Ab dem 16. Mai berichten wir live vom 65. Festival de Cannes. Bis wir an der Croisette ankommen, sollte euch dieser fleischige Mann bei Laune halten:
gesehen bei Nerdcore via Nerdalicious
Ab dem 16. Mai berichten wir live vom 65. Festival de Cannes. Bis wir an der Croisette ankommen, sollte euch dieser fleischige Mann bei Laune halten:
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Vom 3. bis zum 6. Mai fand die STROKE URBAN ART FAIR bereits zum sechsten Mal und erstmals auf der Münchener Praterinsel statt. Wenn man an die Anfänge von Kunst im Tresor denkt, hat sich einiges geändert und dennoch ist vieles gleich geblieben.
Das Publikum in München hatte großen Hunger auf urbane Kunst und insgesamt war an den vier Tagen doppelt so viel los wie zuvor in Berlin. Neben den üblichen Urban Art-Aficionados und erstaunlich vielen jungen Familien tummelten sich auch einige Besucher, die man ansonsten eher bei der Art Basel treffen könnte. Ob deswegen mehr Kunst den Besitzer wechselte ist fraglich. Viele der Galerien führen trotz des Urban Art- Booms lediglich Pop-Up-Existenzen und sehen den STROKE-Auftritt mehr als Vergnügen denn als Geschäft an.

Nach dem Erfolgsrezept der URBAN ART FAIR gefragt, antwortet Marco Schwalbe “Erklären kann man das nicht – man muss es erleben”. Mit der Praterinsel, einer ehemaligen Likörfabrik, als Location hat sich die STROKE nun endgültig etabliert, der Beginner-Charme ist einem geschäftigeren Event-Klima gewichen, vom Rand ist man ins Herz der Münchner Innenstadt vorgedrungen. Während die ehemalige Landeszentralbank oder die Ex-BMW-Niederlassung noch mehr Trash-Charakter hatten, so herrschte im Wurzelkeller der Praterinsel eher eine White Cube-Atmosphäre. Das ehemalige Destillerie-Gebäude “Haus 3″ soll generalsaniert werden, daher durften sich die Künstler an den Räumlichkeiten austoben.
Man wolle das zeigen, “was frisch, jung und vor allem unangepasst ist“, so Marco Schwalbe. Natürlich gab es trotzdem die wiederkehrenden Objekte, die mit popkultureller Note und zeitgenössischen Ikonographien spielen und wohl solange mitgeschleppt werden, bis sie verkauft werden. Erneut gab es wandgroße Sprühflaschen zur Eigenheimdeko, Puzzles und Schlüsselanhänger. Aber Kunstnasen konnten auch ein paar Trüffel unter den Exponaten entdecken – schließlich waren über 45 nationale und internationale Galerien, Projekte und Kunst-Kollektive an der Messe beteiligt.
Die STROKE hat sich insofern verändert, als dass die Gebrüder Schwalbe vermehrt den sozialen Aspekt von urbaner Kunst in den Vordergrund stellen. Beispielsweise gab es auch diesmal Führungen in Gebärdensprache und ein gemeinsames Projekt in Kooperation mit der Aktion palliatives Leben brachte schwerstkranke und sterbende Menschen mit Künstlern zusammen. Mehr dazu gibt es hier.
Ein paar Eindrücke von der Veranstaltung gibt es in diesem virtuellen Rundgang:
Von den Schweizer Galerien waren wieder NeoVandalism und SOON präsent, letztere hatten Remo Lienhard aka WES 21 im Gepäck, der bereits auf der letzten STROKE.05 in Berlin mit organischen Motiven beeindrucken konnte. Hier sieht man seine aktuelle Fleischbeschau:
Die Züricher Galerie NeoVandalism präsentierte Marcel Baer und Andreas Glauch von Doppeldenk mit diesem an Hieronymus Bosch erinnernden Triptychon:

Detailverliebte konnten sich auch an den Pappteller-Zeichnungen des argentinischen Talents Martin Tibabuzo sattsehen, der von der Nürnberger Galerie Artelier vertreten wurde :
Die Arbeitsweise von Martin Tibabuzo kann man in diesem Video bewundern. Ein weiteres Mitbringsel der Galerie Artelier sind die Klebwerke der Künstlerin Evi Kupfer. Ihr Taping speist sich aus popkulturellen Motiven wie King Kong oder den Transformers, weiter unten sieht man sie beim Live-Taping im Innenhof der Praterinsel:


Auch ansonsten wurde im Hof fleißig gesprüht. Hier sieht man eine Arbeit des griechischen Sprühdosenvirtuosen Sonke Wia:
Und zum Schluss noch eine gelungene Metapher von Qualitylovers vs AF66 zum Verhältnis von Urban Art und dem Kunstmarkt:
Alle Fotos findet ihr auf flickr.
Wer die vergangenen Veranstaltungen verpasst hat, kann das virtuell nachholen. Hier sind die Eindrücke der STROKE.01 , STROKE.02 und STROKE. 05.
Die nächste STROKE findet vom 13. bis zum 16. September in Berlin statt. Informationen dazu gibt es hier.
Sebastian Errazuriz hat seit seinem Occupy- Stuhl wieder zugeschlagen, diesmal konzipierte er eine Sitzgelegenheit mit integriertem Huhn.
Was er sich dabei gedacht hat, erzählt er hier:
I create furniture pieces that incorporate conceptual and sculptural themes in a functional piece. I work a lot investigating existential issues of life and death. I have used bird taxidermy in my furniture many times, but never a live one. There was something very beautiful with the idea of bringing actual life into a lifeless furniture piece. If wooden strips are commonly used in the back rest of the chair, why couldn’t those same strips close out the virtual space under our legs and create a cage for a live animal to live in? In my mind it made sense, it seemed so beautiful, obvious yet simple.
[...]
I like eating chickens, but I also like for people to be aware of how they live and the consequences of the little decisions they give for granted everyday. I would like people to see a chicken again in their daily life, to find it both uncomfortable and beautiful at the same time. I see the Chicken Chair as a simple but beautiful furniture piece, an exercise in awareness a chair that literally comes to life and assumes a new function literally pocking, pecking and croaking—questioning us.
In folgendem Video sieht man wie der Chicken Chair zum Einsatz kommt:
gesehen bei Nercore via Non Sequitur
Zuvor hatte Errazuriz diese organischen Schneidebretter produziert. Mehr zum Künstler findet ihr auf meetsebastian.com
Vom 16. bis zum 27. Mai 2012 dürfen sich Filmaficionados aus aller Welt für die 65. Filmfestspiele an der Croisette tummeln.
Seit dem 19. April steht das Programm für die Wettbewerbsfilme fest, wir wagen einen freudigen Blick:
Offizieller Wettbewerb für die Goldene Palme
Moonrise Kingdom – Wes Anderson (Eröffnungsfilm)
De rouille et d’os – Jacques Audiard
Holy Motors – Leos Carax
Cosmopolis – David Cronenberg
The Paper Boy – Lee Daniels
Killing Them Softly – Andrew Dominik
Reality – Matteo Garrone
Amour – Michael Haneke
Lawless – John Hillcoat
Da-Reun na-ra-e-suh – Hong Sangsoo
Do-Nui Mat – Im Sangsoo
Like Someone in Love – Abbas Kiarostami
The Angels’ Share – Ken Loach
Im Nebel – Serguei Loznitsa
Beyond The Hill – Cristian Mungiu
Baad El Mawkeaa – Yousri Nasrallah
Mud – Jeff Nichols
Vous n’avez encore rien vu – Alain Resnais
Post Tenebras Lux – Carlos Reygadas
On the road – Walter Salles
Paradies: Liebe – Ulrich Seidl
Jagten – Thomas Vinterberg
Außer Konkurrenz
Thérèse Desqueyroux – Claude Miller (Abschlussfilm)
Io e Te – Bernardo Bertolucci
Madagascar 3, Europe’s most wanted Bons baisers d’Europe – Eric Darnell
Hemingway & Gellhorn – Philip Kaufman
Une journée particulière – Gilles Jacob und Samuel Faure
Sondervorführungen
Der Müll im Garten Eden – Fatih Akin
Roman Polanski: A film memoir – Laurent Bouzereau
The Central Park Five – Ken Burns, Sarah Burns und Kevin McMahon
Les invisibles – Sébastien Lifshitz
Journal de France – Raymond Depardon und Claudine Nougaret
A musica segundo Tom Jobim – Nelson Pereira Dos Santos
Villegas – Gonzalo Tobal
Mekong Hotel – Apichatpong Weerasethakul
Dracula 3D – Dario Argento
Ai to makoto – Takashi Miike
Un certain regard
Miss Lovely – Ashim Ahluwalia
La Playa – Juan Andrés Arango
Les Chevaux de Dieu – Nabil Ayouch
Trois Mondes – Catherine Corsini
Antiviral – Brandon Cronenberg
7 Dias en La Habana – Benicio Del Toro, Pablo Trapero, Julio Medem, Elia Suleiman, Juan Carlos Tabio, Gaspar Noé und Laurent Cantet
Le Grand soir – Gustave Kervern und Benoît Délépine
Laurence Anyways – Xavier Dolan
Después de Lucia – Michel Franco
Aimer à perdre la raison – Joachim Lafosse
Student – Darezhan Omirbayev
La Pirogue – Moussa Touré
Elephante Blanco – Pablo Trapero
Confession of a child of the century – Sylvie Verheyde
11.25 The Day he Chose his own fate – Koji Wakamatsu
Mystery – Lou Ye
Beasts Of The Southern Wild – Benh Zeitlin
Mehr Infos rund um das Festival de Cannes 2012 gibt es da und die offizielle Pressekonferenz kann man sich hier anhören.
“Basically, in one sentence, give us the definition of the ‚Cinema of Transgression’.”
Nick Zedd: “Fuck you.”
Die Berliner Kunst-Werke wurden vom 19. Februar bis zum 9. April von einer sehr besonderen Art des Filmemachens heimgesucht: Dem Cinema of Transgression, einer Abzweigung des Undergroundfilms, die Mitte der 80er Jahre von New Yorker Undergroundfilmern rund um Richard Kern und Nick Zedd begründet wurde. Die Filme zeichnen sich durch eine Radikalität hinsichtlich jedweder Art von Grenzen aus, wehren sich gegen jede Art konventionalisierter Muster und Schablonen und wurden damals mit low bis no budget und gestohlenem Equipment gedreht. Im Manifest erläutert Nick Zedd den Anspruch der Grenzüberschreiter folgendermaßen:
[...] Wir schlagen vor, dass alle Filmhochschulen in die Luft gesprengt und niemals mehr langweilige Filme gemacht werden. Überdies setzen wir uns dafür ein, dass ein gewisser Sinn für Humor ein wesentlicher Bestandteil des Films sein sollte, den die tranigen Akademiker gerne außen vor gelassen haben. Außerdem sind wir der Meinung, dass jeder Film, der nicht schockiert, nicht sehenswert ist. Alle Werte müssen in Frage gestellt werden [...]
Wir beabsichtigen, dass alle Grenzen überschritten werden, die uns von Geschmack, Moral oder irgendeinem anderen herkömmlichen Wertesystem diktiert werden und den Geist der Menschheit in Fesseln legen. Wir überschreiten und übertreten Grenzen in Form von Millimetern, Leinwänden und Projektoren und streben nach einem erweiterten Kino. Wir widersetzen uns dem Gebot und der Maßgabe, das Publikum durch Rituale der Umschreibung zu Tode zu langweilen und plädieren dafür, alle Tabus zu brechen und so viel wie möglich zu Sündigen. Dabei wird auf eine bislang kaum vorstellbare Weise Blut, Scham, Schmerz und Ekstase zu sehen sein. Niemand soll das Kino unberührt verlassen. Da es kein Leben nach dem Tod gibt, ist die einzige Hölle die Hölle des Betens, das Befolgen von Gesetzen und die Erniedrigung vor der Autorität, der einzige Himmel ist der Himmel der Sünde.
Daher müssen wir aufbegehren, Spaß haben, Ficken, neue Dinge lernen und so viele Regeln wie möglich brechen. Diesen mutigen Akt bezeichnen wir als Transgression. Wir plädieren für die Transformation durch Transgression – für das Überführen, Verwandeln und Umgestalten, um eine höhere Daseinsebene zu erreichen, auf der wir endlich frei sind in dieser Welt voller ahnungsloser Sklaven.
Das Cinema of Transgression Manifesto wurde 1985 von Nick Zedd aka Orion Jeriko verfasst und erstmals in seinem Fanzine The Underground Film Bulletin veröffentlicht.
Die hier vorliegende Übersetzung stammt aus dem sehr empfehlenswerten Ausstellungskatalog You Killed Me First. The Cinema of Transgression. hg. von Susanne Pfeffer. Mit Texten von Sylvère Lotringer, Carlo McCormick, Jonas Mekas, Susanne Pfeffer, Jack Sargeant und Nick Zedd. dt./engl. Köln: Walther König, 2012.
Viele dieser Filme bedienen sich einer Exploitation-Ästhetik, vermengen die autobiografische Vergangenheit der Filmemacher mit Gore und Hardcore-Elementen und setzten auf Schock, Konfrontation und Provokation, wie Artaud es von seinem Theater der Grausamkeit forderte. Die nachfolgenden Kurzfilme geben einen kleinen Einblick in das Schaffen von Zedd, Kern Lunch und co.
YOU KILLED ME FIRST (1985) – hier versammelt Richard Kern nicht nur die Protagonisten des Cinema of Transgression, sondern auch die prototypische amerikanische Mittelstandsfamilie und lässt sie brutal an ihren eigenen Werten scheitern. Der Film gab der Ausstellung in den Kunst-Werken den Namen, weil er als pars pro toto für die Bewegung gesehen werden kann. Kern fotografiert mittlerweile u.a. für das Vice Magazine und den Playboy.
MANHATTAN LOVE SUICIDES: STRAY DOGS (1985) von Richard Kern und David Wojnarowicsz handelt von einem renitenten Stalker, der einen Künstler bis zur Selbstzerfleischung verehrt. Der Sound stammt von J.G. Thirwell:
MANHATTAN LOVE SUICIDES: I HATE YOU NOW (1985) Richard Kern hinterfragt in dieser Episode seiner Suicide-Serie traditionelle Geschlechterrollen auf skurrile Weise:
Weitere Filme des Cinema of Transgression sind im Netz verfügbar– zum Beispiel auf UBU.
Doch was bedeuten diese Filme nun für die gegenwärtige Filmkultur?
Vielerorts liest man von der Unzufriedenheit innerhalb der deutschen Filmlandschaft und 50 Jahre nach dem Oberhausener Manifest, dessen Initiatoren in allerlei Institutionen nun rauf- und runtergefeiert werden, darf man gespannt sein, in welche Richtung es zukünftig gehen wird.
Klar, mittlerweile rennt man durch offene Türen, es gibt scheinbar nichts, was es nicht schon gab. Doch was den experimentellen Aspekt anbelangt, stapft man lieber durch maßlos ausgetretene Pfade.
Werden nicht zu wenige Grenzen überschritten aus Angst, man könne die ein oder andere Förderung verlieren?
Formieren sich überhaupt noch Gruppen mit bestimmten Interessen und versuchen kreative Energien zu bündeln? Besteht überhaupt Interesse daran? Vielleicht hilft es manchmal doch, zurück zu blicken und die weniger sichtbaren Bewegungen im Film nun deutlicher zu beleuchten.
Spätestens seit Alex Stapletons genialem Film Corman’s World – Exploits of a Hollywood Rebel wissen wir, dass Jack Nicholson in Roger Cormans Little Shop of Horrors (1960) debütierte, wo er einen masochistisch veranlagten Zahnarztpatienten mimte. Den Film gibt es nun auf DVD und ein schönes Interview mit der Filmemacherin unter interviewmagazine.com.
Zurück zu den Debütanten: Wer hätte gedacht, dass Scrubs-Star Zach Braff seinen ersten Auftritt in Woody Allens Manhattan Murder Mystery (1993) hatte, oder Jon Hamm – lange bevor er in Mad Men als charismatischer Werbefachmann Serienhungrige weltweit beglückte – in Clint Eastwoods Space Cowboys (2000) erstmals auf der Leinwand zu sehen war? Diese und weitere überraschende oder bekannte Erstauftritte finden sich in dem Video Essay “And Introducing…” von Jason Bailey (Flavorwire):
Im Jahr 2011 war der Großmeister des avantgardistischen Films, Peter Tscherkassky, zu Gast auf der IX. MAGIS International Film Studies Spring School in Gorizia. Die Konferenz, die gerade wieder stattfindet, behandelte damals den Themenkomplex Archive. In diesem Kontext bin ich über Tscherkasskys Found-Footage-Schmuckstück HAPPY-END (1996) gestolpert und will jetzt – trotz gehöriger Verspätung– die Gelegenheit nutzen, euch daran teilhaben zu lassen. Der Film besteht aus Super-8-Aufnahmen aus der privaten Filmgeschichte eines trinkfreudigen Ehepaars, welches sich in der Zeit zwischen ca. 1965 und 1980 selbst beim Zuprosten und Lustigsein dokumentierte.
Die Aufnahmen wurden so montiert, dass sich das Paar bei stetig wachsendem Alkoholkonsum immer weiter verjüngt. Für den Ohrwurm Bonbons, caramels, esquimaux, chocolats ist Annie Cordy verantwortlich. Also Mund zu und Augen auf :
Weitere Informationen gibt es hier.
HAPPY END © 1996
10 min 56 sec
Originalformat: Super 8
Verleihformat: 35mm & 16mm
Verleihe: Sixpack Film (Wien), Light Cone (Paris) (16mm), Canyon Cinema (San Francisco) (16mm)
Über Matthias Glasners Familiendrama Gnade
Berlinale 2012 – Wettbewerb
Wenn in den nördlichsten Teilen Europas im Winter die Sonne nicht aufgeht und im Sommer nicht untergeht – Winter und Sommer quasi zu einem einzigen Tag und einer einzigen Nacht werden, verlieren die Bezeichnungen ‚Tag‘ und ‚Nacht‘ ihren Wert als Unterscheidungskategorien – sie werden zur Grauzone, zum Zwielicht, zu dem, was dazwischen liegt, weder schwarz, noch weiß ist.
In diese Atmosphäre der Unbestimmtheit inszeniert Matthias Glasner sein Familiendrama Gnade. In dem Film geht es um einen nicht wieder gut zu machenden Fehler und den Umgang mit der Schuld.
Ein junges Ehepaar mit Sohn zieht aus Deutschland in das norwegische Hammerfest. Niels (Jürgen Vogel), Ingenieur in einer Ölraffinerie, wird dorthin versetzt und die Familie beschließt, ihm zu folgen. In der winterlichen Polarnacht wagt die Familie einen Neuanfang: ‚Wir brauchen eine zweite Chance‘, sagt Marie (Birgit Minichmayr) zu ihrer Freundin, bevor sie geht. Das Paar hat sich offensichtlich nicht mehr viel zu sagen. Niels, der öfter außerhalb arbeitet, hält es wie ein Leichtmatrose: In jedem Hafen wartet eine Braut. Marie hat in Norwegen einen Job im Hospiz gefunden und bemüht sich im örtlichen Chor um Anschluss. Ihr Mann sucht diesen auf seine Art und findet ihn im Bett einer Kollegin.
Eines Nachts, als Marie mit dem Auto auf dem Heimweg von ihrer Schicht im Hospiz ist, fährt sie im Dunklen, durch das überwältigende Naturschauspiel des Polarlichts abgelenkt, versehentlich etwas oder jemanden an. Geschockt, begeht sie Fahrerflucht, in der Hoffnung, es habe sich bei dem Angefahrenen lediglich um einen herumstreunenden Hund gehandelt. Als Niels noch in der selben Nacht die Strecke abfährt, kann er nichts entdecken. Es scheint nichts weiter passiert zu sein. Aber was wäre wenn?
Das Gefühl, dass sich in dieser Nacht etwas Furchtbares ereignet hat, bleibt. Es wird verstärkt durch den Film-im-Film: Ein heimliches iPhone-Filmprojekt von Markus, dem jugendlichen Sohn der Beiden, der in feinster ‚American-Beauty‘-Manier sein Familienleben dokumentiert.
Als sich herausstellt, dass Marie in der Nacht ein Mädchen aus dem Ort angefahren hat, welches noch am Unfallort seinen Verletzungen erlag, ziehen Schuld und schlechtes Gewissen in das kleine Heim der Familie ein. Marie weiht ihren Mann ein und macht aus ihrem Fehltritt einen gemeinsamen, eine Familiensache: ‚Ich bin nicht dieser Mensch.‘, sagt sie.
Sie beschließen zu schweigen und mit dem Makel zu leben. Wenn es sein muss, für immer.
Was dann folgt, ist der Versuch Normalität zu leben – mit der Schuld und ihrer ständigen Aktualisierung durch die unausweichlichen Zusammenkünfte mit den Eltern des verstorbenen Mädchens im Chor, am Unfallort und in der Stadt. Die Zeit vergeht, langsam wird es Frühling, das Eis schmilzt und die Tage werden deutlich länger. Und so, wie der Schnee vor dem Haus langsam dem spärlichen Grün weicht, nähern sich Niels und Marie einander wieder an. Es scheint, ihr Geheimnis habe die Leidenschaft zwischen ihnen neu entfacht. Als Niels seiner Frau die mehrmaligen Seitensprünge gesteht, nimmt sie dies achselzuckend hin: ‚Ich bin ein guter Mensch, ich arbeite im Hospiz, ich helfe Menschen, würdig zu sterben. Ich bin eine gute Ehefrau.‘
Glasner verknüpft die Lage der Eltern lehrstückhaft mit einer Situation, die der Sohn durchlebt: Um mit dem Draufgänger der Klasse befreundet zu sein, der sich vor allem dadurch auszeichnet, dass er Zugang zu Schusswaffen und der neuesten Playstation hat, spuckt er in die Schultasche eines unbeliebten Mitschülers. Als dieser daraufhin die Klasse wechselt und der Lehrer nach den Tätern fragt, meldet Markus sich zunächst nicht, beschließt jedoch hinterher, sich bei seinem Mitschüler persönlich zu entschuldigen.
In dem Film geht es um einen Fehler, einen Moment der Unaufmerksamkeit, der zwei Familien zerstört und gleichzeitig näher zusammen bringt. Matthias Glasner zeigt auf, wie letztendlich jeder auf sein eigenes Glück bedacht ist und wie zerbrechlich dieses ist. Schlussendlich entlarvt er den Menschen als Egoisten, als soziales Wesen zwar, aber als ein auf das eigene Mikrogefüge Familie fixiertes. Die Frage der Schuld, dem Richtigen und dem Falschen wird hier auf mehrere Arten wiederholt gestellt. Was bringt es den Eltern des toten Mädchens, wenn Marie und Niels sich stellen? Die Tochter macht dies nicht mehr lebendig, allein die Information kann nichts reparieren, nichts ändern an dem unwiederbringlichen Verlust. Eigentlich ist das Wissen auch nicht relevant, außer zur persönlichen Entlastung der Täterin und ihres Mitwissers. Zur Entlastung ihres schlechten Gewissens.
Obwohl Glasner eigentlich alles richtig gemacht zu haben scheint, fehlt dem Film etwas Essentielles: Die düstere Stimmung und das Unbehagen mag einfach trotz überwältigender Naturaufnahmen nicht so richtig aufkommen. Die Schauspieler sind gut gewählt: Birgit Minichmayr ist bekannt für ihre Wandelbarkeit und ihr lebendiges Spiel, Jürgen Vogel ist ein Talent in der Verkörperung paradoxer Figuren und brillierte bereits in Glasners Der freie Wille. Leider scheinen die beiden vielleicht ein wenig zu jung, ein wenig zu hip, um wirklich glaubwürdig ein Mittdreißiger-Elternpaar mit Eheproblemen und pubertierendem Sohn darzustellen.
Nordnorwegen mit seinen Polarnächten ist eigentlich der perfekte Ort um eine solche Geschichte zu inszenieren. Nirgendwo sonst lässt sich metaphorisch so eindeutig die Grauzone darstellen, zwischen dem, was moralisch richtig oder moralisch verwerflich ist.
Auch die parabelhaften Szenen mit dem Jungen sind zu plakativ und passen nicht zur scheinbar intendierten Subtilität der Geschichte: Diese will ohne allzu laute Töne zurecht kommen und Tiefgründigkeit dort entstehen lassen, wo sie fehlplatziert ist: Denn, was genau will der Junge eigentlich mit seinem iPhone? Warum muss dieses immer wieder so explizit in Szene gesetzt werden?
Vielleicht liegt es aber auch einfach an dem Schnee, der die Höhen und Tiefen heraus zu nehmen scheint und alles ein wenig taub erscheinen lässt.
GNADE Norwegen/Deutschland 2012, 132 min.
R: Mathias Glasner, B: Kim Fupz Aakeson, K: Jakub Bejnarowicz, S: Heike Gnieda
D: Birgit Minichmayr, Jürgen Vogel, Henry Stange, Ane Dahl Torp
Verleih: Alamode Filmverleih
Kinostart: 18. Oktober 2012
Kritik von Tatiana Braun
Die 62. Internationalen Filmfestspiele von Berlin sind vorbei und ihr könnt alles, was aus meinen Tasten kommt auf critic.de nachlesen.
Im Rahmen der Jury “Dialogue en perspective” durfte ich mit sechs weiteren Filmaficionados aus Deutschland, Frankreich und der Slowakei das verdauen, was die Berlinale uns zu bieten hatte. Außerdem führten wir Interviews mit Christian Petzold, Ursula Meier und Denis Coté. Ein paar Ausschnitte davon seht ihr hier:
Interview mit Christian Petzold
Videos: Felix von Boehm/bboxxfilme.de via critic.de
Die transmediale 2012 bespielt vom 31. Januar bis zum 05. Februar das Haus der Kulturen der Welt und ausgewählte Nebenschauplätze. Das Festival für Kunst und digitale Kultur findet in seinem 25. Jubiläumsjahr unter dem Thema <in/compatible> statt. Das Programm ist überaus umfangreich: die zweitägige Konferenz >in/compatible symposium wird von der Ausstellung >dark drives, einem Videoprogramm >satellite stories, Diskussionen, Workshops und Präsentationen >reSource und Performances >the ghosts in the machine bereichert und unterwandert während das CTM.12 unter dem Motto <Spectral> Spielstätten wie das Berghain, den Kunstraum Kreuzberg/Bethanien und die HAUs kongenial begeistern will.
Im Folgenden soll weder eine schiere Auflistung von Programmpunkten, noch der Versuch einer Kontextualisierung von In/Kompatibilität unternommen werden. Stattdessen werfen wir uns den Deckmantel des Rahmenthemas um und riskieren einen streifenden Blick auf ein paar prominente oder abseitige Schlaglichter: Denn von der legendären Joshua Light Show, über einen Workshop bei dem man Filme auf die gute alte Floppy Disk zu bannen versucht bis hin zu William S. Burroughs und Antony Balchs vom Dadaismus inspirierten Kurzfilm The Cut-Ups (1966) offeriert das Festival ein geradezu ausuferndes Spektrum an In/Kompatiblem.
Erwähnenswert sind vor allem die von Marcel Schwierin in der Sparte Satellite-Stories kuratierten Videos. Diese behandeln im Besonderen die In/Kompatibilität von Menschen zu den von ihnen gestalteten Produkten. Wie im letzten Jahr wird es zudem erneut die Arab Shorts geben, gastkuratiert von Maha Maamoun und Sarah Rifky aus Kairo.
Unter anderem zeigt uns Dominic Gagon wie Netzzensur als Störung verstanden werden kann, die zugleich kreative Potenziale in sich birgt. Wie lange Gagnons “RIP in Pieces America” (2009), ein Found-Footage Video aus zensierten You Tube Clips, dem Flag-Drang der anonymen Netzkontrolle wiedersteht, kann man hier beobachten. Seine neuste Arbeit “Pieces and Love All to Hell” ist als Installation im HKW zu sehen. Darüber hinaus werden die Videos zusätzlich auf transmediale.tv zugänglich gemacht. Steve Reinke präsentiert uns mit Beaver Skull Magic sechs Minuten voll verstörender Interaktion zwischen Mensch und Tier. Anhänger von Tape-Kunst à la Mark Jenkins dürfen sich auf die organischen Performance-Videos von Dennis Feser freuen, der am 3. Februar für das Screening von Vertical Distraction persönlich zugegen sein wird– hier ein kleiner Einblick :
Und damit das 25- jährige Bestehen des Festivals nicht zu kurz kommt, werden Videoarbeiten von den Anfängen der transmediale (damals noch VideoFilmFest genannt) im Videospiegel von 1988 zu sehen sein. Nicht verpassen sollte man Harun Farockis 44-minütigen Beitrag “Die Schulung – Indoctrination” (1987). Aber auch Camp-Größe George Kuchar wird nebst anderen Ikonen experimenteller Videokunst vertreten sein.
Eine nicht uninteressante Performance kommt von Gæoudjiparl/Goodiepal, der die Frage nach der In/Kompatibilität mit der eigenen (akademischen) Umwelt verbindet. Der exzentrische Musiker/Künstler wurde aufgrund einer Lecture mehrmals von Institutionen in Dänemark und London entlassen. Nun nutzt er die transmediale als Plattform, um seinen gesamten Hausrat zu verschenken – wobei jedes Objekt mit einem Link zur berüchtigten Lecture versehen ist.
Das eigenwillige Design von manuelbuerger.com, timmhaeneke.de und tillwiedeck.com steht ebenfalls unter dem Leitgedanken der In/Kompatibilität und widmet sich den Erwartungen, Hoffnungen und Unruhen, die mit digitalen Technologien in Verbindung gebracht werden können. Dass die drei Herrn ihrem Design nicht gänzlich ironiefrei gegenüberstehen, beweist ein Blick in den Festivalkatalog, der Assoziationen mit Hardware-Manuals und der Speisekarte vom Pizza-Service evoziert. Für die Architektur haben sich raumlabor eine fragmentarische Anordnung von Sitzmöglichkeiten ausgedacht, deren Hybridität uns zwischen Innen und Außen, zwischen Möbel und Bauteil im Zweifel lassen soll. Das war ein erster Ausblick auf die kommenden Tage.
Weitere Informationen gibt es unter www.transmediale.de.
Um auch nach der der Kunsthochschule und trotz großer Entfernung gemeinsam produktiv bleiben zu können, beschlossen die beiden Künstlerinnen Brittany Powell und Tae Kitakata dieses Blog als Plattform für gegenseitigen Projekt- und Ideenaustausch zu nutzen. Das Prinzip: Künstlerische Raffinesse muss nicht notwendigerweise mit großem Zeit- und Geldaufwand verbunden sein, low commitment eben. Die Künstlerinnen wechseln sich in wöchentlichem Turnus ab, jeden Montag gibt es einen neuen Eintrag. Also Mund zu und Augen auf für diese organischen Künstlerhommagen à la Brittany:




Alle Fotos © Brittany via Low- Commitment Projects gesehen bei iGNANTMehr davon gibt es auf http://lowcommitmentprojects.com.
Lange haben wir darauf gewartet, jetzt ist sie da: Die ultimative Alternative zu Tofu, Tempeh und Bäh heißt Papierhack und kommt vom Papierschwein. BARTO: “Garantiert frei von tierischen Stoffen und genießbar für Vegetarier, Muslime, Christen, Juden, Buddhisten und trendbewusste Fleischverweigerer.” Menschen mit Holzallergie müssen auf den nächsten Trend warten. Alle anderen können schonmal die Magensäfte anschmeißen:
gesehen bei rebel:art via BARTO
Für mehr Hacktivismus von BARTO bitte hier entlang.
Kürzlich durfte man in der SZ lesen, was ein jeder Kaffee-Junkie schon lange ahnte: Die Deutschen trinken mehr Kaffee als Bier, ja sie schütten sogar mehr braunen Treibstoff als Wasser ins sich hinein, nämlich ca. 180 Liter pro Jahr. Wie gut, dass sich die schlauen Köpfe von COLUMN FIVE mit einer Verbildlichung dessen befasst haben, was wir so monatlich durch unseren Organismus jagen. Ausmalen darf man die folgende Infographic natürlich nur mit dem Saft der Arabica-Bohne. Prints davon gibt es hier zu bestellen. Et voilà:
IN CAFFEINE WE TRUST by COLUMN FIVE gesehen bei NERDCOREDer französische Filmemacher Michel Gondry wurde gebeten, für die Frankreich-Premiere des neuen Martin Scorsese Films Hugo einen Kurzfilm zu kreieren. Herausgekommen ist eine herrlich-verspielte Hommage an Scorsese und seine Ikone Taxi Driver (1976). Selten waren Körperausflüsse so schön wie in diesem knackigen Remake à la Gondry:
Ohne viele Worte zu verschleudern: Wer einen tiefen Einblick in die Berliner Graffiti-Szene haben will, sollte nun klicken und gucken:
(Danke Johannes)
Mehr dazu gibt es bei www.unlike-u.com
Wer hätte gedacht, dass der gemeine Futterneid eine Inspirationsquelle für Produktdesigner sein könnte? Diese nicht gänzlich humorfreien Sandwichbeutel mit Schimmelästhetik beweisen, dass es geht. Also Mund zu und Augen auf: