Triptych
Hier wird der überladene Kunstmarkt semi-säuberlich durchwühlt und sinngerecht portioniert. Also Mund zu und Augen auf !
Magdalena Hutter, Triptych Magdalena Hutter 2010
Mit Grenzen und Migration beschäftigt sich Magdalena Hutter in ihrer dokumentarischen 3-Kanal-Videoinstallation Triptych, hier ein kleiner Einblick:
Ursprünglich, so erzählt die HFF-Studentin, sei die Wüste als Metapher gedacht gewesen. Bis die Realität passierte. Denn nicht nur in der Odysee der fünf Protagonisten wirkt die Wüste als Transitraum, desparater Lebensraum oder auch als das Ende einer unerfüllten Hoffnung. Viele der Migranten müssen wirklich irgenwann zu Fuß durch die Wüste.
“…Nigeria – Niger, Niger – désert d’Algérie, Algérie – Maroc, Maroc á l’Europe.”
Wir bewegen uns vorwärts, immer in dieselbe Richtung. Gleichmäßige Schritte. Stimmen. Menschen auf der Flucht.
Triptych. Eine dokumentarische Videoinstallation, Magdalena Hutter 2010
Trocken, karg und hoffnungslos. Triptych will bewegen. Und es kann.
Wann und wo?
Atelier für Medienkunst, Bavariastr.6a, 80336 München
In ihrem nächsten Filmprojekt beschäftigt sich Magdalena Hutter erneut mit Migration und Grenzen. Dann geht es nach Los Angeles, wieder in die Wüste. Wir sind gespannt.
HFF-Filmschau
Ab geht’s mit brandheißen Kurzfilmtipps frisch aus der Nachwuchsfabrik!

Was ein Filmstudent der HFF schon im ersten Jahr auf die Leinwand werfen kann, seht ihr dort am Freitag, 29. Januar. Drei Drehtage und drei Rollen Film standen zur Verfügung, dokumentarisch und schwarz-weiß sollte das Ergebnis sein. Doch aus diesen einheitlichen Vorgaben ist viel Unterschiedliches auf 16mm entstanden.
Nicht nur monochrom, sondern auch ziemlich amüsant: “Jetzt bin ich mal dran” von Thomas Kren und Claudia Schröter, vorgekostet und für absolut magen- und hirnfreundlich befunden! Die beiden prorträitieren in ihrem gemeinsamen Erstlingswerk den Alltag eines charmanten, homosexuellen 80- jährigen. Wie gelungen diese 13 Minuten geworden sind und was die anderen Jungregisseure zu bieten haben, könnt ihr im Kino der HFF ab 19:30 Uhr in der Frankenthaler Straße 23 beurteilen.
A Serious Man

Ab geht’s mit koscherer Filmkost von den Coen Brüdern: A Serious Man (2009) handelt von einem Mann, dessen Welt ohne sein Zutun einfach so und Stück für Stück zusammenbricht.
Darf trotzdem gelacht werden? Ja, denn gerade in der Ambivalenz von Tragik und Komik blüht der subversive Humor der Coens auf und entfaltet seine Pracht innerhalb unseres Zwerchfells. Und jetzt ab in den Trailer:
http://www.dailymotion.com/videoxa0n24Zum Plot: 1967, Larry Gropniks (Michael Stuhlbarg) Leben geht langsam aber beständig in die Brüche. Kurz vor seiner Verbeamtung als Physikprofessor kursieren Schmähbriefe am Lehrstuhl. Sohn Danny (Aaron Wolff) hört Radio und kifft, statt im Hebräischunterricht aufzupassen. Tochter Sarah (Jessica McManus) bedient sich an seinem Geldbeutel, um sich eine Nasenkorrektur finanzieren zu können. Ehefrau Judith (Sari Lennick) betrügt ihn mit einem Freund der Familie und der geistig verwirrte Bruder Arthur (Richard Kind) wohnt in seinem Badezimmer. Zum Glück gibt es einige Rabbis in der jüdischen Gemeinde seines Heimatstädtchens in Minnesota, die er um Lebenshilfe bitten kann. Na dann, Masel Tov!

Während Larry also seinen Studenten die Ungewissheitstheorie näherbringen will, rüttelt Hashem gewaltig an seinem kleinbürgerlichem Alltag. Aus dem fürsorglichen Familienvater und korrekten Physikprofessor wird ein Wrack, dessen berufliches und privates Leben wie durch Knopfdruck aus den Bahnen des Erfolgs gehebelt wird. Ob das ungerecht ist? Naja, Larry sagt es selbst, als er beim Aushilfsrabbi seine geistliche Therapierungsodysse startet: The boss isn’t always right, but he’s always the boss. In diesem Fall also die Coen Brüder. Und die scheinen mächtigen Spass am tiefen Fall ihres Protagonisten zu haben.

Mehr Tragik? Bitteschön: Seine Frau will die Scheidung, außerdem soll Larry in ein Motel ziehen. Ein paar Tage später verunglückt der Nebenbuhler jedoch tödlich. Wer muss für die Beerdigungskosten aufkommen? Richtig. In seiner Hilflosigkeit sucht Larry einen weiteren Rabbi auf, der ihm helfen soll, den anschwellenden Lebensballast aufzufieseln. Der Rabbi erzählt ihm die Geschichte eines Kieferorthopäden, der im Gebiss eines Mannes hebräische Zeichen findet, die übersetzt “Hilf mir” bedeuten.
Das beschert besagtem Arzt schlaflose Nächte, sodass er verzweifelt eben jenen Rabbi aufsucht, um ihn um Rat zu bitten. Ob er nun den Menschen helfen solle, möchte er wissen. Na, kann sicher nicht schaden, meint der Rabbi. Danach geht’s dem Kieferorthopäden wieder prächtig. Was diese Parabel soll? Man könnte sie als eine Liebeserklärung an die Sinnfreiheit sehen.
Manche Fragen sind wie Zahnschmerzen, eine Weile beschäftigen sie uns und irgendwann hören sie auf.
Rabbi Nachtner
Die Fragen, die der Film uns beschert, können wir ebenfalls mit Zahnschmerzen vergleichen. Oder wir halten uns an die Worte des Vaters eines versetzungsgefährdeten, asiatischen Studenten. Dieser steht eines Tages auf dem- nicht mehr ganz so ordentlich getrimmten- Rasen des Einfamilienhauses, um den Physikdozenten seines Sohnes zu erpressen. Hat er nun das Kuvert mit Bestechungsgeld auf Larrys Schreibtisch deponiert oder nicht? Please, accept the Mystery.

Das scheint überhaupt das Mantra des Films zu sein. Oder die Botschaft der Coens, die es satt haben, nach jedem Filmwurf mit hochtrabenden Interpretationsergüssen und Analyseentwürfen beklebt zu werden. In etwa wie der Rabbi, der sich mit den vom Leben gequälten Bittstellern beschäftigen muss und gelegentlich lieber zu den Liedern von Jefferson Airplane summen würde.
Dann eben alles so nehmen wie es ist. Das erfahren wir schon zu Beginn des Films, noch vor dem Prolog, dessen Essenz wir ebenso verzweifelt in irgendeiner Folgesequenz zu verankern suchen:
Receive with simplycity everything that happens to you.
Rashi
Fazit: Was diesen Film so sehenswert macht, ist neben der großartigen Besetzung sicherlich der latente Humor, den die Brüder uns hier vorführen. Er ist selbst in die tragischten Szenen eingeflochten, sitzt hinter den haarigen Ohrläppchen und schwingt mit jedem Schritt der behäbigen Matronen mit, die A Serious Man, trotz aller Ernsthaftigkeit und dem Fehlen eines Happy Ends zu einem köstlichen Filmgenuss machen. Denn:
Es ist ein großes Missverständnis nicht nur des amerikanischen Kinos, zu glauben, dass Menschen, die lieben, das Recht auf ein Happy End haben. Niemand hat ein Recht auf ein Happy End.
Interview mit Joel und Ethan Coen , DIE ZEIT, 25.09.2008 Nr. 40
Mittelmeer-Filmtage 2010
Tief einatmen und hinriechen: Ja, man kann das Meer quasi schmecken! Zumindest vom 14. bis zum 31. Januar, denn da bespielen die 7. Mittelmeer-Filmtage den Münchner Gasteig.
Los geht’s heute abend mit Pandora’s Box/Pandoranin kutusu von Yeșim Ustaoğlu, also schnell in den Trailer:
Wann, wo, wieviel?
- 19:30 Uhr, Carl- Orff Saal, 9€/erm. 7€.
Programmnachschlag gib’t hier.
Die Ästhetik des Wahnsinns
Hier wird der fein überladene Kunstmarkt semi-säuberlich durchwühlt. Also Mund zu und Augen auf für abseitige Schönheit.

Middletown State Hospital, NY
Die meisten Menschen haben ihr Bild von Irrenanstalten aus Filmen wie Einer flog übers Kuckucksnest, Girl Interrupted oder auch I’m a Cyborg, But That’s OK . Für viele von uns wird dieses Bild auch in Zukunft seine Mittelbarkeit nicht verlieren. Zum Glück gibt es Fotografen, wie Christopher Payne, die für uns die Grenzen des Wahnsinns überschreiten. In seinem Bildband Asylum: Inside the Closed World of State Mental Hospitals hielt er das fest, was andere von der Außenwelt isoliert. Was dabei herausgekommen ist, seht ihr hier:

Straightjacket, Logansport State Hospital, Indiana

Files, Spring Grove State Hospital, MD
Dabei widmet er sich seinen Motiven mit Respekt und einem Sinn für ihre gesellschaftliche Funktionalität, anstatt gängige Horrorvisionen zu bedienen. Doch beim Anblick dieser schrägen Schönheit, geprägt von baulicher und geistiger Verwesung, reckt sich das ein oder andere Nackenhaar sicherlich in die Vertikale.

Dormitory Ward, Harlem Valley State Hospital, NY
Payne besuchte 70 von insgesamt über 250 US-Anstalten zwischen 2002 und 2008 und streifte hierbei durch 30 Staaten.

Bowling Shoes, Rockland State Hospital, NY

Patient Suitcases, Bolivar State Hospital, TN
Da viele dieser Institutionen schon nicht mehr existieren, sind Christopher Paynes Fotos die letzten offiziellen Relikte aus einer Zeit, in der sie belebt und gebraucht wurden. Payne will vor allem die Schutz- und Gesellschaftsfunktion der Einrichtungen in den Vordergrund rücken. Oder wie Dr. Oliver Sacks kongenial in seinem Essay The Lost Virtues of the Asylum schreibt : “where one could be both mad and safe”.

Typical ward, Kankakee SH, IL 2008

Beauty Salon, Trenton State Hospital, NJ
Schon Beaudelaire wusste: Le beau est toujours bizarre.

Patient Bathtub, Fairfield State Hospital, CT

Patient Toothbrushes, Hudson River State Hospital

Matteawan State Hospital, NY
Wer Lust auf mehr bekommen hat Asylum: Inside the Closed World of State Mental Hospitals ist im September 2009 im MIT Press Verlag mit einem Vorwort und Essays von Dr. Oliver Sacks erschienen und kostet ca. 29,99 €.


Gib deinen Senf dazu!