Monthly Archives: Mai 2009

Alles weiterhin Roger!

Ja, sie kommt. Die langerwartete Antwort auf Roger Willemsens taz- Kommentar zum  jetzt schon halbvergessene Finale von GNTM: “Der Exzess der Nichtigkeit aber erreicht seinen Höhepunkt, wo Heidi Nazionale mit Knallchargen-Pathos und einer Pause, in der man die Leere ihres Kopfes wabern hört, ihre gestrenge Entscheidung mitteilt und wertes von unwertem Leben scheidet. Da möchte man sechs Sorten Scheiße aus ihr herausprügeln – wenn es nur nicht so frauenfeindlich wäre”.

Tja, so schaut hierzu Heidis wohlüberlegte Antwort aus, oh, oder eventuell sind das doch Papas Sätze, die Klum die Woche über auswendig lernen musste und nun endlich wiedergeben kann. Also heißt es auf Bild.de mit der wegweisenden Schalgzeile Nach der Attacke von Roger Willemsen:

Jetzt schlägt Topmodel-Mama Heidi Klum zurück. Jugendliche, begebt euch nicht auf dieses Niveau!

Klum ist geschockt. Sie verstehe nicht, dass „ein angeblich intelligenter Mann“ eine solche Bemerkung von sich gebe: „Nämlich die, eine schwangere Frau zu verprügeln“, sagte sie der Nachrichtenagentur ddp. Sie hoffe, „dass andere Menschen und vor allem unsere Jugendlichen schlau genug sind, sich nicht auf das Niveau von Herrn Willemsen zu begeben“. (Ein wenig anders wird die Chose bei Spiegel Online beleuchtet.)

So, einer musste es ja mal sagen und, dass es von Willemsen kam, tut gut. Die Fragwürdigkeit des vermittelten Aggressionspotenzials sei nun dahingestellt. Klar wird nun empört der seitens Willemsen unglücklich gewählte Ausdruck “frauenfeindlich” polemisiert. Dabei ist es ab und zu mal angebracht, die Untenrum-Frage beiseite zu lassen und stattdessen die Inhalte zu beleuchten, um die es hier wohl auch gehen sollte: Sei es nun das ebenso beliebte, wie sinnfreie Sendeformat, oder dessen dürftige Moderation. Wenn Dieter Bohlen fragwürdige Kritik übt und selbst kritisiert wird, hört man danach selten Männerreigen zähnefletschend  aufschreien. Zu einem Diskurs gehört Kritik. Dass diese eher konstruktiv sein sollte, versteht sich. Aber knallen darf es an den richtigen Stellen schon mal ordentlich- na jedenfalls hypothetisch…

m.c. mueller

Hier geht’s zur Erweiterung der Kietzstammstrecke.

Heute im Fokus: Das m.c. mueller in der Müller-, Ecke Frauenhoferstraße. Egal ob man nach Bier, BioBurger oder einem Ingwer Sling verlangt, keine Lust auf minderjähriges Klientel hat, oder gerade von einem hartnäckigen Rosenverkäufer gestalkt wird: Im m.c. mueller findet man den geeigneten Unterschlupf, letzteren zwei Kategorien wird der Eintritt explizit per Piktogramm verwehrt.

Ein bisschen derb, nicht immer ganz pc und mit der nötigen Prise Nonchalance, kann man hier vorpistlich Proteine und Promille auftanken und bis 22h im kultigen Biergarten freiluftschnuppern.

Die fleischfreundliche Jause lässt sich zur happi-hour von 18-20h günstiger verdauen, später reichern DJs die Atmosphäre mit Clubgedöns an.

Wer also mal wieder die temporal arbiträre Eintrittgrenze beim famosen Café King verpasst hat, weniger Szenennarzissmus, dafür mehr deftige Bodenständigkeit sucht, braucht nur einige Tanzschritte auf der barhaftigen Müllerstrasse investieren- und ein bisschen Zaster:

  • Softes 2,50€
  • Bier 3€
  • Mischbrause 8€
  • Burger mit Sättigungsbeilage ab 8,50€

No guns, no mobiles, no sex

Ein Mann, zwei Tassen Espresso und eine tauschträchtige Streichholzschachtel: The Limits of Control (Jim Jarmusch, 2009) beflimmert seit heute die Leinwände.

Soviel vorab:  In diesem Film werden ca 5 Papierzettelchen verspeist, viele Tassen Espresso von einem Kerl halb ausgetrunken, einer unwiderstehlich nackten Paz de la Huerta wird widerstanden, einer mysteriös weißperrückten Tilda Swington nachsinniert, einem schmucke bebarteten Gael Garcia Bernal hinterhergeschmachtet und am Ende stirbt Bill Murray.

Zwischendurch wechseln einige Diamanten den Besitzer, Städte und Provinzen Andalusiens dienen als stimmige Kulisse, ohne pittoreske Sightseeing Atmosphäre zu vermitteln. Es geht um Details, um die Ästhetik des Minimalismus. Hier geht’s zum Trailer:

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Im ansonsten eher dialogarmen, aber charmanten Streifen, häufen sich stereotype Abläufe, deren Ziel darin besteht, den mystischen Auftragsmörder (Isaach de Bankole) zu seinem Opfer zu bringen. Weise Kontakter mit chiffrierten Notitzen ebnen seinen Weg. Und der wortkarge Einzelgänger lässt sich von den verschiedenen Charakteren jeweils kleine Fetzen philosophischer Reflexion mitgegeben. Beeindruckend ist die außerordentliche Passivität, die den Protagonisten umgibt: Es scheint, als füge er sich ausnahmslos in seine Kette von Aufträgen. Letztendlich erfährt man weder Grund, noch Motivation seiner Tat. Unbefriedigend insofern, als dass man das Gefühl hat, es müsste noch etwas mehr dahinter stecken, als der letzendliche, allesumgebende Tod.

Zwar wird von jeder zweiten Kontaktperson betont, dass das Leben nichts wert sei und letztlich nur ein Haufen Erde davon übrigbliebe, doch Staubflocken sucht man vergebens. Es bleibt ein Rätsel ohne Lösung, ein Gedankenspiel, bei dem die Spieler nach eigenen Regeln zu spielen scheinen, miteinander, gegeneinander oder nebeneinander. Ein festes Drehbuch gab es jedenfalls nicht und vielleicht liegt hier ja der Schlüssel zum Filmtitel. Genussvoll für Ästheten: Christopher Doyle hinter der Kamera, Paz de la Huerta davor und in einem Hauch von Plastik. Aber nichts für Ungeduldige, denn streckenweise merkt man dem Film seine knappen zwei Stunden durchaus an. Zwei Tassen Espresso kämen da nicht ungelegen…

Nude Visions

Hier wird der  Kunstmarkt semisäuberlich durchwühlt, einige beachtenswerte Prachstücke werden aufgegriffen und sinngerecht portioniert. Also Mund zu, Augen auf:

Will McBride, Barbara in unserem Bett, 1959

via stadtmuseum-online

Seit gestern gibt’s im Münchener Stadtmuseum viel nacktes Fleisch zu begutachten. Genauer gesagt 190 Werke, die im Rahmen der Ausstellung Nude Visions-150 Jahre Körperbilder in der Fotografie bis zum 13. September die Ausstellungsräume ansehnlich bekleiden. Als die Exposition 1985 erstmals gezeigt wurde, konnte sie noch schockieren, heute wird’s nicht erst versucht.

Klar, wir sind abgeklärt, dennoch fasziniert der menschliche Körper, wie kein anderes Sujet. Dass es die Zurschaustellung von Nacktheit schon Mitte des 19. Jahrhunderts gab und wie unzüchtig es damals herging, kann man sich in Form von originalen Daguerrokopien schmecken lassen.

Von den zaghaften Anfängen um 1855 bis 2005 kann man die Aktstudien im Wandel der Zeit nachverfolgen, einige nette Zitate, wie “Kunst sollte nicht mehr Sex haben, als Mathematik” durchmischen die sinnlichen Stücke.

So jetzt schmeiß ich noch mit ein paar bekannten Namen, wenn’s animiert, umso besser: Guy Bourdin, Jürgen Teller, Frank Stürmer, Willy Zielke, Herbert List, Dennis Oppenheim, Charles Gatewood, Warwick Brookes, Jan Mutsu, Lucien Clergue,Will McBride. Weiter mit weiblicher Perspektive: Ruth Bernhard, Ulrike Frömel, Marta Hoepffner, Marianne Leissl, Elfriede Reichelt, Hanna Seewald und Karin Székessy. Klar, Helmut Newton bleibt auch nicht unerwähnt, hier eine Hommage an den 2004 verstorbenen Meister, leider ist sonst nur ein einziges seiner Fotos zu sehen.

 Hermann Stamm, Hommage à Helmut Newton, 1985
Hermann Stamm, Hommage à Helmut Newton, 1985

via abendblatt.de

 

 

Und neben Humorigem, wie auf diesem Schmankerl, das ebensogut ein Schnappschuss vom Filmset eines “Unter’m Dirndl wird gejodelt” -Schmuddelstreifens sein könnte, sieht man auch Groteskes, Enthüllungsreflexionen gibt’s hier

Geburt eines Basterds

Ab geht’s mit neuen und wiederentdeckten cinematographischen Auswüchsen.

Quentin Tarantino hat wieder zugeschlagen,was soviel heißt wie: Ordentliches Gemetzel, hintersinnige Dialoge vermengt mit einigen bekannten Visagen, cinematographischer Rafinesse und viel Filmblut. Was das Enfant Terrible mit dem klangreichen Namen und dem irrsinnigen Blick anfasst, ist meist kultgeschwängert und polarisiert.

Der Plot dürfte bekannt sein, da das neue Baby seit über einem Jahr sehnlichst von Fans angriffslustigen Kritikern erwartet wird. Ze Germans gegen die Inglourious Basterds.

Skalpe fliegen multilingual durch die Filmlandschaft, zum Showdown lädt Tarantino ins Kino ein. Ob seine blutige Hommage an den Film gelungen ist, können wir ab dem 20. August herausfinden. Unterspielt wird das Ganze mit dem üblich souveränen Soundtrack. Hier der Trailer:

Christoph Walz hat vor einigen Tagen für seine Darstellung des “Judenjägers” Hans Landa eine Palme in Cannes mitgenommen, aber vergesst nicht, woher ihr diese fiese Type mit dem kalten Blick noch kennt: Richtig, Kommissar Rex, wo er 1996 den gemeinen Puppenmörder miemte. Hier das hochwertig inszenierte Intro zur Wiederauffrischung, ohne Walz: YouTube Preview Image

Schmackhaft geht es weiter: Nicht Brad Pitt, der zwar auch mit Oberlippenhäubchen ansehnlich wirkt, auch nicht der ewig bubige Brühl, nein: Micheal Fassbender wird näher beleuchtet.  Seit  ”Hunger”, wo er als kompromisslose IRA- Häftling im Hungerstreik überzeugte und somit unter der Regie von Steve McQueen im letzten Jahr die Croisette faszinierte, schreit dieser Mann nach Aufmerksamkeit.

Also hört hin! Dieser grandiose und erschütternde Film hat es in Deutschland bislang nicht auf die Leinwand geschafft, eventuell kommt er im November. Falls ihr zuvor drüber stolpern solltet, unbedingt anschauen und emotional aufwühlen lassen.YouTube Preview Image

(S)expostition gefällig?

Raus aus der Kammer und ab in die Galerie. Von Verni- über Midi- bis hin zur Finissage wird hier der fein überladene Kunstmarkt semisäuberlich durchwühlt, einige beachtenswerte Prachstücke werden aufgegriffen und sinngerecht portioniert. Also Mund zu, Augen auf: Seit heute ist das Münchner Kunstareal um ein weiteres Prachtstück reicher: Das Brandhorst Museum hat seine Ökopforten für das kunsthungrige Fußvolk eröffnet und wartet auf meinen Besuch. Es muss an dieser Stelle aufgrund zeitweiser Soziophobie meinerseits vertröstet werden, vorerst präsentiere ich Euch einen audiovisuellen Aperitif, der die Konfliktlinien unserer triebhaften Existenz gelungen reflektiert. Will heißen: Tod, Sex und Jackson Pollock.YouTube Preview ImageDie Szene stammt aus Herbert Ross’ Hommage an Humphrey Bogart, Play it again,  Sam (1972) mit Woody Allen als Beziehungskrüppel, hier in Hochform.

How to treat your mother

Ab und an ist es angebracht, seine nostalgische Seite aufzuschlagen und in sanfte Regression zu verfallen.

Den Anfang macht eine äußerst prägenden Figur der 80er. Mister T., die Mutter Beimer der Actionhelden und Kopf des A-Teams, erklärt uns in folgendem Clip, wie wir Mamas zu behandeln haben, Respekt.YouTube Preview Image

Schokoladig geht’s weiter.

Eine Zeit lang waren diese possierlichen Gaumenfreuden aus den Lebensmittelregalen gutsortierter Fachgeschäfte verschwunden. Seit Kurzem sind die Koalas wieder da, Gimmicks inklusive.

Freude machte uns allen auch das Spielen mit den niedlichen Bärchen. Fragwürdig ist jedoch folgendes Bild, mit dem Untertitel: Koala von Hinten.

Es folgt ein echter Kracher: Wer kennt sie nicht, die blaue Packung mit dem grünen Marsmensch? Richtig, der Magic Gum, wer ihn hatte, konnte sich bei der Peer-Group immens beliebt machen. Funktioniert heute immernoch, denn wer knistert schon gern alleine?

Filmklammer

Ab geht’s mit neuen und wiederentdeckten cinematographischen Auswüchsen. Platz für einen schmucken Briten, dessen Filme sich stetig um die exzessive Gier nach Geld, Macht und Drogen drehen. Aufgemischt mit einer trockenen Ladung Witz, verschrobenen Charakteren, absurden Situationen und genialen Schnitten, natürlich. Eine der besten Parallelmontagen soll euch hier nicht vorenthalten werden und Brad Pitt als nuschelnder Gypsyking spricht für sich. (Snatch, Guy Ritchie, 2000)YouTube Preview Image

Von white trash geht’s zu den whitest kids u’ know, hier mit meiner absoluten Lieblingsepisode in slow motion, na, seht selbst:

YouTube Preview Image

Wir bleiben beim Sujet Sex und gehen in den Wald, wo wir auf einen feinen Exzentriker der Dogmabewegung und dessen neuesten Ausbruch, Antichrist (Lars von Trier, 2009) treffen. Provokation und Polemik vorprogrammiert, leider erst ab September in unseren Lichtspielhäusern. Soviel zum Plot: Während das namenlose Paar (Gainsbourg/Defoe) sich in semidelirische Sphären kopuliert, stürzt ihr Wonneproppen aus dem Fenster und verunglückt tödlich. Klar, dass dieser Einschnitt verarbeitet werden muss. Zur Autotherapie zieht sich das gebeutelte Paar in den Wald zurück, wo psychologisch angelegte Rollenspiele drastisch ausarten und menschliche Urängste nicht unangetastet bleiben. Hier der Trailer zum grotesken Leckerbissen:YouTube Preview Image

Maison Martin Margiela

Raus aus der Kammer und ab in die Galerie: In der Kategorie Kunsthappen wird der überladene Kunstmarkt semisäuberlich durchwühlt, einige beachtenswerte Prachstücke werden aufgegriffen und sinngerecht portioniert. Also Mund zu, Augen auf:

Bis zum ersten Juni kann man im Haus der Kunst noch das Werk eines echten Exzentrikers visuell verspeisen. Existiert der Belgier Martin Margiela überhaupt (noch), oder ist sein gesamtes Dasein ein congenialer Marketingstreich? Diese Anonymität drängt die Mode und deren Herstellungsprozess in den Vordergrund. Auch seine Laufstegmodels werden mit balkenartigen Sonnenbrillen, oder Nylonmasken unkenntlich gemacht. So kommt es auch, dass man nicht etwa den Designer persönlich hervorhebt, sondern das gesamte Modehaus mit seinen weißbekittelten Angestellten als ein Ganzes, Maison Martin Margiela, wahrzunehmen hat.


Fakt ist, dass in der Münchener Maximilianstraße 34 sein erster deutscher Laden zeitgleich zu Ausstellungsbeginn seine Pforten für die ergebene Anhängerschaft öffnet. Auch hier zeigt Anonymität Präsens, denn die Boutiquen verstecken sich in den Kellergewölben oder Hinterhöfen von Paris, L.A., Tokyo und natürlich München. Die Kosten der erwerblichen Kleidungsstücke werden übrigens nach investierter Arbeitszeit berechnet.


Neben seinem ausgelassenen Faible für die Farbe Weiß, sind die Umkehrung vom Inneren eines Objekts nach Außen, sowie das Offenlegen von Nähten, Schnittstellen und Verarbeitungsmechanismen ebenfalls Markenzeichen der Maison Martin Margiela. Auch die immanente Vergänglichkeit wird thematisiert und zieht sich durch seine Werke, passend hierzu folgender philosophischer Happen:

“Ich bin die Mode, deine Schwester” erklärt die Mode dem Tod. Der erwidert überrascht: “Meine Schwester?” Darauf die Mode: “Erinnerst du dich nicht? Wir sind beide Kinder der Vergänglichkeit.” (Giacomo Leopardi)

Seit 1988 entwirft der Designer Mode innerhalb ihres schnellebigen Charakters. Klingt Surreal? Soll es auch, schließlich gilt Man Ray als Vorbild für den exzentrischen Belgier. Nicht gänzlich humorlos muss außerdem seine berüchtigte Ausstellung in Rotterdam 1997 gewesen sein, bei der Margiela in Kolaboration mit einem Mikrobiologen Bakterien in seine Kollektion injizieren ließ, die durch stetiges Wachstum leider nicht nur ihr eigenes Erscheinungsbild beeinflussten, sondern auch andere Exponate zu besiedeln drohten. Das Projekt musste daher vorzeitig beendet werden. In München geht’s zwar weniger organisch zu, ein Besuch lohnt sich aber dennoch unbedingt!