Tag Archives: Frankreich

Kill Reifen, kill!

Rubber

via twitchfilm.net

Quentin Dupieux alias Mr. Oizo, kennen viele aus nächtlichem Beatzirkus und eher nicht vom Film. Dabei hat er sich schon mehrfach als Filmemacher versucht, 2001 bescherte er uns Nonfilm und 2007 tischte er Steak auf.

Jedenfalls hat der Gute mal wieder ordentlich in seiner Hirnmasse rumgewühlt, bis er auf eine bescheuerte Idee gestoßen ist, die wahrscheinlich jeder andere verworfen hätte. Gut, dass er es nicht getan hat.

Das Resultat ist nämlich ein fieses Roadmovie, mit einem aggressiven Autoreifen namens Robert in der Hauptrolle. Der wurde verstoßen und rollt wütend durch eine Wüstenlandschaft. Als er entdeckt, dass er telepathische Kräfte besitzt, lässt er zunächst Insekten und Kleinvieh zerplatzen- mit purer Willenskraft natürlich. Bald wendet er sich größeren Lebewesen zu…

Schmeckt nach Kult, mehr dazu gibt’s bei De:bug. Debütiert hat Rubber soeben in Cannes, hier findet ihr eine Review. Jetzt aber flott in den Teaser:

Vimeo DirectRubber

Weil das nicht reicht, hier noch ein Knusperchen:

Vimeo DirectRubber

Auch nicht schlecht: Den Soundtrack haben neben Mr. Oizo,  SebastiAN und Justice mitgestaltet.

Rubber rollt ab dem 15. September durch die französischen Kinos und ein US-Verleih hat scheinbar auch angebissen. Hoffen wir also, dass er hier ebenfalls unterkommt!

Les herbes folles

Ab geht’s mit saftigem Filmfutter aus der Presse des Altmeisters Alain Resnais: Les herbes folles -Vorsicht Sehnsucht (2009). Drückt also bitte den frankophilen Schalter sachte runter und folgt mir in einen Film, der sich mit einer Portion Charme und einer Gallone Absurdität gegen jede Erwartungshaltung wehrt!

Les  herbes folles

via orangedoe.wordpress.com

Zum Plot: Zahnärztin Marguerite Muir (Sabine Azéma) kann aufgrund ihrer leicht deformierten Füße nur in einem bestimmten Geschäft in Paris Schuhe kaufen. Doch nach erfolgreicher Fußversorgung wird ihre Handtasche gestohlen. Georges Palet (André Dussolier) findet Marguerites Portemonnaie in einer Tiefgarage.

Er beginnt, sich eine Welt rund um ihre Existenz zu spinnen, betrachtet ihre Fotos, begutachtet ihren Pilotenschein und ruft sie vergeblich an. Schließlich gibt er das kostbare Fundstück wehmütig auf dem Polizeirevier ab.

Als sich Marguerite unverbindlich bei Georges meldet, um ihm zu danken, beginnt ein bizarrer Stalk-Wettbewerb zwischen den beiden. Dabei werden sie von Georges Frau, der Polizei und Marguerites Kollegin  mal ausgebremst, dann wieder angetrieben. Neugierig? Ab in den Trailer:

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Dieser Film fängt irgendwo vor dem Anfang an und hört definitiv nach dem Ende auf. Voller Verve inszeniert Resnais seine Charaktere. Mit ihrer Präsens schaffen sie es, uns zu vereinnahmen. Wir bleiben bei ihnen, selbst wenn die Erzählstruktur uns Fragezeichen in die Hirnrinde wirft.

Uns eröffnet sich ein ästhetischer Wildwuchs an hochgezüchteten Erwartungen, unhaltbaren Projektionen und großen Enttäuschungen. Es geht um verlebte Möglichkeiten und mögliche Illusionen, die sich all in ein großes “Was wäre, wenn…?” verknoten.

Les herbes folles

via lesherbesfolles-lefilm.com

Fazit: Les herbes folles ist ein cinéastischer Zaubergarten und mit Sicherheit kein filmisches Unkraut. Hier wuchert die Fantasie eines Meisters. Anschauen und überraschen lassen!

Ab 22.04. im Kino.

[rating=5]

Leben und sterben lassen

Un Prophète – Ein Prophet (F/I 2009. Jacques Audiard)

Wir ihr vielleicht schon gemerkt habt, haben wir einen feinen Bogen um die Goldmännchenverleihung vom vergangenen Sonntag gemacht.

Am Donnerstag läuft nun ein Film an, der neben Michael Hanekes Kindergeschichte, in der Kategorie bester ausländischer Film nominiert war. Gewonnen hat zwar der argentinische El secreto de sus ojos von Juan José Campanella, wir wenden den Blick aber dennoch Richtung Frankreich.

Also Mund zu und Augen auf für Un Prophète, Jacques Audiards gesunder Mischung aus Coming of Age- Story, Gefängnisdrama und Gangsterstreifen. Trailer? Bitteschön:

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Zum Plot:

Als der 18- jährige, marokkanisch-stämmige Malik (Tahar Rahim) wegen Tätlichkeiten gegenüber Polizisten zu sechs Jahren Haft verurteilt wird, kann er weder lesen noch schreiben und wirkt auf den ersten Blick eher so, als würden zwei Affen in seinem Kopf Ball spielen. Als er nach dem “Bildungsurlaub” wieder rauskommt, hat hat er mehrere Menschen auf dem Gewissen, sowas wie einen Schnurrbart im Gesicht und kann sogar korsisch.

Alles fängt damit an, dass er sich entscheiden muss. Will er überleben, muss er der Korsenmafia zuarbeiten, die sich wie ein Pilzgeflecht durch die gesamte Gefängnisstruktur zu ziehen scheint. Das bedeutet zunächst, dass er seinen arabischen Knastnachbarn mit einer Rasierklinge aus dem Weg räumen muss, weil dieser den korsischen Gefängnispaten César Luciani (Niels Arestrup) verärgert hat. Die passende Mordchoreographie ist Lektion Nummer eins. Dass die Wächter mitspielen, Lektion Nummer zwei.

http://www.kultur-online.net/files/architecture/Un%20Prophete%20-%20Foto.jpg

Nach seiner Feuertaufe wird er Césars Laufbursche. Er arbeitet sich langsam hoch und lernt die Regeln des komplexen Machtgefüges kennen, nach denen er funktionieren kann. Für die Araber ist er der übergelaufene Korse, für die Korsen der ewige Araber. Er selbst sieht sich auf keiner der beiden Seiten. Für uns bleibt er ein Fremder.

Martin Scorseses The Departed oder Goodfellas zwinkern uns zu und Coppolas Pate ist sowieso allgegenwärtig, allerdings in einer abgekühlten und entromantisierten Form. Dennoch bleibt Audiard bei seiner Geschichte. Er reichert sie mit ein wenig Mystik und exzellenten Schauspielern an und serviert uns brutale, sozialkritische und vielschichtige Filmkost.

http://www.lobo-prod.com/web/lobographik/wp/wp-content/uploads/2009/11/UnProphete.jpg

Fazit:

Un Prophète liefert 150 Minuten dichte Einblicke in den Aufstieg eines Mannes, der sich zur falschen Zeit am falschen Ort befindet und alles irgendwie richtig macht. Ab 11.03. im Kino.

[rating=4]

Moustachismus

Zeit für organische Gesichtsschmeichler.Viele Menschen kennen es: Sie schauen in den Spiegel und fühlen sich irgendwie unvollkommen. Meist liegt das an der Nacktheit rund um den Labialbereich.

Mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung leidet unter akuter Bartlosigkeit. Grund genug, sich diesem testosteronträchtigen Thema semiseriös zu widmen. Hier werden einige vielversprechende Utensilien und Hintergrundinformationen rund um das haarige Stück Lebensfreude vorgestellt, also Mund zu und Augen auf und Humorhose an!

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Wer nach diesem großartigen Einstieg, unbedingt auch Flusen unter die Nase will-  hier gibt’s was für den kleinen Geldbeutel und den großen Bastler. Bei freemoustache.com kann man gleich vierfacher Bartlust fröhnen. Der Klassiker- ausdrucken, ausschneiden und wohlfühlen:

Bei etsy.com findet sich auch so einiges zum haarigen Thema. Von Kissen, über Tassen bis hin zu Schmuck und Klamotten, es sprießt scheinbar aus allen Poren:

gesehen bei UIEgeek

Organische Bescheuertheit muss belohnt werden, Daumen hoch für folgende Pfotenwärmer:

gesehen bei sifuesignstudio

Und etwas weiter bauchnabelabwärts:

gesehen bei Undies

Aber auch für anatomisch besserbestückte findet sich passendes, wie diese exquisite Bartwichse:

gesehen bei MansFaceStuff

Genug davon. Definitiv ist der Moustache in den letzten Jahren Muse von allerlei Nutz-und Spaßartikelproduzenten geworden. Wer sich hier ausklinken will, kann sich bei sounds like me Verstärkung holen.

Horchen wir weiter in das Land des Schnurrbarts:

“Isch bin ein Orgasme von Konsert und mach dir dein Ueft bewege”

Bei solch einer Aussage, steigt die Erwartung natürlich enorm. Hier kommen also die Franzosen von Mini Moustache mit eingängigem Discozeug. Zugegeben, das Video der Kerls sieht stark nach hausgemacht aus:

http://myspacetv.com/index.cfm?fuseaction=vids.individual&videoid=43615798

Wem das jetzt zu hormonhaltig wird, kann sich mal hierüber Gedanken machen: Einer Studie zufolge, die eine Psychologiestudentin 2004 an er Uni Kiel erhob, werden angeblich bärtige Menschen als sympathischer, gebildeter und attraktiver eingestuft, als ihre bartlosen Mitmenschen. Mehr zum potenziellen Karriereschub durch Rasierentzug, gibt’s beim Manager Magazin.

Sind Bärte eigentlich autotroph? Hier noch ein gelungenes Stück Filmkunst, zauberhaft:

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Manchmal kann man sich eine Person nicht ohne ihren Bart vorstellen, so beispielsweise bei den Mädels von ZZ Top. Versucht es mal!

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Nach so viel Männlichkeit, werfen wir zum Schluss noch einen verstohlenen Blick in die Gegenrichtung. Hirsutismus nennt sich das haarige Phänomen bei Frauen.

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Don’t panic, it’s organic!

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corps étranger

Hier wird der fein überladene Kunstmarkt semisäuberlich durchwühlt.

Folgender Kunsthappen ist Ergebnis eines verregneten Samstagnachmittagsbummels durch französische Hinterhöfe und charmante Buchläden. Auf der Suche nach ästhetischer Stimulation, stolperte ich also:

Ein beanzugter Mann liegt öffentlich in der Horizontalen. Bizarr? Was sagt es über unsere interpersonelle Wahrnehmung, die Perzeption von Mensch und öffentlichem Raum aus? Was irritiert uns? Genau diesen Fragen sind die als corps étranger bekannten Straßburger Künstler Damien Bockenmeyer und François Nowakowski nachgegangen.

Also Mund zu und Augen auf für Sculpture sociale:


 

http://www.corpsetranger.com/sculpturesociale/files/page0-1004-full.html

Zuletzt noch Futter für Frankophile:

Un homme, vétu d’un costume «trois-pièces», occupe l’espace public, dans une position allongée. Cet acte simple, perturbe le quotidien, questionne la coexistence du banal et du singulier, modifie notre perception et notre appréhension des lieux et des liens entre les individus.
Le souvenir de l’intervention et des réactions
des autres usagers des lieux est immortalisé
par l’image. (corps étranger)

 

Mehr organische Irritation gibt’s auf www.corpsetranger.com

Le premier jour du reste de ta vie

Ab geht’s mit neuen und wiederentdeckten cinematographischen Auswüchsen.

Wir packen süffisanten Rotwein, milden Comté und ordentlich Appetit ein und widmen uns dem noch aktuellen, französischen Kinogenuss von Regisseur und Drehbuchautor Rémi Bezançon: Le premier jour du reste de ta vie (2008) – C’est la vie- So sind wir, so ist das Leben.

Worum geht’s?  Um das Lieben und Leben der 5- köpfigen Familie Duval. Hört sich nicht besonders verlockend an? Abwarten und Trailer beschnuppern:

und auf deutsch:YouTube Preview Image

Hier werden beflügelnde Dialoge mit knackigem Witz, und charismatischen Charakteren zu einem amüsanten Filmmenü verwoben, das einem ein Lächeln auf’s beflimmerte Gesicht zaubern kann.

En Gros: Im ersten Drittel nimmt der Film rasanten Anlauf und legt mit spritzigen Inhalten, gekonnten Schnitten und gezielten Rückblenden immens vor, um auf halbem Weg an einer Pathospfütze abzurutschen, aber dennoch gediegen und größtenteils trocken im Ziel einzulaufen. Will heißen: Dass sich Bezançon raffiniert und sensibel zunächst der Perspektive der drei “Kinder” widmet, um dann einen konsequenten Übergang zu den Eltern zu legen, wirkt sich auch auf Tempo, Rythmus und Inhalt aus. Er selbst nennt diese Erählstrategie “sternförmig”, der filmische Zeitraum umfasst die Jahre 1988 bis 2000.

Angefangen beim Auszug des Ältesten, Albert (Pio Marmaï), über zur liebeskummrigen Rebellin Fleur (Déborah François) bis zum dritten, prokrastinierenden Luftgitarristen und Weinliebhaber Raphaël (Marc-André Grondin), werden hier amüsante und brisante Ereignisse einfühl- und unterhaltsam durchdekliniert. Da das Erwachsenwerden in den 90ern lokalisiert ist, gibt’s zudem ne ordentliche Portion Grunge, Hommagen an Jim Morrison, Kurt Cobain und Westernheld Steve McQueen sind Programm.

Im Übergang zur Elternperspektive wird an Leichtigkeit runtergefahren und eine Prise Melancholie und Tiefsinn zugefügt, der jedoch mit einer Ladung Lebenslust rechtzeitig gegengesteuert wird. Der Inhalt schrammt an der Konfliktlinie zwischen Alter, Attraktivität und Anerkennung entlang und bezieht Probleme innerhalb der Generationen mit ein. Marie-Jeanne (Zabou Breitman) wirkt als gluckende Mutter authentisch und Vater Robert (Jacques Gamblin) erfrischt mit Charme und Impulsivität.

Ein Film mit viel krispem Esprit, der es schafft, Momente genuiner Schönheit einzufangen, ohne in lauernde Kitschgräben abzudriften. Die bemerkenswert appetitlichen Charaktere machen einem die 114 Minuten zum sinnigen Vergnügen und wer kann, der sollte sich unbedingt die französiche Fassung genehmigen, der Prickelfaktor erhöht sich allemal![rating=4]