Orphan- Das Waisenkind
So, jetzt mal schön im Sessel festgekrallt, denn dieser Film lässt einen bis zum letzten Augenblick nicht los.

Pünktlich zu Halloween erscheint The Orphan (2009) ein sehenswertes Stück Schockgeflimmer des Regisseurs von House of Wax (2005), Jaume Collet-Serra. Überhaupt, das böse Kind dient derzeit als Mehrfachmuse. Ein Grund mehr, sich kurz diesem Sujet zu widmen un ein bisschen Namedropping auf eure Bilschirme zu schmieren: Aktuell im Kino Michael Hanekes brillianter schwarz-weiß Thriller Das weiße Band, mehr dazu hier. Die Schweden konnten schon im letzten Jahr mit dem besseren Twilight, Låt den rätte komma in -So finster die Nacht unter der Regie von Tomas Alfredson überzeugen und jüngst hatte ich ein äußerst aufschlussreiches Gespräch über Gesellschaft, Kinder und Sigmund Freud mit Tom Shankland, dem Regisseur von The Children, einem angetrashten Bösekinderfilm von der Insel.
Jetzt aber schnell in den Trailer:
Noch ein überflüssiger Omen-Abklatsch? Zwar will ich eure Horrorhoffnugen nicht zu sehr aufblasen, aber mal ehrlich, Damien und Delia wirken wie engelsgleiche Wonneproppen und auch Rosemarys Baby müsste ordenltich Nachhilfe bekommen, um mit Esther mithalten zu können.

Zum Plot:
Manche Filme fangen mit einer Friedefreudeeierkuchen-Atmosphäre an, kehren nach und nach verstaubte Problembrocken aus, um schließlich im kompletten Desaster feierlich unterzugehen. The Orphan beginnt später: Jüngst hat Kate Coleman (Vera Farmiga) ein Baby verloren, ihre fünfjährige Tochter ist gehörlos und der pubertierende Sohn leidet an akuter Ignoranz. Was tun? Betrinken hat Kate schon hinter sich, satt Hochprozentigem soll nun ein weiteres Kind für familiären Frohsinn sorgen. Als ihre patente Therapeutin das Vorhaben absegnet, geht es zur Kinderschau ins Waisenhaus. Aber die Rechnung neues Kind-neues Glück ist in diesem Fall wie Teilen durch Null, man sollte es lieber sein lassen. Dabei scheint die neunjährige Esther (Isabelle Fuhrmann) doch so perfekt zu sein: Statt an der Wii- Konsole, hängt sie an ihrer Staffelei, schmeißt mal eben nen Tschaikowsky aus den Pianotasten und lernt nebenbei Gebärdensprache, um mit dem blondgelockten Schwesterchen kommunizieren zu können.

Aber unter abgeschmacktem Outfit, schnöden Schleifchen und altklugem Auftritt lauert die Verkörperung der Niedertracht. Wie dumm, dass das lediglich Kate mitbekommt und durch Krtitik am Kind ihren Mann John (Peter Sarsgaard) ordentlich misstimmt. Dennoch: Um Esthers Radius herum fällt das Überleben schwer…

Zu viel darf an dieser Stelle jedenfalls nicht verraten werden. Denn, auch wenn Einiges vorhersehbar ist und der zehnte fast-Autounfall rein statistisch gesehen nicht ganz kosher sein kann, bietet Collet-Serra in 123 Minuten Filmkost durchaus ein bis zwei leckere Episoden für Horrorfeinschmecker. Die dynamische Verknüpfung der Story mit familiären Konfliktknoten verdichtet die Genre-bedingte, strukturelle Einfachheit und sorgt für ein paar gelungene Spannungsbögen. Sonst wäre wohl auch Co-Produzent Leonardo DiCaprio nicht zu überzeugen gewesen, der 2006 mit der gutbesetzten Hauptdarstellerin Vera Fermigo in Martin Scorseses The Departed vor der Kamera zu sehen war. Klar ist, dass Isabelle Fuhrmann in der Rolle der Esther bei keinem Kinoinsassen für akuten Kinderwunsch sorgen und sicherlich noch oft in Lichtspielhäusern umherspuken wird.
Fazit:
Nichts für Adoptionszögerer und Fans von subtiler Spannung. Wirklich genialer Horror kommt ohne Blutfontänen aus. The Orphan ist nicht groß, aber sorgt mit ein paar Atempausen für gelungenen Schockgenuss.
Ab 22. Oktober im Kino.
corps étranger
Hier wird der fein überladene Kunstmarkt semisäuberlich durchwühlt.
Folgender Kunsthappen ist Ergebnis eines verregneten Samstagnachmittagsbummels durch französische Hinterhöfe und charmante Buchläden. Auf der Suche nach ästhetischer Stimulation, stolperte ich also:
Ein beanzugter Mann liegt öffentlich in der Horizontalen. Bizarr? Was sagt es über unsere interpersonelle Wahrnehmung, die Perzeption von Mensch und öffentlichem Raum aus? Was irritiert uns? Genau diesen Fragen sind die als corps étranger bekannten Straßburger Künstler Damien Bockenmeyer und François Nowakowski nachgegangen.
Also Mund zu und Augen auf für Sculpture sociale:

Zuletzt noch Futter für Frankophile:
Un homme, vétu d’un costume «trois-pièces», occupe l’espace public, dans une position allongée. Cet acte simple, perturbe le quotidien, questionne la coexistence du banal et du singulier, modifie notre perception et notre appréhension des lieux et des liens entre les individus.
Le souvenir de l’intervention et des réactions
des autres usagers des lieux est immortalisé
par l’image. (corps étranger)

Mehr organische Irritation gibt’s auf www.corpsetranger.com
Thirst
Ab geht’s mit scharfem Filmstoff aus Süd Korea: Bakjwi (Thirst) von Regisseur Park Chan-Wook (Oldboy, I’m a Cyborg, but That’s OK) zieht rein wie frisch geriebener Wasabi und heitzt ab 15. Oktober durch die deutschen Kinos.

Gut, das Sujet des Blutsaugers hat sich derzeit ordentlich in den Köpfen einiger Regisseure und Autoren festgebissen, dennoch- diese 133 Minuten lohnen sich. Und jetzt schnell in den Trailer:
Zum Plot: Der katholische Priester Sang-hyeon (Kang-ho Song) lässt sich bei einem Aufenhalt in Afrika für die Wissenschaft freiwillig mit einem tödlichen Virus infizieren, nur eine Blutinfusion kann ihn davor retten, als pockenübersähter Leichnam unter der Erde zu landen. Somit ist der einzige scheinbar Überlebende von 500 Infizierten, wird von da an als Heiliger verehrt und darf in Krankenhäusern potenziellen Sterbekandidaten Leben zubeten.
Ideale Umgebung also, um kostenlos und unbemerkt an frisches Blut heranzukommen, denn die Bluttransfusion machte ihn natürlich zum Vampir. Zurück in Korea findet er bei seinem ehemaligen und mittlerweile dauerkranken Kindheitsfreund Kang-woo (Ha-kyun Shin) Unterkunft. Der siecht schnoddernd mit dominanter Mama Lady Ra (Kim Hae-sook) und seiner jungen Ehefrau Tae-joo (Kim Ok-vin) vor sich hin.
Es entwickelt sich eine leidenschaftliche Affäre zwischen der unglücklichen und lebenshungrigen Tae-joo und dem fleischlustigen Vampirpriester. Das geht solange gut, bis die beiden beschließen, den verrotzten Ehemann zu beseitigen. Denn dieser schafft es, die Liebenden auch aus dem Jenseits in den Wahnsinn zu treiben, bis die Stimmung kippt und der Blutpegel steigt…
.jpg)
Bakjwi beeindruckt. Neben der großartigen Kim Ok-vin entzückt besonders die Raffinesse der Bilder kunsthungrige Augen. Der großzügige Umgang mit Filmblut erinnert an Kill Bill, die Kamera von Chung-hoon Chung an den Stil von William Eggleston:

Gutgesähte Humorsamen durchwachsen Film und Figuren, sodass die Brutalität, für die Park Chan-Wook bekannt ist, einigermaßen verdaulich wird. Interessant ist auch der Verzicht auf die Klischeefangzähne: Pragmatisch werden Krankenhausutensilien und rostige Zangen für die Nahrungsbeschaffung eingesetzt. Ansonsten wird an Symbolik nicht gespart.

Wie in seiner Vengeance-Trillogie, nutzt der Regisseur Themen wie Rache, Untreue, Schuld und Machtgier um Figuren und Motive scharf abzuschmecken. So schafft es der Film, einem Moment flüchtiger Langatmigkeit, der sich zur Halbzeit bemerkbar machen will, gekonnt zu strotzen. Er nimmt wieder Fahrt auf und bleibt bis zur letzten Minute amüsant. Nur die kitschige Filmmusik wirkt eher verzichtenswert. Die Story ist übrigens von Émil Zolas 1867 erschienenen Roman Thérèse Raquin inspiriert, wie auch sonst viele seiner Filme sich an literarischen Vorlagen orientieren.

Fazit: Ein deftiger Genuss, nicht nur für blutwillige Ästheten. Also Mund zu und Augen auf!
Green Porno
Ab geht’s mit animalisch heißem Filmstoff, noch mehr Pappmaché und den akut-organischen Aufklärungsfilmchen von und mit Isabella Rossellini!

Warum nicht auf Pornofeldforschung im eigenen Vorgarten gehen, um mehr oder weniger Fleischliches unterhaltsam und gleichzeitig wissenschaftlich- korrekt darzustellen? Mit ihrem Regiedebüt zeigt Tochter von Ingrid Bergmann, Ex-Frau von Martin Scorsese und Muse von David Lynch, dass es funktioniert. Und zwar mit einer ordentlichen Portion Humor, einer Menge Papier und natürlich haufenweise organischer Kreativität. Achtung, es folgt Schneckensex:
Angeregt? Hier kommt Nachschub von der Spinnenfront:
Nicht zu vergessen, die Hermaphroditen, sehr anschaulich:
Auf der Berlinale von 2008 erstmals öffentlich zu sehen, gibt es jetzt schon die dritte Staffel von Green Porno, mittlerweile wird die grüne Seite stärker fokussiert. Vorher ergründet Isabella aber noch das Sexualverhalten von Meeresbewohnern. Hier ein Einblick in die asexuelle Fortpflanzung von Seesternen, man beachte das schelmische Grinsen:
Wer Lust auf Hintergrundiges und die dritte Staffel der einminütigen Dokuquickies bekommen hat, klicke sachte auf den Sundance Channel.

Gib deinen Senf dazu!