Hier wird der fein überladene Kunstmarkt semisäuberlich druchwühlt und sinngerecht portioniert.
Mund zu, Augen auf für folgende fetischhaltige Erzeugnisse zweier Künstler, die man sich vom 30. Mai bis 16. August 2009 im Münchner Kunstbau/Lenbachhaus genehmigen kann: Tom Burr (*1963) und Monica Bonvicini (*1965) .

Ab jetzt im Kunstbau
Zwei klangvolle Namen der internationalen Gegenwartskunst, die zum gemeinsamen Sujet die funktionale Bestimmung sozialer Räume hinsichtlich psychologischer, gesellschaftlicher und geschlechtsspezifischer Konventionen haben. Beide Vertreter der Minimal Art, setzten sich auf jeweils unterschiedliche Art mit der Thematik auseinander, doch zunächst eine visuelle Orientierung:

Tom Burr Put Down I, 2003 (Foto: blocbuster)

Monica Bonvicini Foto: Roberto Marossi Courtesy of the artist & Galleria Emi Fontana, Milan, West of Rome, Los Angeles © Monica Bonvicini, VG Bild-Kunst, Bonn 2009
Materialien der S/M Szene, wie Leder, Riemen und Stahlketten sind Bestandteil einiger Werke beider Künstler. Hierbei werden scheinbar gewöhnliche Werkzeuge (Zaumzeug, Hammer) durch ihre Verbindung mit anders konnotierten Materialien in einen Kontext von Herrschaft und Macht gerückt, Fetishism.

MONICA BONVICINI / TOM BURR Foto: Städtische Galerie im Lenbachhaus München Arbeiten von Tom Burr © Tom Burr
Wir beleuchten zunächst Monica Bonvicini mit ihrer Videoinstallation Destroy She said, 1999: Es geht um die mediale Darstellung von Geschlechterrollen. Genauer um die Konstruktion von Weiblichkeit im Film, wobei die männliche Komponente mittels Architektur repräsentiert wird. Will heißen: Filmschnipsel von ängstlichen, wohlgeföhnten 60er Jahre- Ikonen, die sich hilfesuchend an Wände, Türen und Mauern lehnen, auf der Flucht vor dem ungenannten Unbekannten. Das “Destroy”- Element befindet sich räumlich vor den Leinwänden, aber seht selbst:

Monica Bonvicini Destroy She said, 1999 (Foto: blocbuster)
Wenn das bekannt vorkommt: Die gebürtige Italienerin und Wahlberlinerin konnte man mit eben dieser beeindruckenden Videoinstallation bereits 2008 in der Münchner Pinakothek der Moderne im Rahmen der Ausstellung Female Trouble besichtigen. Angeprangert wird also das medial inszenierte Rollenverständnis, gefordert wird radikales Umdenken. Metaphorisch gesehen: Aufruf zur Dekonstruktion der architektonischen Männlichkeitskonstruktion, anders gesagt: Eine ordentliche Portion Kastrationsdrohung.
Gemütlich geht es weiter, folgendes Werk sieht nach einer Mischung aus Hochseilgarten und S/M- Spielplatz aus und hört auf den wegweisenden Namen Never Again, 2005, reinsetzten und wohlfühlen erlaubt!
Hier 2 Tonnen Alte Nationalgalerie, 1998:
"2 Tonnen Alte Nationalgalerie", 1998 (Foto: Kerry Ryan McFate/Courtesy PaceWildenstein, New York)
Auch der New Yorker Tom Burr beschäftigt sich mit der wechselseitigen Beziehung von räumlichen Konstrukten, ihrer politischen und sexuellen Prägung/ Identifikation. Und auch hier sieht man die Leerstellen, die durch ihre Abwesenheit auf Körperliches schließen lassen:

Tom Burr (Foto: blocbuster)

Worn out, 2005 Sperrholz, Zinkscharniere, Farbe, Teppich 101 x 60 x 259 cm Courtesy of Galerie Kamm, Berlin
Hier zwar nicht, aber vor Ort zu sehen ist seine Fotoserie von öffentlichen Toiletten in New York: Die Reflexion der räumlichen Prägung unserer genderspezifischen Wahrnehmung. Manchmal kann man seine Ausstellungen sogar in eben solchen Notdurftanstalten, oder in Zoos und Parks besichtigen, denn Burr versteht den konventionellen Kunstraum lediglich als eine Möglichkeit unter vielen. Seine Werkschauen finden oft im öffentlichen Raum, nicht selten in Zwischenräumen statt. Wer libidinösen Hardcore erwartet, findet ihn hier nur bedingt und wenn, dann jedenfalls in sozial verträglichem Rahmen. Organischer Kunstgenuss stellt sich besonders bei Vorkenntnissen ein, virtuelles Künstlerstalken lohnt sich!
- Preis: 2€/ermäßigt 1€

