spielt mit den Genres, interviewt sich selbst oder lässt sich von seinem Schatten beraten. Eindringliche Bilder verweisen auf die Konflikte eine Menschen, der nach 15 Filmen einfach so aufhörte das zu machen, wofür ihn sein Publikum liebte: Filme. Und immer wieder singt Kim Ki-Duk mit einer Larmoyanz, die man ihm irgendwie verzeiht, das koreanische Volkslied Arirang. Den Trailer gibt es hier.

Dieser Beitrag ist auch auf independentfilme.com erschienen.

Festival der verlorenen Kinder

Das zweitgrößte Filmfestival Deutschlands bespielte zwischen dem 25. Juni und dem 02. Juli 2011 die Münchner Isarmeilen. Hier findet ihr einen Überblick zu ausgewählten Filmen und könnt euch die ein oder andere Festivalperle für den nächsten Filmabend vormerken.

Gamin au vélo

Das diesjährige Festival scheint sich in vielerlei Hinsicht dem verlorenen Kind verschrieben zu haben. Da wäre sogleich der Eröffnungsfilm Le gamin au vélo/Der Junge mit dem Fahrrad (2011) bei dem uns die Gebrüder Dardenne einen zähen Jungen vorstellen, der von seinem Vater ins Heim gesteckt wird und sich scheinbar nur auf dem Sattel seines Fahrrads wohlfühlen kann. Wo sein Platz in der Gesellschaft ist, wird zum streitbaren Knotenpunkt des Films. Dieser beeindruckt zwar durch die angenehm offen angelegte Struktur und den aufgeweckten Jungschauspieler Thomas Dorét, verliert jedoch zuweilen aufgrund dubios motivierter Figuren an Fahrt. Denn obwohl Cyril im Heim ist, findet er überraschend rapide Anschluss: Die Friseurin Samantha (Cécile de France) entflammt überaus schnell für den elfjährigen Fahrradnarren und ist sogleich bereit, den Jungen bei sich wohnen zu lassen und die Mutterrolle anzulegen. Auch die ein oder andere unangenehme Parallele zwischen virtueller und realer Gewalt wird aufgeschlagen, wenn Cyril von einem Stadtteilgangster erst zu Killerspielen und hierauf zu einem realen Überfall motiviert wird. Einen offiziellen Starttermin hat der Film noch nicht für die deutschen Kinos. Hier geht’s zum Trailer.

Nächster Film, nächstes Kind.

Hesher

Wer nach Black Swan Natalie Portman gerne als abolute Loserin sehen möchte, sollte genau jetzt aufmerken. In Hesher (2011) spielt sie mit Sicherheit nicht die Rolle ihres Lebens, eigentlich hat sie nicht einmal eine Hauptrolle. Die nämlich gebührt ihrem Kollegen Joseph Gordon-Lewitt (Inception, 500 Days of Summer), der hier eine absolute One-Man-Show abliefert. Und das macht er nicht schlecht. Der Film zeigt uns, wie eine dysfunktionale Famile bestehend aus einem lethargischen Witwer, seinem stetig gemobbten 13- jährigen Sohn T.J. (Devin Brochu) und der herzensguten, backwütigen Oma durch den Einfluss eines pyromanischen Wildwuchses namens Hesher wieder eingermaßen ins Lot gerüttelt werden kann. Gewalt wir hier zum ultimativen Kommunikationsmittel. Der anarchische Pornofan und Heavy-Metal Liebhaber nistet sich nämlich in T.J.s Garage ein und bringt nicht nur Dynamik in das deprimierende Leben des Jungen, der sowohl mit dem Verlust seiner Mutter als auch mit Schulfeinden zu kämpfen hat; er bringt auch die nötige Dynamik in den gesamten Handlungsablauf. Natalie Portman darf eine Kassiererin in Existenznot aber mit Hornbrille spielen, die T.J.s pubertierendes Herz erobert, indem sie ihn vor einer Prügelei bewahrt. Schade nur, dass die Momente, die den Film am Leben halten, fast ausschließlich an Gordon-Lewitt hängen. Denn die Sprechanteile von Devin Brochu bestehen größtenteils aus “I don’t know.” und “What are you doing?”. So bietet Hesher zwar durchaus amüsante Augenblicke – besonders wenn er undurchsichtige Sex-Metaphern zum Besten gibt– ist aber leider zu oft vorhersehbar und drückt gegen Ende noch einmal fest auf die Pathosdrüse. Für den Trailer, bitte hier entlang.

SeptienWas würde passieren, wenn Sofia Coppola mit einem Drehbuch von Wes Anderson The Exorzist neu interpretieren würde? Wahrscheinlich etwas ähnliches wie Septien (2011) von Michael Tully, nur besser. Der seit 18 Jahren verschwundene Footballprofi in spe, Cornelius Rawlings (Michael Tully), kehrt aus ungenannten Gründen zu seinen schrägen Brüdern zurück, die – alle mit zahlreichen Ticks und Neurosen ausgestattet– nach dem Tod der Eltern auf ihrer unbefarmbaren Farm leben. Während der älteste Bruder Ezra (Robert Longstreet) sich als putzwütige Übermutter gibt, hat Amos (Onur Turkel) die obszöne Malerei für sich entdeckt. Als eines Tages der Dorf-Klempner gerufen wird, um den ausufernden Sanitäranlagen Einhalt zu gebieten, tut sich ein dunkles Geheimnis in Cornelius Vergangenheit auf. Bald darauf erscheint ein mysteriöser Prediger mit einer Lösung für Cornelius’ düsteres Vorleben. Michael Tully, der sowohl als Regiesseur, Produzent und Schauspieler fungiert, zeigt in Septien wie man trotz atmosphärischer Dichte und pikanter Figuren an einem dürftig umgesetzten Plot scheitern kann. Hier geht’s zum Trailer.

Weg von der Reihe American Independents hin zu Visones Latinas und zu einem weiteren verlorenen Kind.

Gatos Viejos

Die Regisseure Sebastián Silva und Pedro Peirano geben mit Gatos viejos (2010) ein nicht humorfrei inszeniertes Familiendrama zum Besten. Die 80-jährige Isadora (Belgica Castro), deren Hüftprobleme dafür sorgen, dass sie bei defektem Aufzug das eigene Haus nicht verlassen kann, bekommt Besuch von der mehrfach beruflich gescheiterten Tochter. Das kann, so der diligente Lebensgefährte, nichts Gutes bedeuten: Denn üblicherweise sind es immer die leidigen Finanzen, die das verkrachte und koksverliebte Töchterchen in das verkatzte Haus der alten Mutter führen. So auch dieses Mal. Die leicht senile Frau soll ihr Heim verkaufen, damit die Tochter zusammen mit ihrer Partnerin peruanische Heilseifen verkaufen kann. Doch hier geht es bald nicht um Geld, sondern um Liebe, Vergänglichkeit und gegenseitige Anerkennung. Gatos viejos ist ein wahrhaftes Schmuckstück und beeindruckt mit schonungslosen Dialogen,schwarzem Humor und brillianten Schauspielern, hier der Trailer.

Weitere Kurzkritiken folgen in Kürze.

Dieser Beitrag ist auch auf independentfilme.com erschienen.

Filmfest München 2011

Das Filmfest München 2011 ruft und www.dontpanicitsorganic.de wird seine Leser mit frischem Filmfutter versorgen. Das nach der Berlinale zweitgrößte Festival Deutschlands bespielt in diesem Jahr zwischen dem 24. Juni und dem 2. Juli ausgewählte Münchener Lichtspielhäuser rund um die Isar.

Was im letzten Jahr zu sehen war, könnt ihr hier nachlesen. Zwischen dem Eröffnungsfilm Le gamin au vélo und dem diesjährigen Abschlussfilm Le Havre von Altmeister Aki Kaurismäki liegt einiges an Filminput vor uns.

Außer den für München üblichen Reihen Internationales Programm, Visiones Latinas, Nouveau Cinéma Français, Fokus Fernost, American Independents, Neue Deutsche Kino bzw. Fernsehfilme und dem Kinderfilmfest gibt es auch in diesem Jahr einige Spezialreihen: Neben den Independentgrößen Tom DiCillo und John Malkovich gibt es einen Schwedenschwerpunkt und eine Reihe zu Ehren von Roy Andersson, einem Meister des skurrilen nordischen Films. Das kostenlose Open-Air Programm widmet sich der Katze. Alle, die schon immer Russ Meyers Faster Pussycat! Kill, Kill! (bzw. Die Satansweiber von Tittyfeld) auf Großleinwand sehen wollten, sollten also aufmerken, hier der Trailer:

YouTube Preview Image

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Und natürlich kann man einige der über 200 Premieren nicht nur rezipieren, sondern auch diskutieren. Zum Beispiel bei den täglich stattfindenden Filmmakers Live-Sessions im Gasteig. Mehr zum Programm findet ihr auf der Homepage des Festivals sowie auf dem Festival-Blog.

Das Filmfest- Magazin gibt es hier als PDF. Reviews zu den einzelnen Filmen folgen in Kürze.

Berlinale Wrap-Up#2

Die 61. Berlinale ist vorbei und wir verdauen noch ihre audiovisuellen Leckerbissen. Wie versprochen kommt hier ein kritischer Nachschlag über die diesjährige Ausbeute. Dieses Mal blicken wir in Richtung Panorama Dokumente und machen einen Schwenk ins Forum.

In der Sektion Panorama Dokumente zeigte sich die Berlinale von ihrer politischen Seite. Die amerikanische Filmemacherin Lynn Hershman Leeson behandelt in !Women Art Revolution (2010) das Feminist Art Movement der 70er Jahre. Zusammengestückelt aus über 40 Jahren eigenem Filmmaterial schildert Hershman Leeson in Interviews mit befreundeten Künstlern, Kuratoren und Kunsthistorikern den mühsamen Weg, den feministische Kunst in den 70 er Jahren auf männlichem Terrain zu bestreiten hatte. Auch jüngere Stimmen kommen zu Wort, wodurch ein Bezug zur Gegenwart gewährleistet wird. Dass Lynn Hershman Leeson selbst Teil der feministischen Bewegung war, verleiht dem Film zwar einen gewissen Insidertouch, sorgt aber auch für mangelnde Distanz und nicht zuletzt für eine zunehmend polemische Haltung, die das Gesamtwerk etwas trübt. Angesichts des enormen Umfangs an vorhandenem Material, kann der entstandene Film aber nur als einer von vielen möglichen Filmen gesehen werden. Der Rest ist unter www.womenartrevolution.com online zugänglich.

Wesentlich unbeteiligter – zumindest was die geografische Verortung betrifft– ist der Standpunkt des schwedischen Filmemeachers Göran Hugo Olsson, dessen Black Power Mixtape 1967-1975 (2011) bereits auf dem Sundance Film Festival im Januar 2011 Premiere feierte. Wer hätte gedacht, dass in Schwedens Film- und Fernseharchiven massenhaft Material zur Black-Power-Bewegung versteckt war? Gut, dass es einer gemerkt hat und durch die Archive wilderte, um uns eine historisch angelegte Compilation zur afro-amerikanischen Bürgerrechtsbewegung zwischen 1967 und 1975 zu liefern. Denn die seitens der US-Medien als Terrorvereinigung beschimpfte Black-Power-Bewegung rund um Bürgerrechtler Stokely Carmichael und Angela Davies lockte in den 70er Jahren auch einige schwedische Dokumentarfilmer an den Ort des Geschehens. Der daraus gebastelte Film wirkt teilweise wie eine Abarbeitung historischer Eckdaten, was man ihm aber hinsichtlich seines Informationsgehaltes und nicht zuletzt der musikalischen Untermalung gerne verzeiht.

Auf die Tränendrüse drückt David Weissman mit We Were Here (2011), ebenfalls in der Sektion Panorama Dokumente. Der Film begibt sich ins San Francisco der frühen 80er Jahre, mitten ins Zentrum der amerikanischen Schwulenbewegung, die zu der Zeit Opfer der epidemischen Ausbreitung von AIDS wird. Anahand ausgewählter Interviews und einer Fülle von Archivmaterial zeigt David Weissman, welche Auswirkungen die vorerst als “Gay Cancer” bezeichnete Immunschwächeerkrankung auf die Bürger von San Francisco hatte. Neben den sehr persönlichen Schicksalen zeigt der Film auch den hetzerischen Umgang der Medien mit dem Thema AIDS. We Were Here berührt durch den Appell an die Menschlichkeit. Wenn ich nur einen der gesehenen Berlinalefilme empfehlen könnte, dann diesen.

Sehr sehenswert ist auch Tomer Heymanns Dokumentarfilm The Queen Has No Crown (2011). Der israelische Filmemacher, der die Berlinale 2006 bereits mit Paper Dolls bespielte, beschert seinem Publikum eine facettenreiche und sehr private Studie, die familiäre, politische und sexuelle Identitäten gleichsam kritisch und einfühlsam offenlegt. Im Vordergund steht das Leiden seiner Mutter, die durch den Wegzug ihrer Kinder mit der eigenen Einsamkeit konfrontiert wird. Daneben handelt der Film auch von der Suche nach Liebe, vom Loslassen und Ankommen. Heymann verirrt sich aber nicht in familiären Zwistigkeiten und Schicksalsschlägen, sondern traut sich auch politische Konfliktherde, wie den israelisch-palästinensischen Konflikt oder den privaten und öffentlichen Umgang mit Homosexualität im Nahen Osten zu betreten.

Nun wird es Zeit für einen Schwenk in Richung Forum, nämlich auf einen 4,5 stündigen Filmbrocken, den ich jedem nörgelnden GEZ-Zahler nur wärmstens empfehlen kann. Als Fernsehfilm von WDR, BR und ARD Degeto produziert, ist die Wirkung von Dreileben (2011) auch auf der großen Leinwand durchaus anregend. Das Projekt ist die Frucht einer theoretischen Auseinandersetzung zwischen Christian Petzold, Dominik Graf und Christoph Hochhäusler mit den Themen Genre, Filmästhetik und Berliner Schule in der Filmzeitschrift Revolver (Heft 16) aus dem Jahr 2006.

Die Regisseure zeigen uns darin drei “Filme in Korrespondenz”, die jeweils um einen Kriminalfall im Thüringischen Städtchen Dreileben (eigentlich Oberhof bei Suhl) kreisen, jedoch aus unterschiedlichen Blickwinkeln erzählt werden. Es ist Sommer in Dreileben und ein Sexualstraftäter ist aus einer Anstalt ausgebrochen. Christian Petzold nimmt dies zum Anlass, um mit “Etwas Besseres als den Tod”, ein Coming-of-Age-Drama zu inszenieren, das er in der Peripherie des Kriminalfalls ansiedelt. Dominik Graf schickt in “Komm mir nicht nach” eine Münchner Psychologin an den Tatort, die dort nicht nur mit dem bizarren Vorfall, sondern auch mit ihrer eigenen Vergangenheit konfrontiert wird. Christoph Hochäusler schließlich, führt uns in seinem düsteren “Eine Minute Dunkel” in das Innenleben und das Umfeld des gesuchten Straftäters.

Die drei Filme nacheinander zu sehen beschert einem das Vergnügen, die Schnittstellen filmischer Korrespondenzen nachzuverfolgen und die unterschiedlichen Handschriften der drei Autorenfilmer in direktem Bezug zueinander wahrzunehmen. Ausgestrahlt wird Dreileben als TV-Mehrteiler voraussichtlich im September 2011. Das Filmmagazin CARGO hat die Regisseure bei den Dreharbeiten begleitet, Einblicke dazu gibt es hier.

Dieser Text ist auch auf Fragmente erschienen.

Berlinale Wrap-Up #1

Trotz eisiger Minusgrade, befinden wir uns uns mitten in der heißesten Filmzeit des Jahres in Berlin: der 61. Berlinale. Vom 10. bis zum 20. Februar verwandelt sich die Gegend um den Potsdamer Platz in einen großen roten Teppich. Aber viel wichtiger als Stars sind natürlich die Filme, die hier ihre Premieren mehr oder weniger erfolgreich über die Leinwand bringen. Hier folgt eine kleine Zusammenfassung der Kandidaten, die in irgendeiner Weise besonders inspirierend, mitreißend oder enttäuschend waren.

Der diesjährige Eröffnungsfilm stammt von den Coen Brüdern: True Grit (2010) kann und- so schwer es mir fällt, es zuzugeben– nur mäßig der Coen-Stimmung gerecht werden, die man sich erwartet.
Die 14- jährige Mattie Ross (Hailee Steinfeld) überzeugt den rauhen Kopfgeldjäger Rooster Cogburn (Jeff Bridges) davon, ihr bei der Suche und Exekution des Mörders ihres Vaters zu helfen. Gemeinsam mit dem dubios gekleideten texanischen Sheriff LaBoeuf (Matt Damon) reiten sie in Richtung Rache. Ohne den hinreißenden Jeff Bridges und den charmant-dämlichen Matt Damon wäre dieser Post-Western einfach ein Film geworden, in dem ein starkes Mädchen aufgrund ihres zähen Charakters zwar in einer von Männern dominierten Welt durchkommt, aber dafür mit erheblichen Zugeständnissen rechnen muss. Der Dude mischt dem Westerngebräu die nötige Portion Lässigkeit bei.

Weg von den Enttäuschungen, hin zu den positiven Überraschungen: Almanya (2010). Die Schwestern Yasemin und Nesrin Samdereli haben einen Film über türkisch-deutsche Migranten gedreht. Gähn- denkt man. Wieder einer dieser Problemfilme, die einem den Humor aus der Hirnrinde saugen und statt mit Vorurteilen “aufzuräumen”, diese eher indirekt verfestigen. Alle die so denken, haben diesmal nichts zu meckern.
In Almanya wird die Geschichte der Familie Yilmaz erzählt. Der Großvater kommt als Gastarbeiter nach Deutschland, holt später seine Frau und die zwei Söhne nach, bleibt in Deutschland und sie wachsen zu einer türkisch-deutschen oder deutsch-türkischen Großfamilie heran. Nun wird der Enkel Cenk in der Schule auf seine Herkunft aufmerksam gemacht und will nach seinen Wurzeln forschen – schließlich muss er sich ja für eine Mannschaft entscheiden – entweder Türke oder Deutscher. Beides geht nicht. So erzählt ihm seine Tante, wie alles begann… Dabei spielen die Regie-Schwestern einerseits mit vorhandenen Klischees, betten diese jedoch so geschickt und humorvoll in die Familiengeschichte ein, dass man nicht zu nervigen Verallgemeinerungen verleitet wird, sondern eher durch das Zucken im Zwerchfell eigene Denkweisen hinterfragt.

The Future (2011) von Alleskönnerin Miranda July erzählt in typisch skurriler July-Manier aus der Perspektive einer Katze die Geschichte von Jason (Linklater) und Sophie (Miranda July), einem Indie-Pärchen aus Los Angeles.
Das Paar ist Mitte 30, also in fünf Jahren 40, was sich ja beinahe an die dumpfe 50 anschmiegt und damit nur noch mit Kleingeld gleichgesetzt werden kann. Die tickende Uhr des Lebens macht sich bei den beiden aber erst dann richtig bemerkbar, als sie beschließen eine Katze, die sie verletzt auf der Straße aufgesammelt und im Tierheim abgegeben haben, zu adoptieren. Nun haben sie 30 Tage Zeit (so lange dauert es bis das Pfötchen der Katze verheilt und sie somit adoptierbar ist) um ihr derzeitiges Leben um-, auf- und wieder abzukrempeln. Tanzlehrerin Sophie kündigt ihren Job, trennt sich vom Internet und übt an einer vorzeigbaren YouTube- Tanzchoreografie. Jason wird zum Hausierer, scheitert bei dem Versuch Bäume zu verkaufen und lernt dabei einen lebensklugen Senioren kennen, der ihn mit leicht obszönen Limmericks und Beziehungsratschlägen zur Seite steht.
Wie wäre es, wenn man die Zeit anhalten könnte?
Diese Frage stellen sich nicht nur Jason und Sophie. Miranda July versucht mit einer Ladung Humor, einer Prise Schrulligkeit und einer Menge hintergründiger Dialoge dem nachzugehen, was Möglichkeit ist und vielleicht Zukunft wird. Nach Ich und Du und Alle, die wir kennen (2006) ist The Future Miranda Julys zweiter Spielfilm. Ihr Buch 10 Wahrheiten versammelt Kurzgeschichten und Anekdoten und ist 2008 im Diogenes Verlag erschienen.

Zurecht gehyped wird Wim Wenders’ 3D Spektakel PINA (2011). Eine Hommage an eine beeindruckende Frau, die sogar mit geschlossenen Augen alles sah. Pina Bauschs Wuppertaler Ensemble präsentiert uns visuelle Zuckerstücke aus “Café Müller“, „Le Sacre du Printemps“, „Vollmond“ und „Kontakthof“. Alles Choreografien die Pina Bausch zu Lebzeiten mit Wim Wenders für das gemeinsame Projekt aus ihrem Repertoire auswählte.

Das krasse Gegenstück dazu will ich euch natürlich auch nicht vorenthalten, auch wenn er aus der Sektion Panorama kommt. Größtenteils leiden nämlich Filme, die sich mit dem Zusatz 3D schmücken, an uninteressanter Handlung, schlechten Dialogen und miserablen Schauspielern – Filme wie Gareth Maxwell Roberts’ The Mortician (2010). Das als SF-Märchen angepriesene Trauerspiel kann lediglich mit einem netten Setting beeindrucken. Darin darf Method Man einen introvertierten Bestatter spielen, der seinen Ödipuskomplex durch ein Reenactment auslebt, um mit sich und der düsteren Welt um ihn herum wieder ins Reine zu kommen. Er hilft einem kleinen Jungen und dessen Restfamilie beim Kampf gegen üble Straßengangster, die mal wahllos und mal gezielt Menschen umbringen. Gelegentlich schaut er bei seiner warmherzigen Lieblingsprostituierten vorbei, die am Ende des Films zu seiner Partnerin wird. Das einzig Positive: Man weiß wieder, was ein schlechter Film ist– aus dem Kino flüchten ist hier erlaubt.

Margin Call (2011) von Regisseur J.C. Chandor beschreibt den Vorabend der US- Bankenkrise von 2008. Wall Street. Es finden bereits rigorose Entlassungaktionen statt, da entdeckt ein gewiefter Risikomanager, dass die Rechnung, auf der sämtliche Kreditvergaben basieren, doch nicht aufgeht. In einem eiligen Mitternachtsmeeting besprechen die hohen und weniger hohen Tiere des nun marode gewordenen Großunternehmens den Weg des geringsten Verlustes – natürlich nicht für die Mehrheit der noch ahnungslosen Bürger, sondern die Porsche fahrende Minderheit der Manager. Wer die Gelegenheit hatte Cleveland Versus Wall Street (2010) von Jean-Stéphane Bron zu sehen, den wird Margin Call mit 98,4%iger Sicherheit kaum berühren. Dafür kann man die schauspielerische Leistung von Jeremy Irons dankbar über sich ergehen lassen.

Übrigens kann man sich die Filmkatalogartikel der Berlinale online kostenfrei auf den heimischen Bildschirm holen. Einfach im Online Programm den Film suchen und dann dort das PDF herunterladen.

Das war erst mal ein kurzer Überblick über die glänzenden und matten Perlen der 61. Berlinale. Nachschub kommt bald!

Dieser Beitrag ist auch auf Fragmente erschienen.

127 Hours

Ohne auch nur einen Menschen zu benachrichtigen macht sich der abenteuerlustige Aaron Ralston (James Franco) auf in die Berglandschaft von Utah. In einer kleinen abgelegenen Schlucht gerät der Bergsteiger jedoch in eine lebensbedrohliche Situation, als ihm ein abstürzender Felsbrocken auf den Arm rollt und ihn scheinbar ausweglos gefangen hält. Ausgerüstet mit kargem Proviant und einer dürftigen Ausrüstung versucht Ralston zu überleben. Sein einziger Kompagnon ist ein Camcorder, mit dem er die qualvollen Stunden bis zu seiner aufreibenden Befreiungsaktion für die Nachwelt dokumentiert. Zwar muss er dabei mehr als nur Schweiß und Blut lassen, wird aber um eine wichtige Erkenntnis bereichert…
Hintergrund:
Das Drehbuch basiert auf Aaron Ralstons 2004 publiziertem Buch Between a Rock and a hard Place (deutscher Titel: Im Canyon) und wurde von Danny Boyle und Simon Beaufoy, die 2008 für Slumdog Millionaire den Oscar für den Besten Film erhielten, für die Leinwand adaptiert.
127 Hours ist sechs mal für den Oscar nominiert; unter anderem in den Kategorien Bester Film und Bester Hauptdarsteller.
Kritik:
Basierend auf einer wahren und übermenschlich wirkenden Geschichte, macht Danny Boyle mit seinem gutgewählten Darsteller James Franco eine One-Man-Show. Die meiste Zeit über sehen wir nur ihn: Einen Menschen, der angesichts der totalen Konfrontation mit der eigenen Person eine innere Entwicklung durchmacht – was für einen Film immer eine besondere Herausforderung bedeutet. Danny Boyle versucht diese Problematik mit Rückblenden und Traumsequenzen zu lösen. So erinnert sich Aaron Ralston an die letzte Beziehung, an seine Familie, an verpasste Chancen und an die zwei Amateur-Bergsteigerinnen, denen er vor seiner Begegnung mit der Felsspalte mit einem blasiertem Grinsen die Bergwelt erklärte.

Mit einem „Ooops“ fängt es an. Das ist das Wort, welches Aaron mit halber Ungläubigkeit angesichts seiner abstrusen Situation aus dem Mund purzelt: Sein Arm steckt unter einem enormen Felsbrocken und er selbst hängt an ihm und einige Meter über dem rettenden Boden. „Ooops“ – In diesem Wort steckt die Art von Zugeständnis, die alles gnadenlos offenlegt. Mit diesem Wort James Franco - 127 Hours - Szenebeginnt auch für den Zuschauer die Metamorphose des Helden, der – anfangs noch ein unzugänglicher Draufgänger – im Laufe des Films zwar glücklicherweise nicht zu einem typischen Hollywoodhelden mutiert, aber es immerhin zeitweise schafft, Respekt zu erzeugen. Es handelt sich um Respekt vor einem Menschen, der in der absoluten Zurückgeworfenheit auf sich selbst die eigenen Fehler gnadenlos aufdeckt, sich an ihnen abarbeitet und dadurch neue Kraft schöpft. Einen Menschen, der scheitert, weil er bei aller Unabhängigkeit und dem Wunsch nach Selbstverwirklichung nicht mit einem wichtigen Hindernis gerechnet hat: Sich selbst.

Aber das „Ooops“ springt dem Zuschauer von 127 Hours schon früher vor die Augen. Als er nämlich zu Beginn des Films von einer offensiven Videoclipästhetik heimgesucht wird, die ihm vermitteln soll, mit welcher Sorte Held er es in den folgenden 90 Minuten zu tun haben wird. Oberflächlich und ungebunden räumt dieser den eigenen Bedürfnissen absoluten Vorrang ein. In Zeiten ständiger Erreichbarkeit und permanenter Vernetztheit verzichtet er darauf, sich mitzuteilen und katapultiert sich damit in den Schlund der eigenen Vorhölle. Boyles unmissverständliche Botschaft, die Rückbesinnung auf die Gemeinschaft und Familie, gerät zuweilen in kitschige Gefilde, die durch eine Portion Fatalismus gegen Ende des Films dem malträtierten Publikum bitter aufstoßen kann.
Andererseits: Es gibt Menschen wie Aaron Ralston, die sich immer wieder ihre Eigenständigkeit unter Beweis stellen müssen. Menschen, die sich nur auf sich selbst verlassen, weil sie Ungebundenheit mit Unabhängigkeit gleichsetzen und Hilfenehmen für sie Schwäche bedeutet. In der Auseinandersetzung mit eben jener Schwäche, keine Hilfe annehmen zu wollen, blüht der Film für einige Momente auf. Nämlich genau dann, wenn Boyle seinen Protagonisten mit der Videokamera zur Selbstreflexion zwingt. Dadurch erhält 127 Hours paradoxerweise einen Moment von Unmittelbarkeit, der dem restlichen Film fehlt. Denn die Selbstbefreiungsaktion eines Mannes, der 127 Stunden in einer Felsspalte klemmt, hätte durchaus auch Stoff eines knackigen Kurzfilms sein können. Auch wenn die Anreicherung der Story durch Rückblenden und Traumsequenzen dazu beiträgt das Publikum auf Trab zu halten, sind diese Sequenzen lediglich in der Peripherie einer Geschichte anzusiedeln, die ohne sie einfach weniger filmtauglich wäre. Und das merkt man auch. Denn so schmerzhaft und quälend Ralstons Situation auch gewesen sein mag, spürt der Zuschauer diese nicht etwa durch Identifikation mit der Figur, sondern durch das Aussitzen eines mal aufwühlenden, größtenteils aber eher drögen Ein-Mann-Kammerspiels. Boyles Fokus liegt dabei nicht wirklich auf seinem Protagonisten, sondern auf der Beweihräucherung seiner eigenen Virtuosität.
127 Hours USA 2010
Genre: Drama
Originaltitel: 127 Hours Regie: Danny Boyle Drehbuch: Danny Boyle, Simon Beaufoy Darsteller: James Franco, Amber Tamblyn, Kate Mara, Clémence Poésy

Diese Review ist auch auf independentfilme.com erschienen.

Somewhere

Sofia Coppolas neuesten Film Somewhere (2010) haben wir mit Spannung erwartet. Seit dem 11. November ist er im Kino – ob er hält, was der Trailer verspricht, erfahrt Ihr hier!

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Der hippe Hollywood-Star Johnny Marco (Stephen Dorff) hat scheinbar alles, was man mit Geld kaufen kann: Semiprofessionelle Gogo- Girls tanzen auf Abruf und halbnackt in seinem Hotelzimmer herum, Papparazzi-Lieblinge tummeln sich auf seinen Parties und Johnnys Filme sind zumindest so erfolgreich, dass die Presseagentin seinen Hintern für bekriechungswürdig hält.

Doch irgendwie steht Johnny vollkommen neben sich. Und wer ist er überhaupt? Hat er neben einem vollen Geldbeutel irgendwas zu bieten, oder ist sein Dasein so sinnlos wie die ziellosen Runden, die er im schwarzen Ferrari auf den Highways um Los Angeles dreht? Die schlummernde Bitterkeit wird mit Alkohol und schnellem Sex narkotisert, Zerstreuung wird zum ultimativen Mittel gegen die Auseinadersetzung mit der eigenen Identität.

Erst als Tochter Cleo (großartig gespielt von Elle Fanning) Johnny besuchen kommt, wird er sich seiner Einsamkeit wirklich bewusst. Cleo, so scheint es, lässt der Ruhm ihres Vaters kalt– und genau dieser Umstand verringert die Distanz, die Johnny mittlerweile zu sich und seiner Umgebung aufgebaut hat. Immer ist er stiller Beobachter, als ob er nicht Teil seines eigenen Lebens wäre. Diese Momente der Reflexion breitet Coppola in langgedehnten und eindrucksvollen Standbildern aus. Niemals blickt man neidisch auf diesen armen, reichen Typen, der scheinbar nicht viel geleistet hat, außer andere Menschen und nicht zuletzt sich selbst zu enttäuschen. Doch kann man wirklich Mitleid für Johnny empfinden?

Irgendwie nicht so recht. Auch wenn einige Momente wieder den Indie-Geist erahnen lassen, den man an Sofia Coppolas Filmen so schätzt. Und auch wenn wir viele schöne Bilder vor die Augen geworfen bekommen, die von Phoenix stimmig vertont werden. Die inszenierte Distanz vereinnamt quasi das Publikum, sodass keine wirkliche Begeisterung aufkommen kann. Zumal schon zuviel Product-Placement diesen Film für sich beansprucht, als dass er wirklich Indie wäre. Dafür wirken Stephen Dorff und Filmtochter Elle Fanning umso besser platziert.

Somewhere zeigt die Krise eines Menschen, der eigentlich alles hat außer ein wirklich selbstbestimmtes Leben. Vieles wirkt jedoch zu konstruiert, sodass man vergeblich auf eine sich nicht einstellen wollende Dynamik warten muss. Mag sein, dass dies gewollt ist– die dabei aufkommende Langatmigkeit ist es wohl nicht, weil sie die zu vermittelnde Monotonie vielleicht andeutet aber nicht bezugsfähig macht. So schaffen es die wenigen Augenblicke, die wirklich berühren könnten, nicht, den restlichen Tran verdaubar zu machen. Übrig bleibt eine Menge Ballast und ein Ende, das ebenso uninnovativ ist, wie das Sujet des einsamen Schauspielers selbst. Die Bleibt nur fraglich, ob dieser augenscheinlich autobiographische Stoff wirklich auf die Leinwand oder eher in Sofias Tagebuch gehört…

[rating=3] bis [rating=4]

You Will Meet a Tall Dark Stranger

Ab geht’s mit Woody Allens neustem Baby!

Ich sehe den Mann deiner Träume (You Will Meet A Tall Dark Stranger) 2010 kommt am 2. Dezember in die deutschen Kinos. Ob des Meisters jüngstes Baby an die Wonneproppen früherer Zeiten anknüpfen kann oder sich im cinematographischen Treibsand verläuft, erfahrt ihr hier! Jetzt erstmal in den Trailer schnuppern:

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Zum Plot:

Irgendwo in London geht die alternde Helena (Gemma Jones) auf den Ratschlag ihrer Tochter Sally (Naomi Watts) hin zu einer Wahrsagerin. Ihr Gatte Alfie (Anthony Hopkins) hat sie nach über 40 Jahren Ehe verlassen, was Helena umso empfänglicher für die aufmunternden Worte und Whiskeyrationen der dubiosen Hellseherin macht. Prompt erfährt Helena, dass bald ein unbekannter großer Mann in ihr Leben treten wird.

Derweil hat ihre Tochter ebenfalls mit matrimonialen Mätzchen zu kämpfen. Ihr Mann Roy (Josh Brolin) – eigentlich diplomierter Arzt– arbeitet sich lieber an Romanen als an Patienten ab. Doch leider hat er außer einem mittelguten Buch bislang nichts Lesenswertes produziert. Zwar schreibt er an seinem neusten Schmöker, doch lässt er sich auch zu gern von seiner bezaubernden Nachbarin Dia (Freida Pinto) ablenken, die er täglich vom Fenster aus beim Musizieren beobachten kann.

Auch Sally denkt ans Seitenspringen: Sie arbeitet in einer Kunstgalerie und ist dabei, sich in ihren charmanten Chef Greg (Antonio Banderas) zu verlieben, der widerum für Sallys Protegé Iris (Anna Friel) entflammt.

Alfie hingegen sucht erst sexuelle, dann monogame Erleuchtung bei Charmaine (Lucy Punch), einem Halbzeitcallgirl mit schauspielerischen Ambitionen. Bestenfalls soll sie ihm den Sohn schenken, den er nie hatte. Als Gegenleistung bekommt die schrille Blondine alle Wünsche erfüllt, die sie unter ihrem aufgepumpten Busen trägt. Doch schnell wird klar, dass Alfie seine Hochglanzuschi trotz Potenzpillen nicht vollends befriedigen kann. Zu Helena kann er auch nicht zurück – denn die hat in der Zwischenzeit ihren Traummann kennengelernt…

Kritik:

Alle Figuren sind auf der Suche nach dem Glück in einem von Sinnlosigkeit durchzogenen Leben. Doch ist es gut, der Sinnlosigkeit der menschlichen Existenz mit einem sinnlosen Film zu begegnen? Allen lässt hier einige Brandherde brodeln und löscht gerade mal einen ab. So plätschern die verschiedenen Erzählstränge vor sich hin, finden im Gegensatz zu Whatever Works nicht zusammen und werden einfach fallengelassen. Wir bekommen also Sackgassen, Umleitungen und Einbahnstraßen geboten. Nur Helena findet einen Parkplatz – ihren großen, dunklen Unbekannten. Der ist zwar klein und hell, aber immerhin gehört ihm ein okkulter Buchladen. Sinnlos also, wir haben verstanden.

Der Film lebt vielmehr von den einzelnen Momenten. Die lassen bestenfalls die Ironie des Lebens mit voller Wucht gegen das irrende Individuum prallen, sind dann aber wieder von nichtigen Plattitüden umsäumt, die ebenso auf Stammtischrunden von Niederbayern bis Neubrandenburg vorzufinden wären.

Was bleibt ist ein zartes Zwicken im Zwerchfell, ein gnädiges Räuspern und die Hoffnung, dass der nächste Woody Allen Midnight in Paris mehr Substanz haben möge- trotz Carla Bruni.

Rubber

Über Mr. Oizo aka Quentin Dupieux ersten Kinofilm Rubber (2010) hatte ich hier schon berichtet. Nun kommt die Review zum aggressiven Reifen, der das Morden nicht lassen kann!

Rubber

Zum Plot:
Rubber handelt von einem Reifen (Robert) der langsam zum Leben erwacht, seine psychokinetischen Kräfte und daraufhin seine Lust am Morden entdeckt. Er lässt durch pure Willenskraft zunächst ein bisschen Müll und Kleinvieh zerplatzen, bevor er sich an größeres Getier und schließlich menschliche Wesen macht. Diese “Coming of Age”- Story ist eingebettet in eine weitere Geschichte – nämlich die der Zuschauer, die in der Wüste von Los Angeles den Killerreifen per Fernglas beim Morden beobachten. Schließlich finden beide Handlungsstränge zueinander und wir spähen in den aktuellsten Teaser:

Kritik:
Für Quentin Dupieux – das wird ziemlich schnell klar- ist Rubber eine Hommage an die Sinnfreiheit. Klingt zunächst spannend, verliert aber in Anbetracht des ständigen Bestehens auf Absurdität ziemlich schnell an Witz. So wirken Dupieux Bemühungen wie ein nervendes –weil streberhaftes– Aufbegehren gegen gängige Genrebestimmungen und gipfeln in der puren Lust an Selbstbestätigung.
Aus der überschaubaren Handlung, die zum Glück nicht ganz humorfrei ist, wäre wohl ein knackiger Kurzfilm geworden. Denn in 85 Minuten kann man sich trotz beeindruckender Optik und der netten Idee eines Killerreifens das sporadische Gähnen nicht verkneifen. Zumindest dreht der Sound am Kreislauf:

Fazit:
Obwohl er bereits als Kultfilm gehandelt wird, muss man Rubber nicht gesehen haben. Sollte Dupieux seine Attitüde loswerden und den dringenden Willen zur Absurdität in eine subtilere Form zwängen, darf man auf sein nächstes Filmerzeugnis gespannt sein!
Der Film war bislang nur auf Fantasy-Filmfestivals zu sehen, ob er einen deutschen Kinoverleih findet, ist unklar. [rating=3]

Inception

Ist Christopher Nolans Über-Blockbuster Inception (2010) wirklich so gut, wie alle sagen? Hier erfahrt ihr es!

Incpetion

Auf das Wesentliche runtergebrochen erzählt Inception die Geschichte eines Mannes,  dessen innere Konflikte sich an den Grenzen von beruflichen und privaten Fehltentscheidungen entfachen und nach außen strahlen- und das machen sie ziemlich imposant, ab in den Trailer:

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Normalerweise hackt sich Dom Cobb (Leonardo DiCaprio) in die Traumwelten seiner Opfer ein, um ihnen im Auftrag von Geschäftsleuten wichtige Geheimnisse zu entlocken. Weil er sich damit an den Grenzen der Kriminalität bewegt, wird er vom FBI gesucht und ist zum ewigen Berufsnomadentum verdammt. Diesmal soll er den Konkurrenten des japanischen Großunternehmers Saito (Ken Watanabe) dazu bringen, den vom Vater geerbten Großkonzern zu zerschlagen.

Anders als sonst muss Cobb, statt Geschäftsgeheimnisse zu extrahieren, eine Idee in das Unterbewusstsein seines Opfers einpflanzen. Was für ihn dabei rausspringt, ist die Erfüllung seines Traums: Die eigene Familie endlich wiederzusehen.

Inception

Für diesen heiklen Job rekrutiert Cobb ein hochqualifiziertes Team von Traumdesignern (Ellen Page, Joseph Gordon-Levitt, Tom Hardy, Dileep Rao). Um die Idee sicher zu platzieren beschließt die Crew, mehre Traumebenen ineinander zu verschachteln, also einen Traum in einen Traum in einen Traum zu designen. Dabei dient eine etwas plump aussehende Gerätschaft den Eindringlingen als Medium in die Träume ihrer Opfer. Hört sich kompliziert an, wird aber dank gut differenzierbarer Traumsettings für jeden halbwegs wachen Zuschauer nachvollziehbar.

Cobb selbst, so erfährt man, war mal einer der besten Traumarchitekten, bevor etwas passierte, das ihn und seine Fähigkeiten enorm beeinträchtigte. Dass dieses Ereignis gerade während der komplexen Mission aus den Tiefen seines Unterbewusstseins auftaucht, nagt massiv am Erfolg des minutiös gerplanten Coups und somit am Schicksal aller Beteiligten. Denn Cobbs private Erinnerungen penetrieren immer wieder die kreierten Traumwelten und zehrende Schuldgefühle treiben den Helden in die berufliche und private Vorhölle. Wo Realität aufhört und Traum anfängt, wird dabei immer unschärfer.


Inception

Ähnlich wie in Scorseses Shutter Island wird Leonardo DiCaprio auch in Inception ein Privatleben angeheftet, durch das er immer wieder auf sich selbst zurückgeworfen wird. Auch wenn hier das Gegenteil behauptet wird, ist Inception bei weitem sehenswerter als Shutter Island, hat ein knackig-ambivalentes Ende und ist auch weniger kitschig. Durch den sparsamen Einsatz von digitaler Kamera erhalten die beeindruckenden Bilder eine besondere, fast haptische Qualität– ganz ohne 3D.

Was ist also das Manko dieses Films?

Nolan skizziert eine Welt mit eigenen Regeln, doch verdichtet sie nur so weit er es für nötig hält. Man erwartet von ihm zwar keine detailvernarrte Harry Potter- Zauberwelt und auch keine überbunte Light-Version eines LSD-Trips wie in Terry Gilliams Imaginarium des Dr. Parnassus. Aber wozu ist in einem Traum im Traum im Traum denn noch ein Maschinengewehr nötig, wenn nicht zur bloßen Befriedung von Actionfans und letztendlich zum Füllen der Kinokassen?

So interessant und universell das Traumsujet auch ist – das Gerüst, auf dem Inception sich filmisch auf unseren Verstand pflanzt, wackelt. Was bleibt ist ein visuell durchaus ansprechender, geschmeidig geschnittener Sommerlochstopfer, dessen Überlänge man nicht merkt – oder auch ein originell verpacktes Déjà-vu auf hohem Niveau.

Um den philosophischen Aspekt nochmal herauszukramen, lasse ich Woody Allen sprechen:

What if nothing exists and we’re all in somebody’s dream? Or what’s worse, what if only that fat guy in the third row exists? (Without Feathers, 1975)

[rating=4]

Der fantastische Mr. Fox

Der fantastische Mr. Fox

via filmofilia.com

Endlich wieder Filmfutter vom Meister der Macke, also Mund zu und Augen auf für Wes Andersons Der fantastische Mr. Fox (2009).

Nach der ewigen Rechtebettelei bei Roald Dahls Witwe, konnte Wes Anderson nun endlich mit Co-Autor Noah Baumbach die Stop-Motion Adaption des gleichnamigen Kinderbuchs in die Kinosäle schleusen. Seit dem 13. Mai nun auch hier zu sehen, Zeit für uns in den Trailer zu schnuppern:

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Zum Plot: Obwohl Mr. Fox (George Clooney) seiner Frau (Meryl Streep) versprochen hatte, die Pfoten vom Hühnerstehlen zu lassen, ist er nach 12 Jahren und einem Sohn wieder dabei, die familiäre Speisekammer mit stibitztem Federvieh zu füllen. Irgendwie muss das bürgerliche Fuchsleben ja finanziert werden, und seine Zeitungskolummne liest eh kein Schwein.

Der große Coup steht aber noch bevor: Die Fuchsfamilie zieht aus dem unterirdischen Bau in einen villenartigen Baum- mit direktem Blick auf drei Geflügelfabriken. Ein leichtes Spiel für den gerissenen Mr. Fox, wären die drei Fabrikbesitzer nicht ebenso gemein, wie sie dick, klein und mager sind. Hier kommt noch ein Filmfetzen:

via

Mr. Fox bringt also nicht nur die stacheldrahtige Welt der Menschen durcheinander, sondern auch die gesamte Tierwelt in Gefahr. Denn die drei Bauern vom Geflügelfach gieren nach Rache und scheuen weder Geld noch Skrupel.

Aber Wes Anderson wäre nicht er selbst, würde er der Fuchsfamilie nicht seinen gewohnten Touch Exzentrik verleihen. So kämpft der andersgeratene Fuchssohn Ash (Jason Schwartzman), nicht nur um die Anerkennung seines Alphavaters, sondern konkurriert auch mit Cousin Kristofferson (gesprochen von Andersons Bruder Eric), der die Fuchsfamilie durch allgemeine Exzellenz bereichert. Mrs. Fox ist es währenddessen leid, ihren Mann mit dessen Hang zur Gesetzlosigkeit zu teilen.

Zugegeben, trotz des Stop-Motion Charmes wirken die Charaktere manchmal ein wenig flach, auch wenn sich Anderson neben dem gewohnten Ensemble (Owen Wilson als Sportcoach), prominete Sprecher wie Cloney und Streep ins Boot geholt hat.

Dennoch sind die 87 Minuten ein Vergnügen, und nach dem ganzen 3D- Hype, ist dieses Stück Retrofilmkunst allemal sehenswert. Wer anderer Meinung ist, kann sich bei den fünf Filmfreunden Verstärkung holen.

Fazit: Detailverliebtheit und philosophische Knusperchen würzen die formal kindgerechte Story so auf, dass sie auf jeden Fall auch faltigeren Existenzen audiovisuelle Bespaßung bietet. Und allein Willem Dafoes Stimme aus dem Maul einer versoffenen Ratte zu hören, macht den fantastischen Mr. Fox noch um eine Spur fantastischer! [rating=4]

Darf’s ein bisschen mehr sein?

Ab geht’s mit brandheißem Kinofutter und einer visuellen Delikatesse von Haim Tabakman: Einaym Pkuhot- Du sollst nicht lieben (2009).

Eyes wide open

via imdb

Die Titelgebung schmeckt zwar eher nach einem lauen Fernsehfilm mit Bettina Zimmermann, der Inhalt überzeugt aber und ich freue mich gerade wie ein zwiebelnaschender Pavian, dass dieser Film endlich auch deutsche Kinogefilde bespielt, nämlich ab dem 20. Mai!

Man erinnere sich Ang Lees Brokeback Mountain (2005), schiebe die Handlung nun nach Mea Shearim, also ins ultraorthodoxe Viertel von Jerusalem. Die Cowboys sind in dem Fall ein Fleischer und sein Lehrling. Neugierig? Dann ab in den Trailer:

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Zum Plot:

Aaron Fleishman (Zohar Shtrauss) führt ein geregeltes Leben. Gerade hat er die Fleischerei seines verstorbenen Vaters wiedereröffnet, engagiert sich in der Gemeinde und sorgt für Frau und vier Kinder. Doch macht ihn sein Leben glücklich? Er funktioniert lediglich.

Erst durch den Studenten Ezri (Ran Danker), der während eines Unwetters in Aarons Laden nach Unterschlupf und Arbeit sucht, entkommt er der Lethargie seines Alltags.

Eyes wide open

via filmstarts.de


Ezris Andersartigkeit sickert schnell durch die Gemeinde, schneller als Aaron merkt, was in ihm vorgeht. Eine gewisse Spannung an der Fleischtheke ist nicht zu leugnen. Zunächst sieht er in der Versuchung eine Prüfung seines Glaubens.

Wird er widerstehen? Will er? Minimale Mimikdifferenzen in Aarons bärtigem Gesicht lassen erahnen, was in ihm vorgeht. Dass diese Liebelei in der Gemeinde und für Aarons Frau Rivka (Tinkerbell) eine Unmöglichkeit darstellt, ist klar. Wie sich Aaron entscheiden wird, nicht.

Du sollst nicht lieben

via stockholmfilmfestival.se


Im Gegensatz zu Filmen von Eytan Fox wie Yossi & Jagger (2002) oder The Bubble (2006), die sich Tel-Aviv als Kulisse nehmen, lassen die engen Gassen von Mea Shearim kaum Platz für queere Gedanken.

Tabakmans ästhetisierte Bildkompositionen erlauben eine Distanzierung, die den filmischen Realismus entschärft, und das Werk beispielsweise von Trembling before G-d (2001), einem ähnlich verorteten Dokumentarfilm abhebt. Zwar bietet sich der Einsatz von Melodramatik an, aber Tabakman entzieht sich- ohne dabei Nüchternheit zu vermitteln.

Er nimmt sich Zeit. Zeigt, ohne zu polemisieren. Die Bilder, die uns Kameramann Axel Schneppat auf die Augen wirft, wirken reduziert, kraftvoll und einnehmend. Um innere und äußere Konflikte authentisch zu gestalten, hat Tabakman sich von Homosexuellen und Ultraorthodoxen beraten lassen, dazu gibt’s hier ein interessantes Interview.

Fazit: Schöne Bilder, die auch lange nach Filmgenuss im Kopf bleiben und wohlplatzierter Konfliktstoff, der abseits der unmittelbaren Thematik universelle Werte behandelt, ergeben ein sehr sehenswertes Regiedebut, Chapeau! [rating=5]

Les herbes folles

Ab geht’s mit saftigem Filmfutter aus der Presse des Altmeisters Alain Resnais: Les herbes folles -Vorsicht Sehnsucht (2009). Drückt also bitte den frankophilen Schalter sachte runter und folgt mir in einen Film, der sich mit einer Portion Charme und einer Gallone Absurdität gegen jede Erwartungshaltung wehrt!

Les  herbes folles

via orangedoe.wordpress.com

Zum Plot: Zahnärztin Marguerite Muir (Sabine Azéma) kann aufgrund ihrer leicht deformierten Füße nur in einem bestimmten Geschäft in Paris Schuhe kaufen. Doch nach erfolgreicher Fußversorgung wird ihre Handtasche gestohlen. Georges Palet (André Dussolier) findet Marguerites Portemonnaie in einer Tiefgarage.

Er beginnt, sich eine Welt rund um ihre Existenz zu spinnen, betrachtet ihre Fotos, begutachtet ihren Pilotenschein und ruft sie vergeblich an. Schließlich gibt er das kostbare Fundstück wehmütig auf dem Polizeirevier ab.

Als sich Marguerite unverbindlich bei Georges meldet, um ihm zu danken, beginnt ein bizarrer Stalk-Wettbewerb zwischen den beiden. Dabei werden sie von Georges Frau, der Polizei und Marguerites Kollegin  mal ausgebremst, dann wieder angetrieben. Neugierig? Ab in den Trailer:

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Dieser Film fängt irgendwo vor dem Anfang an und hört definitiv nach dem Ende auf. Voller Verve inszeniert Resnais seine Charaktere. Mit ihrer Präsens schaffen sie es, uns zu vereinnahmen. Wir bleiben bei ihnen, selbst wenn die Erzählstruktur uns Fragezeichen in die Hirnrinde wirft.

Uns eröffnet sich ein ästhetischer Wildwuchs an hochgezüchteten Erwartungen, unhaltbaren Projektionen und großen Enttäuschungen. Es geht um verlebte Möglichkeiten und mögliche Illusionen, die sich all in ein großes “Was wäre, wenn…?” verknoten.

Les herbes folles

via lesherbesfolles-lefilm.com

Fazit: Les herbes folles ist ein cinéastischer Zaubergarten und mit Sicherheit kein filmisches Unkraut. Hier wuchert die Fantasie eines Meisters. Anschauen und überraschen lassen!

Ab 22.04. im Kino.

[rating=5]

A Single Man +++ The Blind Side +++ Legion

Filmisch ist heut so ziemlich alles dabei. Wir beginnen mit Tom Fords Designerstück A Single Man, im zweiten Gang folgt das Bullock-haltige Rührstück The Blinde Side und verfeinert wird das Menü von Legion, einem abgetrashten SF-Miststück. Filmhunger? Na dann Mund zu und Augen auf!


A Single Man

Wer glaubt, dass A Single Man (2009) Tom Fords Adaptation einer Novelle von Christopher Isherwood, lediglich aus 101 Minuten Dauerwerbung für seine neuste Kollektion besteht, der hat zwar nicht ganz unrecht (Firth trägt natürlich Ford), wird aber sehen, dass der gute Tom sich mit seinem ersten Filmversuch durchaus sehen lassen kann, sehr sogar. Zurück in die 60er und ab in den Trailer:

Zum Plot:

Wir sehen einen Tag im Leben eines Mannes, dessen Herz bitter am Tod seines Lebensgefährten zerbrochen ist. Zutiefst tragisch, oft tiefgründig aber immer exzellent gekleidet wandelt George (Colin Firth) durch diesen Tag, der vielleicht sein letzter sein wird. Er steht auf, geht an die Universität um zu unterrichten, leert später sein Bankschließfach und holt sich Munition für die Waffe, mit der er sich aus seinem Elend schießen will.

Kann seine beste Freundin und ehemalige Geliebte Charley (Juliane Moore) ihn von einer gemeinsamen Zukunft überzeugen? Oder wird Kenny (Nicholas Hoult), ein penetranter und lebenshungriger Student mit häßlichem rosa Mohairpullover ihn zurück in die Gegenwart holen? Ab 8. April wissen wir mehr. Bis dahin kann man sich hier Appetit holen.

Fazit: Ein ästhetisches und gehaltvolles Zuckerschlecken.[rating=4]

Wie versprochen, kommt hier Nachschlag aus einer anderen Ecke, The Blind Side (2009) ist ab 25. März im Kino und John Lee Hancocks Verfilmung einer realen Geschichte.

The Blind Side

via filmstarts.de

Sie handelt von Michael Oher (Quinton Aaron), einem afroamerikanischen Jungen, der aus elenden Verhältnissen in den Schoß einer großzügigen weißen Vielverdienerfamilie aufgenommen wird, um sich vom tumben Sorgenkind zum Profi-Footballspieler zu entwickeln. Insgesamt läuft die Erfolgsstory linear vor sich hin, stolpert an einem kleinen Twist und bleibt sowohl inhaltlich als auch filmisch auf der konservativen Seite. Rein in den Trailer:

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Fazit: Der Geruch von Kitsch liegt in der Luft. Besonders hübsch ist eine Szene, in der Übermutti-Bullock dem bulligen Pflegeobjekt aus einem Kinderbuch vorliest, dass einem der Magen rumort. Selbst wenn sich das Ganze an eine wahre Geschichte anlehnt, fragt man sich, wieso sämtliche Klischees bis zum Zerbersten bedient werden müssen. Wer nach einem ordentlichen Verriss giert, kann sich bei den fünf Filmfreunden bedienen.[rating=2]

Was jetzt kommt ist absolut nicht arthausig, sondern eine ordentliche Ladung trashiger SF-Endzeitstimmung. Manchmal kann ein übler Film unglaublich amüsant sein, so auch Legion (2010) von Scott Stewart, seit 18. März im Kino.

Legion

via moviepilot

Zum Plot: Gott glaubt nicht mehr an die Menschheit und schickt seine Engel aus, um die Welt zu bereinigen. Erzengel Michael (Paul Bettany) ist der einzige, der noch Hoffnung sieht. Großzügig bewaffnet macht er sich auf, um eine kleine Gruppe zufällig zusammengewürfelter Opfer an einer Tankstelle inmitten der Mohave Wüste vor der Apokalypse zu bewahren.

Unter ihnen ist auch die hochschwangere Charlie (Adrianne Palicki), deren Kind die Rettung der Menschheit darstellt. Ziel ist es nun, dass dem Ungeborenen nichts geschieht. Doch das erweist sich als reichlich schwierig, denn die zum Bösen mutierten Engel haben Hunger und gieren nach Menschenfleisch.

Schnell in den Trailer:

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Fazit: Spätestens nachdem die fleischlustige Oma die Szenierie betritt, kann man das Zucken im Zwerchfell nicht zurückhalten, will man ja auch nicht. Erwartet also dämliche Dialoge, ungeplante Homoerotik, Löcher in der Logik und ein gelungenes Miststück von einem schlechten Film![rating=2]

Filmtage in München

Wer beim Anblick der weißen Pest draußen winterschläfrig wird, darf nun zumindest cinéastischem Eskapismus fröhnen: Der Filmfrühling ist ausgeborchen.

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In den nächsten Tagen jedenfalls lohnt es sich, wach zu bleiben! Denn neben den Jüdischen Filmtagen, die vom 14.-17. März im Neuen Gabriel und unter Anwesenheit einiger Regisseure stattfinden, bespukt das Fantasy Filmfest im Rahmen einer deutschlandweiten Tour vom 13.-14. März das Münchner Cinema.

Auf den gegenwärtigen 3D-Zug ist man natürlich auch in Japan aufgesprungen. Wie sich der Effekt im Horrorfilm macht, kann man in Takashi Shimizus neustem Nervenmassaker The Shock Labyrinth (2009) erleben. Wer also pubertierenden Teenies beim Verirren und Verbluten zusehen will, hier ein Vorgeschmack:

http://www.veoh.com/videos/v18919788pWwYKDzK

Auf die Lateinamerikanischen Filmtage, die momentan noch im Gasteig laufen, folgen vom 20.-28. März die 21. Türkischen Filmtage. Den Auftakt macht Üc Maymun-Drei Affen (2008) von Nuri Bilge Ceylan. Das Programm bietet jedenfalls mehr als den hierzulande gerngeförderten Problemfilm mit Opferweibchen und Identitätspatchworkthematik!

Wer da noch filmhungrig ist, dem empfehle ich, ins Filmmuseum zu gehen, wo gerade Gus Van Sant retrospektiert wird. Lust auf einen charmanten Kurzfilm? Voilà:

http://www.dailymotion.com/videox3mihp
Le Marais, Gus Van Sant, 2003

Leben und sterben lassen

Un Prophète – Ein Prophet (F/I 2009. Jacques Audiard)

Wir ihr vielleicht schon gemerkt habt, haben wir einen feinen Bogen um die Goldmännchenverleihung vom vergangenen Sonntag gemacht.

Am Donnerstag läuft nun ein Film an, der neben Michael Hanekes Kindergeschichte, in der Kategorie bester ausländischer Film nominiert war. Gewonnen hat zwar der argentinische El secreto de sus ojos von Juan José Campanella, wir wenden den Blick aber dennoch Richtung Frankreich.

Also Mund zu und Augen auf für Un Prophète, Jacques Audiards gesunder Mischung aus Coming of Age- Story, Gefängnisdrama und Gangsterstreifen. Trailer? Bitteschön:

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Zum Plot:

Als der 18- jährige, marokkanisch-stämmige Malik (Tahar Rahim) wegen Tätlichkeiten gegenüber Polizisten zu sechs Jahren Haft verurteilt wird, kann er weder lesen noch schreiben und wirkt auf den ersten Blick eher so, als würden zwei Affen in seinem Kopf Ball spielen. Als er nach dem “Bildungsurlaub” wieder rauskommt, hat hat er mehrere Menschen auf dem Gewissen, sowas wie einen Schnurrbart im Gesicht und kann sogar korsisch.

Alles fängt damit an, dass er sich entscheiden muss. Will er überleben, muss er der Korsenmafia zuarbeiten, die sich wie ein Pilzgeflecht durch die gesamte Gefängnisstruktur zu ziehen scheint. Das bedeutet zunächst, dass er seinen arabischen Knastnachbarn mit einer Rasierklinge aus dem Weg räumen muss, weil dieser den korsischen Gefängnispaten César Luciani (Niels Arestrup) verärgert hat. Die passende Mordchoreographie ist Lektion Nummer eins. Dass die Wächter mitspielen, Lektion Nummer zwei.

http://www.kultur-online.net/files/architecture/Un%20Prophete%20-%20Foto.jpg

Nach seiner Feuertaufe wird er Césars Laufbursche. Er arbeitet sich langsam hoch und lernt die Regeln des komplexen Machtgefüges kennen, nach denen er funktionieren kann. Für die Araber ist er der übergelaufene Korse, für die Korsen der ewige Araber. Er selbst sieht sich auf keiner der beiden Seiten. Für uns bleibt er ein Fremder.

Martin Scorseses The Departed oder Goodfellas zwinkern uns zu und Coppolas Pate ist sowieso allgegenwärtig, allerdings in einer abgekühlten und entromantisierten Form. Dennoch bleibt Audiard bei seiner Geschichte. Er reichert sie mit ein wenig Mystik und exzellenten Schauspielern an und serviert uns brutale, sozialkritische und vielschichtige Filmkost.

http://www.lobo-prod.com/web/lobographik/wp/wp-content/uploads/2009/11/UnProphete.jpg

Fazit:

Un Prophète liefert 150 Minuten dichte Einblicke in den Aufstieg eines Mannes, der sich zur falschen Zeit am falschen Ort befindet und alles irgendwie richtig macht. Ab 11.03. im Kino.

[rating=4]

A Serious Man

A Serious Man
Ab geht’s mit koscherer Filmkost von den Coen Brüdern: A Serious Man (2009) handelt von einem Mann, dessen Welt ohne sein Zutun einfach so und Stück für Stück zusammenbricht.

Darf trotzdem gelacht werden? Ja, denn gerade in der Ambivalenz von Tragik und Komik blüht der subversive Humor der Coens auf und entfaltet seine Pracht innerhalb unseres Zwerchfells. Und jetzt ab in den Trailer:

http://www.dailymotion.com/videoxa0n24

Zum Plot: 1967, Larry Gropniks (Michael Stuhlbarg) Leben geht langsam aber beständig in die Brüche. Kurz vor seiner Verbeamtung als Physikprofessor kursieren Schmähbriefe am Lehrstuhl. Sohn Danny (Aaron Wolff) hört Radio und kifft, statt im Hebräischunterricht aufzupassen. Tochter Sarah (Jessica McManus) bedient sich an seinem Geldbeutel, um sich eine Nasenkorrektur finanzieren zu können. Ehefrau Judith (Sari Lennick) betrügt ihn mit einem Freund der Familie und der geistig verwirrte Bruder Arthur (Richard Kind) wohnt in seinem Badezimmer. Zum Glück gibt es einige Rabbis in der jüdischen Gemeinde seines Heimatstädtchens in Minnesota, die er um Lebenshilfe bitten kann. Na dann, Masel Tov!

A Serious Man

Während Larry also seinen Studenten die Ungewissheitstheorie näherbringen will, rüttelt Hashem gewaltig an seinem kleinbürgerlichem Alltag. Aus dem fürsorglichen Familienvater und korrekten Physikprofessor wird ein Wrack, dessen berufliches und privates Leben wie durch Knopfdruck aus den Bahnen des Erfolgs gehebelt wird. Ob das ungerecht ist?  Naja, Larry sagt es selbst, als er beim Aushilfsrabbi seine geistliche Therapierungsodysse startet: The boss isn’t always right, but he’s always the boss. In diesem Fall also die Coen Brüder. Und die scheinen mächtigen Spass am tiefen Fall ihres Protagonisten zu haben.

A Serious Man

Mehr Tragik? Bitteschön: Seine Frau will die Scheidung, außerdem soll Larry in ein Motel ziehen. Ein paar Tage später verunglückt der Nebenbuhler jedoch tödlich. Wer muss für die Beerdigungskosten aufkommen? Richtig. In seiner Hilflosigkeit sucht Larry einen weiteren Rabbi auf, der ihm helfen soll, den anschwellenden Lebensballast aufzufieseln. Der Rabbi erzählt ihm die Geschichte eines Kieferorthopäden, der im Gebiss eines Mannes hebräische Zeichen findet, die übersetzt “Hilf mir” bedeuten.

Das beschert besagtem Arzt schlaflose Nächte, sodass er verzweifelt eben jenen Rabbi aufsucht, um ihn um Rat zu bitten. Ob er nun den Menschen helfen solle, möchte er wissen. Na, kann sicher nicht schaden, meint der Rabbi. Danach geht’s dem Kieferorthopäden wieder prächtig. Was diese Parabel soll? Man könnte sie als eine Liebeserklärung an die Sinnfreiheit sehen.

Manche Fragen sind wie Zahnschmerzen, eine Weile beschäftigen sie uns und irgendwann hören sie auf.

Rabbi Nachtner

Die Fragen, die der Film uns beschert, können wir ebenfalls mit Zahnschmerzen vergleichen. Oder wir halten uns an die Worte des Vaters eines versetzungsgefährdeten, asiatischen Studenten. Dieser steht eines Tages auf dem- nicht mehr ganz so ordentlich getrimmten- Rasen des Einfamilienhauses, um den Physikdozenten seines Sohnes zu erpressen. Hat er nun das Kuvert mit Bestechungsgeld auf Larrys Schreibtisch deponiert oder nicht? Please, accept the Mystery.

A Serious Man

Das scheint überhaupt das Mantra des Films zu sein. Oder die Botschaft der Coens, die es satt haben, nach jedem Filmwurf mit hochtrabenden Interpretationsergüssen und Analyseentwürfen beklebt zu werden. In etwa wie der Rabbi, der sich mit den vom Leben gequälten Bittstellern beschäftigen muss und gelegentlich lieber zu den Liedern von Jefferson Airplane summen würde.

Dann eben alles so nehmen wie es ist. Das erfahren wir schon zu Beginn des Films, noch vor dem Prolog, dessen Essenz wir ebenso verzweifelt in irgendeiner Folgesequenz zu verankern suchen:

Receive with simplycity everything that happens to you.

Rashi

Fazit: Was diesen Film so sehenswert macht, ist neben der großartigen Besetzung sicherlich der latente Humor, den die Brüder uns hier vorführen. Er ist selbst in die tragischten Szenen eingeflochten, sitzt hinter den haarigen Ohrläppchen und schwingt mit jedem Schritt der behäbigen Matronen mit, die A Serious Man, trotz aller Ernsthaftigkeit und dem Fehlen eines Happy Ends zu einem köstlichen Filmgenuss machen. Denn:

Es ist ein großes Missverständnis nicht nur des amerikanischen Kinos, zu glauben, dass Menschen, die lieben, das Recht auf ein Happy End haben. Niemand hat ein Recht auf ein Happy End.

Interview mit Joel und Ethan Coen , DIE ZEIT, 25.09.2008 Nr. 40

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